03.06.2013

Obst und Gemüse als Krankmacher?

Kommentar von Uwe Knop

Seit der „5-am-Tag“-Kampagne verzeichnen die Krankenhäuser 80 Prozent mehr Magen-Darm-Krankheiten. Da solche Kampagnen meist auf wissenschaftlich nicht belegbaren Hypothesen beruhen, sollte der ernährungspolitische Blindflug gestoppt werden.

Seit mehr als 13 Jahren hat sich eine Regel zur gesunden Ernährung besonders fest ins Gedächtnis der Menschen gebrannt: „Bürger, esst fünf Portionen Obst und Gemüse am Tag!“ - so lautet der staatliche Aufruf zum kollektiven Pflanzenverzehr. Die Bundesregierung versucht mit solchen ernährungspolitischen Erziehungsmaßnahmen wie 5-am-Tag oder In Form das Ernährungsverhalten der Deutschen zu verbessern. Dazu stützt sich Ilse Aigners (CSU) Ministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz (BMELV) auf Empfehlungen der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE). Doch diese „Allianz“ offenbart ein doppeltes Problem: Erstens sind die Empfehlungen der DGE nicht wissenschaftlich abgesichert. [1] Zweitens ist unbekannt, welche Auswirkungen die darauf basierenden Ernährungskampagnen auf die Gesundheit der Bevölkerung haben: Es existiert kein Nutzennachweis, dass ernährungspolitische Maßnahmen die Gesundheit der Bundesbürger fördern. Daher kann auch ein Schaden nicht ausgeschlossen werden - nach den gängigen Erklärungsmodellen der Ernährungsforschung sind gar negative Auswirkungen nicht unplausibel.

Kampagnen wie In Form oder 5-am-Tag sind groß angelegte Ernährungsversuche, die sich an alle Bundesbürger richten – mit etwas Polemik kann man sie demnach als „Menschengroßversuche“ bezeichnen. Und deren Auswirkungen kennt niemand. Aber dieses Wissen um den „Kampagnen-Impact“ ist essenziell, da der reichhaltige Verzehr von Pflanzenkost nicht pauschal als „gesund“ abgehakt werden kann. Denn es ist möglich, dass der staatliche Aufruf zu mehr Obst- und Gemüseverzehr für kollektive Verdauungsprobleme sorgt: Die klinischen Fälle diffuser Magen-Darm-Erkrankungen sind laut Gesundheitsberichterstattung des Bundes seit 2000, dem Beginn der Ernährungskampagne 5-am-Tag, bis 2011 um etwa 80 Prozent angestiegen. Konkret hat sich seit Kampagnenstart auch die Fallzahl bei Symptomatiken mit Verstopfung und Durchfall verdoppelt, beim Symptombild Aufstoßen, Blähbauch und Blähungen sind die klinischen Diagnosen sogar um über 150 Prozent angestiegen. [2]

Das „Schweige-Dilemma“ von BMELV und DGE

Weder BMELV noch DGE konnten oder wollten auf die Frage nach einem Nutzennachweis von Ernährungsregeln und -kampagnen eine Stellungnahme abgeben. [3] Auch das staatliche Institut für Wirtschaftlichkeit und Qualität im Gesundheitswesen, IQWiG, hat eigenen Angaben zufolge noch keinen Auftrag zur Nutzenbewertung erhalten – diesen Auftrag könnte beispielsweise Daniel Bahrs Bundesministerium für Gesundheit (BMG) erteilen, das auch bei den ernährungspolitischen Kampagnen mitwirkt. So aber ist derzeit bedenklicherweise festzuhalten, dass anscheinend niemand weiß, ob die ernährungspolitischen Maßnahmen der Gesundheit nutzen. Wenn man die „Fakten-Herleitungs-Maßstäbe“ der Ernährungswissenschaften heranzieht, so kann man gar das Gegenteil vermuten: Fünf mal-am-Tag Obst und Gemüse steigert das Risiko für Magen-Darm-Krankheiten um 80 Prozent! Diese Hypothese lässt sich natürlich nicht belegen – denn zwischen den beiden Fakten besteht nur eine Korrelation, also ein Zusammenhang, der niemals eine Ursache-Wirkungs-Beziehung erlaubt. Die Crux an der Sache: Genau auf solchen Korrelationen jedoch basieren die gängigen Ernährungsregeln, auf die sich wiederum Aigners Kampagnen stützen. Fehlende Beweise werden dabei durch „Plausibilitäten“ ersetzt, um den Schein der Wissenschaftlichkeit zu wahren.

Krank durch Obst und Gemüse? Physiologisch nachvollziehbar!

Solche Plausibilitäten, also naheliegende Erklärungsmodelle, lassen sich natürlich auch finden, um den Zusammenhang der 5-am-Tag-Kampagne mit der wachsenden Zahl an Magen-Darm-Erkrankungen zu untermauern: Der Verzehr von viel Obst- und Gemüse ist mit einer erhöhten Aufnahme von schwer verdaulichen Ballaststoffen und Fruktose verbunden. Das kann bei Menschen mit empfindlichem Magen-Darm-Trakt zu Verdauungsproblemen wie Blähungen, Durchfall oder Bauchschmerzen führen. Als „Problemverstärker“ könnte die Empfehlung wirken, Milch- und Milchprodukte zu verzehren, denn auch der darin enthaltene Milchzucker, Laktose, ist für viele Menschen schwer verdaulich. Hinzu kommt, dass auch die propagierten Vollkornprodukte mit ihren vielen unverdaulichen Bestandteilen nicht jedem Magen-Darm-Trakt gut bekommen.

Zu dieser plausiblen, unerwünschten Nebenwirkung „Krank durch gesunde Ernährung“ hat sich der österreichische Ernährungsmediziner Professor Maximilian Ledochowski bereits 2007 mit Fällen aus der Praxis an die Öffentlichkeit gewandt: „Die Gruppe der Patienten, die Ballaststoffe nicht gut vertragen, ereilt oft das Schicksal, dass sie zum Arzt gehen, endoskopisch untersucht werden, die Diagnose eines Reizdarmsyndroms bekommen und mit den Empfehlungen nach Hause gehen, sich gesund zu ernähren. Befolgen sie dann diese Empfehlungen, nehmen sie noch mehr Ballaststoffe zu sich und geraten in einen Teufelskreis hinein, aus dem sie kaum selbständig herauskommen können.“ Laut Ledochowski liegt das „Kernproblem darin, dass eine Empfehlung ausgegeben wird, viele Ballaststoffe zu essen.“ [4]

Wenn gesunde Ernährung zum Zwang wird: Orthorexie

Neben Verdauungsbeschwerden könnte eine weitere Erkrankung in Zusammenhang mit Aufklärungskampagnen zu gesunder Ernährung stehen: Orthorexie – das ist eine Essstörung, bei der die Betroffenen sich zwanghaft gesund ernähren. Professorin Martina de Zwaan, Direktorin der Klinik für Psychosomatik und Psychotherapie der Medizinischen Hochschule Hannover, betreut zwar jährlich nur ein Handvoll Orthorektiker, die sich neu in klinische Therapie begeben, doch sie macht klar: „Betroffen sind vermutlich viel mehr, bei uns landen sie erst, wenn sie im Alltag nicht mehr zurechtkommen.“ Eine interessante Vermutung von De Zwaan, die in der Ernährungsberaterbranche sicher für ordentlich Aufruhr sorgt, lautet: „Orthorektiker gehören zunehmend der Klientel von Ernährungsberatern und Diätassistenten an, um sich noch mehr Infos über gesunde Ernährung zu beschaffen.“ [5]

Konsequent: Kampagne für mehr Kaffeekonsum und zur Förderung von Übergewicht

Dabei sollten nicht nur Orthorektiker wissen, dass gesunde Zweifel an „gesunden 5-am-Tag“ inzwischen wissenschaftlicher Konsens sind: denn Ernährungsforscher konnten noch nicht einmal Korrelationen (statistische Zusammenhänge) errechnen, die einen Krebsschutz durch Obst- und Gemüseverzehr zeigen. Ergo: Einerseits fehlen bei 5-am-Tag die wissenschaftlich belastbaren Beweise, andererseits liegen noch nicht einmal Daten vor, dass ein Krebsschutz durch Obst- und Gemüseverzehr überhaupt theoretisch möglich erscheint. Wenn die Politik aber auf das dünne Datenfundament der Ernährungswissenschaften und damit auf Hypothesen vertrauen muss, dann sollten Aigners Kampagnenschmiede wenigstens auf Beobachtungsstudien setzen, die vielversprechende Vermutungen ermöglichen – hier bietet sich der Kaffee geradezu an, denn die epidemiologische Datenlage zur „Gesundheitsförderung“ durch Kaffeekonsum ist enorm. Der Deutschen liebstes Getränk ist gemäß Erkenntnissen zahlreicher Beobachtungsstudien ein wahres Allheilmittel, denn Kaffee „schützt“ vor Diabetes, Depressionen, Krebs, Alzheimer, Gicht, Schlaganfall und Herzerkrankungen. [6] Idealerweise sollten die Staatsorgane die „5-am-Tag Tassen Kaffee“-Kampagne mit einem nationalen Aktionsplan „Übergewicht“ kombinieren, denn viele Studien haben gezeigt, dass Menschen mit Übergewicht am längsten leben. Erst Anfang 2013 konnte im weltweit führenden Medizinjournal Jama die bis dahin größte Analyse von 97 Studien mit fast 3 Millionen Teilnehmern diesen Zusammenhang erneut bestätigen. [7] Wenn Aigners Ministerium also die Gesundheit der Bundesbürger fördern und ihre Lebenserwartung verlängern möchte, sich dabei aber nur auf DGE-Hypothesen verlassen kann, dann sollte man im BMELV scheuklappenfrei über eine Kaffee-Kampagne und einen Übergewichts-Aktionsplan nachdenken. Aber auch dabei muss klar sein: Es liegen keine wissenschaftlichen Beweise (Kausalitäten) vor, sondern ausschließlich Zusammenhänge (Korrelationen), die nur Hypothesen erlauben.

Ernährungskampagnen: Nutzen nachweisen oder stoppen

Aufgrund der schwachen wissenschaftlichen Datenbasis, der fehlenden Beweise für Regeln zur „gesunden Ernährung“ und den möglichen negativen Folgen wie Verdauungs- und Essstörungen sowie dem nicht existierenden Nutzennachweis von Ernährungskampagnen muss man davon ausgehen, dass Deutschland ein riesiges Versuchslabor ist – und die teilnehmenden Bundesbürger sind die Versuchskarnickel eines „Menschengroßversuchs”, dessen Auswirkungen niemand kennt. Denn bei der „Gretchenfrage“, ob der Nutzen den Schaden überwiege, kann die Ernährungsforschung nur auf ihre Standardantwort verweisen: Nichts Genaues weiß man nicht … Daher lautet der Appell an Aigner, Bahr und die zuständigen Beamten in den Bundesministerien: Entweder muss ein wissenschaftlicher Nachweis auf den Tisch, dass Ernährungsregeln und -kampagnen der Gesundheit der Bevölkerung tatsächlich nutzen – oder der „ernährungspolitische Blindflug“ muss gestoppt werden (das geht auch, wenn man bereits viele Millionen verpulvert hat, wie das „Drohnendebakel à la de Maizière“ gerade zeigt).