19.01.2016

Ist der Islam schuld am Terror?

Analyse von Dirk Baehr

Es ist fragwürdig, ob der Islam ursächlich für den dschihadistischen Terrorismus verantwortlich ist.Meist ebnen persönliche und politische Beweggründe den Weg, in das islamistische Milieu. Einige junge Migranten fühlen sich von der Gesellschaft entfremdet

Nach den terroristischen Attentaten von Paris und Kopenhagen war in den Medien immer wieder zu lesen, der Nährboden für die dschihadistische Ideologie entstehe im muslimischen Umfeld. So behauptete der Psychologe Ahmad Mansour im Spiegel, dass die terroristische Gewalt durch eine ideologische Indoktrinierung verursacht werde, die auf die patriarchalischen Strukturen in muslimischen Familien und muslimischen Gemeinden zurückgehe. Demnach würden viele in Deutschland predigende Imame die ideologischen Positionen des IS und anderer Dschihadisten teilen. Im Vergleich zum muslimischen Verständnis des Islams seien die dschihadistischen Positionen lediglich „fundamentalistisch überspitzt.“ Laut Mansour resultiert die Gefährlichkeit des dschihadistischen Terrorismus aus dem „normalen“ Islam, weil muslimische Kinder schon von ihren Eltern ein religiöses Verständnis vermittelt bekämen, das Angst und Feindbilder produziere.

Damit bestätigt der Psychologe Mansour die in der Öffentlichkeit weit verbreitete Meinung, dass sich religiös erzogene Kinder besonders oft einem fundamentalistischen Weltbild zuwenden. Ähnlich argumentiert auch der Bundesverfassungsschutz, der schon vor Jahren darauf hinwies, dass eine stark ausgeprägte islamische Religiosität maßgeblich zur Gewaltbereitschaft unter Migranten beitrage. Viel zu lange wurden solche Ansichten nicht hinterfragt. Empirische Studien belegen dagegen, dass die meisten straffälligen Dschihadisten, die in Deutschland oder in Europa geboren wurden und aufgewachsen sind, vor ihrer Radikalisierung nicht religiös waren.

„Ein Drittel der Terroristen wuchs in nicht-muslimischen Familien auf und konvertierte erst später zum Islam“

Der holländische Radikalisierungsforscher Edwin Bakker untersuchte die Profile von 313 dschihadistischen Straftätern, die im Zusammenhang mit terroristischen Anschlägen bzw. Anschlagsversuchen verurteilt wurden. Nur fünf Prozent der Verurteilten wuchsen in einer religiösen Familie auf. Fast die Hälfte lebte in ihrer Kindheit und Jugend in einem weitgehend säkularen Umfeld. Die Erziehung war zumeist nicht religiös, weil die Eltern selbst keinen oder nur einen geringen Bezug zum islamischen Glauben hatten. Ein Drittel der Terroristen wuchs in nicht-muslimischen Familien auf und konvertierte erst später zum Islam. Damit hätten sie also gar kein radikales Islamverständnis von ihren Eltern vermittelt bekommen können.

Dschihadisten meist religiöse Laien

Schon früh stellten Analysten der britischen Sicherheitsbehörden fest, dass die meisten der von ihnen beobachteten Dschihadisten keine oder nur geringe Kenntnisse vom Islam hatten. Die Analysten betrachten die Mehrzahl der in Großbritannien sozialisierten Terroristen als religiöse Laien, die von ihren Eltern keine religiöse Erziehung erhalten haben. Zu ähnlichen Ergebnissen komme ich auch in meinen empirischen Untersuchungen über Radikalisierungsprozesse von in Deutschland aufgewachsenen Dschihadisten. So lässt sich feststellen: Nahezu alle Dschihadisten, die zwischen den Jahren 2011 und 2013 vor dem Berliner Kammergericht wegen der Unterstützung einer terroristischen Vereinigung zu mehrjährigen Haftstrafen verurteilt worden sind, hatten vor ihrer Radikalisierung so gut wie keinen Bezug zum Islam. Der zu zweieinhalb Jahren Haft verurteilte Alican T. sagte vor Gericht aus, dass seine Eltern keinen besonderen Wert auf die Einhaltung strenger islamischer Glaubensregeln gelegt hätten. Als er sechs Jahre alt war, ging er mit seinem Vater in die Moschee. Der Vater zwang ihn aber nicht, diese regelmäßig zu besuchen. So hatte T. nur selten Kontakte zu Imamen, die ihn hätten negativ beeinflussen können.

Der Radikalisierungsprozess von Alican T. begann dann mit 16 Jahren. Hierfür waren zahlreiche Faktoren entscheidend. Am wichtigsten waren aber seine Freunde und das Internet. T. entdeckte schon früh dschihadistisches Propagandamaterial im Internet. Gemeinsam mit Freunden schaute er sich regelmäßig Kriegsvideos aus Afghanistan und dem Irak an. Die Jugendlichen waren zutiefst schockiert und entrüstet über die toten Kinder und Frauen, die sie in den Videos sahen. Die Gräueltaten, die amerikanische Soldaten begangen haben sollen, führten bei T. zu einem anti-westlichen Einstellungsmuster. Erst durch die Kriegsvideos entwickelte sich bei ihm ein oppositionelles Verhalten gegenüber seiner sozialen Umwelt. An diesem Punkt setzte die Entfremdung von den demokratischen Wertvorstellungen des Westens ein. Islamische Erziehungsmethoden spielten dabei überhaupt keine Rolle.

Zahllose Anhaltspunkte in den Berliner Gerichtsverfahren zeigen, dass sich etliche deutsche Dschihadisten vor ihrer Radikalisierung nicht mit dem Islam beschäftigten. So stellte Josef Hoch, Vorsitzender Richter am Berliner Kammergericht, fest, dass der islamische Glaube für Yusuf O. in seiner Kindheit keine Bedeutung gehabt habe. Thomas U. hatte bis zu seiner Konversion überhaupt keinen Bezug zum Islam. Bevor er sich dem Dschihadismus zuwandte, war er allerdings Rechtsextremist. Auch der im Jahr 1978 in Berlin geborene Fatih K. wurde von seinen Eltern nicht religiös erzogen. Als Jugendlicher hatte er kein Interesse am Islam. Vor Gericht erzählte K., er habe sich erst mit 26 Jahren intensiv mit dem „Islam“ auseinandergesetzt. Auch hier zeigt sich: K. radikalisierte sich nicht, weil er in patriarchalischen Familienstrukturen aufwuchs oder weil er in der Kindheit von muslimischen Predigern beeinflusst wurde. Sein Radikalisierungsprozess begann erst 2004 im salafistischen Milieu der Berliner Al-Nur-Moschee. Dort kam er erstmalig in Kontakt mit extremistischem Gedankengut, das als Nährboden des dschihadistischen Terrorismus angesehen werden kann.

„Durch die Existenz eines radikalen Milieus erhalten Terroristen logistische Unterstützung“

Als letztes Beispiel lässt sich noch auf die Aussage der Deutsch-Kurdin Filiz G. verweisen. G. sagte vor Gericht aus, sie habe stark unter der Erziehung ihrer Mutter gelitten. Sie sei sehr streng zu ihr gewesen. Die rabiaten Erziehungsmethoden der Mutter waren allerdings nicht religiös motiviert. Die Mutter interessierte sich gar nicht für den islamischen Glauben. Der autoritäre Erziehungsstil resultierte nicht aus einem bestimmten Islamverständnis. Vielmehr wurde Filiz G. von ihrer Mutter gedemütigt und schlecht behandelt, weil sie nach der Scheidung nicht mit der neuen Lebenssituation und den dadurch entstandenen sozialen Problemen zurechtkam.

Sympathisanten sind entscheidend

Nach den Pariser Attentaten argumentierte der renommierte Journalist Stefan Aust in der Welt am Sonntag, terroristische Gruppen könnten nur durch eine Massenbasis existieren. In der Forschung bezeichnen Terrorismusexperten eine solche Unterstützerbasis als radikales Milieu, in dessen Netzwerken Terroristen ihre illegalen Strukturen aufbauen können. Durch die Existenz eines radikalen Milieus erhalten Terroristen logistische Unterstützung durch einen größeren Sympathisantenkreis. Sympathisanten sind diejenigen, die Terroristen Unterschlupf gewähren und ihnen Geld oder Waffen geben. Laut Aust sind nicht die Motive der terroristischen Täter für das Verständnis des dschihadistischen Terrorismus von Bedeutung, sondern die Sympathisanten. Ihnen müsse man mehr Beachtung schenken.

So konnte etwa die Rote Armee Fraktion nur mithilfe ihrer zahlreichen Sympathisanten in der linken Studentenbewegung illegale Strukturen in Deutschland aufbauen, die es Baader, Ensslin, Meinhof und anderen ermöglichten, terroristischen Taten zu planen und umzusetzen. Heute sei die Situation ähnlich. Nur seien es diesmal nicht linke Sympathisanten, die den Terror unterstützen, sondern heute würden der Islam und das muslimische Umfeld eine Mitschuld an der dschihadistischen Gewalt tragen. Ähnlich wie der Psychologe Mansour behauptet also auch der Chefredakteur der WamS, dass sich der Islam „nicht so leicht aus der Verantwortung stehlen“ dürfe. Schließlich seien viele dschihadistische Terroristen, die grausame Anschläge begangen haben, Muslime und beriefen sich bei ihren Taten auf den Islam. Es stimmt, dass viele dschihadistische Täter Jugendliche sind, die aus einer muslimischen Familie stammen. Wenn jemand allerdings behauptet, dass der dschihadistische Terrorismus nichts mit dem Islam zu tun hat, geht es nicht darum, die Religionszugehörigkeit der Terroristen zu leugnen. Vielmehr geht es darum, darauf hinzuweisen, dass die meisten Täter säkular aufgewachsen sind oder keinen starken Bezug zum Islam hatten.

Religiöse Bildung schützt vor Radikalisierung

Nicht streng religiöse Erziehungsmethoden sind die Ursache für Radikalisierung. In Wirklichkeit ist es genau umgekehrt: Religiös erzogene Jugendliche verfügen zumeist über eine fundierte religiöse Identität, die sie vor einer Radikalisierung hin zum dschihadistischen Terrorismus schützt. Sie lassen sich gerade nicht so leicht radikalisieren, weil sie ein ausgeprägtes Wissen über den Islam besitzen. Dadurch sind sie in der Lage, zwischen islamischem Glauben und der Propaganda der salafistischen Prediger zu unterscheiden. Jugendliche, die hingegen keinen tiefergehenden Bezug zum islamischen Glauben haben, sind stärker gefährdet, sich zu radikalisieren. Sie fallen leichter auf die salafistische Propaganda im Internet herein.

„Religiös erzogene Jugendliche verfügen zumeist über eine fundierte religiöse Identität, die sie vor einer Radikalisierung schützt“

Die muslimische Gemeinde in Deutschland kann daher nicht dafür verantwortlich gemacht werden, wenn sich Jugendliche radikalisieren und die dschihadistische Weltanschauung attraktiv finden. Es ist absurd, die muslimischen Gemeinden als die unterstützende Basis der Terroristen anzusehen. Von ihnen geht keine finanzielle oder logistische Unterstützung für die dschihadistischen Terrorzellen aus. Die Terroristen sind, wenn überhaupt, nur in die Netzwerke des salafistischen Milieus eingebunden. Zwischen den sogenannten Dawa-Netzwerken und den muslimischen Verbänden gibt es keine engeren Verbindungen. Deshalb lässt sich die muslimische Gemeinde auch nicht mit der linken Studentenbewegung, die in den 1970er- und 1980er-Jahren die RAF unterstützte, gleichsetzen.

Hinzu kommt: Deutsche Dschihadisten diffamieren die Funktionäre der muslimischen Verbände als Ungläubige. Es wäre äußerst paradox, wenn diese Funktionäre mit dschihadistischen Bewegungen wie Al Qaida und dem IS sympathisierten. Nein, das weite Feld der Sympathisanten und Unterstützer, die den Terror erst möglich machen, liegt nicht in einem allgemeinen muslimischen Umfeld. Unterstützung erhalten dschihadistische Terroristen in Deutschland nur aus dem salafistischen Milieu.

Es stimmt, dass sich Dschihadisten bei ihren Taten auf den Islam berufen. Aber was verstehen die Dschihadisten unter dem Islam? Sie behaupten, für die Muslime zu sprechen. Aber wer ist in ihren Augen ein Muslim und wer nicht? Bei den Attentaten gegen die Redaktion der französischen Satirezeitschrift Charlie Hebdo wurde ein Polizist erschossen. Der Bruder des ermordeten Polizisten sagte gegenüber Journalisten: „Mein Bruder war ein Muslim und er wurde von Leuten getötet, die vorgeben, Muslime zu sein.“ Er unterstrich damit, dass die Terroristen zwar behaupten, Muslime zu sein, es aber äußerst fragwürdig ist, ob man sie wirklich als Muslime anerkennen sollte. Denn in erster Linie sind sie Terroristen, die fast alle Muslime als Ungläubige ansehen.

Warum? Sie unterstellen den europäischen Muslimen, im Zustand der Barbarei zu leben und vom islamischen Glauben abgefallen zu sein. Nur diejenigen, die bedingungslos der dschihadistischen Weltanschauung folgen, werden als Muslime akzeptiert. Alle anderen – und das sind 99 Prozent der Muslime in Europa – werden als Abtrünnige diffamiert, die angeblich nicht in der Lage sind, ihren Glauben richtig auszuüben. Die Radikalisierungsprozesse deutscher Dschihadisten werden nicht durch den Islam verursacht, sondern durch signifikante Identitätsprobleme. Nicht die Identifizierung mit der Herkunftskultur und der in ihr vorherrschenden islamischen Religion ist der Auslöser für Radikalisierungen, sondern die Entfremdung sowohl vom Herkunftsland der Eltern als auch von der deutschen Gesellschaft.

Entfremdung als Radikalisierungsrisiko

Die Entfremdung entsteht unter anderem durch die widersprüchlichen Erwartungen, die einerseits ihre Eltern und zum anderen die Mehrheitsgesellschaft an Jugendliche mit Migrationshintergrund haben. Da sich die Migrantenkinder der zweiten Generation mehr an gleichaltrigen Jugendlichen der Aufnahmegesellschaft orientieren und sie stark von der westlichen Medien- und Konsumkultur geprägt sind, neigen sie dazu, sich mit der Herkunftskultur ihrer Eltern nicht oder nur gering zu identifizieren. Sie distanzieren sich von ihrer Herkunftskultur, weil sie im Kindergarten und in der Schule stärker von den Deutungs- und Handlungsmustern der Mehrheitsgesellschaft geprägt wurden.

„Sie radikalisieren sich vielmehr aus persönlichen und politischen Beweggründen“

Traditionelle Rollenvorstellungen des Elternhauses werden dadurch tendenziell abgelehnt. Zugleich birgt aber die Distanz zur familiären Herkunftskultur die Gefahr, in Identitäts- bzw. Lebenskrisen keinen Halt in den alten Herkunftsstrukturen mehr zu erhalten. Im Gegensatz zu den familiären Herkunftsstrukturen können die Strukturen der Mehrheitsgesellschaft den jungen Migrantenkindern nicht denselben Halt gewähren, da ihre Sinn- und Lebenskrisen häufig durch Diskriminierungs- oder Ausgrenzungserfahrungen ausgelöst werden. Falls die Jugendlichen aufgrund von Diskriminierungs- und Ausgrenzungserfahrungen beträchtliche Identitätsprobleme bekommen und nicht wissen, wo sie hingehören, fehlt ihnen zumeist der Schutz des Herkunftsmilieus.

Das Bemühen um die bestmögliche Integration in die deutsche Gesellschaft mit der möglichen Folge, dass Teile der Mehrheitsgesellschaft diese Anstrengungen nicht anerkennen bzw. diese Bemühungen ablehnen, kann bei Jugendlichen mit Migrationshintergrund zu einem tiefgreifenden Gefühl der Demütigung führen. Wenn sich solche Erfahrungen verfestigen, besteht die Gefahr, dass sich ursprünglich gut integrierte Jugendliche nicht mehr mit der Kultur der Mehrheitsgesellschaft identifizieren und sich stattdessen radikalisieren. Diese „doppelte“ Form der Entfremdung ist eine der maßgeblichen Ursachen, weswegen sich Jugendliche mit Migrationshintergrund extremistischen Ideen zuwenden. Es sind nicht religiöse Motive, die Jugendliche empfänglich für dschihadistische Gruppen machen. Die jungen Terroristen sind meistens keine gläubigen Menschen. Sie radikalisieren sich vielmehr aus persönlichen und politischen Beweggründen. Und deshalb ist es zwingend notwendig, sich mit den Biographien und den Motiven der Terroristen auseinanderzusetzen.