20.02.2013

Pressefreiheit: Journalisten auf Abwegen

Analyse von Brendan O’Neill

In einer Rede über die Krise des investigativen Journalismus kritisiert Brendan O’Neill, Chefredakteur des britischen Novo-Partnermagazins Spiked, seine Zunft: Viele moderne Journalisten neigen zu Konformismus, konspirativem Denken und einer ausgeprägten Kreuzrittermentalität.

Als Antwort auf die Frage „Gibt es zu wenig investigativen Journalismus?“ würde ich sagen: Nein. Es gibt heutzutage viel investigativen Journalismus, das Problem dabei ist, dass ein großer Teil davon nicht besonders gut ist. Im Vergleich zum investigativen Journalismus der Vergangenheit endet es oft damit, dass die Wahrheit eher verzerrt wird, anstatt in eine erhellende öffentliche Debatte zu münden.

Ich möchte über drei K-Wörter in modernen Journalismus reden, die, wie ich denke, nachteilig auf die investigative Berichterstattung wirken.

Das erste K-Wort ist „konspiratives Denken“, also die Tendenz von Journalisten, in einer jugendlichen, ja infantilen Weise über Macht und gewisse Machtstrukturen zu schreiben, da viele Reporter offenbar zu glauben scheinen, die Welt würde von einer Clique gesichtsloser „böser Buben“ regiert.

Das zweite K-Wort ist die „Kreuzritter-Mentalität“, also das Selbstbildnis von mehr und mehr Journalisten, die sich als moralische Instanz gegen das Böse, in Gestalt von Klimawandel, Kinderschändern in der katholischen Kirche, bosnisch-serbischen Fanatikern oder was auch immer, sehen.

Und das dritte K-Wort ist „Konformismus“. Ich möchte behaupten, dass das Repertoire an Dingen, bei denen es gesellschaftlich akzeptabel ist, gedacht und gesagt zu werden, in den letzten Jahren drastisch geschrumpft ist. Selbst radikale Journalisten untersuchen und schreiben heute Dinge, die nicht annähernd so gewagt und kritisch sind, wie sie selbst meinen.

Konspiratives Denken

Zu dem ersten K-Wort – konspiratives Denken: Wir leben im Zeitalter der Verschwörungstheorien. Menschen sind bereit, jeglichen Blödsinn über 9/11 oder die Umstände von Barack Obamas Geburt zu glauben. Dies hat verschiedene Gründe, ein Großteil davon ist jedoch auf den Zusammenbruch der alten Weltordnung in den frühen 90er Jahren zurückzuführen. Während es einfach ist, „simple“ Verschwörungstheoretiker zu demontieren, sollte man beachten, dass selbst seriöser Journalismus zunehmend von verschwörungstheoretischem Denken durchsetzt wird.

Wir sollten nicht vergessen, dass die wichtigsten investigativen Scoops westlicher Medien in den letzten drei oder vier Jahren auf die Verschwörungstheoretiker von Wikileaks zurückgehen. Wikileaks wird durch die exakt gleiche Absicht getrieben wie etwa solch durchgeknallte Verschwörungsliteraten vom Schlage eines David Icke: der Überzeugung, dass das Weltgeschehen von kleinen, finsteren und verantwortungslosen Zirkeln gesteuert wird.

Insofern ist es wenig verwunderlich, dass die von Wikileaks an renommierte Zeitschriften wie den Guardian, die New York Times oder den Spiegel durchgereichten Dokumente einem sehr kindischen Journalismus Vorschub leisteten, der sich obsessiv damit beschäftigt, was Politiker und Beamte hinter verschlossenen Türen, in geheimen Memos und Kommuniqués gesagt haben – statt zu hinterfragen, was ebendiese im Rahmen der öffentlichen Debatte und offiziellen Politik äußern und tun.

“Wahrheit ist nicht etwas, das uns gegenüber enthüllt werden kann, sie ist etwas, das wir durch aktive Recherche finden, aufdecken und formulieren müssen. Sie ist nichts, was unabhängig von uns in Julian Assanges Computer existiert, sie wird von uns durch Untersuchungen und Nachdenken erst gemacht.”

Oder betrachten Sie eine der wichtigsten Enthüllungsstories der letzten Jahre in Großbritannien: die Aufdeckung des Telefonabhörskandals bei Rupert Murdochs Boulevardzeitungen. Diese Enthüllungen wurden durch eine explizite Verschwörungstheorie über Murdochs angebliche Steuerung des britischen Polit- und Justizsystems angereichert.

Uns wurde gesagt, dass Murdoch und seine Schergen „aus Hinterzimmern heraus das öffentliche Leben kontrollieren“, dass sie „einen giftigen, geheimen Einfluss“ auf das Leben der Menschen und deren Verstand ausüben. Ersetzen Sie das Wort „Murdoch“ durch das Wort „Jude“, und all dieses Zeug könnte auch in einigen zwielichtigen europäischen Zeitschriften der 1930er Jahre erschienen sein.

Die journalistischen Ermittler des Telefonabhörskandals haben etwa detaillierte Grafiken erstellt, die uns zeigen sollen, wie nah der britische Premierminister David Cameron manchen „News of the World“-Redakteuren stand, und im Detail berichtet, wer mit wem essen war, was gegessen und was möglicherweise besprochen wurde und so weiter. Dies ist es, was Verschwörungstheoretiker als „Spider Web Theorie“ bezeichnen, also die Idee, dass, wenn zwei oder mehr Personen miteinander verknüpft werden können, dies bereits als „Beweis“ für eine Verschwörung gilt.

Auch scheinen viele der aktiven investigativen Journalisten von der Idee der Vertuschung besessen zu sein. Wie bei den internetbasierten Verschwörungstheoretikern bringt sie nichts so sehr in Fahrt wie die (meist unbewiesene) Möglichkeit, Politiker, Banker oder Geschäftsleute hätten sich verschworen, um irgendetwas zu vertuschen, sei es ein beliebiges Faktum, ein Unfall oder ein Öl-Leck.

Das Auffällige an dieser Art von konspirativem Journalismus ist, wie sehr er auf undichte Stellen angewiesen ist. Vieles von diesem investigativen Journalismus stützt sich auf „geleakte“ Dokumente, sei es von Wikileaks, von verärgerten Abgeordneten oder von der Polizei. Dies spricht für einen tiefgreifenden Wandel in der Haltung und dem Anspruch des investigativen Journalismus. Es macht investigative Journalisten immer mehr zu passiven Berichterstattern, die darauf warten, dass jemand (meist ein Amtsträger) ihnen die Wahrheit offenbart und eine fertige Geschichte übergibt.

Investigative Journalisten sind von aktiven Wahrheitssuchern zu passiven Klatschempfängern geworden, passive Empfänger von brühheißen Informationen aus den Zitadellen der Macht. Anstatt unabhängige Berichterstatter zu sein, machen sie sich zum Hilfspersonal im Gezänk der Eliten. Dies ist ein Problem, denn Wahrheit ist nicht etwas, das uns gegenüber enthüllt werden kann, sie ist etwas, das wir durch aktive Recherche finden, aufdecken und formulieren müssen. Sie ist nichts, was unabhängig von uns in Julian Assanges Computer existiert, sie wird von uns durch Untersuchungen und Nachdenken gemacht.

Kreuzrittermentalität

Das zweite problematische K-Wort im modernen Journalismus ist „Kreuzritter“. Viele investigative Journalisten scheinen heute zu glauben, dass sie moralische Kreuzfahrer gegen die Schlechtigkeit der Welt sind, dass sie die Kraft des Guten gegen das Böse sind.

Sie sehen dies z.B. an der Art, wie Umweltschützer in den Medien „Big Oil“ und seine bösen Machenschaften anprangern. Grüner Journalismus ist die unangenehmste Spielart des gegenwärtigen Journalismus, verwendet er doch eine sehr kindliche, fast biblische Sprache, um die Abscheulichkeit und Destruktivität der modernen Industrie und der modernen Welt zu beschreiben.

Noch explizierter ist dieser Kreuzrittereifer in der Auslandsberichterstattung zu beobachten. Viele Auslandsreporter reduzieren jetzt Kriege auf einfache Kämpfe zwischen Gut und Böse, als die neueste Wiederholung des Nazi-Holocaust. Überall, von Bosnien über Ruanda bis nach Syrien, werden hochgradig komplexe Bürgerkriege von Enthüllungsreportern in simple Auseinandersetzungen zwischen guten und bösen Jungs umgewandelt, mit Reportern, die sich nur allzu oft auf die Seite der „Guten“ schlagen und selbst einen „Krieg der Worte“ gegen die bösen Jungs führen wollen.

“Oftmals verwickeln sich investigative Journalisten so sehr in ihre moralischen Kreuzzüge gegen „böse Menschen“, dass sie nicht mehr innehalten, um wirklich ernste, brisante und bohrende Fragen zu stellen.”

Teilweise wird dies von einem narzisstischen Wunsch der Reporter, im Mittelpunkt des Geschehens zu stehen, angetrieben. Betrachten Sie beispielsweise Journalisten wie den ehemaligen BBC-Korrespondenten Fergal Keane – in seiner Berichterstattung aus Ruanda in den 1990er Jahren schien er mehr daran interessiert, seine eigenen Emotionen und Gefühle zu untersuchen, als das, was sich in diesem geschundenen Land abgespielt hat. Dieserart Journalisten sind so eitel, dass sie meinen, sogar der Krieg anderer Leute drehe sich um sie selbst.

Diese Kreuzritter-Mentalität kann einen verzerrenden Einfluss auf die Wahrheit haben. Denn wenn es ihr Instinkt ist, alles in eine einfache Gut-gegen-Böse-Erzählung zu pressen, dann werden sie natürlicherweise anfällig dafür, Objektivität und feine Nuancen aus den Augen zu verlieren. Sie werden instinktiv bestimmte Tatsachen, die ihr Schwarz-Weiß-Denken stützen, verstärkt darstellen, während sie andere, die es in Frage stellen würden, vernachlässigen.

Betrachten Sie als Beispiel Ruanda und den furchtbaren Krieg, der 1994 dort stattfand. So ziemlich jeder Journalist auf Erden stellte die Hutu-Führer als naziähnliche Barbaren dar, während die Tutsi-Führer als gute und tapfere Seelen galten. Wer dieses Skript in Frage zu stellen wagte, wurde von der vereinigten Weltpresse abgeschossen. Heute, rund 20 Jahre später, gilt Ruanda als eines der am autoritärsten geführten Regimes Afrikas. Menschen, die sich dort kritisch gegenüber dem Präsidenten äußern oder es wagen, kritische Betrachtungen der Geschehnisse 1994 zu veröffentlichen, können dort als Völkermordleugner verhaftet und inhaftiert werden.

Dieser ideologische Autoritarismus ist zumindest teilweise auch der unkritischen Gut-Böse-Erzählung westlicher Journalisten geschuldet, die sich fest in der internationalen Politik etabliert hat und dem Tutsi-Regime der Nachkriegszeit erlaubte, fast alles zu tun, was ihm passte. Wir sollten auf der Hut sein, nicht zu journalistischen Kreuzfahrern zu werden, denn die Welt ist immer kompliziert und bunt, niemals nur schwarz-weiß.

Konformismus

Das letzte K-Wort lautet „Konformismus“. Heute wird die Tatsache, dass wir in einer ziemlich gleichgeschalteten Zeit leben, von der Existenz vieler, teils sehr lauter investigativer Journalisten und neuer Formen der Online-Medien verschleiert.

Oftmals verwickeln sich investigative Journalisten so sehr in ihre moralischen Kreuzzüge gegen „böse Menschen“, dass sie nicht mehr innehalten, um wirklich ernste, brisante und bohrende Fragen zu stellen.

Zwei kurze Beispiele: Betrachten Sie den Banker-Bashing-Journalismus in Großbritannien, wo Artikel für Artikel „enthüllt“ wird, was gewisse Banker verdienen, was sie trinken, wo sie Urlaub machen und so weiter. Oder nehmen wir den antikatholischen Journalismus in Irland, wo Reporter riesige Mengen an Energie aufwenden, um über die Verbrechen von Priestern und Nonnen zu berichten.

“Wir sollten das Ideal des investigativen Journalismus wiederbeleben, als Mittel zur Stärkung der Öffentlichkeit durch aufgeklärte und offene Debatten”

All dies gilt als kritisch und bissig. Leider halten nur wenige Journalisten inne, um zu bedenken, wie nützlich es doch für unsere Regierungen ist, wenn die Leute sich über gierige Banker statt die Verantwortung der Regierung für die Rezession aufregen. Nur sehr wenige Journalisten denken darüber nach, wie nützlich es für die Regierungen ist, wenn sich die Leute über Verfehlungen religiöser Einrichtungen in der Vergangenheit aufregen, statt zu fragen, was Politiker heute und in Zukunft für uns tun können.

So erscheint dieser Kreuzritter-Journalismus oft fast wie eine Art staatlich sanktioniertes Ablenkungsmanöver: Den heutigen, sehr realen politischen und sozialen Problemen wird Aufmerksamkeit entzogen und stattdessen auf das Verhalten und die Verbrechen einer kleinen Gruppe von Menschen gelenkt.

Solcherart Journalismus präsentiert sich als radikal, entspricht aber der recht elitären Überzeugung, dass das dekadente Verhalten missratener Individuen mehr für unsere aktuellen Krisen verantwortlich ist als die Politik unseres gewählten politischen Führungspersonals.

Journalismus im Sinne der Aufklärung

Die drei beschriebenen Trends mit K – Konspiratives Denken, Kreuzrittermentalität und Konformismus – haben dem Aufstieg einer deformierten Form des investigativen Journalismus Vorschub geleistet: einem Journalismus, der die normalen Menschen entmachtet, indem er uns alle zu bloßen Zuschauern von geheimen Verschwörungen degradiert, denen wir nur schockiert und angewidert gegenüberstehen können. Einem Journalismus, der den Staat ermächtigt, indem er ihn auffordert, vorgeblich rückständige Individuen oder verkommene Institutionen zu disziplinieren oder böse schwarze Menschen im Ausland zu bombardieren.

Ich denke, wir sollten diese den Journalismus korrumpierenden Trends mit K angreifen. Und wir sollten das Ideal des investigativen Journalismus wiederbeleben, als Mittel zur Stärkung der Öffentlichkeit durch aufgeklärte und offene Debatten, die vor allem auch dazu dienen, Regierungen und Staaten in den Fokus zu rücken und in die Defensive zu drängen.