15.12.2011

Irgendwas mit Medien

Essay von Tobias Prüwer

Nicht die Medien stecken in der Krise, der Journalismus ist’s. Ein paar vermischte Bemerkungen von Tobias Prüwer.

„Es ist unglaublich, was man mit einem gut gepflegten Katastrophengefühl alles anfangen kann. Man kann aus ihm viel billige Münze schlagen, die dann als Wechselgeld in allen Bereichen des täglichen Lebens umläuft.“ 1

„Aus Liebe zur Wahrheit und in dem Bestreben, diese zu ergründen“ 2 – Zeiten, in denen die Manifeste mannigfaltig ins Kraut sprießen und Thesen um sich schlagen, sind Zeiten des Umbruchs. „Zehn zornige Thesen zur Zukunft der Zeitung“ 3, „Internet Manifest“ 4, „Slow Media Manifest“ 5, sind nur drei solcher Seismografen, die in letzter Zeit den Wandel der Medienwelt thematisierten und sich in eine Diskussion mischten, die von Blendgranaten und Nebelwerk geprägt ist. Auf einen neuerlichen Thesenkatalog wird an dieser Stelle verzichtet, es sollen lediglich einige Bemerkungen versammelt werden.

I. Es gibt keine Medienkrise …

Die zigfach beschworene Medienkrise gibt es nicht. Es kriseln höchstens einzelne Medien. Nur, weil das über lange Zeit üppige Erlöse erzielende Gewinnmodell den Verlagen heute geringere, aber immer noch Pluserträge einbringt, wird der Tod der Printmedien an die Wand gemalt. Dafür verantwortlich sei natürlich „das Internet“ mit seiner „Umsonstkultur“.
Selbstverständlich müssen sich Verlage um angemessene Verwertungsmodelle bemühen. Beim Zetermordio über Leistungsschutzrecht und Bezahlinhalte, Kulturabgaben und Suchmaschinenabschotten übersieht man das Wesentliche: das journalistische Produkt. Dem muss aber das Hauptaugenmerk gelten, seiner Qualität ist die Frage der medialen Darreiche nachgeordnet. Wer den Menschen keinen Journalismus mehr präsentiert, braucht sich nicht zu wundern, wenn deren Desinteresse an der Zeitung steigt und sie sich ihre Infohäppchen woanders suchen.

I.1 Der Medienerhaltungssatz ist falsch

Dass es keine Medienkrise gibt, heißt nicht, dass alle Einzelexemplare mit dem ewigen Leben gesegnet seien. Die trotzige, einem Glaubensbekenntnis nahe kommende Behauptung, kein neues Medium habe je ein altes verdrängt, ist historischer wie begründungslogischer Bullshit. Die Tontafel und der Bote, Bildteppich und Mysterienspiel haben mit Sicherheit nicht nur marginal an Bedeutung verloren. Und dass man aus der Geschichte keine Gesetze ableiten kann, sollte sich auch herumgesprochen haben.

Medien wird es immer geben, auch wenn sie sich der Form nach verändern. Ein Grund zur Sorge ist das nicht – solange die Botschaft erhältlich ist, muss es nicht kümmern, durch welches Medium das geschieht. So deterministisch wie McLuhan – „The Medium is the Message“ – muss man es an dieser Stelle nicht sehen.

I.2 Böses Web 2.0: Twitter kills the Media-Stars

Im Fahrwasser allgemeiner Technikgläubigkeit tummelt sich immer wieder auch eine apokalyptische Seite. Blogs und soziale Medien würden das Geschäft kaputt machen, so lautet ein seit Jahren gut gepflegtes Ressentiment. Suchmaschinen, die die eigenen Seiten erst für Nicht-Stammleser auffindbar machen, werden zu Parasiten erklärt, neben denen sich die kommentierenden Blogger im „rechtsfreien Raum“ des Internets tummeln. Dass es nie leichter war, auf das eigene Medium aufmerksam zu machen und für die eigenen Texte zu interessieren, mag man ob der Kassandra-Klagen leicht übersehen.

Dabei hat jüngst eine Studie über den britischen Zeitungsmarkt herausgefunden, dass zwischen den Angeboten im Web und dem Sterben von Zeitungen kein unmittelbarer Zusammenhang besteht. Sie verglich „die aktuellen Auflagenzahlen mehrerer Zeitungen mit deren ‚Prä-Internet‘-Verbreitung vor 15 Jahren“. Der Studienautor argumentiert, „es sei letztlich alles auf die Qualität zurückzuführen – und auf die Zeitungspreise, die trotz schrumpfender Seitenzahl immer weiter ansteigen.“ 6

I.3 Stoßgebete an die Technik

„Wo aber Gefahr ist, wächst das Rettende auch.“ 7 Mit Erstaunen konnte man feststellen, wie sich seit Anfang des letzten Jahres Journalisten wie Verleger überschlugen mit Prognosen für ein prosperierendes Geschäft dank iPad. Keiner kannte das Gerät, aber die Redaktionen wurden nicht müde, schon vor Erscheinen zu schwärmen und Zukunft zu erträumen, und bei der Präsentation applaudierten Journalisten zuhauf!

Das war ja auch zu schön: Man muss nichts ändern, mit Apple-Magie würden schon genug Anwender plötzlich für Publikationen zahlen, die sie in Printform nie erworben hätten. Nun, da das Coffee-Table-Accessoire auf dem Markt ist, scheint diese Euphorie verflogen zu sein.

I.4 Noch unverstanden: die digitale Kultur

In vielen Redaktionen scheint noch nicht angekommen zu sein, was das Besondere der digitalen Kultur ist, welche Möglichkeiten sich ihnen mit dem Internet und gerade der Symbiose – Crossmedia ist ja nichts anderes – mit traditionelleren Medien ergeben. Die oft stiefmütterlich behandelten Online-Auftritte zeigen, dass man Content mit Inhalt gleichsetzt. Kümmerliche journalistische Leistungen plus das Veröffentlichen von Pressemitteilungen und Agenturmeldungen hat aber nichts mit Qualität zu tun und ist im schlechtesten Fall sogar noch der Hinweis an die Leser, erst gar nicht in die Printausgabe zu schauen.

Zitieren heißt nicht Klauen: Es ist noch lange keine Bereicherung auf Kosten anderer, wenn man als Blogger andere Medien zitiert oder zu ihnen verlinkt. Das Setzen von Verweisen ist gerade eine ausgesuchte Möglichkeit, um zu einiger Orientierung im Netz zu gelangen.

I.4 Noch unverstanden: die digitale Kultur

In vielen Redaktionen scheint noch nicht angekommen zu sein, was das Besondere der digitalen Kultur ist, welche Möglichkeiten sich ihnen mit dem Internet und gerade der Symbiose – Crossmedia ist ja nichts anderes – mit traditionelleren Medien ergeben. Die oft stiefmütterlich behandelten Online-Auftritte zeigen, dass man Content mit Inhalt gleichsetzt. Kümmerliche journalistische Leistungen plus das Veröffentlichen von Pressemitteilungen und Agenturmeldungen hat aber nichts mit Qualität zu tun und ist im schlechtesten Fall sogar noch der Hinweis an die Leser, erst gar nicht in die Printausgabe zu schauen.

Zitieren heißt nicht Klauen: Es ist noch lange keine Bereicherung auf Kosten anderer, wenn man als Blogger andere Medien zitiert oder zu ihnen verlinkt. Das Setzen von Verweisen ist gerade eine ausgesuchte Möglichkeit, um zu einiger Orientierung im Netz zu gelangen.

II. ... aber eine Krise des Journalismus

„Es lastet auf dieser Zeit / der Fluch der Mittelmäßigkeit.“ 8 Was aber existiert und Anlass zur Sorge gibt, ist eine Krise des Journalismus. Denn dieser findet immer weniger statt. Den Grund mag man in den sinkenden Honoraren vermuten und liegt damit nicht ganz falsch. Die Ursache liegt aber tiefer und betrifft das schwindende journalistische Ethos. Vielen Journalisten von heute fehlt schlichtweg die Haltung. Über die Gründe kann man nur spekulieren, will man keinem allgemeinen Kulturpessimismus das Wort reden.

Irgendwie will heute jeder Zweite „etwas mit Medien“ machen, wie auch ein beliebtes Studienziel heißt. Wenn man schon kein Star sein kann, dann muss man den Wichtigen und Mächtigen oder wenigstens den Reichen und Schönen wohl ganz nah sein und ihnen im Guten wie Schlechten alle Aufmerksamkeit widmen. Vielleicht hat das mit dem generellen Bildungsverlust an den Universitäten zu tun. Noch vor wenigen Jahren hieß es: Wer Journalist werden will, mache alles, nur nicht Journalismus studieren. Denn woher soll man sonst Fachwissen und tiefere Kenntnis eines oder einiger Bereiche erlangen? Auch wenn die Journalismusstudiengänge und Medienschulen anderes suggerieren – das Argument ist nicht schwächer geworden. Wo ist das Fachwissen, fragt man heute, wenn man kenntnislose Artikel in Hülle und Fülle liest? Im glücklichen Fall wird eine Einzelmeinung eingeholt und verallgemeinert. Durchdrungen werden Themen selten, oft gelingt nicht einmal der Überblick.

Der Journalismus ist in Gefahr, weil die Zahl der Journalisten abnimmt, die noch welche sein wollen, und weil in den Redaktionen immer weniger Journalisten gebraucht werden. In Newsrooms werden Redaktionen zusammengelegt, verschiedene Zeitungen teilen sich dieselbe Politikredaktion. Pressemitteilungen werden eins zu eins abgedruckt, Werbung nicht mehr als solche gekennzeichnet, Product Placement und „redaktionelle Anzeigen“ sind Usus. Dass die Wendung „kritischer Journalismus“ kaum mehr als Pleonasmus, redundante Floskel wahrgenommen wird, spricht auch schon Bände.

II.1 Die Vierte Gewalt ist lustlos

„Sind Zeitungen systemrelevant?“, fragte Heribert Prantl vor einem Jahr und schob nach, er könne es sogar beweisen. Die Medien würden nämlich nicht Kapitalismus oder Marktwirtschaft erhalten, sondern die Demokratie. 9 Das klingt gut und richtig – in der Realität hat sich das Gros der Presse davon verabschiedet. Beispiele für die Boulevardisierung der Medienlandschaft finden sich leider en masse. Wenn Pressefreiheit, um dem Bonmot von Prantl zu folgen, das tägliche Brot für die Demokratie ist, dann muss man fragen, warum immer mehr Junkfood angeboten wird.

II.2 Immer den Ball flach halten: die „doofe Leserschaft“

Vielfach stößt man in Artikeln oder Journalistengesprächen auf einen Antiintellektualismus – „verkopft“ ist ein beliebtes Etikett. Dabei sollte es genau die Aufgabe des Journalismus sein, auch abstrakte, wissenschaftliche Themen verständlich und ohne Fremdwörterkaskaden zu vermitteln. Aber dazu müsste man sich ja auskennen.

II.3 „Sich nicht gemein machen“: vom Mythos der Neutralität

„Sich nicht gemein machen mit einer Sache, auch nicht mit einer guten ...“ 10 Dieses Motto journalistischen Arbeitens ist so bekannt wie im Allgemeinen unzutreffend. Das – vom reinen Nachrichtenverkünden einmal abgesehen – abgeleitete Ideal des distanzierten, nicht interessierten Journalisten ist naiv. (Wer sich für ein Thema nicht interessiert, kann es auch sein lassen.) Keine Erkenntnis ohne Interesse: Niemand ist frei von Vor-Urteilen, Neigungen, Überzeugungen. Allein der Platz in der Gesellschaft – Schicht/Milieu/Klasse – spielt eine Rolle, und männlich, weiß, heterosexuell bildet auch bei der schreibenden Zunft die Normalität.

Realiter machen sich viele Medien gemein mit dem, was man als „Volkes Stimme“ identifiziert. Sie erfüllen eine gesellschaftliche Funktion, die mehr im Wegsehen als in Aufklärung besteht, wenn an der „Mitte“ gerührt wird, selbst wenn das wie in den Migrationsdebatten heißt, Rassismus salonfähig zu machen.

Guter Journalismus ist engagiert, nicht teilnahmslos, kritisch, nicht diskriminierend. 11

II.4 Keine Kunst mehr: Recherche

Recherche ist mehr, als einen Begriff in eine Suchmaschine einzugeben. Und dass Wikipedia immerhin einen guten Überblick oder Einstieg bietet, ist nicht mehr als ein Vorurteil. 12

On dit: Artikel mit Behauptungen ohne exakte Quelle nehmen zu. „Man“, „nicht wenige“, „viele“, „glauben“, „denken“, „schätzen“ sind beliebte Versatzstücke, die Glaubwürdigkeit erzeugen sollen, wo der Autor nur vermutet. Wer sich über Content-Klau echauffiert und sich dann selbst auf der Bildsuche in sozialen Netzwerken bedient, ist bigott.

II.5 Wie mit eigenen Augen: die Macht der Bilder

Die Unbedarftheit, mit der man Fotos und Videomaterial als objektive Quellen betrachtet, ist unglaublich. Fotografien sind stets Ausschnitte aus Zeit und Raum mit eigener Geschichtlichkeit. Die Fotografie fixiert im doppelten Sinn den aus dem Zeitstrom herausgelösten Moment. Und das gilt genauso für die bewegte Fotografie. „Fotografien sind keine ‚objektiven Darstellungen ihrer Bedeutung‘. Sie sind Bilder. Ihre Objektivität ist eine optische Täuschung, die allein darauf beruht, dass ihre Symbole nicht vom Hersteller des Bildes, sondern vom Apparat erzeugt werden.“ 13

III. Wissens(ein)ordnung: Journalismus wird mehr denn je gebraucht

Gerade in der sogenannten Wissensgesellschaft braucht es mehr Orientierung denn je. Es braucht Menschen, die die Informationen aufarbeiten, sortieren, kritisieren etc. Das ist die eigentliche Aufgabe für den Journalismus – selbst wenn die Wissensgesellschaft noch wenig mehr ist als Fluten von Daten, die man nicht unbedingt Information, geschweige denn Wissen nennen möchte. In diesen Fluten einen Kompass zu bieten, Karten zur Orientierung an die Hand zu geben, hierzu ist der Journalismus aufgerufen.

Wenn Frank Schirrmacher meint, das „Internet macht unser Hirn kaputt“, und er kenne sich nicht mehr aus, dann wird es für ihn Zeit abzutreten. „Durch das Internet kann der Journalismus seine gesellschaftsbildenden Aufgaben auf neue Weise wahrnehmen … Wer in dieser neuen Informationswelt bestehen will, braucht neuen Idealismus, neue journalistische Ideen und Freude am Ausschöpfen der neuen Möglichkeiten.“ 14

Leidenschaft ist die Kardinaltugend im Journalismus. Wer diesen als Brotjob versteht, sollte sich umorientieren. (Auch hierzu – und das ist gewiss ketzerisch – kann die wenig üppige Bezahlung der Branche beihelfen.) Journalist zu sein, bedeutet in erster Linie, der Lust am Fragen und Denken nachzugehen.

„Wisst! Apoll ist der Gott der Zeitungsschreiber geworden. Und sein Mann ist, wer ihm treulich das Factum erzählt.“ 15