22.04.2026

Die süßeste Versuchung, seit es Paternalismus gibt

Von Daniel Kofahl

Titelbild

Foto: Taylor Swayze via Unsplash / CC0

Auf Bundesebene wird die Einführung einer Zuckersteuer diskutiert. Ein solcher staatlicher Übergriff würde finanziell Schwache überproportional treffen und Genuss moralisch überladen.

Limonaden, einst unbeschwert beworben mit Werbeclaims wie „sonnig fruchtig Blunafrisch“, „Mach mal Pause […] trink Coca-Cola […] das erfrischt richtig“ oder „Jetzt Lift und weg ist der Durst“, sind längst sind längst kein unbeschwertes Getränk mehr, die Limonade ist ein Ernährungskultur-Kampfzeichen geworden. In ihr perlt nicht nur Zucker, sondern die ganze Ambivalenz einer Gesellschaft, die Genuss zugleich erlaubt und misstrauisch beäugt. Wo früher der Durst stand, steht heute das sittliche Urteil. Und wie so oft heutzutage, wenn der Alltag moralisch aufgeladen wird, droht bald die staatliche Reaktion.

In diesem Fall ist es eine fiskalische Konsequenz die folgen soll, nämliche die Zuckersteuer auf Limonaden, gern auch etwas flapsiger „Limo-Steuer“ genannt. Diese präsentiert sich als nüchterne Maßnahme, beinahe technokratisch, als eine kleine Korrektur im großen Getriebe der Konsumentscheidungen. Doch diese Nüchternheit ist eine Pose. In Wahrheit handelt es sich um eine der ältesten und grobmaschigsten Formen staatlicher Intervention: die Verbrauchssteuer. Diese trifft nicht nach Maß, sondern nach Menge, sie wird nicht gestaffelt nach Leistungsfähigkeit, sondern nach Zugriff erhoben. Sie kennt keine Biografien, keine Kontostände, keine Lebenslagen – sie kennt nur den Kaufakt.

Gerade darin liegt der sozialpolitische Skandal der Verbrauchssteuern. Sie sind blind für Ungleichheit und wirken deshalb umso schärfer entlang ihrer Linien. Wer wenig hat, gibt einen größeren Anteil seines Einkommens für Konsumgüter aus und wird entsprechend stärker belastet. Dass dies für viele Bereiche gilt, macht es nicht besser, sondern beschreibt lediglich die Reichweite des Problems. Bei Lebensmitteln jedoch wird aus dem strukturellen Defizit eine besondere Härte, denn deren Konsum ist nicht optional, ihr Erwerb im marktförmigen Alltag kaum vermeidbar. Auch die größten Technik- und Fortschrittoptimisten müssen weiterhin konstatieren: Auch wenn man so manches andere an KI, Roboter oder auch Trivialmaschinen der alten Generation auslagern kann, Essen und Trinken muss der Mensch dann doch noch weiterhin. Die Steuer greift somit nicht in eine Sphäre des Überflusses ein, sondern in die der alltäglichen Notwendigkeit.

„Was genau ist das ‚wahre‘ Eigeninteresse eines Menschen? Wer bestimmt es? Und mit welchem Recht?“

Die Zuckersteuer verschärft diesen Effekt noch, weil sie – nimmt man ihre Begründung1 ernst – gezielt dort wirken soll, wo bestimmte gesundheitliche Phänomene statistisch häufiger auftreten: in sozial benachteiligten Milieus. Sie ist damit keine bloß unbeabsichtigt ungleiche Belastung, sondern eine intendierte. Eine Politik, die vorgibt, Probleme zu adressieren, indem sie jene stärker zur Kasse bittet, bei denen diese Probleme gehäuft vorkommen, bewegt sich auf einem schmalen Grat zwischen Fürsorge und fiskalischer Stigmatisierung. Dass die treibenden Kräfte solcher Maßnahmen selten aus eben diesen Milieus stammen, verleiht der Sache eine zusätzliche Ironie. Adressiert und belangt werden immer gern die Anderen, den eigenen kleinen Alltagssünden gegenüber ist man immer gern etwas großzügiger; da reicht dann in der Regel auch das private schlechte Gewissen, welches man vielleicht mit einer Spende für den Tierschutz oder einer Runde Yoga-Meditation für das universelle Karma besänftigt. Oder mit einem Glas labelzertifiziertem Wein vom Biowinzer. Man muss sich Reue ja auch mal etwas kosten lassen.

Kommen wir zurück zur Zuckersteuer. Nun ließe sich einwenden, dass es hier zum einen um ein Genussmittel handelt, dass sich durch Wasser oder Tees substituieren ließe und dass es um Gesundheit gehe, um Prävention und um gesellschaftliche Folgekosten. Doch genau an dieser Stelle lohnt es sich, die Frage nicht nur nach der (im Übrigen diskutierten) Wirkung, sondern zuvorderst nach der Legitimation zu stellen. Selbst wenn eine Maßnahme empirisch wirksam sein sollte, ist damit noch nicht gesagt, dass sie normativ gerechtfertigt ist. Die Idee, dass der Staat die Präferenzen seiner Bürger durch Preislenkung korrigiert, berührt einen empfindlichen Kern liberaler Ordnung: die Frage, wem das eigene Leben gehört.

Die zeitgenössische Variante dieser Intervention tritt oft in milderer Gestalt auf. Sie nennt sich „Nudging“, verspricht Sanftheit, spricht im Tonfall der Hilfe. Menschen sollen nicht gezwungen, sondern lediglich in die „richtige“ Richtung geleitet werden. Doch diese Rhetorik unterschätzt die Komplexität dessen, was sie zu ordnen versucht. Was genau ist das „wahre“ Eigeninteresse eines Menschen? Wer bestimmt es? Und mit welchem Recht?

„Aus Autonomie wird Lenkung, aus Präferenz eine Abweichung, die es zu korrigieren gilt.“

Die Annahme, man könne anderen zu dem verhelfen, was sie „eigentlich“ wollen, setzt ein Wissen über fremde Wohlfahrt voraus, das selten vorhanden ist. Präferenzen sind keine an sich eindeutigen und bloß unter einer Schicht von Unwissenheit verborgenen Schätze, die nur freigelegt werden müssen. Menschliche Vorlieben und Neigungen sind oft widersprüchlich und entwickeln sich situativ vortastend. Wer hier mit dem Anspruch auftritt, Klarheit zu schaffen, ersetzt nicht selten die Unschärfe des Lebens durch die Eindeutigkeit administrativer Kategorien.

Dabei ist Freiheit, wenn man die Idee wieder ernst nehmen will, mehr als die bloße Existenz von Optionen. Sie besteht auch darin, Entscheidungen als die eigenen zu erfahren, selbst dann, wenn sie unvernünftig erscheinen mögen. Wird das Umfeld so gestaltet, dass bestimmte Entscheidungen systematisch verteuert und andere begünstigt werden, bleibt die Wahl formal bestehen, doch ihr Charakter verändert sich. Aus Autonomie wird Lenkung, aus Präferenz eine Abweichung, die es zu korrigieren gilt.

Die Zuckersteuer fügt sich nahtlos in diese Logik ein. Sie ist kein asymmetrischer Eingriff, der nur jene betrifft, die Unterstützung benötigen, während andere unbehelligt bleiben. Sie greift unterschiedslos. Auch der maßvolle Konsument zahlt, ebenso derjenige, der schlicht keine Alternative sucht, und selbst der Sonderfall, der zusätzliche Kalorien eher benötigt als vermeiden möchte, wird fiskalisch zur Ordnung gerufen. Gerade in dieser Gleichförmigkeit zeigt sich die Unschärfe des Instruments.

Hinzu treten Nebenfolgen, die selten im Vordergrund der Debatte stehen, aber derzeit auswuchern wie der Girsch in manchem Kleingarten. Es geht um die moralische Aufladung, hier des Konsums – die erst leise und dann immer lauter werdende Stigmatisierung bestimmter Lebensweisen. Dazu kommt die Verschiebung von Verantwortung hin zu Expertensystemen, die immer genauer zu wissen behaupten, was gut für alle ist. Der Griff zur Limonade wird so zu einer sozialen Aussage, die begleitet wird von der impliziten Frage, ob man sich gerade richtig verhält.

„Der Streit um die Zuckersteuer ist daher mehr als eine Debatte über Getränke. Er ist ein Lehrstück darüber, wie moderne Gesellschaften mit Abweichung, Risiko und Ungleichheit umgehen.“

Besonders aufschlussreich ist dabei der soziale Hintergrund der Phänomene, auf die sich die Steuer bezieht. Es ist gut belegt, dass bestimmte Erkrankungen mit sozioökonomischen Faktoren korrelieren. Doch aus dieser Beobachtung folgt nicht zwingend die Legitimation, Konsumentscheidungen preislich zu disziplinieren. Wer die Ursachen ernst nimmt, stößt auf komplexe Lebenslagen: Einkommen, Arbeitsbedingungen, Umwelt, Stress, Zugang zu Ressourcen. Eine Politik, die hier primär am Endpunkt – dem Konsum – ansetzt, behandelt Symptome und erhebt dabei zugleich eine Abgabe auf genau jene Bedingungen, die sie unangetastet lässt. Wenn die soziale Lage ein wesentlicher Faktor ist, dann wäre eine Verbesserung dieser Lage die naheliegendere Antwort als ihre fiskalische Zusatzbelastung. Alles andere wirkt wie eine Umwegfinanzierung sozialer Probleme über den Kassenbon.

Der Streit um die Zuckersteuer ist daher mehr als eine Debatte über Getränke. Er ist ein Lehrstück darüber, wie moderne Gesellschaften mit Abweichung, Risiko und Ungleichheit umgehen. Er stellt die Frage, ob der Staat sich darauf beschränken soll, Rahmenbedingungen zu setzen, oder ob er beginnt, die Inhalte des guten Lebens mitzugestalten, zunächst sanft, dann vielleicht strenger und schließlich brachial.

Am Ende bleibt Limonade das, was sie schon immer war: der Genuss eines süßen, in gewisser Weise trivialen Produkts mit der Tendenz überzuschäumen, wenn man sie zu sehr schüttelt. Die Bedeutungen, die man um sie legt, sind allerdings nicht trivial. In der Limonade spiegelt sich eine Ordnung, die sich selbst zunehmend misstraut und deshalb versucht, ihre Bürger vor sich selbst zu schützen. Die Steuer ist dabei nur das sichtbarste Symptom.

Vielleicht liegt nun aber gerade im süßen Prickeln der Limonade eine kleine, freundliche und auch wahre Erinnerung daran, dass Genuss in Freiheit nicht immer erst um Erlaubnis bitten muss.

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