15.09.2015

Lecker Klonfleisch

Kommentar von Thilo Spahl

Der Verbraucher ist der Politik liebstes Kind. Sie schaut ihm aufs Maul und schützt ihn nach Kräften. Am liebsten beim Essen – vor „Genfood“ und „Frankenfood“ und neuerdings auch vor „Klonfood“. Dabei ist weder Tier- noch Menschenwohl gefährdet.

In der letzten Woche stimmte eine große fraktionsübergreifende Mehrheit im Europäischen Parlament dafür, die Einfuhr und Verwertung geklonter Nutztiere zu verbieten. Die Regelung soll auch für ihre Nachkommen gelten und ebenso für die Vermarktung von Zuchtmaterial geklonter Tiere, also Sperma, Eizellen und Embryonen. Um das Verbot praktisch umzusetzen, soll von Exportländern wie den USA, Argentinien, Kanada und Brasilien allen Ernstes ein „Klonfrei“-Zertifikat für alle Tiere und Tierprodukte wie etwa Milch gefordert werden.

Es begann im Jahr 1996 mit Dolly, dem ersten geklonten Schaf. Schnell wurde die Technik in der Forschung zur Routine. Beim Klonen findet keine herkömmliche Befruchtung statt, sondern es wird die komplette DNA eines besonders wertvollen Tieres, das zu diesem Zeitpunkt auch schon tot sein kann, in eine entkernte Eizelle übertragen, die selbst kein Erbgut mehr besitzt. Der so erzeugte Embryo ist genetisch identisch mit dem Erbgutspender, sozusagen ein später Zwilling. Es ist ein aufwändiges und teures Verfahren. Die so entstehenden Tiere dienen ausschließlich der Forschung oder der Zucht. Zum Schlachten sind sie viel zu wertvoll. Rund 20.000 Dollar nimmt das US-Unternehmen Trans Ova Genetics für ein geklontes Rind. 100 Tiere pro Jahr werden dort – wie sagt man am besten? – „hergestellt“. [1] Was später als sogenanntes Klonfleisch auf den Markt kommt, stammt von ihren Nachkommen, die keine Klone sind, sondern auf die eine oder andere Art und Weise aus dem natürlichen Prozess der Verschmelzung von Ei- und Samenzelle entstehen. Sie unterscheiden sich von anderem Schlachtvieh nur dadurch, dass ihre Eltern besonders wertvolle Tiere sind.

Im Jahr 2008 wurde in den USA durch die Zulassungsbehörde FDA der Verkauf von Fleisch und Milch geklonter Tiere und ihrer Nachfahren erlaubt. Sie hat dabei das gleiche Kriterium angelegt wie immer: die Sicherheit des Produkts für den Verbraucher. „Klonfleisch“ ist nicht gefährlicher oder ungesünder als anderes Fleisch. [2] Zur gleichen Auffassung ist auch die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit EFSA gekommen, die allerdings auch auf ethische Bedenken verweist. [3]

„Top-Performer werden umsorgt wie sonst kaum ein Tier“

Reproduktionstechniken sind seit langem Bestandteil der Tierzucht. Es gibt immer wieder Tiere mit besonders wünschenswerten Eigenschaften und Züchter sind daran interessiert, den Genen dieser Tiere und damit deren Eigenschaften zu großer Verbreitung zu verhelfen. Während ein auserwählter Bulle auf herkömmliche Art nur 40 Kühe pro Jahr begatten kann, lässt die künstliche Befruchtung leicht 500 Besamungen zu. Auch die inzwischen bei menschlicher Prominenz immer beliebtere Methode der Leihmutterschaft bringt in der Rinderzucht Vorteile. Auf natürlichem Weg bringt eine Kuh nur ein Kalb pro Jahr zur Welt. Mittels hormoneller Stimulation und künstlicher Besamung kann man aber ein halbes Dutzend Embryonen erhalten, die dann von anderen Kühen ausgetragen werden, deren Erbgut weniger wertvoll ist als das der Eizellspenderin. Mit wertvoll ist hier zum Beispiel gemeint, dass aus dem Nachwuchs besonders leckere Steaks gemacht werden können.

Auf diese Art haben es schon einzelne Kühe geschafft, in ihrem Leben 100 Nachkommen mit einem Wert von über einer Million US-Dollar hervorzubringen [4] – in einem überaus angenehmen Leben übrigens, denn solche Top-Performer werden natürlich umsorgt wie sonst kaum ein Tier. Was aber, wenn der Prachtbulle oder die Wunderkuh alt werden und sterben? Dann kann man sie klonen und bekommt ein neues, genetisch identisches Exemplar, das den Job des Genomspenders fortführen kann. Der Zweck seiner Existenz besteht darin, die genetische Qualität einer Herde zu verbessern. Dabei geht es unter anderem um bessere Fleischqualität, größere Milchleistung, höhere Fruchtbarkeit, bessere Anpassung an klimatische Verhältnisse oder größere Widerstandskraft gegen Krankheiten.

Abgesehen vom üblichen Gemunkel über „unerforschte Risiken“ lautet das Hauptargument gegen das Klonen, es gefährde das Tierwohl. Was ist damit gemeint? Beim Prozess des Klonens kommt es nicht selten zu Problemen in der Embryonalentwicklung. Diese unterscheiden sich nicht von Komplikationen, wie sie auch bei anderen Reproduktionsmethoden auftauchen, sind jedoch häufiger. Ein geklontes Tier, das gesund zur Welt kommt, entwickelt sich jedoch ebenso gut wie ein konventionelles Tier und ist von diesem in gesundheitlicher Hinsicht nicht zu unterscheiden. [5]

Die Bedenken hinsichtlich des Tierwohls werden hauptsächlich damit begründet, dass bei einigen der Leihmütter die Schwangerschaft nicht erfolgreich verläuft und es häufiger als normal zu Fehlgeburten kommt. Das ist wahrlich keine große Sache. Wir reden hier von ein paar Dutzend Kühen, die ein äußerst privilegiertes Leben führen, weil sie unter optimalen Haltungsbedingungen dazu auserkoren sind, ein besonders wertvolles Tier zur Welt zu bringen. Bei manchen ist die Schwangerschaft nicht erfolgreich. Ein Teil des Nachwuchses stirbt vor oder nach der Geburt – nicht anders als Hundertausende bei der normalen Fortpflanzung. Dort sind die Komplikationsraten zwar geringer, aber die Anzahl der Tiere um viele Größenordnungen höher.

„Beim Nachwuchs von Klontieren wurden keine gesundheitlichen Probleme beobachtet“

Wenn wir schließlich bedenken, dass nicht geklonte Rinder oder Schweine, die gesund zur Welt kommen, relativ kurze Zeit später im Schlachthof wieder aus ihr scheiden, stellt sich die Frage: Ist Klonen wirklich ein moralisches Tierwohlproblem, mit dem wir uns beschäftigen sollten? Wohlgemerkt: Es geht nur um die wenigen Tiere, die tatsächlich am Prozess des Klonens beteiligt sind; die EFSA sagt ausdrücklich, dass beim Nachwuchs von Klontieren keine gesundheitlichen Probleme beobachtet wurden.

Nein. Weder das nicht vorhandene gesundheitliche Risiko durch „Klonfleisch“ noch das vermeintlich zu fördernde Tierwohl liefern eine einleuchtende Begründung für das Klonverbot. Die Motivation für die Ablehnung ist wohl eher in einer diffusen Abwehr moderner Technologie in der Landwirtschaft zu suchen. Es lehnen jene das Klonen ab, die ohnehin Vorbehalte gegen jede Art von Technologieeinsatz in der Tierzucht haben.

Womöglich sind viele der Europaparlamentarier aber gar keine Gegner des Klonens. Womöglich haben sie sich gar nicht weiter mit der Materie beschäftigt. Womöglich sind sie auch ganz unnötigerweise in diesem Parlament. Das Hauptargument für das Klonverbot war nämlich, dass laut einer Eurobarometer-Umfrage mehr als 80 Prozent der Bürger das Klonen von Tieren zur Lebensmittelerzeugung grundsätzlich ablehnen. [6] Die Volksvertreter sehen ihre Aufgabe offenbar darin, umzusetzen, was Umfragen aus induzierten spontanen Meinungsäußerungen extrahieren. Vielleicht wäre etwas mehr Skepsis gegenüber solcher Polittechnologie angebracht.

Die passende Beilage zu einem Klonsteak sind übrigens Kartoffeln, die ebenfalls Klone sind, und zum Nachtisch eine Banane, eine Birne oder Trauben – ebenfalls identisch mit ihrer Elternpflanze. Alles legal zu haben, denn noch hat uns keiner vor den Gefahren von Klonobst gewarnt.