09.01.2026
Unkritisch Reisen: Chile
Von Niels Hipp
Von Pinochet unterdrückt und von Margot Honecker jahrzehntelang bewohnt, hat Chile nun einen neuen Präsidenten. Und Sehenswürdigkeiten kann man in dem Land auch besichtigen.
Heute reisen wir nach Chile, einen Staat in Südamerika, den ich im November 2025 besucht habe.
Wer sich nach Chile begibt, der merkt schnell, wie weit das Land von Deutschland entfernt liegt, ungefähr 12.000 Kilometer sind es nämlich bis Santiago de Chile, eine ähnliche Distanz wie bis zum zu Indonesien zählenden Bali. Größere Entfernungen zu bekannten Zielen legt man von hier aus nur nach Australien und Neuseeland zurück. Entsprechend lang gestaltet sich die Anreise und – auch das ist klar – es bietet sich als Verkehrsmittel nur das Flugzeug an. Dabei wird deutlich: Wer nicht reich ist, kann sich eine derartige Reise nur leisten, weil der Energieträger Kerosin benutzt wird und er billig ist. Und billige Energie ist in der Regel fossile Energie, alle anderen Behauptungen gehören – wie vieles bei grünen Ideologen – ins Reich der Propaganda.
Dazu ein Beispiel: Air France fliegt die Strecke vom Flughafen Santiago de Chile (SCL) zum Flughafen Paris Charles de Gaulle (CDG) meist mit einem Airbus A350-900. Die Luftlinie zwischen den Flughäfen beträgt 11.652 Kilometer, aber ganz so direkt fliegen Flugzeuge ja nie. Rechnet einmal mit 12.000 Kilometer (es können auch noch mehr sein), dann benötigt ein solches Flugzeug für die ca. 14 Stunden Direktflug je nach Wetter, Beladung und Passagierzahl zwischen 70 und 80 Tonnen Kerosin, was (gerundet) 88.000 bis 100.000 Liter sind. Wenn am Weltmarkt ein Liter Kerosin ca. 50 Eurocent kostet – da gab es in den letzten Jahren erhebliche Schwankungen –, dann wäre man bei 44.000 bis 50.000 Euro Kerosinkosten für diesen Flug. Kerosin wird im internationalen Flugverkehr nicht besteuert. Jetzt stelle man sich einmal vor, man würde stattdessen komplett mit sogenanntem „Sustainable Aviation Fuel“ (SAF) fliegen. Dieser ist drei bis fünf Mal so teuer. Man könnte ihn in den Mengen auch gar nicht für den Weltmarkt produzieren. Würde man komplett mit SAF fliegen – und nicht nur wie momentan mit 2 Prozent SAF ab EU-Flughäfen – könnte der betreffende Flug Santiago-Paris statt 50.000 € ganze 200.000 € an Treibstoff kosten. Natürlich wird das Flugticket dann nicht vier Mal so teuer, aber da der Kerosinpreis etwa 25 bis 35 Prozent der Betriebskosten ausmacht, wäre das auf jeden Fall ein deutlicher Kostentreiber.
Bezogen auf Chile fallen einem diverse Schlaglichter aus den letzten Jahrzehnten ein, etwa Pinochet, das Ehepaar Honecker, zuletzt die Präsidentschafts- und Parlamentswahlen. Eine einschneidende Epoche für Chile war die Pinochet-Diktatur von 1973 bis 1990. Am 11. September 1973 stürzte das Militär unter General Augusto Pinochet den demokratisch gewählten, sozialistischen Präsidenten Salvador Allende. Die Diktatur war brutal, es gab mehr als 4000 politische Morde und mehr als 40.000 Folteropfer. Viele Menschen sind auch unter mysteriösen Umständen verschwunden und bis heute nicht wieder aufgetaucht.
„Die Staatsquote lag zuletzt bei nur 26,7 Prozent (Deutschland: 49,5 Prozent).“
Neben diesen schlimmen Menschenrechtsverletzungen hatte die Zeit aber auch eine andere Seite: Die „Chicago Boys“, chilenische Wirtschaftswissenschaftler, die in Chicago mit den Ideen des US-amerikanischen Ökonomen Milton Friedman in Kontakt gekommen waren, überzeugten Pinochet, wirtschaftsliberale Reformen in Form von Steuer- und Zollsenkungen, Deregulierungen und Privatisierungen durchzuführen. Die unangenehme Erkenntnis: In dieser brutalen Diktatur waren die wirtschaftlichen Grundrechte (Berufs-, Eigentums-, Vertragsfreiheit) – und nur diese! – viel weniger eingeschränkt als heute in vielen westlichen Verfassungsstaaten wie Deutschland. Dieser Teil der Politik Chiles wurde nach 1990 fortgesetzt mit dem Ergebnis, dass Chile heute mit ungefähr 16.500 Dollar pro Kopf das dritthöchste BIP pro Kopf in Südamerika hat, nach Guyana, wo seit wenigen Jahren Öl gefördert wird, und Uruguay. Die Staatsquote lag zuletzt bei nur 26,7 Prozent (Deutschland: 49,5 Prozent), die Steuer- und Abgabenquote laut OECD bei nur 20,5 Prozent (DE: 38,0 Prozent).
Gerade als Deutscher denkt man bei Chile auch an das Ehepaar Erich und Margot Honecker. Der 1912 geborene Erich Honecker wohnte von Januar 1993 bis zu seinem Tod im Mai 1994 im Land. Nach seinem Sturz am 18. Oktober 1989 und der darauffolgenden Odyssee waren die Honeckers zuletzt in der chilenischen Botschaft in Moskau untergebracht. Margot Honecker, die 1927 geborene ehemalige Volksbildungsministerin der DDR, konnte von dort direkt nach Chile fliegen, ihr Gatte aber stand in Berlin vor Gericht. Aufgrund seiner weit fortgeschrittenen Krebserkrankung wurde das Verfahren aber im Januar 1993 eingestellt und er reiste von dort nach Chile aus. Margot Honecker hatte sich bereits 1992 in dem südamerikanischen Land niedergelassen, ganz zum Anfang mit ihrer Tochter Sonja in der Gemeinde Ñuñoa in der Provinz Santiago, dann aber von 1993 bis zu ihrem Tod 2016 in einem eigenen Haus in La Reina – der Ortsname („Die Königin“ auf Spanisch) mag gepasst haben –, einer Gemeinde im Osten der Provinz Santiago unweit der Anden.
Warum gerade Chile? Warum nicht z.B. Neuseeland? Sonja Honecker war mit dem Chilenen Leonardo Yáñez Betancourt verheiratet. Diesem und einigen seiner Landsleute hatte die DDR-Regierung 1973 nach dem Putsch gegen Allende Asyl gewährt. 1990 waren Sonja, der Schwiegersohn und die beiden Enkel nach Chile gezogen. Aufgrund dessen erhielten Erich und Margot Honecker dort eine Daueraufenthaltsgenehmigung mit der Auflage, sich nicht politisch zu betätigen. Eine Einwanderung in den Sozialstaat – wie bei der heutigen Migration nach Deutschland häufig der Fall – lag nicht vor, da es erstens damals kaum Sozialleistungen in Chile gab und zweitens die beiden gut von ihrer deutschen Rente leben konnte, die bezogen auf Margot 2002/03 bei mehr als 1500 Euro pro Monat lag, und das bei deutlich niedrigeren Lebenshaltungskosten als in Deutschland und keiner Miete, da das Haus in La Reina ihr Eigentum war. Auch erhielt sie finanzielle Unterstützung von (politischen) Freunden aus aller Welt.
Wechseln wir zur heutigen Politik. Kürzlich wurden in Chile Parlaments- und Präsidentschaftswahlen abgehalten. Am 16. November 2025 fanden die Präsidentschaftswahl sowie die erste Runde der Präsidentschaftswahlen statt, am 14. Dezember die zweite Runde. Der bisherige Amtsinhaber Gabriel Boric, der erst 39 Jahre alt ist, durfte nicht wieder antreten, da zwei aufeinanderfolgende Amtszeiten laut Art. 25 Abs. 2 der chilenischen Verfassung von 2005 verboten sind. Am 16. November 2025, ich hielt mich gerade in Santiago de Chile auf, wirkte die Stadt merkwürdig: Einkaufszentren waren geschlossen, obwohl es – wie in den allermeisten Staaten der Erde – keine gesetzlichen Ladenschlusszeiten gibt. Noch merkwürdiger: Viele Restaurants hatten zu und es war gar nicht so einfach, etwas zu essen zu finden. Da das Land politisch sehr gespalten ist und dort auch eine ausgeprägte Protestkultur besteht, ist die Vermutung zumindest nicht fernliegend, dass man Unruhen bzw. Gewalttaten befürchtete – eine Situation, die wir aus Deutschland bei bestimmen politischen Ereignissen mittlerweile auch kennen.
„Wer sich für urbanes Leben interessiert, dem sei vor allem die Hauptstadt Santiago de Chile empfohlen.“
In der Stichwahl standen sich dann die 51jährige Jeannette Jara von der Kommunistischen Partei und der 59jährige, deutschstämmige José Antonio Kast von der Republikanischen Partei gegenüber. Migration und Innere Sicherheit, aber auch die wirtschaftliche Entwicklung waren wahlentscheidende Themen, so dass Kast gewann. Er trat schon zum dritten Mal zur Wahl an. Nachdem er bei der Wahl 2021 als zu radikal galt, gab er sich diesmal staatsmännischer und distanzierte sich von früheren Positionen, etwa seiner Unterstützung der Pinochet-Diktatur, aber auch bezogen auf Abtreibung und Frauenrechte. Der Leidensdruck gerade bei innenpolitischen Themen schien diesmal größer gewesen zu sein als vor vier Jahren, die Unzufriedenheit mit dem scheidenden Präsident Boric war folglich erheblich.
Nach alledem: Was kann man in Chile besuchen? Vorab: Das Land ist – ähnlich wie das kürzlich unkritisch bereiste Nachbarland Argentinien – primär ein Ziel für Naturliebhaber. Wer sich für urbanes Leben interessiert, dem sei vor allem die Hauptstadt Santiago de Chile empfohlen, die – ähnlich wie Buenos Aires – sehr europäisch wirkt. Dort leben 5 Millionen Menschen, im Großraum Santiago – je nach Schätzung – bis zu 8 Millionen der 20 Millionen Einwohner Chiles. Es ist also das Zentrum von Politik, Wirtschaft und Kultur des Landes. Sehenswürdigkeiten sind der Präsidentenpalast La Moneda, der auch teilweise mit einer Führung zu besichtigen ist, die Innenstadt um die Plaza de Armas mit dem Reiterstandbild des Stadtgründers Pedro de Valdivia sowie – um den Platz herum – dem Historischen Nationalmuseum, der Kathedrale und diversen anderen historischen und modernen Gebäuden. Sehr schön ist auch der Stadtberg Cerro Santa Lucia – der Gründungsort von Santiagos im Jahr 1541 – mit Grünanlagen und Prunkbebauung aus dem 19. Jahrhundert.
Der deutlich höhere Hügel Cerro San Cristóbal – dessen Spitze man am besten mit einer Gondel- oder einer Standseilbahn erreicht – verfügt oben u.a. über ein neuzeitliches Amphitheater, eine Kirche und eine Statue der Jungfrau Maria. Auf dem Gran Torre, dem höchsten Wolkenkratzer Südamerikas, befindet sich mit Sky Costanera eine Aussichtsplattform. Wer sich für die Pinochet-Diktatur interessiert, dem sei noch das Museum der Erinnerung und Menschenrechte empfohlen.
„In Chile empfiehlt sich meist das Flugzeug.“
Gut 100 Kilometer von Santiago entfernt liegt die Stadt Valparaíso mit über 900.000 Einwohnern in ihrem Großraum. Hier machen die vielen Hügel, Gebäude aus dem 19. Jahrhundert und generell die Lage am Pazifik den Reiz aus. Alle anderen Städte Chiles bieten wenig, das gilt auch für das 1200 Kilometer nördlich von Santiago gelegene Calama mit seinen ca. 200.000 Einwohnern. Dieser Ort ist aber ein guter Ausgangspunkt für Ausflüge in die Atacama-Wüste, etwa nach San Pedro de Atacama, zur Laguna Caxha, ins Valle de la Luna oder zum Geysir von El Tatio. Dort ist es tagsüber warm bis heiß, nachts kann es frieren und ist oft empfindlich kalt. Wer es auch tagsüber kalt mag, der sollte ins kühl-ozeanische Punta Arenas im Süden Chiles reisen. Noch einmal eine ganz andere Welt findet man auf der Osterinsel, 3500 Kilometer westlich der chilenischen Küste mitten im Pazifik, bekannt für die Moai, kolossale, monolithische Steinskulpturen. Flüge dorthin sind aber extrem teuer.
Zu den Verkehrsmitteln in Chile ist generell zu sagen, dass die Entfernungen aufgrund der Form des Landes – sehr lang und sehr schmal – oft enorm sind. Da Autobahnen außerhalb des Großraums Santiago nicht existieren, Personenverkehr per Zug in weiten Teilen des Landes ebenso wenig, und Busse langsam sind, empfiehlt sich in Chile meist das Flugzeug. Immerhin gibt es in Santiago eine U-Bahn mit mehreren Linien. Sehr zu empfehlen ist nicht nur in Chile eine Fortbewegung mittels Uber, wo man per App eine Autofahrt bestellt. Dass man mittels App u.a. über das Kennzeichen des Autos und den Fahrpreis informiert wird, macht überhöhte Preise für Touristen und Überfalle zumindest sehr viel unwahrscheinlicher – wohingegen das Heranwinken eines Taxis am Straßenrand zu gefährlich wäre.
Überhaupt ist dem Thema Sicherheit eine größere Bedeutung zuzumessen als bei uns: In Santiago gibt es zwar keine Favelas wie in Rio de Janeiro, man muss aber je nach Stadtviertel sehr vorsichtig sein und man sollte erhebliche Teile nicht nur der Innenstadt bei Dunkelheit meiden.