08.04.2026
Schwindende Begeisterung für die Demokratie?
Von Thilo Spahl
Laut der Landeszentrale für politische Bildung NRW nimmt die Zahl echter Demokraten in Deutschland angeblich rapide ab. Bei näherem Hinsehen stellt sich das etwas anders dar.
Die Landeszentrale für politische Bildung Nordrhein-Westfalen hat ihren „3. Demokratiebericht“ vorgelegt. Dieser gebe „Aufschluss über den Zustand der Demokratie in unserem Land und über den Bedarf an politischer Bildung in NRW“, verrät uns der Kommissarische Anstaltsleiter in seinem Vorwort.
Der erschreckende Befund: „Im Jahr 2025 können nur noch 44 % der Gesamtbevölkerung eindeutig in die Kategorie der Demokratinnen und Demokraten eingeordnet werden.“ (Und man vermutet, dass es in einigen anderen Teilen Deutschlands noch düsterer aussieht.)
Wie kommen die Autoren zu diesem Befund, wo sie doch zu berichten wissen, dass 89 Prozent der Aussage „Die Demokratie ist das politische System, das am besten zu unserer Gesellschaft passt“ zustimmten? Indem sie durch knifflige Fragen jenen auf die Schliche kamen, die offenbar nicht wissen, was Demokratie ist („Was heißt Demokratie? Viele wissen es nicht.“). Dazu gleich mehr. Zunächst aber eine widersprechende Beobachtung: Sie wissen es eigentlich ganz gut. Denn sie wurden danach gefragt. „Bitte sagen Sie mir bei den folgenden Aspekten jeweils, ob dieser Ihrer Ansicht nach zu einer Demokratie gehört oder nicht“, lautete die Aufforderung. Es gab folgende Zustimmungswerte (1, 2 oder 3 auf einer Skala von 1 bis 6):
- dass Meinungsfreiheit und Pressefreiheit garantiert werden: 96 Prozent
- dass durch Wahlen Machtwechsel möglich sind: 94 Prozent
- dass Rechtsstaatlichkeit besteht, also dass Gesetze für alle Bürger und auch für die Regierung und die Verwaltung verbindlich gelten: 94 Prozent
- dass Andersdenkende respektiert werden: 94 Prozent
- dass bei politischen Entscheidungen Kompromissfähigkeit herrscht: 93 Prozent
- dass Chancengleichheit besteht, also gleiche Aufstiegschancen und Teilhaberechte für alle, unabhängig von Herkunft, Hautfarbe, Alter oder Ähnlichem: 93 Prozent
- dass eine Gewaltenteilung besteht, also die grundsätzliche Trennung und Unabhängigkeit von Regierung, Parlament und Gerichten: 88 Prozent
- dass Konflikte offen ausgetragen werden: 85 Prozent.
Im Großen und Ganzen haben die Leute so geantwortet, wie es sich gehört. Und ich denke, nicht nur, weil sie wissen, wie die richtige, sozial erwünschte Antwort jeweils lautete. Sondern weil sie tatsächlich wenig Neigung verspüren, die Demokratie abzuschaffen.
„Staatsoberhäupter, die nicht nur den Status quo verwalten, mögen Menschen, die in Deutschland einen Reformstau diagnostizieren, attraktiv erscheinen, ohne dass diese sich deshalb als Feinde der Demokratie betrachten müssten."
Warum dennoch nur 44 Prozent echte Demokraten? Weil es noch vier weitere Fragen gab, mit denen Aspekte abgefragt wurden, die „Kernelementen der freiheitlichen demokratischen Grundordnung widersprechen bzw. die europäische und multilaterale Orientierung der deutschen Außenpolitik in der europäischen Nachkriegsordnung in Zweifel ziehen.“ Und bei denen kam Folgendes heraus (als Zustimmung galten wiederum die Werte 1 bis 3 auf der Skala von 1 bis 6):
- dass das Ziel der Politik ausschließlich die Durchsetzung ‚nationaler Interessen‘ sein sollte: 63 Prozent
- dass die Regierungsmehrheit über die Besetzung hoher Richterämter, wie z. B. Bundesverfassungsrichter, bestimmen kann: 54 Prozent
- dass Rechte von Minderheiten per Volksabstimmung eingeschränkt werden können: 42 Prozent
- dass es eine starke Führungsperson im Land gibt, die sich nicht um die Zustimmung des Parlaments kümmern muss: 34 Prozent
So kommt es, dass 42 Prozent der Befragten einer Gruppe zugeordnet werden, die die Autoren als „fragile Demokraten“ bezeichnen, „die demokratische Einstellungen mit der Zustimmung zu nicht-demokratischen Elementen kombinieren“. Diese Wackelkandidaten sind für die Auftraggeber der Studie besonders wertvoll. Denn sie müssen natürlich als Zielgruppe der Aktivitäten der Landeszentrale für politische Bildung und zur Legitimierung ihrer Daseinsberechtigung herhalten. Und das umso mehr, als ihre Zahl rapide zunimmt. 2023 fanden sie nämlich noch 62 Prozent lupenreine Demokraten und die fragilen kamen nur auf 27 Prozent.
Doch besser Diktatur?
Im Detail schauen die Autoren auf die fortschreitenden Risse im Demokratieverständnis im Abschnitt „Demokratieablehnung und Links-Rechts-Skala“. Hier lautete die Frage:
„Neben der Demokratie gibt es ja noch andere Staatsformen. Inwieweit stimmen Sie den folgenden Aussagen zu möglichen anderen Staatsformen zu?
a) Unter bestimmten Umständen ist eine Diktatur die bessere Staatsform.
b) Was Deutschland jetzt braucht, ist eine einzige starke Partei, die den Willen des Volkes insgesamt verkörpert.
c) Politische Entscheidungen sollten von einer starken Führungspersönlichkeit getroffen werden, die keine Rücksicht auf das Parlament nehmen muss.“
Auch hier zeigen sich bedenkliche Tendenzen. Beim Vergleich der Ergebnisse der Jahre 2023 und 2025 ergibt sich ein Anstieg von 11 auf 15 Prozent bei der Zustimmung zu Diktatur, von 26 auf 47 Prozent bei der Zustimmung zu „einziger starker Partei“, und eine Verdopplung von 11 auf 22 Prozent beim Wunsch nach einer starken Führungspersönlichkeit.
Woran mag es gelegen haben? Bei der dritten Frage ist das leicht zu beantworten. Die wurde nämlich so umformuliert, dass die Zustimmung leichter fiel. 2023 wurde noch nach „einem Führer“ gefragt, „der Deutschland zum Wohle aller regiert“. Die doppelt so häufig Zustimmenden im Jahr 2025 mögen weniger an Hitlerdeutschland und mehr an Demokratien wie die USA, Frankreich, Südkorea oder Argentinien gedacht haben, in denen es Präsidenten mit weitreichenden Befugnissen gibt, die nicht ohne Grund als handlungsfähiger wahrgenommen werden. Staatsoberhäupter, die nicht nur den Status quo verwalten, mögen Menschen, die in Deutschland einen Reformstau diagnostizieren, attraktiv erscheinen, ohne dass diese sich deshalb als Feinde der Demokratie betrachten müssten.
„Verlass ist nur noch auf die Rentner."
Eine Zustimmung bei der zweiten Frage wird von den Verfassern der Studie in der Diskussion der Ergebnisse durchgehend als „Zustimmung zu einem Einparteiensystem“ gewertet. Man darf bezweifeln, dass das die Antwortenden alle so gemeint haben. Vielleicht haben sie auch gedacht: „Wäre schön, wenn wir wenigstens eine starke Partei hätten, die sich dafür interessiert, was das Volk so denkt.“ Vielleicht haben manche auch gedacht: „Wenn die wissen wollten, ob ich für ein Einparteiensystem bin, dann würden sie doch bestimmt fragen, ob ich für ein Einparteiensystem bin. Aber sie fragen nach starker Partei und Wille des Volkes. Das fände ich gut. Und dass die nach Volk fragen und nicht nach Bevölkerung, dafür kann ich ja nichts. Ich antworte trotzdem (tendenziell) mit ja, auch wenn ich dann in die Nazi-Ecke gestellt werde, ist ja anonym.“
Und wer sind die 15 Prozent, die sich „unter bestimmten Umständen“ mit einer Diktatur anfreunden können? Wahrscheinlich die, die dazu neigen, den Notstand auszurufen: den Klimanotstand, den Corona-Notstand oder den Umvolkungsnotstand. Vielleicht sind es Leser der Wochenzeitung der Freitag, die 2019 titelte: „Öko-Diktatur? Ja, bitte! Tempolimit, Flugverbot, Kohleausstieg: Hartes Eingreifen rettet den Planeten.“ Oder Menschen wie Karl Lauterbach, der forderte, bei Maßnahmen gegen die Erderwärmung vornehmlich auf Expertenwissen zu setzen – notfalls am Parlament vorbei. Die Wissenschaft solle entscheiden, weil die Menschen ohnehin nicht richtig fähig sind. Und natürlich die Freunde der „Diktatur des Proletariats“.
Alles drängt sich links der Mitte
„Die meisten Demokratinnen und Demokraten finden sich links der Mitte“, verraten uns die Autoren des Berichts. Kein Wunder: Auf einer Skala von 1 bis 10 ordneten sich 72 Prozent der Befragten links der Mitte ein und nur 24 Prozent rechts der Mitte. „Ein weiterer erklärender Faktor“ sei, „dass auch linke Ideologien, die eine Systemveränderung zum Ziel haben, die angestrebte alternative Ordnung sprachlich als ‚Demokratie' bezeichnen würden“, vermuten die Autoren.
Unzufriedenheit mit der real existierenden Demokratie
Es gelingt den Autoren noch auf eine zweite Weise mangelnde Demokratieunterstützung in Teilen der Bevölkerung zu konstatieren: indem sie nach der „Zufriedenheit mit der tatsächlichen Funktionsweise der Demokratie“ fragen. Sie fragen also nach dem, wofür sich in letzter Zeit die Bezeichnung „unsere Demokratie“ eingebürgert hat. Gemeint ist damit das Demokratieverständnis derer, die jede Kritik am Regierungshandeln als Delegitimierung des Staates und „rechts“ betrachten. Sie finden „einen sehr schnellen und dramatischen Rückgang der Demokratiezufriedenheit.“
„Auf einer Skala von 1 bis 10 ordneten sich 72 Prozent der Befragten links der Mitte ein und nur 24 Prozent rechts der Mitte."
Besonders alarmierend: „Bei den jüngeren Altersgruppen ist die Demokratiezufriedenheit im Vergleich zum 2. Demokratiebericht regelrecht eingebrochen.“ Die Zufriedenheit mit der „tatsächlichen Funktionsweise“ ist bei den 14- bis 18-jährigen um 30 Prozentpunkte auf 47 Prozent und bei den 19 bis 29-jährigen um 14 Prozentpunkte auf 51 Prozent abgesackt.
Aber auch bei den mittelalten sieht es mau aus: „Die Demokratiezufriedenheit in der Lebensmitte […] bricht weiter ein (Altersgruppe 30 bis 44 Jahre: -18 Prozentpunkte für tatsächliche Funktionsweise Demokratie)“. Sie liegt jetzt nur noch bei 43 Prozent.
Verlass ist nur noch auf die Rentner: „Nur die älteren Altersgruppen ab 60 sind noch als Stützen der Demokratie erkennbar (60 bis 74 Jahre: 73 % zufrieden mit tatsächlicher Funktionsweise; über 75 Jahre: 79 % zufrieden).“
Und auf die Reichen: „Je besser die Lebenslage […], desto höher ist auch die Demokratiezufriedenheit und desto stabiler sind die demokratischen Einstellungen.“
Deshalb sind die allerbesten Demokraten natürlich die Grünen-Wähler, von denen sage und schreibe 91,5 Prozent mit ihren persönlichen Lebensumständen zufrieden sind, und entsprechend auch 97 Prozent in allen Demokratiefragen die richtigen Antworten geben.
Mitte(n) unter Druck.
Es versteht sich von selbst, dass ohnehin verloren ist, wer sich selbst deutlich rechts der Mitte einordnet. Aber auch wer von sich sagt, links zu sein, kann nicht erwarten, dass er damit schon aus dem Schneider ist. Denn auf der Skala von 1 (ganz links) bis 10 (ganz rechts) findet sich der Gipfel der echten Demokraten mit 73 Prozent bei 2 und dann geht es schon flott nach unten. Bei 5 (also noch knapp links der Mitte) sind es nur noch 40 Prozent und damit kaum mehr als die 37 Prozent auf der 8, wo sich ja schon waschechte Rechte tummeln. Umgekehrt steigt der Anteil der fragilen Demokraten von 26 Prozent auf der linken 2 schnell auf satte 52 Prozent auf der mittigen 5. Kurzum: Den 38 Prozent der Teilnehmer, die sich selbst in der Mitte auf der 5 oder 6 positionieren, ist schon nicht zu trauen. Das sind in Sachen Demokratie ganz klar unsichere Kandidaten. Entsprechend haben die amtlichen Polit-Erzieher ihren Report den Titel „Mitte(n) unter Druck“ gegeben.
Warum das eingeklammerte Plural-n? Zum einen haben wir ein Problem mit denen, die sich auf dem Links-Rechts-Schema in der Mitte einordnen. Letztlich weisen die Autoren die Selbstverortung der 28 Prozent auf der 5 und erst recht der 12 Prozent auf der 6 zurück. Denn: „Teil der Mitte kann nur sein, wer sich zu demokratischen Werten und Spielregeln bekennt, also die Legitimität der Demokratie ohne Vorbehalte anerkennt.“
Zudem haben wir auch ein Problem mit denen in der Lebensmitte. Die 30 bis 44-jährigen sind mit 43 Prozent von allen Altersgruppen am wenigsten mit der tatsächlichen Funktionsweise der Demokratie zufrieden. Des Weiteren wird auch bei den Mittelalten mit mittleren Schulabschlüssen und in der unteren Mittelschicht (wo sich wahrscheinlich viele mit mittlerem Schulabschluss verorten) eine besonders niedrige Zufriedenheit mit „unserer Demokratie“ ermittelt.
„Die Studie zeigt, was wir vom Wahlverhalten her schon wissen: Die ‚Parteien der demokratischen Mitte' (laut Selbstzuschreibung) sind mit der Unzufriedenheit der Mitte(n) der Gesellschaft konfrontiert."
Die Studie zeigt, was wir vom Wahlverhalten her schon wissen: Die „Parteien der demokratischen Mitte“ (laut Selbstzuschreibung) sind mit der Unzufriedenheit der Mitte(n) der Gesellschaft konfrontiert. Offenbar sind die Leute vor allem dann mit der „tatsächlichen Funktionsweise der Demokratie“ – sprich: mit der Politik – unzufrieden, wenn sie mit den eigenen Lebensumständen unzufrieden sind. Und sie wählen dann entsprechend eher an den Rändern.
„Die Sympathisanten des BSW (42 % Unzufriedene), der Linken (35 %) und der AfD (32,5 %) sind mit ihren persönlichen Lebensumständen oft unzufrieden. Die Anhänger der Grünen (91,5 % Zufriedene), der CDU (88 %), der SPD (77 %), der FDP (77 %) und Befragte ohne Parteipräferenz (75 %) sind hingegen deutlich zufriedener.“
Die Unzufriedenheit mag daran liegen, dass „unsere Demokratie“ in letzter Zeit deutliche Schwierigkeiten mit ausgerechnet den vier Demokratiemerkmalen zeigt, die die höchste Zustimmung erhalten haben (s. o.). Die Meinungsfreiheit und die Pressefreiheit stehen bekanntlich unter Druck, man denke nur an die Klagewut deutscher Politiker wegen Beleidigung. Ein durch Wahlen herbeigeführter Machtwechsel ist dank Brandmauer nicht mehr uneingeschränkt gewährleistet. Zweifel an der Rechtsstaatlichkeit können entstehen, wenn man zum Beispiel beobachtet, dass die Versammlungsfreiheit selektiv eingeschränkt wird, oder der Verfassungsschutz politisch instrumentalisiert wird. Und dass Andersdenkende respektiert werden, mag mancher angesichts des staatlich orchestrierten Kampfes gegen rechts bezweifeln.
Mehr Bürgerdialoge
Wie lautet das Fazit der Autoren? Es sei in NRW zwar noch nicht so schlimm wie im Osten, es fehle in Teilen der Bevölkerung jedoch sowohl das Vertrauen in die Demokratie als auch Kenntnisse darüber, was Demokratie im Kern ausmacht und wie sie als politische Ordnung funktioniert.
Wie die US-Wahlen der Jahre 2016 und 2024 (Trump und nochmal Trump), aber auch die Brexit-Entscheidung und „diverse Wahlausgänge in unseren europäischen Nachbarländern“ demonstriert hätten, sei eine „Entkernung der politischen Mitte“ zu beklagen. Die politische Mitte erodiere bis weit in die demografischen und ökonomischen Mitten der Gesellschaft hinein.
Und was passiert, wenn das so weiter geht? „Die Demokratie droht zu einer Angelegenheit der akademisch gebildeten, der lebensälteren sowie der besserverdienenden Teile der Bevölkerung zu werden.“ Der Ausschluss der Unwürdigen von „unserer Demokratie“ scheint also zu gelingen. Aber natürlich will man die „Menschen in den Mitten der Gesellschaft“ noch nicht ganz aufgeben. Man braucht sie ja als Wähler.
Was kann man tun? Die Landeszentrale für politische Bildung weiß natürlich Rat und bietet Hilfe. Auf den „Dreiklang der Responsivität – Zuhören, Erklären, Handeln –" wolle man setzen. Mit „Bürgerdialogen“ sowie „aufsuchender politischer Kommunikation in den sozialen Medien“ und „neuen Formaten der Bürgerbeteiligung“ lässt sich das Ruder vielleicht noch herumreißen und NRW „zu einer Art ‚Chancen-Labor' für eine gestärkte Demokratie“ machen.
Ich wünsche viel Erfolg!