07.12.2012

Achtung adipöser Advent!

Kommentar von Uwe Knop

Schädliche Dickmacher machen uns zu willenlosen Weihnachtsfressmaschinen, behaupten alle Jahre wieder die zahlreichen „Ernährungsapostel“. Der Ernährungswissenschaftler Uwe Knop widerspricht und rät stattdessen Glühwein, Plätzchen und Festtagsbraten ganz einfach zu genießen

Nun ist sie wieder da: die Adventszeit mit ihren Weihnachtsmärkten, Weihnachtsfeiern und den zahlreichen, festlichen Leckereien in süß und herzhaft, flüssig und fest. Doch Achtung Advent! Denn es lauert fette Gefahr: die vorweihnachtlichen Genüsse, allerorten auf die Hand verzehrfertig verfügbar, machen den braven Bürger zu einer willenlosen Weihnachtsfressmaschine, die alle kulinarischen Festtagsköstlichkeiten unreflektiert in sich hineinstopft und bis zum Jahresende fett wird wie die Weihnachtsgans. Das ist natürlich Quatsch. Aber diesen Eindruck gewinnt man jedes Jahr aufs Neue, wenn die große Schar „Ernährungsapostel“ ihre frohe Botschaft unters Volk bringt, wie man sich „gesund und kalorienbewusst“ während der Feiertage ernähren soll, damit man nicht dick wird. Doch diese Ratschläge kann man getrost ignorieren, denn dick wird man höchstens zwischen Neujahr und Weihnachten, aber sicher nicht während der Festtage zum besinnlichen Jahresausklang. Gerade zur Weihnachtszeit, wo es sich Menschen nach einem anstrengenden Jahr kulinarisch richtig gut gehen lassen, sind solche „wohlmeinenden Ratschläge“ völlig fehl am Platz.

Die Alternative für den „mündigen Essbürger“ lautet: „Genießen Sie diese besondere Zeit mit ihren kulinarischen Köstlichkeiten mit allen Sinnen, echtem Hunger und vollem Genuss.“ Denn die Wissenschaft hat bislang keinen einzigen Beweis geliefert, dass „Weihnachtsfeiern & Gänsebraten“ dick machen. Ganz im Gegenteil: Sowohl Weihnachtsgans und Stollen als auch Schokoladennikolaus und Plätzchen sind am Übergewicht unschuldig, weil generell gilt: einzelne Lebensmittel als dickmachende Buhmänner abzustempeln ist wissenschaftlicher Nonsens. Es gibt bis dato keine ernst zu nehmende Studie, die belegt, dass irgendein Nahrungsmittel dick macht oder krank, schlank oder schlau. Übergewicht entwickelt sich nicht aufgrund bestimmter Speisen, sondern auf Basis eines komplexen Zusammenspiels zahlreicher Ursachen, die stets individueller Natur sind. Dazu gehören insbesondere das Erbgut (Gene), das zu 70 bis 80 Prozent unser Körpergewicht bestimmt, sowie Emotional Eating (Essen aus Frust, Kummer oder Stress) und Schlafmangel, aber auch die soziale Schichtzugehörigkeit, die Herkunft und das Bildungsniveau. Darüber hinaus können auch Krankheiten (Schilddrüsenunterfunktion) oder Medikamente (Antidepressiva, Betablocker) zu Fetteinlagerung führen. Daher ist jegliche Warnung vor dickmachenden Weihnachtsgenüssen nichts weiter als ideologisch geprägte Missionierung von Ernährungsaposteln, die noch immer an die Existenz ungesunder Lebensmittel glauben.

Gesunde Lebensmittel? Gibt es nicht!

Dabei hat die führende deutsche Ernährungsinstitution DGE (Deutsche Gesellschaft für Ernährung) bereits 2010 in einem dpa-Interview zu meinem Buch Hunger & Lust klargestellt: „Die Einteilung in gesunde und ungesunde Lebensmittel hat keinen Sinn.“ Der gleichen Meinung sind auch das DIfE (Deutsches Institut für Ernährungsforschung) und der aid-Infodienst. Darüber hinaus gilt: Empfehlungen zu gesunder Ernährung und der Glaube an den Weihnachtsmann haben eines gemeinsam: Beide basieren nicht auf wissenschaftlich gesicherten Erkenntnissen, sondern auf Vermutungen, Überlieferungen und Wünschen. Und das liegt an der äußerst schwachen Datenbasis, auf die sich die Ernährungswissenschaft stützen muss: Deren Beobachtungsstudien ergeben ausschließlich statistische Zusammenhänge (Korrelationen), die nur Vermutungen zulassen, aber niemals Ursache-Wirkungs-Beziehungen (Kausalitäten) liefern. [1] Ein einfaches Beispiel: Genauso wie diese so genannten „epidemiologischen Untersuchungen“ zeigen, dass Wurstesser öfter an Diabetes erkranken, könnte dieser Zusammenhang für Zuschauer der Tagesschau bestehen, wie die folgende, fiktive Meldung zeigt: „ARD-Tagesschauer haben doppelt so hohes Diabetesrisiko wie ZDF-Heute-Journal-Zuschauer!“ Aber selbst wenn diese Meldung stimmen würde, wäre damit natürlich noch kein Beweis erbracht, dass die Tagesschau tatsächlich das Diabetesrisiko erhöht und das Gleiche gilt für die Wurst. Und es gilt für nahezu alle Erkenntnisse zu „gesunden“ oder „krankmachenden“ Nahrungsmitteln. Denn das Credo der Ernährungswissenschaften lautet: Nichts Genaues weiß man nicht.

Woher kommt Übergewicht? Man weiß es nicht!

Und genauso ratlos wie die „bemitleidenswerten Ernährungswissenschaften“ (Professor Gerd Antes, Direktor des deutschen CochraneInstituts zur Bewertung von wissenschaftlichen Studien) in Sachen gesundheitsrelevante Effekte des Essens sind, stochern Adipositasforscher im Nebel des komplexen Ursachengeflechts von Übergewicht, denn mindestens 15 verschiedene Gründe [2] können bei der Entstehung von Übergewicht individuell zusammenspielen. Allgemeine Aussagen zu „adipogenen“, also Fettleibigkeit fördernde Faktoren lassen sich daraus jedoch bislang nicht ableiten. Die Ernährungsapostel sollten ihre wissenschaftlich völlig unbegründeten Warnungen vor dickmachenden Festtagsgenüssen also besser für sich behalten…

In diesem Sinn: Lassen Sie sich die lukullischen Festtage von Ernährungsideologen nicht madig machen, sondern genießen Sie diese schöne Zeit bei vollem Bewusstsein aller kulinarischen „Schandtaten“!