16.06.2011

Werden wir alle vergiftet?

Analyse von Walter Krämer

Chemie im Essen sei der größte Gesundheitsgefährder, heißt es. Dabei sind die meisten Gefahren, wie Ehec, nicht menschengemacht sondern natürlichen Ursprungs sind. Waren Panikmacher wie Greenpeace in der Ehec-Krise deshalb so still?

„Stimmt es, daß ich mich mit BSE anstecken kann,
wenn ich lange auf meinem Rindsledersofa sitze?“

- Ein besorgter Leser an die Rheinische Post in Düsseldorf -


Was haben die Dioxin- und die EHEC-Aufregung des Jahres 2011 gemeinsam? Weniger als man denkt. Eigentlich nur die Gesundheitsgefahr durch Lebensmittel – bei EHEC real und bei Dioxin imaginär. Darüber hinaus ist die Massenhysterie wegen Dioxin zu Beginn des Jahres mit der gemäßigten Sorge über EHEC überhaupt nicht zu vergleichen. Denn wahre Panik bedarf der Panikmacher (Grüne, Greenpeace, foodwatch usw.), und diese hielten sich in der EHEC-Affäre bemerkenswert zurück.

So wie sie auch alle anderen natürlichen Gefahren durch Lebensmittel nicht beachten. Die in zwei Muskatnüssen enthaltenen Mengen der Gifte Myristicin - auch in Dill und Petersilie - und Elemicin z. B. reichen aus, ein Kind umzubringen. Die hochgiftige Blausäure kommt in Bittermandeln – da allerdings in abnorm hoher Konzentration – und in fast allen anderen pflanzlichen Lebensmitteln, besonders konzentriert auch in Leinsamen vor - mehr als zwei Kochlöffel täglich, und man darf den Doktor rufen. Das in Käse enthaltene Tyramin gefährdet Personen, die sogenannte MAO-Hemmer als Antidepressiva oder gegen Parkinson nehmen, mit den Folgen Bluthochdruck und Herzinfarkt. Honig enthält den Krankheitserreger Clostridium botulinum, bei Babys kann das zu einer Lähmung des Darmes und einer hartnäckigen Verstopfung führen. Rohe Grüne Bohnen - schon fünf bis sechs Stück - rufen schwerste hämorrhagische Gastoenteritis hervor, und auch die besten biologisch angebauten Karotten enthalten das Nervengift Carotatoxin plus eine ganze Reihe weiterer giftiger Substanzen sowie sogenannte Isoflavone, die eine östrogene Wirkung besitzen, also weibliche Sexualhormone imitieren. Äpfeln, Birnen oder Pflaumen enthalten giftige Kaffeesäure, Aprikosen, Kirschen, Pfirsiche und Pflaumen enthalten Chlorogensäure, Orangen enthalten d-Limonen (können Allergien auslösen), kaltgepreßtes Olivenöl enthält Perchlorethylen. Und das stärkste Nervengift der Welt, Botulinustoxin, von dem zwei Milliardstel Gramm einen Menschen töten, wird von einem Bakterium produziert, das völlig natürlich in Fleischwaren gedeiht; weniger als ein Gramm davon würden ausreichen, ganz Deutschland zu entvölkern.

Viele dieser von Natur aus in Pflanzen enthaltenen Stoffe sind nicht nur giftig, sondern auch als Krebserzeuger oder Chromosomenbrecher (sog. Klastogene) nachgewiesen. Z. B. kann das Allylisothiocyanat, ein Abbauprodukt des in Kohl enthaltenen Sinigrin, schon in einer 200.000 mal niedrigeren Konzentration – bei 0,0005 Milligramm pro Kilogramm - Chromosomenbrüche erzeugen (abgekürzt auch ppm = „parts per million“ = Teilchen pro Million). Und Kohl enthält bis 590 ppm natürlich hergestelltes Sinigrin, Rosenkohl bis zu 1500 ppm, brauner Senf sogar bis zu 72.000 ppm. Und einer der stärksten krebsfördernden Stoffe überhaupt, das Aflatoxin, wird in der Natur von einem Schimmelpilz gebildet, der auf Brot, Wurst oder Käse wächst.

Nach einer vielzitierten Studie des angesehenen amerikanischen Biochemikers Bruce N. Ames und Koautoren machen diese von der Natur produzierten Gifte und Pestizide in Gewicht gemessen fast 100 Prozent (genau: 99,99 Prozent) aller Pestizide in unserer Ernährung aus. „Nach unserer Berechnung sind 99,99% - nach Gewicht – aller Pestizide in amerikanischen Nahrungsmitteln solche, die von den Pflanzen selbst produziert werden, um sich gegen ihre Feinde zu verteidigen,” schreibt Ames in den Proceedings of the National Academy of Science. “Die natürlichen Chemikalien bestreiten den Riesenanteil aller Chemikalien in unserer Ernährung und sollten deswegen als Vergleichsmaßstab dienen, wenn wir die mögliche Krebsgefährdung durch synthetische Chemikalien quantifizieren […] Pflanzen erzeugen Gifte aller Art als Schutz gegen Pilze, Insekten und andere Tiere.  […] Zehntausende dieser natürlichen Pestizide wurden bereits entdeckt und jede bisher analysierte Pflanzenart enthält davon mehrere Dutzend […] Nach unserer Schätzung essen Amerikaner ungefähr 1,5 g natürlicher Pestizide pro Tag, ungefähr 10.000 mal so viel als sie an synthetischen Pestiziden zu sich nehmen.“

Dieser Artikel von Ames, in der berühmten Fachzeitschrift Proceedings of the National Academy of Sciences bereits im Jahr 1990 erschienen, hat in den Wissenschaften für ein gehöriges Umdenken gesorgt. Aber leider nur dort. Die Verbraucher essen weiter unbekümmert und in großen Mengen natürliche Gifte aller Art und geraten in Panik, wenn von künstlichen Pestiziden oder Zusatzstoffen die Rede ist. Nach einer Umfrage von Greenpeace aus dem Jahr 2007 wollen 71% aller Bundesbürger, dass überhaupt keine Rückstände künstlicher Pestizide in Obst und Gemüse enthalten sind, und nur 2,1 Prozent sahen in den Rückständen von Pflanzenschutzmitteln kein Problem. Und stolze 88,8 aller Bundesbürger fordern sogar, dass konventionell angebaute Waren wie etwa Tafeltrauben, bei denen wiederholt „zu hohe“ Rückstände festgestellt werden, grundsätzlich nicht mehr angeboten werden dürfen.

Kein Wunder, denn auch zu den modernen Massenmedien ist die Übermacht der natürlichen über die künstlichen Pflanzengifte noch nicht durchgedrungen, hier dominieren weiterhin Meldungen wie “Neuer Schock! So werden unsere Kartoffeln vergiftet!“ So überschreibt etwa eine große Fernseh-Programmzeitschrift einen typischen reißerischen Bericht über Pestizide in der beliebten deutschen Knollennahrung. „Jede Knolle fünfmal chemisch behandelt. Wer soll das noch essen?” Und so geht es weiter:


“Das hat uns gerade noch gefehlt. Die Kartoffel in Verruf – vergiftete Atmosphäre um die Knolle, die zur begehrtesten Frucht der Deutschen wurde. Die neuen haarsträubenden Geschichten um die Pflanze, die Geschichte machte: Fünfmal Gift, bevor die Kartoffel auf den Tisch kommt!


Gift als Dünger (bis zu 180 kg pro ha)
Gift als Unkrautvernichtung
Gift zur Krautabtötung
Gift als Keimhemmittel
Gift als Bodenaufbereiter…


Tatsachen: 50 chemische Gifte dürfen in Deutschland beim Kartoffelanbau eingesetzt werden […] Belastend vor allem: Nitrate aus der Überdüngung (werden im Körper in krebserregendes Nitrit umgewandelt).”


Usw., die ganze Seite rauf und runter… Man ist versucht, dem Schreiber dieser Zeilen drei Pfund Bio-Kartoffeln einzustopfen. Deren grüne Stellen enthalten, wie die grünen Stellen anderer Kartoffeln auch, große Mengen des hochgiftigen Solanins. Dieser Stoff gehört wie Koffein und Nikotin zu der Gruppe der Alkaloide, ein halbes Gramm davon, und man ißt niemals im Leben mehr Kartoffeln. Aber schon sehr viel kleinere Dosen können zu Magen-Darm-Beschwerden führen. Im Jahr 1978 ist es in England zu einer Massenvergiftung durch Solanin in den Kartoffeln einer Schulküche gekommen. Ähnliche Massenvergiftungen durch Nitrate oder künstliche Pestizide, ohne die so manche Kartoffel heute niemals auf den Teller käme, sind dagegen bislang nicht bekannt.

Trotzdem gelangen immer wieder alarmistische Pressemitteilungen wie die folgende vom 4. Februar 2010 auch in die seriösen Medien; wie leider üblich wird darin die Faktenlage zumindest mit Worten umgedreht. Eine Greenpeace-Studie hatte 1150 Pflanzenschutzmittel auf ihre Gefährlichkeit für Mensch und Umwelt überprüft und 17 Spritzmittel gefunden, die von deutschen Verbrauchern besonders häufig durch Lebensmittel aufgenommen werden. „Darunter weiterhin das BASF-Produkt Iprodion auf Kopfsalat, das trotz seiner vermutlich krebserregenden Wirkung eingesetzt wird. Oder das neurotoxisch wirksame Fungizid Cyprodinil von Syngenta, das Greenpeace in Tafeltrauben festgestellt hat. Im Vergleich zur 2008 von Greenpeace publizierten Schwarzen Liste hat sich die Zahl der gefährlichen Pestizide von 327 auf 451 erhöht.“

Greenpeace hat ein Fungizid in Tafeltrauben festgestellt! Gibt es eine Meldung mit noch weniger Informationsgehalt? Liebe Leute von Greenpeace: belegt mal einen Kurs in Lebensmitteltoxikologie! Oder lest mal den Artikel von Bruce Ames. Es gibt nämlich nicht nur 451 gefährliche Pestizide in unseren Lebensmitteln, wie in Eurer Liste, sondern Tausende davon, jedenfalls sehr viel mehr als ihr gefunden habt. Aber tröstet euch: Irgendwann findet ihr die auch.

„Wenn wir sicherstellen wollen, dass solche Gifte in Zukunft aus unserer Nahrung verschwinden, dann müssen wir vermehrt auf Bio-Lebensmittel zurückgreifen“ lese ich zu dieser Studie im Internet. „Diese sind zwar teurer, machen aber wenigstens nicht krank.“


Na dann guten Appetit!