17.10.2016

Kohle und Kernenergie: Was denn sonst?

Essay von Heinz Horeis

Titelbild

Foto: Bjoern Schwarz (CC BY 2.0 / bearbeitet)

Das viele Kohlendioxid – wer hat’s gemacht? Die Grünen. Die Atomkraftgegner. Hätten sie nicht den Ausbau der Kernenergie verhindert, hätten wir eine saubere und reichere Welt

Angesichts des Hypes um Wind- und Sonnenenergie kann man es kaum glauben: Derzeit decken fossile Brennstoffe nahezu neunzig Prozent des weltweiten Energiebedarfs. Aus gutem Grund, denn Erdöl, Erdgas und Kohle sind natürliche Energiespeicher. Mittels geeigneter Technologie sind sie zu jedem Zeitpunkt verfügbar. Windmühlen und Solarzellen kommen da nicht mit. Sie liefern nur unstetig, abhängig von Tag- und Jahreszeit, von launischem Wetter und sich wandelndem Klima. Hier setzt die Natur unerbittlich Grenzen. Macht aber nichts. Was sie auf der einen Seite nimmt, gibt sie auf der anderen – nämlich noch bessere Energiespeicher: Uran und Thorium. Verglichen mit Kohle et al. sind diese um Größenordnungen energiedichter. Das macht sie zur ersten Wahl für die bevölkerte urbane Welt der Zukunft.

Fossile und nukleare Energiespeicher sind uralt. Das Gros der Kohle entstand vor einigen hundert Millionen Jahren aus Pflanzenmaterial, Uran vor Milliarden von Jahren in explodierenden massereichen Sternen, den Supernovae. Fossile und Kernbrennstoffe sind Gaben der Natur oder, wenn man es aus religiösem Blickwinkel sehen will, Geschenke eines dem Menschen wohlgesonnenen Schöpfers. Mit dieser und nur mit dieser urzeitlichen Mitgift kann der Mensch dauerhaft dem „Jammertal“ der erneuerbaren Ressourcen entkommen, in dem er seit Beginn seiner Existenz gesteckt hat.

„Fossile und Kernbrennstoffe sind genau das, was eine intelligente, schöpferische Spezies braucht.“

Schöpfung, Zufall oder einfach der Lauf der Natur – der Mensch kann sich glücklich schätzen, dass diese immensen Energiespeicher schon vor Jahrmillionen von Jahren entstanden. Heute hat er gelernt, sie zu nutzen; dies abzulehnen ist ignorant, ist Dummheit. Fossile und Kernbrennstoffe sind genau das, was eine intelligente, schöpferische Spezies braucht, um sich aus biosphärischen Beschränkungen lösen zu können. Nur so kann sie sich entfalten – irgendwann auch über die Erde hinaus.

Atomkraft war die Zukunft

Kohle und Uran sind physikalisch/chemisch grundverschieden. Vom Standpunkt menschlicher Entwicklung betrachtet, bilden sie allerdings eine untrennbare Einheit. Ohne Industrialisierung durch die Kohle gäbe es heute keine Kernreaktoren, und Kernenergie ist der logische, natürliche Nachfolger der Kohle. Nicht ohne Grund bekämpfen die Grünen beides mit Vehemenz.

Vor einem halben Jahrhundert hatten Wissenschaft und Politik diese Zusammenhänge noch verstanden. Kernenergie galt als die Zukunftstechnologie. Sie sollte fossile Brennstoffe zunehmend ersetzen und Energie für die Industrialisierung der armen Länder liefern. Europäische Länder forcierten die Kernenergie, um sich von ausländischen Energielieferungen unabhängiger zu machen. Sie zehren noch heute davon (siehe Abbildung 1). Entwicklungsländer wie Indien, Iran, Pakistan, Brasilien und Argentinien legten ehrgeizige Programme zum Bau von Kernreaktoren auf. 1980 veröffentlichte ein internationales Wissenschaftlerteam das erste globale Energieszenario unter dem Titel „Energy in a Finite World“. Es projektierte eine Weltenergieversorgung, die auf Kernreaktoren und großen Solarkraftwerken in Wüstengebieten beruhte.

Weltweit sollten nach dieser Studie zur Jahrtausendwende rund 1600 Reaktoren in Betrieb sein, rund 3600 im Jahre 2020. Überschlägt man einmal spaßeshalber, wieviel Kohlendioxid diese Reaktoren bis heute vermieden hätten, kommt einiges zusammen: rund 300 Milliarden Tonnen! Das entspricht etwa dem gesamten CO2-Ausstoß aus der Kohleverbrennung in den vergangenen drei Jahrzehnten. 1 Die „Rettung des Planeten“ haben also diejenigen vermasselt, die heute am lautesten eine globale Erwärmung und „menschengemachtes“ Kohlendioxid beklagen – Grüne, Umweltgruppen und Atomkraftgegner. Sie haben die Kerntechnik erfolgreich sabotiert und um Jahrzehnte zurückgeworfen. Sie haben dafür gesorgt, dass Kohle noch für Jahrzehnte unersetzlich bleibt.

Abb. 1: Nuklearanteil an globaler Stromerzeugung 2013 2

Ende letzten Jahrhunderts bemühten sich kerntechnische Industrie und Kraftwerksbetreiber, Kernenergie als Technologie für „Klimaschutz“ und als Alternative zur Kohle zu verkaufen. Ohne Erfolg. Das Gros der Bevölkerung hatte kein Interesse am Klima, die Grünen nicht an Kernenergie. Sie fürchten „Atomares“ mehr als einen aufgeheizten Planeten. Es scheint, als gibt es beim Kampf gegen die globale Erwärmung eine „hidden agenda“, einen anderen Antrieb: unter dem Banner des Klimawandels zieht man gegen moderne Stromerzeugungstechnologien zu Felde, die die Welt reicher und nicht ärmer machen.

Wohlstandsbürger gegen Kernenergie

Die Gegner von Kohle und Kernenergie gehören zu den Menschen, die sich noch nie um ihr täglich Brot sorgen mussten. Im Gegenteil: Sie lebt gut, diese „neue Klasse der ‚Heils- und Sinnvermittler‘“. So bezeichnete der Soziologe Helmut Schelsky vor vier Jahrzehnten die Vorläufer der (deutschen) Grünen. 3 Sie, die Abkömmlinge der linken Studentenbewegung, waren zumeist „Wohlfahrtssöhne“ (Schelsky), viele entstammten dem deutschen Bildungsbürgertum.

„Wohlstandsbürger: Gut leben, gerne leistungsfrei, mit geringem eigenem Risiko.“

Heute zählen zur grünen Klientel „meist wohlversorgte ‚Postmaterialisten‘ im Dunstkreis des öffentlichen Dienstes“ 4. Sie sind überwiegend technik- und industriefeindlich; Kapitalismuskritik, Kritik an Großindustrie und Konzernen gehören zum Lebensstil. Gut leben, gerne leistungsfrei, mit geringem eigenem Risiko ebenso. Verwöhnt durch fünf Jahrzehnte Wohlstand, haben sie vergessen, dass (andere) Menschen dafür arbeiten. Sie haben vergessen, dass ein gutes Leben auf Industrie, auf moderner Technik und inzwischen auf viel, viel Energie beruht. Zwischen den Heils- und Sinnvermittlern und den Produzenten lebenswichtiger Güter liegen Welten.

Schelsky identifizierte damals eine „neue Religiosität“ als Kraftquelle dieser nach oben strebenden Klasse. Sie bedeute eine „Reprimitivisierung“ gegenüber der seit der Aufklärung vor sich gehenden Entmachtung religiös-klerikaler Herrschaftspositionen. „Ein neuer intellektueller ‚Klerus‘ versucht, die ‚weltlichen‘ Geschehnisse (…) zu seinen Gunsten in den Herrschaftsgriff zu bekommen“, schrieb der Soziologe damals. Der mit dieser Religiosität einhergehende missionarische Eifer ist nicht zu übersehen, er prägt heute Themen wie Umwelt, Gender, Gentechnik, erneuerbare Energien und globale Erwärmung.

In Deutschland steht die Energiefrage seit Jahrzehnten ganz oben auf der Agenda des neuen Klerus. Es begann in den 1970er-Jahren mit der Ablehnung der Kernenergie. Überraschend, ohne wirklichen Anlass, aber mit ungeahnter Wucht schwappte damals die Antiatomkraftbewegung über das Land. Den Kern der Bewegung bildeten Mitglieder linker „progressiver“ Gruppen, die sich innerhalb kurzer Zeit zu reaktionären Technikfeinden gehäutet hatten. Eine erstaunliche Wandlung. Die Ideologie lieferten amerikanische Umweltgruppen, vor allem der Sierra Club mit Amory Lovins und seine radikale Abspaltung, Friends of the Earth. Holger Strohm, damals Direktor der deutschen Sektion der „Freunde der Erde“, brachte 1973 mit seinem apokalyptischen Buch „Friedlich in die Katastrophe“ die nötigen Argumente „Made in USA“.

„Ein Gebräu aus Mythen und Halbwahrheiten bestimmt die öffentliche Sicht der Kernenergie.“

1980 formulierte das neugegründete Öko-Institut Freiburg die Ziele der Bewegung: grundsätzliche Ablehnung „großtechnologisch-technokratischer Visionen“ der 1960er- und 70er-Jahre (damit waren die Pläne zum Ausbau der Kernenergie gemeint), stattdessen ein „ökologisch orientiertes und mit Hilfe dezentraler Techniken“ zu realisierendes Energiesystem. 5 Was damals „Ökofreaks“ anstrebten, ist heute im Berliner Kanzleramt angekommen: Der Wissenschaftliche Beirat der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen (WBGU) postuliert das Ende des „nuklearfossilen Komplexes“ und will stattdessen ein dezentrales System erneuerbarer Energiequellen. Für Kernenergie und Kohle ist da kein Platz. Deutschland, so kommentierte der amerikanische Politologe Walter Russell Mead 6 sarkastisch, habe „im Grunde jede realistische Form der Energieversorgung für illegal erklärt, Atomkraft sowieso, aber auch Öl, Gas, Kohle“.

Nukleare Mythen

Erfolgreiche Religionen, auch die säkularen, brauchen einen Teufel. Den brachte die Dämonisierung der Kernenergie. Schwer war es nicht. Da hatte es die Bomben auf Hiroshima und Nagasaki gegeben. Und der Kernreaktor war eine grundlegend neue Technologie, anders als alles, was vorher da war. Da konnten Physiker und Techniker, die wussten, wovon sie sprachen, noch so überzeugend reden. Die Prediger der Katastrophe bestimmten die öffentliche Meinung, vor allem auch Dank der „Sinnproduzenten“ (Schelsky) in den Medien, bei denen das Engagement für die Sache vor Sachlichkeit kam.

Das damals in die Welt gesetzte Gebräu aus Mythen und Halbwahrheiten bestimmt bis heute die öffentliche Sicht der Kernenergie. Vor allem in Deutschland, wie die anlässlich des Nuklearunfalls von Fukushima überschwappende Hysterie belegte. Solche hartnäckigen Mythen sind etwa:

  • Kernenergie ist gefährlich.
  • Die Uranvorräte gehen bald zu Ende.
  • Radioaktiver Abfall lässt sich nicht sicher endlagern.
  • Kernenergie ist sehr gefährlich.
  • Kernenergie ist teuer und hochsubventioniert.
  • Schon geringe Strahlungsdosen verursachen Krebs.
  • Ihre Nutzung erhöht die Gefahr von Atomkriegen.
  • Kernenergie ist sowas von gefährlich.

Glauben lässt sich durch Fakten nicht erschüttern. Auch nicht die Bundeskanzlerin Angela Merkel. Sie lieferte die folgenschwerste und teuerste Fehleinschätzung der Kernenergie; sie begründete 2011 nach Fukushima die sofortige Stilllegung funktionierender Reaktoren und den beschleunigten Atomausstieg damit, dass im Falle eines Nuklearunfalls die Folgen „so verheerend und weitreichend [seien], dass sie die Risiken aller anderen Energieträger bei weitem übertreffen.“

Diese Aussage ist einfach falsch. Das ist Propaganda, nicht belegt und vielfach widerlegt, aber trotzdem wirkungsvoll. Politische Parteien und Medien in Deutschland teilen weitgehend Merkels Meinung. Dadurch wird sie nicht richtiger. Im Gegenteil: Wer damit argumentiert, offenbart ein erstaunliches Maß an Faktenresistenz. Denn von allen Energiequellen, von Kohle bis Fotovoltaik, ist Kernenergie, statistisch gesehen, die sicherste Energiequelle. 7 In fünf Jahrzehnten weltweiter Kernenergienutzung ereigneten sich nur drei schwere Nuklearunfälle: Harrisburg 1979, Tschernobyl 1986 und Fukushima 2011. Aber auch diese Unfälle bestätigen die Auffassung der Physikerin im Bundeskanzleramt nicht.

„Fukushima, aber auch Tschernobyl belegen praktisch, dass die Kernspaltung technisch beherrschbar ist.“

Der folgenschwerste Unfall, Tschernobyl, hatte mit rund achtzig Toten die Größenordnung eines mittelschweren Unfalls in einer chemischen Fabrik. Zum Vergleich: zwei Jahre zuvor starben im indischen Bhopal über Nacht 3000 Menschen, als eine Giftwolke aus einer Düngemittelfabrik austrat. 15.000 weitere verstarben später an den Folgen. Auch das liegt weit über möglichen Spätfolgen von Tschernobyl. Und noch vor zehn Jahren ließen in Chinas Kohlegruben über 5000 Bergleute ihr Leben. Oder die geschätzten eine Million Tote, die auf der Welt jährlich dem Verkehr zum Opfer fallen. Alles tödlicher als Tschernobyl. Diese Liste ließe sich nach Belieben fortsetzen. Statistisch nachweisbar fällt die friedliche Nutzung der Kernenergie in die Kategorie der niedrigsten zivilisatorischen Risiken.

Ohnehin hätte Tschernobyl nicht passieren müssen. Dem Reaktor fehlte das, was westliche (und inzwischen auch russische) Reaktoren haben: ein „Containment“, eine massive Hülle aus Beton und Stahl. Der Reaktor in Harrisburg hatte diesen Einschluss. Deshalb gab es dort zwar eine teilweise Kernschmelze, aber keinerlei Auswirkungen auf Mensch und Umwelt. Auch in Fukushima mit vier havarierten Reaktoren und drei Kernschmelzen (für die Grünen der „Ultra-Supergau“) gab es keinen Toten. Wenn dort Menschen zu Schaden kamen, dann nicht durch Strahlung, sondern durch unnötige Angst vor Strahlung.

Die Nuklearunfälle in Harrisburg und Fukushima, aber auch Tschernobyl, waren ungewollte (und sehr teure) Experimente. Sie belegen praktisch, dass die Kernspaltung technisch beherrschbar ist. Selbst bei starken Mängeln und Versäumnissen wie im japanischen Kraftwerk bleiben die gesundheitlichen Auswirkungen gering. Nicht nur die Sicherheitstechnik, sondern auch die Gesetze von Physik und Chemie sorgen dafür, dass die Apokalypse ausbleibt. Die radioaktive Wolke, die Hunderttausende dahinrafft, gibt es nur in (deutschen) Jugendbüchern.

„Nach einem halben Jahrhundert an Erfahrung mit Kernreaktoren sind die immer gleichen Argumente gegen diese Technik hinfällig, irrational und unerträglich.“

„Fukushima hat uns einmal mehr gezeigt“, so schrieb die Grüne Claudia Roth zwei Jahre nach dem Tsunami auf Facebook, „wie unkontrollierbar und tödlich die Hochrisikotechnologie Atom ist“. An der Aussage stimmt nichts. Sie bestätigt nur, dass die Zukunft dieses Landes in den Händen von Obskuranten liegt. Nach einem halben Jahrhundert an Erfahrung mit Kernreaktoren sind die immer gleichen Argumente gegen diese Technik hinfällig, irrational und unerträglich in ihrer Widerständigkeit gegenüber Tatsachen. Unmoralisch sind sie auch, denn sie machen den Menschen unbegründet Angst. Der britische Umweltaktivist George Monbiot warf nach Fukushima der grünen Bewegung vor, sie führe die Welt über die Gefahren radioaktiver Strahlung in die Irre. „Ihre Behauptungen (…) haben keine wissenschaftliche Grundlage, halten Nachfragen nicht stand und sind fürchterlich falsch.“ 8

Kein Auslaufmodell

Deutschland steht mit seinem radikalen Atomausstieg ziemlich allein auf weiter Flur. Die Schweizer ziehen mit, die standen allerdings schon beim Waldsterben zeitweise an Deutschlands Seite. Andernorts haben sich Regierungen, Wissenschaftler und Ingenieure Zeit gelassen. Sie haben angemessene Lehren aus dem Nuklearunfall in Fukushima gezogen. So ist auf der Webseite von KEPCO, Koreas staatlichem Energieversorger, zu lesen:

„Die schlimmsten Nuklearunfälle sind nicht nur extrem unwahrscheinlich, sondern haben auch immer geringere Auswirkungen.“

Auch nach Fukushima ist die Kernenergie global kein Auslaufmodell. In Korea geht die kerntechnische Entwicklung weiter, auch in anderen Ländern Asiens, die heute noch auf Kohle setzen. Die Frage, ob Kohlendioxid freigesetzt wird oder nicht, ist dabei zweitrangig. Der Zweck von Kernreaktoren (wie auch von anderen Energietechniken) ist nicht die Vermeidung von Kohlendioxid, sondern die Erzeugung von Strom. Und das möglichst effizient und sauber. Da hat Kernenergie einiges zu bieten: Reaktoren sind sauber. Kein Rauch, kein Ruß, kein Feinstaub geht bei ihrem Betrieb in die Luft. Sie setzen weniger radioaktive Stoffe frei als Kohlekraftwerke. Sie sind kompakt, benötigen weit weniger Rohstoffe und Platz als die material- und landfressenden grünen Energien. Sie liefern billigen Strom und das zu jedem Zeitpunkt. Von allen Kraftwerken haben Kernkraftwerke die höchste Verfügbarkeit. Kernenergie ist die passende Energiequelle für urbane Gesellschaften.

Im Laufe dieses Jahrhunderts wird Kernenergie die Kohle mehr und mehr ersetzen – ohne Subvention, einfach deshalb, weil sie besser ist. Das ist Evolution. Das Bessere setzt sich durch, wenn nicht in Deutschland, dann woanders. Was die Kernbrennstoffe Uran und Thorium allen anderen voraushaben, ist ihre außergewöhnlich hohe Energiedichte. Sie übersteigt die der herkömmlichen Brennstoffe, ob nun Mais oder Holz, Erdgas oder Kohle, um mehrere Größenordnungen.

Im Kessel eines Kohlekraftwerks werden täglich etliche tausend Tonnen Kohle verfeuert (siehe Abbildung 2). Weltweit benötigen die Kraftwerke dafür pro Jahr etwa sieben Milliarden Tonnen. Das sind immense Mengen, die gefördert, gereinigt, gelagert und transportiert werden müssen. Dagegen liegt die jährliche Welturanproduktion bei nur 60.000 Tonnen. Die damit versorgten Reaktoren liefern etwa ein Viertel der Strommenge, die aus Kohlekraftwerken stammt.

„Hohe Effizienz ist nun mal ein Freund von Mensch und Natur“

Der zur Bereitstellung des Brennstoffs betriebene Aufwand liegt also um etwa vier Größenordnungen unter dem, was für Kohle erforderlich ist. Entsprechend gering sind Flächenbedarf, Material- und Transportaufwand – wichtige Vorzüge bei einer wachsenden Weltbevölkerung. Auch die natürliche Umwelt wird wenig beeinträchtigt. Hohe Effizienz ist nun mal ein Freund von Mensch und Natur.

Abb. 2: Brennstoffbedarf verschiedener Kraftwerkstypen 9

Kohle als Brücke

Kohle ist in Deutschland der wichtigste Stromerzeuger, weit wichtiger und zuverlässiger als Sonne und Wind. Dennoch ist sie heute ein Aschenputtel. Nicht einmal Vertreter der Kohleindustrie stehen uneingeschränkt hinter ihr. Kohle sei zwar nicht gut, so ihre verdruckste Meinung, aber „unverzichtbar als Brückentechnologie“, … dann der Kotau „… zu den erneuerbare Energien.“

Kohle als Brücke zu ineffizienten Energiequellen? Der WBGU 10 nennt es die „Große Transformation“, hin zu Windrädern und Solarzellen, zu Holzpellets und Maisstrom, in eine nachhaltige Gesellschaft mit geringem Energieverbrauch. Erneuerbare Energien sollen das „nuklear-fossile Energiesystem“ endgültig ablösen, und zwar schnell, möglichst bis zur Mitte des Jahrhunderts.

Es wäre eine Rolle rückwärts – zurück zu den (inzwischen technologisch aufgebrezelten) Energiequellen des vorindustriellen Zeitalters. Vaclav Smil schätzt in „Energy at the Crossroads“, dass der Übergang zu nicht-fossilen Energien eine Aufgabe ist, die den Übergang von Holz zu Kohle um eine Größenordnung übersteigt. Das in ein paar Jahrzehnten machen zu können und auch noch mit derart dünnen Energiequellen wie Sonne und Wind, ist Wunschdenken. Und warum überhaupt?

Unsere Vorfahren lebten über Jahrtausende gezwungenermaßen nachhaltig. Es gab nichts Besseres. Sie mussten mit der Energie auskommen, die die Sonne im Laufe der Jahreszeiten in Pflanzenmasse deponiert. Die Möglichkeit, Energie zu speichern, war begrenzt. Unter diesen Bedingungen konnten nur kleine Bevölkerungen existieren. Heute würde ein Rückfall in die Nachhaltigkeit zu einer drastischen Verringerung der Weltbevölkerung führen. Nicht wenige würden diese Entwicklung begrüßen: „Mehr als 500 Millionen, aber weniger als eine Milliarde Menschen“, so der Club of Rome 1977 11, sei die ideale nachhaltige Bevölkerungsgröße.

„Mit Wind, Sonne und Biomasse lassen sich urbane Industriegesellschaften weder aufbauen noch aufrechterhalten.“

Wo aber bliebe dann der große Rest? Derzeit wächst die Weltbevölkerung und wird weiterwachsen. Immer mehr Menschen ziehen in Städte, elf Millionen sind es pro Jahr in Indien. Heute lebt bereits die Hälfte der Weltbevölkerung in Städten, zur Jahrhundertmitte dürften es drei Viertel sein. Urbane Gesellschaften benötigen kontinuierlich immense Mengen an Energie, vor allem Elektrizität. Die Verbrauchsdichte von New York liegt bei 55 Watt pro Quadratmeter. Wollte man die Stadt mit grüner Energie versorgen, wäre dafür die 10- bis 100-fache Stadtfläche erforderlich.

Wie man’s auch dreht und wendet: mit Wind, Sonne und Biomasse lassen sich urbane Industriegesellschaften weder aufbauen noch aufrechterhalten. Sie spielen bestenfalls eine Nebenrolle im Energietheater, keinesfalls die Hauptrolle, die ihre Anhänger ihnen zumessen. Die aufstrebenden Länder setzen heute zu Recht auf Kohle und, perspektivisch, auf Kernenergie.

Natürlicher Nachfolger Kernenergie

Langfristig gesehen sind Kohle, Öl und Erdgas Übergangstechnologien. Ihre Vorkommen sind endlich, und irgendwann wird sich ihre Förderung immer weniger lohnen. Sorgen muss man sich deshalb heute nicht: Kohle reicht noch für Jahrhunderte, Erdöl und Erdgas, deren baldiges Ende alle Jahre wieder vorausgesagt wird, sind derzeit dank neuer Technologien so reichlich und billig vorhanden wie nie zuvor. Ohnehin wird es kein abruptes Ende geben, sondern einen evolutionären Übergang.

„Die Nutzung der fossilen Brennstoffe ist ein Glücksfall.“

Eine in ihrer Einfachheit grandiose Grafik (Abbildung 3) macht den Übergang deutlich. Sie stammt aus einem Artikel 12 des amerikanischen Geologen M. King Hubbard, der in den 1950er-Jahren die Peak-Oil-Theorie verkündete. Unübersehbar ist die einzigartige Rolle der fossilen Brennstoffe. Die Kohle, zusammen mit Öl und Erdgas, beendete Jahrtausende an Energiearmut. Diese Brennstoffe führen die menschliche Zivilisation in eine Ära zuvor nicht vorstellbaren Energiereichtums – selbstverständliche Normalität in den Industrieländern heute.

Abb. 3: Fossile Brennstoffe und Kernenergie

Die Nutzung der fossilen Brennstoffe ist ein singuläres Ereignis in der menschlichen Geschichte und ein Glücksfall. Ein Glücksfall ist auch, dass sie einen legitimen, natürlichen Nachfolger haben: die Kernenergie – „natürlich“ deshalb, weil sie um Größenordnungen leistungsstärker ist. Damit lässt sich nicht nur das vorhandene Niveau halten. Es bleibt auch viel Luft nach oben für eine Welt, die nach der Jahrhundertmitte über zwei Milliarden Menschen mehr haben wird. Kohle wird dann immer noch eine große Rolle spielen, Kernenergie eine (hoffentlich) ebenso große. Ohnehin werden Kohle und Kernenergie noch viele Jahrzehnte nebeneinander existieren, und auch gemeinsam. So können Hochtemperaturreaktoren Wärme liefern, um etwa Kohle in Treibstoff oder Synthesegas umzuwandeln.

Nimmt die Zahl der Kernkraftwerke zu, dürfte immer weniger Kohle verfeuert werden, um Strom und Wärme zu erzeugen. Das macht Sinn, denn Kohle ist ein wichtiger Rohstoff für die chemische Produktion und die Stahlerzeugung. Wann die Dominanz der fossilen Brennstoffe zu Ende geht, ist schwer zu sagen. Vorhersagen eines baldigen Endes lagen bislang immer daneben. Letztlich ist der Zeitpunkt auch belanglos. Was zählt, ist, dass die fossile Ära mit der Nuklearenergie (Spaltung und Fusion) eine Energietechnologie hervorgebracht hat, die Energie im Überfluss und zeitlich unbegrenzt liefern kann. Sorgen machen muss man sich nur, wenn dieses „Geschenk der Natur“, wie in Deutschland, schnöde zurückgewiesen wird.