07.05.2019

Von wegen Zucker-Obergrenze

Von Detlef Brendel

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Foto: riteshman via Pixabay / CC0

Mittlerweile unterstützt auch die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) einen Zuckergrenzwert bei der Nahrungsaufnahme, obwohl diesem die seriöse Grundlage fehlt. Man betreibt Kampagnen.

Das British Medical Journal hat ihn als die „Geißel der schlampigen Wissenschaft“ bezeichnet. Prof. John Ioannidis ist im kalifornischen Stanford ein international renommierter Experte für Meta Research. Sein Forschungsgebiet ist die Bewertung der Qualität von Forschung im biomedizinischen Bereich. Er wird als scharfer Kritiker schlechter Wissenschaft gefürchtet. Einen Ableger seines Zentrums baut er gegenwärtig am Berlin Institute of Health auf.

In einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung kritisiert er massiv das, was uns heute als Ernährungsforschung verkauft wird. „Es gibt etwa eine Million Ernährungsstudien, zehntau­sende Forscher arbeiten auf diesem Gebiet und veröffentlichen wie verrückt. Fast jeden Tag erscheint ein neues Paper, das mit sehr großer Wahrscheinlichkeit nicht stimmt.“ Er kritisiert zweifelhafte Messmethoden, die falsche Interpretation von schlichten Beobachtungsstudien und Fragestellungen, mit denen komplexe Zusammenhänge unzulässig vereinfacht werden. Natürlich gibt es aus seiner Sicht auch Ausnahmen. Aber die paar Hundert wirklich wissenschaftlich fundierten Studien sind nach seiner Einschätzung bei den meisten Ernährungsforschern unbeliebt, weil bei diesen, so Ioannidis, fast nie Nennenswertes herauskommt.

In Deutschland wird er reichlich Arbeit haben. Der Wissenschaft eigentlich verpflichtete Institutionen sind eifrig dabei, ihre Reputation dem kurzfristigen Verlangen nach populärer Wahrnehmung zu opfern. Leider schweigen die seriös arbeitenden Wissenschaftler zu oft, wenn schlagzeilengeile Kollegen oder Institute sich trendorientiert verhalten und den medialen Effekt über die wissenschaftliche Evidenz stellen. Von der kritischen Bewertung durch Prof. Ioannidis darf sich jetzt auch die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) angesprochen fühlen.

„Für die WHO ist die Nutzung von akademisch produziertem Unsinn ein langjährig erprobtes Verfahren.“

Die DGE springt aus Angst, ein trendiges Medienthema zu verpassen, auf den Zug der Zucker-Agitation. Gemeinsam mit der Deutschen Adipositas-Gesellschaft und der Deutschen Diabetes-Gesellschaft, die beide die angebliche Diabetes-Epidemie als Existenzgrundlage im Schulterschuss mit der Pharmaindustrie brauchen, ist eine „Quantitative Empfehlung zur Zuckerzufuhr in Deutschland“ in Form eines Konsenspapiers vorgelegt worden. Damit schließen sich diese Gesellschaften der Empfehlung der Weltgesundheitsorganisation (WHO) aus dem Jahr 2015 an, welche die Zufuhr freier Zucker von bislang zehn Prozent auf fünf Prozent der Gesamtenergiezufuhr beschränken will. Basis für diese Empfehlung der WHO waren drei Beobachtungsstudien zur Reduktion von Karieshäufigkeit, die unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg in Japan durchgeführt wurden. Das hat mit seriöser Wissenschaft nichts zu tun.

Für die WHO ist die Nutzung von akademisch produziertem Unsinn ein langjährig erprobtes Verfahren. Das Journal of Clinical Epidemiology hat mit zwei Untersuchungen bereits 2013 und 2015 eindrucksvoll bewiesen, dass WHO-Richtlinien mehrheitlich auf Studien basieren, deren wissenschaftliche Qualität sie eher für den Papierkorb qualifizieren. Was wissenschaftlich nicht passt, wird strategisch passend gemacht.

Noch 2015 hat die DGE dieser Empfehlung der WHO nicht zugestimmt. Mit dem Hinweis, dass es zwischen Zuckerkonsum und Übergewicht keinen kausalen Zusammenhang gibt, war man auf einer seriösen Stufe mit der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA), die feststellte, die wissenschaftliche Literatur liefere keine Erkenntnisse für einen Zuckergrenzwert. Der frühere DGE-Präsident Prof. Peter Stehle hat einen ähnlich kritischen Blick wie Ionnanidis und setzt auf evidenzbasierte Forschung und daraus abgeleitete Empfehlungen.

„Die DGE opfert wissenschaftliche Seriosität der Effekthascherei.“

Im Januar 2016 bekannte sich Prof. Stehle in einem Interview zu einem gravierenden Problem der Ernährungsforschung: „Wir können nicht genügend wissenschaftliche Evidenz liefern.“ Formulierungen wie „gesund“ und „ungesund“, so Stehle, seien falsch, weil sie suggerieren würden, das eine dürfe ich, das andere nicht. In der Ernährungsforschung, so führt er aus, dürfe es nicht nur Schwarz und Weiß geben, auch wenn viele das gerne hätten.

Und zum Einfluss der Ernährung auf die Verfassung des Menschen stellt er unmissverständlich fest: „Das lässt sich nicht quantifizieren. Niemand weiß das.“ Auch zum Thema Körpergewicht hat er eine überzeugende Empfehlung. „Wenn ich weniger Energie verbrauche, muss ich dann halt weniger essen.“ Das Gewicht sei eine Konsequenz des Lebensstils und der individuellen Voraussetzungen, die bis hinein in die Genetik reichen. Der Wissenschaftler Stehle unterstreicht damit die Multikausalität.

Ein solches Verständnis von Wissenschaft kann Ballast für trendgerechte Profilierung sein. Die aktuellen DGE-Oberen wollen dies jetzt zeitgerecht monokausal mit der fiskalischen Diskriminierung von Zucker durch den Staat lösen. Damit verhält sich die DGE grenzwertig. Um im Konkurrenzkampf um Aufmerksamkeit wahrgenommen zu werden, wird die Wissenschaft der Marketing-Strategie geopfert. Mit dieser strategischen Neuausrichtung wird ein gefährlicher Weg eingeschlagen. Sie opfert wissenschaftliche Seriosität der Effekthascherei.

„Wer als Wissenschaftler mahnend auf die Faktenlage und die Komplexität von Themen verweist, wird schnell als industriefreundlich bezeichnet.“

Die DGE degeneriert mit ihrer Politik zum Weggefährten einer Organisation wie Foodwatch. Diese angeblichen „Essensretter“ sind Motor der sachlich unbegründeten und in ihren Konsequenzen kontraproduktiven Meinungsmanipulation. Für Unternehmen wie Foodwatch, die in ihren Kampagnen gezielt störende Tatsachen ignorieren, um Medienaufmerksamkeit durch Skandalisierung zu erhalten und damit die Spenden-Akquisition nicht zu gefährden, ist seriöse Wissenschaft ohnehin suspekt. Wer als Wissenschaftler mahnend auf die Faktenlage und die Komplexität von Themen verweist, wird schnell als industriefreundlich bezeichnet. Aus Sicht solcher Organisationen hat eine schlichte Beobachtungsstudie, die konstruierte Korrelationen statt fundierte Kausalitäten liefert, mehr Gewicht als die wissenschaftlich begründete Sorge um die Aussagekraft von Empfehlungen. Wissenschaft verliert durch die lautstarke Agitation solcher NGOs, und das betrifft nicht nur die Ernährung, sowohl in den Medien als auch bei den sie konsumierenden Bürgern kontinuierlich an Glaubwürdigkeit.

Die Logik könnte schon manches verhindern. Rund 85 Prozent der jährlich in die Gesundheitsforschung investierten 100 Milliarden Dollar werden nach Analyse von Prof. Ioannidis verschwendet. Nicht zuletzt, weil die falschen Fragen gestellt werden oder Forschungsberichte voreingenommen sind. Die aktuelle Diskussion über Gesundheit und die so genannten nichtübertragbaren Krankheiten ist so ein Irrläufer. Gesundheit wird primär durch den individuellen Lebensstil und die genetische Disposition geprägt. Ernährung ist nur ein Aspekt des Lebensstils. Sie setzt sich aus einer Vielzahl unterschiedlicher Nahrungsmittel zusammen. Diese wiederum bestehen aus einem breiten Spektrum an Inhaltsstoffen. Einen einzelnen dieser Inhaltsstoffe isoliert als verantwortlich für die Gesundheit zu definieren, macht schon allein nach den Grundsätzen der Logik keinen Sinn.

Die aktuellen Grundsatz- und Konsenspapiere unterschiedlicher Institutionen und Interessenverbände weisen beim Thema Übergewicht korrekt auf ein multikausales Problem hin. Damit täuschen sie wissenschaftliche Seriosität vor, die dann wenige Seiten später auf der Strecke bleibt. Man wünscht sich bei diesen Papieren, dass es Hirn regnet. Als vermeintliche Lösung des multikausalen Problems wird in solchen Papieren eine monoperspektivische Maßnahme gefordert. Die Diskussion der Gesundheit wird durch das Thema Ernährung und deren Reglementierung dominiert. Im Fokus stehen dabei die Inhaltsstoffe Zucker, Fett und Salz sowie die gebetsmühlenartig vorgetragenen Forderungen nach Reduktion dieser Inhaltsstoffe, der Nährwert-Ampel oder Strafsteuern. Ohne evidenzbasierte Erkenntnisse wird Agitation mit paternalistischer Wirkung betrieben. In diese unseriöse Phalanx hat sich jetzt auch die DGE eingereiht.