25.02.2010

Gentechnik für schmerzfreie Massentierhaltung?

Analyse von Thilo Spahl

Massentierhaltung erscheint vielen als unethisch. Unklar ist, ob Hühner das auch so sehen und darunter leiden.

Kühe, Schweine, Hühner, Karpfen und sonstige Nutztiere halten wir bekanntlich nicht zu ihrem Vergnügen, sondern um sie selbst, ihre Eier oder ihre Milch zu verspeisen. Gleichzeitig denken wir, dass diese Tiere nicht unnötig leiden, sondern ein einigermaßen akzeptables Dasein fristen sollten. Deshalb gibt es Tierschutzgesetze und eine Vielzahl von Vorschriften. So werden gewisse Standards eingehalten, die allerdings radikalen Tierschützern längst nicht weit genug gehen. Kein Wunder, denn Nahrungsmittelproduktion ist eine Industrie, die wie jede andere den Gesetzen des Marktes unterworfen ist. Sie muss effizient sein. Deshalb ist die Massentierhaltung in einer Weise gestaltet, die dem Fernsehzuschauer zumindest vorübergehend den Appetit verdirbt und Mitleid mit der instrumentalisierten Kreatur weckt.

Die Verhältnisse, in denen die Tiere gehalten werden, erscheinen unmenschlich. Allerdings ist fraglich, ob Tiere, die keine Menschen sind, unter menschenwürdigen Bedingungen leben müssen oder ob sie leiden. Leidet ein Huhn unter mangelnder Hygiene oder unter Enge? (Oder ungeschützt unter freiem Himmel, wo es sich Raubvögeln ausgeliefert fühlt.) Leidet es unter Monotonie? Hat es Angst zu sterben? Weiß es, dass es einem Apparat ausgeliefert ist, der es nur als Fleischlieferant sieht? Das Huhn ist nicht Hänsel, der im Käfig der Hexe bis zur Schlachtreife gemästet werden soll. Hänsel müsste im Märchen, wenn es nicht als einfache Geschichte erzählt, sondern als Horrorfilm inszeniert wäre, eine Höllenangst haben. Huhn und Schwein haben diese nicht. Sie sind sich ihrer Situation nicht bewusst. Es ist eine Begabung des Menschen, sich das Leiden des Tieres in direkter Analogie zur eigenen Erfahrung des Leidens vorzustellen und mitzuempfinden. Doch menschliches Leiden ist an menschliches Bewusstsein gebunden, tierisches Leiden an das sehr viel niedriger entwickelte Bewusstsein des jeweiligen Tieres. Beides sind daher grundsätzlich verschiedene Phänomene.

Wenn man davon abrückt, sich tierisches Leiden in der Art des menschlichen vorzustellen, verbleibt als Kern der Schmerz. Tiere können Schmerz empfinden. Schmerz ist zunächst ein Reiz, der zu Vermeidungsverhalten führt. Das ist seine biologische Funktion. Ob und wann Tiere Schmerz als etwas dem menschlichen Leiden irgendwie Vergleichbares empfinden, wissen wir nicht. Dennoch bemühen wir uns, Tieren Schmerz zu ersparen. Wohl wissend, dass dies nur in Grenzen gelingen kann. Eine Welt ohne Schmerz, zumal die Welt der Massentierhaltung, ist kaum vorstellbar. Die Idee hat etwas Unwirkliches. Sie führt uns zu Vorstellungen von Robotern, Geistern, Zombies. Aus diesem Reich der schmerzfreien Wesen am nächsten kommt dem Nutztier wohl die Maschine.

Wenn man sie als Maschinen betrachtet, muss man sagen: Nutztiere sind großartige Maschinen. Es gibt kleine, federige, die Körner und Würmer in Eier verwandeln. Es gibt große mit Hörnern, die Gras in Milch verwandeln. Es gibt welche mit Ringelschwanz, die alles Mögliche in Schweinebraten verwandeln. Sie alle sind mit den Mitteln der künstlichen Auslese vom Menschen erschaffene Kreaturen. Aber es fällt uns schwer, sie als Maschinen zu betrachten. So entsteht die Diskrepanz, dass wir Tiere wie Maschinen als Produktionsmittel nutzen, aber nicht als solche wahrnehmen.

Ein Schritt hin zur Abmilderung dieser Diskrepanz wären schmerzfreie Tiere. Keinen oder kaum mehr Schmerz zu empfinden, wäre ein Merkmal, mit dem der Mensch durch gentechnische Methoden seine Nutztiere ausstatten könnte. Dass dies technisch in absehbarer Zukunft möglich sein wird, ist kaum fraglich. Die Debatte, ob und in welchem Ausmaß wir es tun sollten, wurde kürzlich durch den Philosophen Adam Shriver angestoßen. In einem Aufsatz in der Fachzeitschrift Neuroethics schreibt er:

„Ich vertrete die Auffassung, dass es eine technologische Lösung für das Problem des Leidens von Tieren in intensiver Haltung geben kann. Ich stelle fest, dass jüngste Forschungsergebnisse darauf hinweisen, dass wir sehr nahe daran sind oder sogar schon über die Möglichkeit verfügen, Nutztiere gentechnisch so zu verändern, dass ihre Leidensfähigkeit reduziert oder ganz eliminiert ist. Insofern das Leiden der Tiere die größte Sorge ist, die die Tierschutzbewegung antreibt, sollten diese Entwicklungen für Tierschützer von höchstem Interesse sein. Weiter bin ich der Meinung, dass alle Menschen, denen Tierschutz ein Anliegen ist, zustimmen sollten, dass wir die heute in der industriellen Tierhaltung genutzten Tiere durch solche ersetzen sollten, deren Leidensfähigkeit reduziert ist, wenn wir dazu in der Lage sind.“ (1)

So recht zustimmen wollte ihm von den Angesprochenen offenbar kaum einer. Tierschützer neigen nicht dazu, die gentechnische Veränderung von Tieren als etwas Positives zu sehen, und der Gedanke, dem Tierschutz zum finalen Sieg zu verhelfen, indem nicht die Tierschützer die Ursachen des Leidens erfolgreich bekämpfen, sondern die Biotechnologen mit einer Art Taschenspielertrick einfach das Leiden selbst aus der Welt (hier: dem Stall) schaffen, ist für sie äußerst befremdlich. Denn diese technologische Lösung zu begrüßen, würde implizieren, die herrschenden Zustände in der Massentierhaltung zu akzeptieren.

Peter Singer, Leitfigur der internationalen Tierrechtsbewegung, der eben jene Leidensfähigkeit, die nun offenbar zum Objekt technischer Manipulation werden kann, als zentrales Kriterium für den moralischen Status eines Lebewesens eingeführt hat, versucht, der Härte des Arguments durch die Flucht in eine andere hypothetische technische Lösung auszuweichen. „Einige Leute arbeiten daran, Fleisch durch Zellkultur zu erzeugen. Das scheint mir eine bessere Option zu sein, wenn es machbar ist.“ (2) Mit anderen Worten: Singer fühlt sich wohler bei dem Gedanken, eine Fleischerzeugungsmaschine zu konstruieren, als bei der Vorstellung, das Tier zu einer solchen Maschine weiterzuentwickeln bzw. es nicht nur per Zuschreibung, sondern durch technische Veränderung auf Maschinenhaftigkeit zu reduzieren.

Es verwundert nicht, dass Shriver seinen Kritikern, die in der eigentlichen Sache ja seine Mitstreiter sind, Sympathie entgegenbringt. Letztlich ist auch er der Meinung, es wäre das Beste, die Massentierhaltung komplett abzuschaffen. Die Idee, stattdessen den Schmerz abzuschaffen, brachte er nur ins Spiel, weil er weiß, dass die Menschheit nicht zum Vegetarismus übergehen wird und die romantische Vorstellung einer Lebensmittelerzeugung auf Basis von glücklichen Tieren, die mit glücklichen Kindern glücklicher Bäuerinnen und Bauern gemeinsam als große artenübergreifende Familie leben, bis sie aufgegessen werden, eben nur eine romantische Vorstellung ist.

Ob mit oder ohne Schmerz: Wir müssen die Tatsache akzeptieren, dass Nutztiere Nahrungslieferanten sind. Es gibt für sie keine Existenzmöglichkeit außerhalb der kommerziellen Tierhaltung. Wir haben sie zu diesem Zweck und nicht als Spielgefährten oder Streicheltiere geschaffen. Und wir werden sie weiterhin dieser Bestimmung gemäß optimieren. Reduziertes Schmerzempfinden könnte ein Schritt in diese Richtung sein. Es ist eine Überlegung wert, wobei es allerdings durchaus sein könnte, dass die Nachteile die schwer zu bewertenden Vorteile überwiegen. Die weitere Forschung wird zeigen, was machbar ist.