02.09.2026
Höhere Steuern für Ossis, Männer, AfD-Wähler
Sündensteuern auf Schnaps, Tabak und Limo treffen bestimmte Gruppen härter. Finanziell Schwächere sowieso, aber auch speziell für viele Ulrich-Siegmund-Wähler wird es bald richtig teuer.
90 Cent könnte die 0,7l-Wodkaflasche bald im Preis steigen, die Literflasche Cola um über 30 Cent. Denn die Bundesregierung will einige Verbrauchssteuern erhöhen, teils massiv, und eine Zuckersteuer für Limo & Co. einführen. Das ist einer der Unterschiede zwischen dem Staat und einem Zuhälter: Letzterer bedient sich nur bei den Einnahmen, ersterer gönnt sich zusätzlich bei den Ausgaben reichlich Provision. Da aller Dinge drei sind, ergänzt die Obrigkeit diese Doppelbesteuerung noch um die Erhebung der Mehrwertsteuer auf Alkohol-, Tabak- oder Zuckersteuer. Steuern auf Steuern zahlen, das passt zu einem Steuerstaat, wo nicht nur Geld eingenommen, sondern auch das Verhalten der Menschen dadurch gesteuert werden soll.
„Der Zucker ist viel teurer noch als Gold […] Der Preis von Spirituosen, der wird dann steigen“, sang Vader Abraham schon vor einem halben Jahrhundert über die Finanzpolitik der damaligen niederländischen Linksregierung. „Erst wenn man tot ist und einsam begraben wird, lässt die Regierung einen gerne in Ruhe“. Na ja, dann fällt noch Friedhofsgebühr an – die kann vom besteuerten Erbe beglichen werden.
Besonders heftig soll eine Kaskade von Tabaksteuererhöhungen ausfallen. Allein im vergangenen Vierteljahrhundert hat es bereits 14 (!) Erhöhungen gegeben, die letzte Senkung erfolgte zu Ludwig Erhards Zeiten vor über 70 Jahren. Inzwischen sollen die Raucher längst nicht nur gemolken, sondern vor allem geschlachtet werden: Die turmhohe Strafsteuer dient dazu, sie zum Verzicht zu zwingen. Dabei kommen Raucher die öffentlichen Kassen billiger, einer finnischen Studie zufolge um beachtliche 133.800 € über ihre Lebensdauer hinweg.
Die Bundesregierung wollte die Genießer dieses besonders unbotmäßigen Lebensstils so zur Kasse bitten, dass ein rauchendes Ehepaar nach Nius-Berechnungen 1200 Euro pro Jahr mehr hätte berappen müssen. Aktuelle EU-Pläne würden sogar zu einer doppelt so großen Zusatzbelastung führen, sind aber in dieser Höhe noch keineswegs durch. Dafür kursieren bei der Unions/SPD-Koalition Pläne für noch krassere Erhöhungen als ursprünglich beabsichtigt, um die 12 Euro pro Schachtel Zigaretten (je nach Marke) sollen es bis 2030 werden. Den Elefanten im Zimmer erkennen selbst Staatsbedienstete: „Wenn legale Produkte teurer werden, illegale Ware aber billig verfügbar bleibt, steigt der Anreiz für den Schwarzmarkt“, kommentiert die Deutsche Zoll- und Finanzgewerkschaft.
„Beim Alkohol beschränken wir uns auf den Branntwein, da die Biersteuer in ihrer Höhe bleibt, auf Wein keine Steuer erhoben wird und Alkopops keine Erwähnung verdienen.“
Solche „Sündensteuern“, aber auch generell indirekte Steuern, wirken regressiv, d.h. sie belasten die Menschen umso stärker, je schmaler deren Geldbeutel ausfällt. Im Fall des aktuell geplanten Beutezugs lohnt aber ein genauerer Blick, wen es am härtesten trifft. Den Drogenbeauftragten der Bundesregierung jedenfalls nicht. Ex-Corona-Experte Prof. Hendrik Streeck (CDU) hatte sehr für die Strafbesteuerung geworben. Ob eine Dose Whiskey-Cola zu seinen Konsumgewohnheiten gehört, entzieht sich meiner Kenntnis, das MdB mit seinen fünfstelligen Einkünften könnte sie aber mit dem Aufkleber „Eure Armut kotzt mich an“ verzieren. Jüngst beklagte er „Stalking“ durch die „Tabaklobby“, das war kurz nach dem Spahn-Rücktritt wegen der Leihmutter-Affäre – vielleicht wollte Streeck durch Rumopfern von irgendetwas ablenken.
Lassen wir also Abgeordnete außen vor, die können sich Whiskey-Cola von der Alkohol- und bald auch Zuckersteuer der anderen leisten. Wo gibt es die meisten Raucher? Nach Bundesländern aufgeschlüsselt sind die aktuellen Zahlen der statistischen Ämter noch nicht erschienen, deshalb greifen wir auf Daten aus dem Mikrozensus von 2020 zurück. Mecklenburg-Vorpommern und Thüringen führen, fast alle übrigen ostdeutschen Länder und Berlin befinden sich ebenfalls unter den Top Sechs – nur Brandenburg fällt ab, seiner vielen Siedler-Kolonialisten aus West-Deutschland wegen. Männer rauchen etwas mehr als Frauen, wie auch der Mikrozensus 2025 bestätigt, am meisten greifen 35- bis 55-Jährige zu Tabakwaren.
Beim Konsum der bald der Zuckersteuer unterliegenden Softdrinks führen laut einer Studie der Techniker-Krankenkasse von 2019 Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen, also auch wieder die Ossis (den Begriff wird man wohl noch sagen dürfen, wie ein alter weißer Mann zurecht anmerkt). Beim Alkohol beschränken wir uns mal auf den Branntwein, da die Biersteuer in ihrer Höhe bleibt, auf Wein keine Steuer erhoben wird und Alkopops keine Erwähnung verdienen. Generell trinken Männer mehr als Frauen (was auch für die Softdrinks gilt). Regional führt laut Bundesverband der Deutschen Spirituosen-Industrie der Nordosten mit den Bundesländern Mecklenburg-Vorpommern, Brandenburg und Sachsen-Anhalt.
„Vielleicht bekommt Ulrich Siegmund am Ende die entscheidenden Stimmen von Wodka-Red-Bull-trinkenden Rauchern.“
In Meck-Pomm und Sachsen-Anhalt wird diesen Monat der Landtag gewählt. Dort steht die AfD an der Spitze der Umfragen. Die ostdeutschen Länder sind Hochburgen der Partei. Sie wird von mehr Männern als Frauen gewählt, wenngleich eine Insa-Sonntagsfrage als Indiz für eine weitgehende Schließung der Lücke herhalten kann (vielleicht liegt das an der „Vermännlichung“ durch Limotrinken).
Nun kommt hinzu, dass die Blauen unterproportional von Alten gewählt werden, einer Gruppe, in der der Raucheranteil nachlässt, weil viele aufgehört haben. Umgekehrt finden wir geringeren Alkohol- und Tabakkonsum bei Minderjährigen, die noch nicht wahlberechtigt sind. Umso stärker schneidet die AfD bei der mittleren Altersgruppe ab, also der mit dem höchsten Raucheranteil. Außerdem spricht sie als „Arbeiterpartei“ mehr bodenständiges Volk an, das öfter raucht und dampft als andere Klientele. (Einschränkend sei das Nord-Süd-Gefälle beim Schnaps erwähnt – umgekehrt zu den Wahlergebnissen der Schwefelpartei.)
Im Schnitt sind also Ossis, Männer und AfD-Wähler – letztere nicht nur wegen höherer Repräsentanz in den beiden vorgenannten Gruppen – besonders stark von der aktuellen Sündensteuer-Politik betroffen. Die AfD könnte von der Zuckersteuer profitieren, mutmaßt schon die Bundesvereinigung der Deutschen Ernährungsindustrie (BVE). Bisher hat die Partei noch kein ganz klares Profil bei solchen Volkserziehungsfragen gewonnen. Allerdings lehnt die AfD-Bundestagsfraktion die Zuckersteuer ab und positioniert sich generell gegen „maximale fiskalische Ausnutzung“ durch Verbrauchsteuererhöhung. Wer weiß, vielleicht bekommt Ulrich Siegmund am Ende die entscheidenden Stimmen von Wodka-Red-Bull-trinkenden Rauchern.