11.05.2011

Journalismus – worum ging es dabei doch gleich?

Essay von Andrew Calcutt

Battle in Print: Andrew Calcutt begibt sich auf die Suche nach der verschütteten Identität des Journalismus und findet sie in der industrialisierten Welt.

Zweifellos ist die Beantwortung der Frage, was genau Journalismus ist, ein mehrere Abende füllendes Programm. Um sich der Antwort dennoch zu nähern, schlage ich zunächst folgende Arbeitsdefinition vor:
 

Die Aufgabe des Journalismus besteht darin, über Ereignisse und Entwicklungen in der Weltgeschichte zu berichten, und dies mit einer Geschwindigkeit, Qualität und Präzision, die der industriellen Produktion anderer Güter in der Welt entspricht. Diese Berichterstattung richtet sich an eine große Zahl von Menschen. Urheber ist eine wesentlich kleinere Gruppe, deren Aufgabe es ist, relevante Informationen zu identifizieren und im Sinne der Interessen der Allgemeinheit zu publizieren.



Ausgelöst wurde die aktuelle Debatte über die Krise des professionellen Journalismus durch den Rückgang der Anzeigeneinnahmen aufseiten der Zeitungsverlage sowie durch die zeitgleiche Explosion nutzergenerierter Inhalte im Internet. Sie konzentriert sich zumeist auf die finanziellen Folgen dieses „Zangenangriffs“ auf die traditionelle Medienlandschaft. Bei den Prognosen über die Zukunft des „Journalismus im 21. Jahrhundert“ fällt auf, dass sehr häufig das Attribut „groß“ durch „klein“ ersetzt wird, insbesondere dann, wenn es um die Anzahl derjenigen Menschen geht, die professionell journalistisch tätig sein werden. Die Konzentration auf diese eine mögliche Veränderung führt jedoch dazu, dass andere Entwicklungen, die einen ähnlich starken, wenn nicht sogar größeren Einfluss auf den Journalismus haben, wie etwa die Vermassung der Medienbeteiligung, leicht übersehen werden.

Relative Entfernung von der Produktion

Einige Teile der Welt – wie zum Beispiel Großbritannien – sind heute weiter von wirtschaftlicher Produktion entfernt als jemals zuvor. Warum sollten Menschen in diesen Ländern etwas, was man eine „produktivistische“ Berichterstattung über die Welt nennen könnte, lesen wollen, deren Wurzeln in einer Lebensweise liegen, die auf einer aktiven Beteiligung am Produktionsprozess basiert? Genau dies war aber die historische Bedeutung des Nachrichtenjournalismus: Die Leserschaft verlangte vom Journalisten eine abgeschlossene Schilderung der Weltlage, genau wie von ihr erwartet wurde, Produkte in hoher Qualität herzustellen und dafür bezahlt zu werden. Dies erklärt den ersten Satz der oben stehenden „Arbeitsdefinition“: Die Aufgabe des Journalismus besteht darin, über Ereignisse und Entwicklungen in der Weltgeschichte zu berichten, und dies mit einer Geschwindigkeit, Qualität und Präzision, die der Produktion anderer Güter in der Welt entspricht.

Im Vergleich dazu leben wir heute in einer Welt, beziehungsweise in einem Markt, in dem diese Bestimmtheit und Endgültigkeit verpönt ist. Finalität bedeutet das Ende allen Handels und Austauschens: Ob Waren oder Persönlichkeiten – alles wird gehandelt. Unsere Existenz hängt davon ab, inwieweit es uns gelingt, diesen Prozess ins Unendliche zu verlängern. In einem solchen Klima, in dem Finalität einer Todessehnsucht gleichkommt, wird der frühere Traum des Journalisten, einen definitiven Artikel zu schreiben – die zuverlässigste Darstellung eines konkreten Ereignisses –, zu einer Albtraumvorstellung dessen, was Journalismus eigentlich nicht sein sollte.

Wenn Journalismus aber heute so nicht mehr sein soll, was macht ihn dann noch aus? Anstatt anzunehmen, dass überall Journalismus drin ist, wo „Journalismus“ draufsteht, lesen sie einfach die beiden folgenden Beispiele und denken sie dabei über die obige Definition von „Journalismus“ nach:

  1. „Die Polizei verhaftete 20 Demonstranten, die versucht hatten, professionelle Einkäufer davon abzuhalten, eine internationale Waffenmesse im Excel Exhibition Centre in Ost-London zu besuchen.“
  2. „Harmony Publications bringt ein Online-Magazin für Waffenhändler heraus, das sich sowohl für ‚private wie auch geschäftliche Angelegenheiten‘ interessiert. ‚Bellephon‘ folgt somit der sehr erfolgreichen Plattform ‚Protestors Re-United‘, einem sozialen Netzwerk für Friedensaktivisten, das ebenfalls von Harmony produziert wird.“

Diese Darstellungen sind frei erfunden, dennoch könnten sie ohne Weiteres in der realen Welt des Journalismus vorkommen. Sie sollen als Beispiele für zwei gleichzeitig auftretende Trends in der Medienwelt dienen. Das erste Statement stellt eine klassische journalistische Nachricht dar. Das zweite Statement zeigt, dass sich Anbieter von Medieninhalten, insbesondere in der Magazinsparte, so weit vom traditionellen Journalismus entfernt haben, dass sie ohne Weiteres auch ohne professionelle Journalisten auskommen.

Der Erhalt des traditionellen Journalismus

Die erste Ausführung hält sich an den klassischen Aufbau einer spannenden Story. Bereits im ersten Satz beantwortet der Autor einige der „5 Ws“ (Wer? Was? Wo? Wann? Wieso?), aber er versucht nicht, alle Informationen in einen Satz hineinzuquetschen und ihn somit zu überladen. Zudem schreibt er im Aktiv und verwendet Verben, die Aktivität suggerieren („verhaften”, „abhalten”). Gleichzeitig dürfte er sichergestellt haben, dass sein Satz nicht zu lang wird – was ihm gerade so eben gelungen ist.

Hinsichtlich seiner Form und seines Inhalts entspricht das erste Statement der Tradition des Nachrichtenjournalismus, wie sie von ausgebildeten und bezahlten Journalisten aufrechterhalten wird. Jedoch deutet noch etwas anderes darauf hin, dass dieser Satz das Produkt professionellen Schreibens ist: die Orientierung des Reporters auf „sein“ Thema. Er konzentriert sich auf ein konkretes, einzelnes Ereignis; konkret insofern, als dass es von anderen Ereignissen losgelöst wird, die als nicht journalistisch wertvoll eingestuft werden könnten. Es hat ein Ereignis stattgefunden, und um darüber berichten zu können, muss dieses Ereignis erklärt werden, damit es auch als solches wahrgenommen werden kann. Das Ziel des Reporters war es, einen klar verständlichen Bericht über dieses Ereignis zu liefern.

Dieses Ziel verfolgte nicht nur der Reporter. Seine Aufgabe, das Ereignis zu definieren und konkret darzustellen, spiegelt die ergebnisorientierte Handlungsweise der verschiedenen in das Ereignis involvierten Parteien wider. Die Polizei konnte Resultate vorweisen: Es gelang ihr, die Blockade aufzulösen. Die Demonstranten haben hingegen keine Resultate vorzuweisen: Es gelang ihnen nicht, die Waffenhändler von deren Geschäften abzuhalten. Was die Waffenhändler betrifft, ist dies schwerer zu erörtern: Dank der Polizeipräsenz konnte die Messe vonstatten gehen. Diese kann zu erhöhten Waffenverkäufen geführt haben, das muss aber nicht zwingend der Fall gewesen sein. Wenngleich sich alle beteiligten Parteien auf verschiedenen Seiten des Polizeikordons befanden, waren sie doch alle vor Ort, um ihr Ziel zu erreichen, selbst der gesandte Journalist, der seine Story bekommen wollte.

Ganz gleich, um welches Ereignis es sich in einem journalistischen Text handelt, die meisten Journalisten denken sich, wenn sie ihren Bericht verfassen, ungefähr Folgendes: „Sie taten dies oder das; ich nicht, aber ich sah, wie sie es taten; und meine Leser können nun nachvollziehen, was ich sah, oder zumindest so viel, wie ich bereit war, in meiner Rekonstruktion wiederzugeben, und sofern sie den vollen Preis für die Publikation bezahlt haben, in der der Bericht erscheint.“

Grundsätzlich gibt es drei Gruppen, die sich um einen Bericht herum verteilen: Da sind zuerst die Akteure, über die berichtet wird; dann folgen die Reporter, die den Bericht verfassen und veröffentlichen; und zuletzt die Leser, bei denen es sich wieder um eine Gruppe von Akteuren handelt, deren Handlungen durch die bezahlte Lektüre beeinflusst werden können. Form, Inhalt, Orientierung, Erwartung. Diese Tradition findet allerdings nicht zwangsweise im Arsenal vieler moderner Magazine den ihr zustehenden Platz – dies wird offensichtlich, wenn wir uns mit dem zweiten Statement näher beschäftigen.

Inhaltsanbieter wider die Tradition

Jede Veröffentlichung, die sich auf die Fahne schreibt, „sich sowohl für private wie auch geschäftliche Angelegenheiten“ zu interessieren, erklärt somit, sich nicht an die traditionelle Trennung zwischen öffentlichem und privatem Leben zu halten. Sie wird zudem nicht zwischen den verschiedenen kontinuierlichen Prozessen des Lebens unterscheiden, nicht zwischen dem morgendlichen Aufstehen und der Teilnahme an einem Business-Meeting.

Dies stellt einen Wendepunkt bezüglich dessen dar, was unter „Orientierung“ zu verstehen ist. Genauer gesagt: Es stellt das Konzept Orientierung insgesamt infrage. Dieses Konzept impliziert die Existenz von Ereignissen, Objekten oder anderen Menschen sowie die Möglichkeit, sich diesen auch aus der Distanz und ohne im direkten Kontakt mit ihnen zu stehen zuwenden zu können. Die Tilgung dieser Distanz macht Orientierung in der bisherigen Form unmöglich. Zudem wird in der modernen Magazinkultur die klare Abgrenzung der drei Akteure (Protagonist, Journalist, Leser) systematisch aufgeweicht. Je mehr sich Publikationen an den Stil sozialer Netzwerke anpassen, desto mehr scheint es, als ob Leser und Protagonisten austauschbar werden oder gar zu ein und derselben Person verschmelzen, fast so, als könne sich jeder in die Geschichte hineinschreiben.

Die Verlagsgesellschaften versuchten, auf diese Entwicklung zu reagieren, und haben ein neues Magazinmodell erschaffen. Es lässt sich im Gegensatz zu den journalistischen „5 Ws“ am einfachsten als „3 Cs und 1 B“ beschreiben, wobei die Buchstaben für Folgendes stehen:

  • Content:
    Material, das für Menschen (ursprünglich als Leser bekannt) interessant ist, häufig wird es sogar von Lesern für andere Leser geschaffen, die sich für die Themen interessieren.
  • Community:
    Diese wird von einer Gruppe (ursprünglich als Leser bekannt) durch deren Interesse und Annahme des angebotenen Materials gebildet.
  • Cash:
    Steht für den Versuch, das Interesse der Gruppe (ursprünglich als Leser bekannt) in Bargeld zu verwandeln, indem Werbung, Sponsoring und andere kommerzielle Mechanismen eingesetzt werden.

Die drei „Cs“ werden durch ein „B“-Wort zusammengehalten: dem „Brand“. Ein Brand ist ein Symbol, das benutzt wird um verschiedene, dauerhafte und eng miteinander verknüpfte Prozesse einer bestimmten Firma zu identifizieren und zusätzliche Bindungen zu erzeugen.

Was nun?

Es ist noch unklar, ob dieses Modell funktionieren wird, und falls, für wen. Können die Verlage davon profitieren? Es ist nicht sicher, ob sich Waffenhändler eines von Harmony Productions betriebenen sozialen Netzwerks bemächtigen werden, wenn sie genauso gut ein eigenes auf Facebook oder LinkedIn oder irgendeiner anderen Seite kreieren können. Und wer wird Harmonys neue Seite dann sponsern, wenn die Gemeinschaft sich irgendwo anders im Internet tummelt? Wenn dies die Zukunft des kommerziellen Magazinjournalismus sein soll, wer braucht dann noch kommerzielle Verlage oder ihre Magazine? Sollte sich dieses Modell durchsetzen, dürften Journalisten überflüssig werden, da sie lediglich Inhalte verarbeiten, die durch Leser oder „User“ zuvor erstellt wurden.

Je mehr sich die Medien auf die zwischenmenschliche Schiene (wer wir sind) konzentrieren, desto geringer wird die Bereitschaft werden, die relativ unpersönliche Form der Nachrichtenproduktion aufrechtzuerhalten und „zu kaufen“. Magazine mögen zwar zu den ältesten Formen des Journalismus gehören, allerdings ist zu bezweifeln, ob ihr gegenwärtiger Inhalt tatsächlich „journalistisch“ genannt werden sollte. Es scheint, als würden sich der Journalismus wie auch die Magazine aus einer Vielzahl von Gründen ihrer ehemals für alle Beteiligten nützlichen Identität entledigen.

Das heißt nicht, dass die Uhr für den Journalismus bereits abgelaufen ist. Aber die Frage stellt sich dennoch: Wenn der Journalismus ein Produkt der (ehemals) neuen Welt der Produktion war, diese Welt aber in vielen „Industrienationen“ mittlerweile der Vergangenheit angehört, wer braucht ihn dann noch?