15.05.2026
Nein, das Wetter wird nicht immer extremer
Von Thilo Spahl
Eine aktuelle Studie zeigt, dass seit 1899 sowohl Hitzewellen als auch extreme Kälteereignisse in den USA abgenommen haben.
Eine neue, Ende April 2026 in der Fachzeitschrift Theoretical and Applied Climatology erschienene Studie des Klimatologen John R. Christy von der University of Alabama in Huntsville kommt zu einem Ergebnis, das vielen intuitiven Erwartungen widerspricht: Extreme Temperaturen sind in den USA seit dem Jahr 1899 insgesamt seltener und weniger intensiv geworden. Das betrifft sowohl die heißesten Sommertage als auch die kältesten Winternächte.
Wie hat Christy es geschafft, zu diesem ungewöhnlichen Ergebnis zu kommen? Indem er sich auf Daten stützte, die bisher nicht ausgewertet wurden. Der Befund basiert auf einem aufwändig rekonstruierten Datensatz von über 1200 Wetterstationen und mehr als 40 Millionen Einzelmessungen, dem umfangreichsten Datensatz zu Extremtemperaturen, der jemals ausgewertet wurde.
Ein vernachlässigtes Erbe: Das USHCN-Netzwerk
Christys Datenmaterial war allerdings keineswegs exotisch. Es stammt aus dem United States Historical Climatology Network (USHCN), das in den 1980er Jahren von der amerikanischen Wetterbehörde NOAA eigens dafür ausgewählt wurde, langfristige Klimatrends zu beobachten. Die Stationen wurden nach strengen Kriterien ausgesucht: minimale Standortwechsel, möglichst vollständige Aufzeichnungen, standardisierte Messgeräte. Insgesamt 1218 Stationen erfüllten diese Anforderungen, die grundsätzlich für sehr hohe Datenqualität sorgen. Es gab jedoch ein Problem: Seit ihrer Auswahl sind die Stationen zunehmend vernachlässigt worden. Nahezu die Hälfte davon wurde nach dem Jahr 2000 geschlossen, ohne dass Ersatz benannt oder das Datennetzwerk fortgeschrieben wurde.
Christy musste daher einiges an Mühe und Sorgfalt darauf verwenden, Lücken zu schließen und eine für den Gesamtzeitraum hochwertige Datengrundlage zu erarbeiten. Für jede der geschlossenen Stationen suchte er eine nahegelegene Ersatzstation mit möglichst hoher Korrelation der Temperaturmessungen und berechenbarer systematischer Abweichung. Zudem mussten in einigen Fällen tausende von Einzelwerten manuell aus historischen Papieren, den sogenannten „1001-Formularen" des US Weather Bureau, abgetippt werden. Allein für die Station North Head im Bundesstaat Washington, eine vollwertige, rund um die Uhr betriebene Wetterstation, fehlten über 90 Prozent der Daten zwischen 1902 und 1953. Mehr als 13.000 Einträge wurden für diese Station neu digitalisiert.
„Die schlimmsten Hitzejahre in den USA waren in den 1930ern."
Am Ende verfügte Christy über vollständige Zeitreihen für 1211 der 1218 Stationen, mit mindestens 92 Prozent vorhandener Daten für jede einzelne. Der Datensatz umfasst den Zeitraum von Dezember 1898 bis September 2025, also mehr als 126 Jahre täglicher Temperaturmessungen. Der Startpunkt ist bewusst gewählt: Im Februar 1899 ereignete sich der sogenannte „Great Arctic Outbreak", sozusagen der Rekord der Rekorde, ein Wintersturm, der vom 11. bis 14. Februar 1899 den Osten der Vereinigten Staaten heimsuchte und in einem riesigen Gebiet von den Großen Seen bis zur Golfküste sowie bis nach Florida und Kuba rekordverdächtige Kälte, starke Winde und heftige Schneefälle mit sich brachte. Damals wurden mehr tägliche Kälterekorde aufgestellt als jemals wieder bis heute.
Mit seiner Studie wollte Christy vier konkrete Fragen beantworten:
- In welchem Jahr traten die absoluten Rekordtemperaturen (Hitze und Kälte) auf?
- Wann wurden die meisten täglichen Rekordtemperaturen pro Jahreszeit verzeichnet?
- Wie extrem waren die jährlichen Extremwerte im Vergleich zum Erwartungswert?
- Wann haben Hitzewellen und Kältewellen stattgefunden?
Ergebnis 1: Der heißeste Sommer liegt fast 90 Jahre zurück
Die Auswertung bestätigte, was bereits bekannt war. Die schlimmsten Hitzejahre waren in den 1930ern. Auf die Frage, welches Jahr den größten Flächenanteil der USA mit absoluten Hitzerekorden belegt hat, lautet die Antwort eindeutig: 1936. Rund 22 Prozent des kontinentalen US-amerikanischen Staatsgebiets registrierten in diesem Jahr die heißesten je gemessenen Tagestemperaturen. Auf Rang zwei folgte 1934, weit abgeschlagen auf Rang drei das Jahr 2021.
Für die Kälteextreme liegt das entsprechende Rekordjahr bei 1899, ebenfalls mit rund 22 Prozent Flächenanteil. Danach folgen 1912, 1905, 1937 und 1936. Das Extremwetterjahr schlechthin war damit 1936 mit sowohl Hitze- als auch bei den Kälteextremen.
Ergebnis 2: Die 1930er Jahre dominierten auch bei täglichen Rekordtemperaturen
Noch robuster ist das Bild, wenn man nicht nur den einzelnen absoluten Rekordtag pro Station betrachtet, sondern zählt, wie viele neue tägliche Rekordtemperaturen pro Station und Jahr gebrochen wurden, also nach dem Muster „der heißeste 17. Juli, 13. August“, etc. Für einen 127-jährigen Datensatz wäre rein zufällig mit 1,2 Tagesrekorden pro Station pro Jahr zu rechnen. Im Jahr 1936 wurden aber durchschnittlich 6,7 neue Tages-Hitzerekorde pro Station verzeichnet. Es folgten 1934 (5,3), 1931 (3,4) sowie 1911 und 1925 (je 3,3).
„Die Periode 1925 bis 1939 war die bei weitem hitzerekordreichste Epoche der amerikanischen Klimageschichte. Ziemlich kühl war es dagegen in den 1960er und 1970er Jahren.“
Betrachtet man 15-Jahres-Zeitfenster, zeigt sich: Die Periode 1925 bis 1939 war die bei weitem hitzerekordreichste Epoche der amerikanischen Klimageschichte. Ziemlich kühl war es dagegen in den 1960er und 1970er Jahren, als die Hitzerekorde auf ein historisches Minimum zurückgingen. (Die Älteren von uns erinnern sich, dass es auch in Europa so war. 1975 landete Rudi Carrell mit „Wann wird’s mal wieder richtig Sommer“ einen Hit.) Seitdem steigen die Werte wieder, insbesondere im Westen und Südwesten der USA. Der aktuelle 15-Jahres-Zeitraum (2011–2025) liegt leicht über dem statistischen Erwartungswert, aber weit unter den Werten der 1930er.
Allerdings kehrt die Hitze nicht überall im gleichen Maße zurück. Während der Pazifische Nordwesten, der Südwesten und die sogenannte „4-Corners-Region" (das Vierländereck Utah/Colorado/Arizona/New Mexico) in jüngster Zeit rekordverdächtige Hitzewellen erlebt haben, liegen Regionen wie der Obere Mittlere Westen oder das Ohio Valley deutlich unter ihren historischen Spitzenwerten aus den 1930er und 1950er Jahren – teils um mehr als 30 Rekordereignisse pro 15-Jahreszeitraum.
Ergebnis 3: Kälteextreme sind stark zurückgegangen
Bei den täglichen Kälterekorden zeigt sich ein anderes Bild. Die Häufigkeit neuer Minusrekorde ist erfreulicherweise in allen Regionen gesunken, mit dem historischen Tiefpunkt zwischen 1998 und 2012. Der aktuelle 15-Jahreszeitraum liegt bei etwa 7,9 Kälterekorden pro Station, weniger als halb so viele wie noch vor 1997.
Die Gleichförmigkeit dieses Rückgangs über alle neun untersuchten Regionen hinweg ist auffällig und deutet auf eine gemeinsame Ursache hin. Christy diskutiert zwei mögliche Erklärungen: Einerseits verändert die zunehmende Bebauung rund um Wetterstationen (Urbanisierung, befestigte Flächen) die nächtliche Grenzschicht der Atmosphäre und hemmt die Bildung sehr kalter Luftschichten, in denen Tiefsttemperaturen gemessen werden. Andererseits könnte der beobachtete Rückgang der Kälteereignisse auch ein Zeichen der emissionsbedingten Klimaerwärmung sein, insbesondere durch die Erwärmung arktischer Luftmassen, die in die USA einströmen.
Ergebnis 4: Extreme werden weniger extrem
Für jedes Jahr berechnete Christy auch, wie weit das tatsächliche Jahreshitzeextrem vom historischen Erwartungswert abwich. Genauer gesagt: wie weit die Temperatur des heißesten Tags vom Median der Jahreshöchstwerte aller 127 Jahre abwich. Es zeigte sich, dass die Jahre mit der größten Abweichung allesamt aus der Zeit vor 1940 stammen. Das aktuellste, nach dieser Betrachtung „heiße" Jahr war 2012, das jedoch lediglich Rang 10 in der Gesamtwertung belegt.
Besonders eindrücklich ist der Vergleich mit den Kältewerten: Die Spannbreite der kältesten Jahreswinterextreme ist mit rund 11,7 Grad Celsius mehr als doppelt so groß wie die der Sommerhitzeextreme (rund 5 Grad Celsius). Das Februarereignis 1899 sticht deutlich als das kälteste Einzelereignis in der gesamten US-Klimageschichte heraus. Ab Mitte der 1980er Jahre nehmen Kälteextreme jedoch drastisch ab; von 1996 bis 2025 gab es nur drei Jahre mit negativen Abweichungen, und alle drei waren vergleichsweise schwach.
„Die Spanne zwischen dem heißesten Sommertag und dem kältesten Wintertag eines Jahres hat in den USA über die 127 Jahre hinweg um rund 3,3 Grad Celsius abgenommen.“
Der langfristige Trend ist damit klar: Die Spanne zwischen dem heißesten Sommertag und dem kältesten Wintertag eines Jahres hat in den USA über die 127 Jahre hinweg um rund 3,3 Grad Celsius abgenommen. Extremereignisse werden – gemessen an diesem Maßstab – also weniger extrem.
Ergebnis 5: Hitzewellen rückläufig, aber mit regionalen Unterschieden
Als Hitzewelle definiert Christy in Anlehnung an gängige Standards eine Periode von mindestens sechs aufeinanderfolgenden Tagen, an denen die Tagesmaxima am jeweiligen Ort für den jeweiligen Zeitraum das 90. Perzentil überschreiten (für Kältewellen entsprechend das 10. Perzentil). Auch die Ergebnisse dieser Betrachtung passen ins Bild:
Der 15-Jahres-Zeitraum mit den meisten Hitzewellentagen für die gesamten USA war 1930 bis 1944 mit durchschnittlich 84,1 Tagen pro Station. Das Minimum lag in der Periode 1965 bis 1979 mit nur 26,1 Tagen. Seither steigen die Werte wieder leicht.
„Kältewellen zeigen einen klaren, nahezu kontinuierlichen Rückgang.“
Kältewellen zeigen dagegen einen klaren, nahezu kontinuierlichen Rückgang. Die Summe aus Hitze- und Kältewellentagen ist von über 120 Tagen in den 1930ern auf etwa 75 Tage pro Station in der jüngsten Periode zurückgegangen.
Nicht-klimatische Einflüsse
Christy ist sich der methodischen Grenzen seiner Studie bewusst und widmet ihnen ein ausführliches Kapitel. Der Mensch beeinflusst Temperaturen nicht nur durch die Emission von Treibhausgasen. Die wichtigste Störquelle ist der sogenannte Urban-Heat-Island-Effekt: In Städten erwärmt sich die Nachtluft stärker als auf dem Land, weil Beton, Asphalt und Gebäude Wärme speichern und abgeben. Dieser Effekt beeinflusst die Tiefsttemperaturen weit stärker als die Tageshöchstwerte.
Als extremes Beispiel analysiert Christy die Station Fresno in Kalifornien, deren Einzugsgebiet von 12.470 Einwohnern im Jahr 1900 auf über 800.000 im Jahr 2024 angewachsen ist. Hier weisen die Tageshöchstwerte praktisch keinen langfristigen Trend auf, während die Tiefstwerte um 0,24 Grad Celsius pro Jahrzehnt gestiegen sind. Im Vergleich zu 28 ländlicheren Nachbarstationen liegt die Tiefsttemperatur in Fresno heute rund 2,8 Grad Celsius höher als in der Referenzperiode 1905 bis 1954.
Weitere mögliche Störgrößen sind die Ausbreitung der Bewässerungslandwirtschaft im Mittleren Westen sowie erhöhte Aerosolemissionen in den 1960er bis 1980er Jahren im östlichen Landesteil. Beide wurden in Sensitivitätsanalysen untersucht und erwiesen sich als quantitativ unbedeutend für die Gesamtergebnisse.
Abweichende Ergebnisse
Einen besonderen Abschnitt widmet Christy dem fünften Nationalen Klimabericht der USA (NCA5), dem offiziellen Lagebericht der US-Regierung zu Klimafolgen und -risiken. Er überprüft, ob die dort gemachten Aussagen zu Temperaturextremen mit seinen Beobachtungsdaten vereinbar sind.
Der NCA5 enthält Formulierungen, wie wir sie häufig hören, etwa: „Der Klimawandel erhöht die Häufigkeit und Schwere vieler extremer Wetter- und Klimaereignisse, einschließlich Hitzewellen." Christy akzeptiert den NCA5-Befund, dass der Westen der USA seit den 1980er Jahren mehr Extremhitzeereignisse erlebt hat – das bestätigen seine Daten. Die NCA5-These, dass insgesamt Hitzewellen zunehmen, kann er jedoch nicht belegen: Der entsprechende Trend seit 1960 (plus drei Prozent) ist statistisch nicht signifikant. Und für jeden Startpunkt vor 1937 ist der Gesamttrend sogar negativ.
„Gegenwärtige Extremereignisse bewegen sich vollständig innerhalb der Bandbreite, die die natürliche Variabilität schon immer bereitgestellt hat."
Besonders kritisch setzt sich Christy mit der im NCA5 verwendeten Metrik der Tage mit Temperaturen über 35 Grad Celsius auseinander. Dieser absolute Schwellenwert begünstigt systematisch die wärmsten Regionen im Westen und Süden, wo solche Temperaturen häufiger auftreten. Für die USA insgesamt zeigt dieser Indikator jedoch seit 1899 sogar einen Rückgang von 8,3 Prozent.
Christy hält dem NCA5 vor, die Art der Erklärung zu wechseln, je nachdem, ob das Ergebnis ins Bild passt, oder nicht. Für den Anstieg von Extremhitzeereignissen im Westen wird der Klimawandel verantwortlich gemacht; der Rückgang im Osten wird hingegen ganz ohne Klima mit „sommerlichen Abkühlungstrends" erklärt.
Kein Signal des Treibhauseffekts bei Extremereignissen
Natürlich muss Christy darauf hinweisen, dass er kein „Klimaleugner“ ist. Er betont ausdrücklich, dass seine Studie das Vorhandensein eines Treibhausgassignals im globalen Klimasystem nicht in Frage stellt. Er und sein Kollege Roy Spencer haben schließlich selbst zur Messung dieses Signals mit Satellitendaten beigetragen. Doch auf lokaler und regionaler Ebene, also dort, wo Extremwetter tatsächlich auftritt, überlagere die natürliche Variabilität des Klimasystems das Treibhaussignal derzeit noch bei weitem.
Die Atmosphäre und der Ozean sind turbulente, chaotische Systeme, deren Wechselwirkung eine schier unendliche Vielfalt regionaler Ausprägungen erzeugt – darunter das bis heute ungebrochene Kälteereignis vom Februar 1899 und die Hitzewellen der 1930er Jahre. Gegenwärtige Extremereignisse bewegen sich vollständig innerhalb der Bandbreite, die die natürliche Variabilität schon immer bereitgestellt hat.