12.10.2026

Klimaskepsis wird zum Massenphänomen

Von Thilo Spahl

Das Hinterfragen des Ökologismus scheint sich wachsender Beliebtheit zu erfreuen, insbesondere seit 2023. Die Wissenschaft wundert sich und untersucht, woran das liegen könnte.

Die meisten haben es gemerkt. Der Klimaalarmismus ist auf dem absteigenden Ast. Wir sehen es an den Ikonen Greta und Luisa. Die eine hat auf Judenhass umgeschult. Die andere muss mit einem ordentlich aufgeblähten Themensortiment durch die Lande tingeln, um das Interesse an ihrer Person noch auf einem einigermaßen einträglichen Niveau zu halten.

Und inzwischen hat es auch die Wissenschaft bestätigt. „Klimawandelskeptizismus in Deutschland nimmt stark zu“, teilt uns die Europa-Universität Flensburg in einer Pressemitteilung mit. Forscher der Hochschule hatten die Einstellungen von 3074 Personen auf Basis repräsentativer Befragungsdaten aus den Jahren 2014 bis 2023 untersucht.

„Über Jahre ging die Skepsis erst zurück und blieb dann stabil gering. Aber plötzlich, im Jahr 2023, ging es steil nach oben.“

Das erschreckende Ergebnis der kürzlich erschienenen Studie „As the planet heats, public doubt grows: The social structure behind rising climate change scepticism in Germany": Zunächst lief alles ganz gut. Über Jahre ging die Skepsis erst zurück und blieb dann stabil gering. Aber plötzlich, im Jahr 2023, ging es steil nach oben. Auf der folgenden Grafik aus der Studie ist es deutlich zu sehen:

Wann ist man ein Klimawandelskeptiker?

Von „Klimawandelleugnern“ wird heute nur noch selten gesprochen. Mit diesem Vorwurf kann man nicht mehr punkten, da winken die Leute gleich ab, weil es eigentlich nie jemand ernsthaft abgestritten hätte, dass das Klima sich verändert. Aus „Leugnern“ sind daher „Skeptiker“ geworden. Aber die Bösen sind sie trotz Umbenennung geblieben. Skeptisch kann man in vielerlei Hinsicht sein und deshalb kann man diese Skepsis auch sehr schön untersuchen. Man beginnt damit, sich Dimensionen auszudenken. Die Autoren haben sich für fünf entschieden:

  1. Zweifeln die Befragten grundsätzlich an der Klimakrise?
  2. Hinterfragen Personen, ob die Klimakrise menschengemacht ist?
  3. Werden Folgen des Klimawandels nicht als solche anerkannt?
  4. Werden Prozesse zur Bekämpfung des Klimawandels, wie eine Energiewende oder die Dekarbonisierung, hinterfragt?
  5. Wie werden klimapolitische Maßnahmen wie Umwelt-Steuern bewertet?

Schauen wir uns diese fünf Dimensionen im Einzelnen an, so fällt folgendes auf:

  1. Wandel oder Krise? Es wird die Existenz einer Krise als gegeben vorausgesetzt. Und damit wird auch schon der erste Grund für Skepsis geliefert. Während es sich beim Klimawandel um ein Faktum handelt, ist die Bewertung desselben als Krise eine Interpretation. Und jeder Interpretation sollte man, im Geiste der Wissenschaft, zunächst durchaus skeptisch begegnen. Wenn jemand den Klimawandel nicht als Krise betrachtet, sondern zum Beispiel als Herausforderung, dann gerät er ins Lager der (Klimakrisen)-Skeptiker. Dabei ist er vielleicht sogar weniger skeptisch – nämlich in Hinblick auf die Fähigkeit der Menschheit, mit den Folgen der Klimaerwärmung zurechtzukommen.
  2. Die Frage nach der menschlichen Verursachung. Früher bezog sich diese auf die Erwärmung. Man sprach von menschengemachter (anthropogener) globaler Erwärmung. Das war ein feststehender Fachbegriff, in der Wissenschaft auch oft mit dem Akronym „AGW“ abgekürzt. Nun soll also die Krise menschengemacht sein. Aber eben nur, weil Erwärmung mit Krise gleichgesetzt wird.
  3. Extremwetter. Es gilt, und wird mittlerweile durch die sogenannte Attributionsforschung bei jeder Gelegenheit unverzüglich bestätigt: Jedes unerfreuliche Wetterphänomen ist eine Folge des Klimawandels – egal ob zu viel oder zu wenig Niederschlag, Hitze oder Kälte, Sturm oder Flaute. Warum die taktische Wissenschaft' der Attributionsforschung hochproblematisch ist, kann man hier nachlesen.
  4. Energiewende. Es gibt Leute, die sich daran erinnern, dass die deutsche Energiewende zuvorderst und in hundertprozentiger Konsequenz durch den Ausstieg aus der Kernenergie charakterisiert ist. Sie hinterfragen diese Energiewende mitunter auch, weil sie kontraproduktiv und ineffizient ist. Und landen damit eben auch im Lager der Skeptiker.
  5. Steuern. Es gibt Leute, die daran zweifeln, dass die Lösung für jedes Problem höhere Steuern (oder Abgaben) sind, und sich an das „Klimageld“ erinnern, das man uns versprochen hat, wir aber nie erhalten werden.

Noch lustiger wird das Ganze, wenn man sich die Fragen/Aussagen anschaut, anhand derer die Autoren die Verortung der Befragten auf ihren fünf Dimensionen vorgenommen haben. Ich liste sie hier unkommentiert auf. (Nur ein Kuriosum sei angemerkt: Das Wort „Klima“ taucht in keiner der Fragen auf. Gemessen wird hier von hinten durch die Brust ins Auge. Aber die Autoren versichern uns, dass das so schon passe, „gängige Praxis“ sei, schließlich komme es auf die grundsätzliche Haltung der Leute an.)

Dem Leser wird es nicht schwerfallen, sich seinen Teil zu denken. Es wird ihm auch nicht schwerfallen, die Fragen auf einer Zustimmungsskala von 1 bis 5 zu beantworten und sich vorzustellen, wie tief im Lager der Skeptiker er wohl landete.

  • Wenn die Dinge so weitergehen wie bisher, werden wir bald eine große ökologische Katastrophe erleben.   
  • Die sogenannte „ökologische Krise“, mit der die Menschheit konfrontiert ist, wird stark übertrieben.
  • Wenn Menschen in die Natur eingreifen, hat dies oft verheerende Folgen.
  • Die Menschen schaden der Umwelt in hohem Maße.
  • Das Gleichgewicht der Natur ist sehr empfindlich und kann leicht gestört werden.
  • Es gibt genügend natürliche Ressourcen auf der Erde – wir müssen nur herausfinden, wie wir sie nutzen können.
  • Das Gleichgewicht der Natur ist stark genug, um die Auswirkungen der modernen Industrienationen zu bewältigen.
  • Die Erde ist wie ein Raumschiff mit sehr begrenztem Platz und begrenzten Ressourcen.
  • Die sogenannte „Energiewende“ schadet mehr, als sie nützt.
  • Wir müssen so schnell wie möglich von fossilen Brennstoffen wegkommen, unabhängig von den Kosten.
  • Die Zukunft liegt in den erneuerbaren Energien.
  • Inwieweit wären Sie bereit, deutlich höhere Preise zu zahlen, um die Umwelt zu schützen?
  • Inwieweit wären Sie bereit, deutlich höhere Steuern zu zahlen, um die Umwelt zu schützen?
  • Inwieweit wären Sie bereit, Abstriche bei Ihrem Lebensstandard in Kauf zu nehmen, um die Umwelt zu schützen?

Skepsis als Massenphänomen

Die Studie hatte zwei Ziele: Erstens, herauszufinden, ob es nur eine kleine Gruppe ist, die die durchschnittliche Skepsis in die Höhe treibt, oder ob sie allgemein steigt. Und zweitens, herauszufinden, ob es konsistente soziostrukturelle Einflussfaktoren gibt, „die Aufschluss darüber geben, wer dazu neigt, dem Klimawandel skeptischer gegenüberzustehen“.

„59 Prozent der Befragten hatten im Jahr 2023 insgesamt stärkere klimawandelskeptische Einstellungen als im Vorjahr. Und bei satten 93 Prozent der Befragten waren in mindestens einem der 14 Fragebereiche die Zweifel stärker geworden.“

Herausgefunden hat man, dass die Skepsis in der Breite gewachsen ist: 59 Prozent der Befragten hatten im Jahr 2023 insgesamt stärkere klimawandelskeptische Einstellungen als im Vorjahr. Und bei satten 93 Prozent der Befragten waren in mindestens einem der 14 Fragebereiche die Zweifel stärker geworden. Vor allem in der Gruppe mit zuvor niedrigen skeptischen Einstellungen nahm die Zahl der Skeptiker stark zu. Die Autoren schreiben: „Wir stellen fest, dass dieser Anstieg der Skepsis nicht von einer kleinen, aber ‚lautstarken' Minderheit getrieben wird, sondern vielmehr ein Massenphänomen darstellt.“

Wir haben es also mit einer – politisch gesehen gefährlicheren – Ausbreitung der Seuche namens CCS (climate change scepticism) zu tun und nicht mit der Verschlechterung der Symptome bei einer kleinen Gruppe von Infizierten. Wir erinnern uns: Das Jahr 2023 war das dritte Jahr der Pandemie. Wir konstatieren eine gewisse Parallelentwicklung von Coronaskepsis und Klimawandelskepsis. Und wir wagen die Hypothese, dass es zu einer wechselseitigen Verstärkung gekommen ist.

Was hat sich bei den soziostrukturellen Einflussfaktoren ergeben? In der Pressemitteilung wird eines hervorgehoben: „Der starke Anstieg des Skeptizismus lässt sich weniger durch die individuelle ökonomische Lage erklären. Ausschlaggebend sind vielmehr subjektive Einstellungsfaktoren – etwa rechte politische Orientierungen, Misstrauen gegenüber staatlichen Institutionen, individualistische, hierarchische Orientierungen und Unzufriedenheit mit der Demokratie.“ Verantwortlich seien also, überspitzt gesagt, eine falsche politische Einstellung und charakterliche Defizite. In der Studie selbst sprechen die Autoren auch von „Personen aus dem rechten Spektrum“ oder „Menschen, deren Weltanschauung von rechten Ideologien, Misstrauen und hierarchischen Denkweisen geprägt ist.“

„Wer wenig von der Regierung und all den Institutionen in ihrem Dunstkreis hält, der ist auch skeptisch gegenüber all dem, was er zu hören bekommt."

Man kann es auch einfacher sagen: Wer wenig von der Regierung und all den Institutionen in ihrem Dunstkreis hält, der ist auch skeptisch gegenüber all dem, was er zu hören bekommt, wenn Vertreter derselben ihm nicht nur die Welt erklären, sondern auch, wie er sein Leben zum eigenen und zum Wohle aller und des Planeten zu leben habe – sei es an der Wursttheke, an der Tankstelle oder im Heizungskeller. Ob diese Menschen von der „Angst vor dem Verlust traditioneller Privilegien, Macht und vertrauter sozialer Ordnungen“ geprägt sind, wie die Autoren mutmaßen, darf bezweifelt werden. Außer man sieht es als traditionelles Privileg an, sich kein Elektroauto leisten zu können und in einem schlecht isolierten Haus ohne Fußbodenheizung zu wohnen.

Der Weg in die klimafreundliche Gesellschaft

In nicht untypischer Weise dafür, wie Sozialforschung heute betrieben wird, betonen die Forscher die Brisanz der Lage und fragen sich, was gegen die sich ausbreitende Skepsis getan werden könnte. Die Antwort offenbart große, in Floskeln verpackte Hilflosigkeit: Das „Vertrauen der Öffentlichkeit in die Regierung“ müsse „wiederhergestellt werden, um die Unterstützung für Klimaschutzmaßnahmen zu fördern, und beim Übergang zu einer klimafreundlichen Gesellschaft sollten integrative politische Maßnahmen vorangetrieben werden, damit dieser Prozess nicht als exklusives Projekt einer ‚linken Elite‘ wahrgenommen“ werde. Im öffentlichen Diskurs solle der sozioökologische Wandel nicht mehr als Weg zur ‚Deindustrialisierung‘ dargestellt, sondern stattdessen „sein Potenzial, eine nachhaltige Wirtschaft und kollektives Wohlergehen innerhalb der planetarischen Grenzen zu schaffen,“ hervorgehoben werden. Klingt nach einem Plan.

Konkreter werden da schon Kollegen, die es mit ihrer Idee, man könne die Menschen mit Hilfe künstlicher Intelligenz subtil den rechten Weg weisen, sogar zu einer Veröffentlichung im renommierten Journal Nature Climate Change gebracht haben. Auch sie beklagen, dass Klimawandelskepsis „nach wie vor ein großes Hindernis für die Auseinandersetzung der Öffentlichkeit mit korrekten Klimainformationen“ darstelle, da Skeptiker Informationen, die klimawissenschaftliche Fakten enthalten, oft aktiv meiden. Ihnen sei es jedoch gelungen, mithilfe von KI „das Interesse skeptischer Zielgruppen an der Klimawissenschaft“ zu steigern, „indem Überschriften subtil so angepasst“ wurden, „dass erwartete Meinungsverschiedenheiten, Bedauern und negative Emotionen verringert werden, ohne dabei die sachliche Integrität zu beeinträchtigen.“

@Grok: Glaubst Du, man kann KI gut dafür nutzen, die verbreitete Klimawandelskepsis zu bekämpfen? Bitte antworte in einem Satz.

„Ja, KI kann durch personalisierte Erklärungen und Dialoge kleine, zeitlich begrenzte Effekte gegen Klimaskepsis erzielen, ist aber kein wirksames Allheilmittel und birgt selbst Risiken der Desinformation.“

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