12.07.2016

Terrorismus und die Rolle des Islam

Analyse von Josie Appleton

Titelbild

Foto: Ronan Shenhav via Flickr (CC BY 2.0 / bearbeitet)

Der Islam hat derzeit eine wichtige Funktion zur Rechtfertigung von Terroranschlägen. Das liegt nicht an der Religion selbst, sondern sie dient nur als Deckmantel für persönlichen Geltungsdrang.

Auf die Terroranschläge der letzten Wochen (Homosexuelle in Florida, Polizisten in Frankreich, …) war als Hauptreaktion die Versicherung zu hören, dass die Anschläge nichts mit dem Islam zu tun hätten. Französische und amerikanische Politiker vermieden in ihrer Verurteilung der Attentate sorgsam die Begriffe „islamisch“ oder „Islam“. Schon seltsam: Denn beide Attentäter hinterlassen theatralische Bekenntnisse zum Führer des Islamischen Staates (IS). So zeichnete der Mörder der französischen Polizisten eine 12-minütige Rede auf, in der er an die muslimische Gemeinschaft appelliert, Ungläubige mit allen Mitteln zu bekämpfen und Frankreich in Angst und Schrecken zu versetzen (sollten sie nicht mit in die Schlacht ziehen, würde ihnen Allah schmerzhafte Strafen zufügen). Und doch spricht man nicht von einem islamischen Terroranschlag und nennt den IS nicht beim Namen, sondern bezeichnet ihn als „sogenannten Islamischen Staat“ oder als „Daesch“.

Die Attentäter stellt man als bösartig, homophob oder gestört hin, als folgten ihre Taten aus einer psychischen Krankheit oder Beeinträchtigung. Einige „Linke“ betrachten den islamischen Terrorismus als eine verquere Form politischen Protests, als ein Ergebnis früherer ausländischer Interventionen oder der Segregation innerhalb der französischen Gesellschaft (wofür sie sich dann entschuldigen). Während die Terroristen also wie besessen Grenzen ziehen (zwischen euch und uns, zwischen Gläubigen und Ungläubigen), geht man auf der anderen Seite krampfhaft jeder Abgrenzung aus dem Weg, um – wie man in Frankreich sagt – jegliches „Amalgam“ zwischen Terroristen und dem Islam zu vermeiden.

Selbstverständlich resultieren die Anschläge nicht unmittelbar aus dem Islam, man setzt nicht einfach die Lehren der Kalifen aus dem 7. Jahrhundert glaubenstreu um. Von einem reinen Zufall lässt sich allerdings auch nicht sprechen. Die historische Rolle des radikalen Islams besteht derzeit darin, als Deckmantel für zerstörerische und auf einen Zusammenbruch ausgerichtete Tendenzen zu fungieren, die in dieser religiösen Form fundiert und transzendent wirken. Dank dieses islamischen Deckmantels kann der gewöhnliche Nihilismus für etwas anderes stehen, als würde er anderen Menschen, einem anderen Volk und einem anderen Ort dienen.

„Die Terroranschläge kennzeichnen sich durch die gleiche Eitelkeit wie bei Schul-Amokläufen“

In der Sache unterscheiden sich die jüngsten islamistischen Anschläge doch nur geringfügig von den Amokläufen an amerikanischen Schulen. Bei den Tätern handelt es sich hauptsächlich um frustrierte Nichtsnutze, die teilweise beim Versuch gescheitert waren, Soldat oder Polizist zu werden. Sie hegen einen Zorn gegen die ganze Welt und sehnen sich nach einem großen Knall. „Ich werde alles in die Luft jagen“, erklärten zwei der Pariser Attentäter unabhängig voneinander. Sie treibt der ausdrückliche Wunsch an, zu demütigen, Dinge zum Platzen zu bringen oder in den Brand zu setzen, Frankreich, Europa oder Amerika erzittern lassen.

Die Anschläge kennzeichnen sich durch die gleiche Eitelkeit wie bei Schul-Amokläufen: die Videos, das Streben nach Bekanntheit und Vorzeigen einer vermeintlichen Großtat. Während der Mörder der französischen Polizisten sein Bekenntnis anhand eines Livestreams noch vom Tatort aus verbreitete, wählte der Mörder in Florida noch vor Abschluss der Tat den Notruf. Von rationalen militärischen Handlungen kann also keine Rede sein, der Narzissmus trat an die Stelle praktischer Erwägungen. Nicht nur um die Tat ging es den Attentätern, sondern auch um deren Anerkennung. Sie für sich zu reklamieren – nach dem Motto „Seht her, was ich getan habe“ war ihnen genauso wichtig wie das eigentliche Geschehen. Dass er in seinem Akt der Zerstörung einen Massenmord begeht, nur um vor seinen eigenen Tod einmal kurz davon zu berichten können, interessiert den Täter nicht.

Die von Schul-Amokläufen bekannte Todessehnsucht findet sich ebenfalls wieder: Terroristen wollen ohnehin sterben, warum also nicht auch andere mit sich in den Tod reißen und eine Party daraus machen? Und doch wirkt dieses nihilistische Vorgehen anders die Schießereien an Schulen. Der islamische Nihilismus tritt als Krieg auf, als Schlacht, der Täter als Soldat. Seine Taten zeigt man in Videos, unterlegt mit Nashid-Kriegsliedern und galoppierenden Reitern. Er grenzt sich von den Menschen ab, die er angreift, und von den Orten, an denen er aufgewachsen ist. Er stellt sich außerhalb Europas und verurteilt es als Hort der „Ungläubigen“: Die Fantasiewelt der islamischen Geschichte wird so zu einem neuen Ort der Zugehörigkeit.

„Frühere Formen des politischen Islam tarnten nur spezifische soziale Interessen und Kräfte“

Der Mörder der französischen Polizisten richtete sein Video an die „lieben Brüder“ der islamischen Gemeinschaft und gab ihnen Anweisungen, ihm auf seinem ruhmreichen Pfad zu folgen. Dazu gehörte eine Liste mit Zielpersonen, darunter Gefängniswärter, Polizisten, Journalisten, Politiker und Rapper sowie weitere in der Öffentlichkeit stehende Persönlichkeiten, die aus seiner Sicht den Tod verdient haben. Seine persönlichen Ziele erscheinen so als politisches Programme. Seine Todessehnsucht überträgt er ebenfalls und verweist aufs Jenseits: „Man muss nur sich selbst opfern, sterben, um ins Paradies zu gelangen. Dann enden alle Sorgen, alle Prüfungen, alles ist nur noch Freude“.

Einige Beobachter betrachten den islamischen Terrorismus nicht als reinen Nihilismus, sondern als idealistisch und überweltlich. Der islamische Terrorismus sei ein Opfer der Sache wegen, um etwas größerem als sich selbst zu dienen. In der Tat, ihm wohnt sowohl das Element der Zerstörung inne als auch das der Transzendenz, und so besteht das Symbol des IS aus einer schwarzen Flagge und dem zum Himmel erhobenen Finger. Doch beim Element der Transzendenz handelt es sich lediglich um eine Illusion, es bezieht sich nicht auf eine Auferstehung aus der Asche oder auf mystischen Willen bzw. das Wohl der Moslems.

Wir haben es hier mit einer entgesellschaftlichten Art des Islams zu tun, die sich der Verbindung zu muslimischen Gemeinschaften oder Schulen des muslimischen Denkens entzogen hat. Frühere Formen des politischen Islams tarnten nur spezifische soziale Interessen und Kräfte. Der politische Islam wies einen sozialen Gehalt auf, sei es im Rahmen des Anti-Kolonialismus oder der Mobilisierung einer Zivilgesellschaft gegen korrupte Eliten. Die iranische Revolution übersetzte marxistische Begriffe wie Zivilgesellschaft und Partei in pseudo-islamische Terminologie. Der Islam fungierte als Schleier sozialer Kräfte, als Mittel ihrer Artikulation.

Ähnliches gilt für die islamische Pflicht zum Dschihad; bei dieser handelt es sich um eine mystifizierte Formel, die die Pflicht zur Verteidigung der eigenen Gemeinschaft ausdrückt. 1 Jedem Moslem obliegt die heilige Pflicht, seine Gemeinschaft bei Angriffen zu schützen. Dies erstreckt sich grundsätzlich auch auf die Eroberungskriege seiner Gemeinschaft. Diese kollektive Pflicht der Selbstverteidigung wäre den Bürgern eines griechischen Stadtstaats oder sogar einer modernen christlichen Nation nicht fremd.

„Neofundamentalisten widersetzen sich nicht nur den westlichen Einflüssen, sondern auch den örtlichen Formen des Islam“

Nun hat sich die islamische Dschihad-Pflicht ihrer kollektiven Bedeutung entledigt und sich auf die unmittelbaren Launen von Einzelpersonen reduziert. Bei allem, was sie tun wollen, berufen sie sich auf ihre göttliche Verpflichtung zum „Heiligen Krieg“. Gleichzeitig mutierte der Begriff „Umma“ (islamische Gemeinschaft) zu einem Phantasiekonstrukt, das wahllos zur Selbst-Rechtfertigung verwendet wird. Der Wille Allahs scheint zufälligerweise immer genau mit dem der Terroristen übereinzukommen. Allah ist ein imaginärer Freund, der ihnen seinen Segen verleiht und sie immer weiter anspornt. Faisal Deviji zufolge haben islamische Begriffe ihre Kontext und ihre angestammte Bedeutung verloren und seien von daher „nur noch in Bruchstücken auffindbar“. 2

Die Grundlage für diesen entgesellschaftlichten Islam haben moderne Neofundamentalismen, wie der Salafismus, geschaffen, die sich sowohl gegen alle existierenden Formen des muslimischen Gemeinschaftslebens als auch gegen die europäische und westliche Kultur richten. Waren die politischen Islamisten der 1970er Jahre noch modernistisch und sozialistisch orientiert, wollen die Neofundamentalisten einen von Grund auf neuen Islam erschaffen. Sie widersetzen sich nicht nur den westlichen Einflüssen, sondern auch den örtlichen Formen des Islams sowie den Schulen der islamischen Theologie oder Rechtslehre und den bestehenden religiösen Autoritäten. Sie stehen für eine gesellschaftliche Loslösung und setzen die Religion der Kultur sowie dem intellektuellen Erbe entgegen.

Für Olivier Roy ist der Islam in seiner globalisierten Form als „loses Etikett“ zu verstehen, als frei flottierendes transzendentes Element zur willkürlichen Nutzung. Die Rolle des Islams im Terrorismus basiert nicht auf Besonderheiten der islamischen Geschichte oder auf der Lage der muslimischen Gemeinden in Europa (rund 25 Prozent der europäischen Dschihadisten sind Konvertierte). Sie liegt vielmehr darin, dass der Nihilismus, sobald er ein islamisches Gewand annimmt, wie ein universelles Anliegen verfolgt werden kann.

Somit resultieren die Anschläge zwar nicht aus der islamischen Theologie oder Glaubenslehre, der Islam spielt aber derzeit – anders als jede andere Religion oder jedes andere kulturelle Prinzip – eine besondere historische Rolle. Nur diese Religion – die einzige monotheistische, die mit dem Christentum rivalisiert – ermöglicht es, den inneren Hang zu Zerstörung und zum Zusammenbruch als Oppositionsgeist und Offenbarung darzustellen.