14.08.2019

Der Supermarkt als toxic food environment

Von Thilo Spahl

Über Diabetes, Kinder und die Vergiftungsphantasien der Hüter der Volksgesundheit.

Oh sugar, pour a little sugar on it honey
Pour a little sugar on it baby
I'm gonna make your life so sweet, yeah yeah yeah
Pour a little sugar on it oh yeah
Pour a little sugar on it honey
Pour a little sugar on it baby
I'm gonna make your life so sweet, yeah yeah yeah
Pour a little sugar on it honey
Ah sugar, ah honey honey
You are my candy girl
And you've got me wanting you

(The Archies, 1969)

Als die Archies mit „Sugar Sugar“ die Nummer eins in den Charts waren, verbrauchten die Deutschen etwa 34 Kilo Zucker pro Kopf und Jahr. Heute ist es ungefähr genauso viel. Damals waren die Menschen arglos und dachten sich nichts dabei. Heute geht es den meisten genauso. Doch eine wachsende Zahl zeigt sich besorgt ob der gesundheitlichen Folgen einer zu zuckrigen Ernährung. Und manche steigern ihre Sorge zur Empörung und ziehen in den Kampf gegen den sorglosen Genuss ihrer Mitmenschen. Und vor allem gegen die menschenverachtenden Dealer, die sie mit Stoff versorgen. „Kinder, die schon im Grundschulalter unbeweglich sind, die nicht spielen oder rennen können, die gehänselt werden, die an Diabetes leiden und in jungen Jahren schon süchtig sind – süchtig nach Zucker. Das ist in Deutschland längst keine Seltenheit mehr“, weiß man beim Stern.1 „Die Bundesregierung darf nicht länger tatenlos zusehen, wie ein Unternehmen auf Kosten der Kindergesundheit Profite macht“, teilt uns der Verein Foodwatch mit. „Ein starker Konsum zuckerhaltiger Getränke“ fördere „nachweislich die Entstehung zahlreicher Krankheiten, dazu gehören Fettleibigkeit (Adipositas), Typ-2-Diabetes und Karies.“ Die Firma Coca-Cola sei mitverantwortlich für die „Epidemie an Diabetes und Fettleibigkeit.“2

Die Firma Coca-Cola sollte das nicht persönlich nehmen. Sie ist von den Vor-Lebensmitteln-Schützern nur aus Marketinggründen gewählt. „Coca-Cola-Report“3 klingt viel sexier als „Mitteldeutsche-Erfrischungsgetränke-Report“ oder „Hansa-Heemann-Report“. Um dem Bösen einen Namen zu geben, wählt man natürlich lieber die Nummer eins als die Nummer zwei oder drei im Markt. Und wenn man dann noch den Marlboro-Mann mit einer Colaflasche in der Hand auf den Titel setzt, ist die Botschaft perfekt: Ein US-Gigant bedroht mal wieder die deutsche Volksgesundheit und verführt unsere Kinder. Gleichzeitig wird suggeriert, Zucker spiele, was die Gesundheitsschädlichkeit anbetrifft, in der gleichen Liga wie Tabak.

Zucker und Diabetes

Was ist dran an der Behauptung, Zucker führe zu Typ-2-Diabetes und bedrohe vor allem unsere Kinder? Nicht viel. Schaut man den „Diabetes-Risiko-Test“4 an, der vom Deutschen Institut für Ernährungsforschung (DIfE) erarbeitet wurde und mit dem jeder durch das Beantworten von zehn Fragen sein Risiko ermitteln kann, so wird sehr deutlich, dass man hier dem Zucker keine Bedeutung beimisst. Das größte Risiko hat, wer die meisten Punkte sammelt. Für das Ausmaß des Taillenumfangs sind bis zu 40 Punkte drin, für das Alter bis zu 25 (die man erhält, wenn man über 75 Jahre alt ist). Viel Rauchen und viel Fleisch bringen jeweils maximal acht Punkte, eine Körpergröße unter 1,52 Meter elf Punkte, die familiäre Belastung (also die Gene) bis zu 17, geringer Vollkornverzehr bis zu fünf, Bluthochdruck fünf, geringer Kaffeekonsum drei und wenig Bewegung (erstaunlicherweise) nur einen. Zucker kommt überhaupt nicht vor, Fett und Salz ebenso wenig.

„Ein direkter Einfluss des Verzehrs von Zucker auf das Diabetesrisiko ist bisher nicht belegt.“

Das entspricht dem Stand der Ernährungsforschung. Ein direkter Einfluss des Verzehrs von Zucker auf das Diabetesrisiko ist bisher nicht belegt. Ein indirekter – durch Gewichtszunahme – ist umstritten. „Es existieren bislang keine Interventionsstudien zur Wirkung der zuckerhaltigen Getränke auf den Endpunkt Typ-2-Diabetes; derartige Studien wären überaus aufwendig. Zum Beleg der Kausalität kann jedoch die vielfach gesicherte Wirkung einer Gewichtserhöhung auf das Diabetesrisiko herangezogen werden“, schreibt Hans-Georg Joost, der bis 2014 Wissenschaftlicher Vorstand des DIfE war, im Deutschen Gesundheitsbericht Diabetes 2018.5 Das ist eine geschickte Formulierung, weil ein Zwischenschritt ausgelassen ist, nämlich der Nachweis, dass der Konsum zuckerhaltiger Getränke direkt zu Gewichtszunahme führt. Das ist nicht ohne weiteres der Fall. Und das würde auch kein Wissenschaftler behaupten. Die Argumentation ist vielmehr so: Zuckerhaltige Getränke wirken nicht besonders sättigend. Und daher neigen Leute, die gerne Softdrinks trinken, dazu, mehr Kalorien aufzunehmen, als sie verbrauchen. Es ist also erstens nicht der Zucker, sondern es sind überschüssige Kalorien, die, als Fett eingelagert, das Körpergewicht erhöhen. Und der Effekt zeigt sich zweitens nicht generell beim Verzehr von Zucker, sondern nur bei zuckergesüßten Getränken. Und auch hier ist er noch mit einem Fragezeichen versehen.

Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) hat für die Leitlinie „Kohlenhydratzufuhr und Prävention ausgewählter ernährungsmitbedingter Krankheiten“ rund 400 Studien ausgewertet. Herausgekommen ist, dass es keinen Zusammenhang zwischen Zuckerzufuhr und Adipositas gibt, während für zuckergesüßte Getränke eine Risikoreduktion bei Erwachsenen wahrscheinlich und bei Kindern möglich sei. Im Kommentar der DGE zur Leitlinie heißt es: „Bezogen auf die Adipositasprävention lassen weder die DGE-Leitlinie noch die den Aussagen in der WHO-Guideline zugrunde liegende Meta-Analyse von Te Morenga et al. (2013) den Schluss zu, dass Zucker damit in einem kausalen Zusammenhang steht […].“6

Also: Für das Diabetesrisiko ist der dicke Bauch entscheidend. Mit welcher Ernährung man sich diesen zulegt, ist egal. Und neben der Ernährung gibt es noch eine Menge weiterer Faktoren, die von Mensch zu Mensch erheblich variieren können. Dazu zählen genetische Veranlagung, Stress, hormonelle Störungen, psychische Erkrankungen, Medikamente, Infektionskrankheiten, Veränderung der Darmflora, zu wenig Schlaf, beheizte Wohnungen, Heirat und Scheidung.7 Und wahrscheinlich noch viel mehr. Zucker im Essen korreliert nicht mit Übergewicht, Zucker im Trinken vielleicht ein bisschen. Er ist auf jeden Fall nur ein kleiner Risikofaktor in einer langen Liste. Bei Getränken ist das Spektrum der Energiedichte recht breit. Es reicht von null Kilokalorien bei Wasser und einer bei Cola Light über 25 bei Apfelschorle, 37 bei Coca-Cola, 46 bei Haferdrink, 52 bei Weizenbier bis zu 400 bei Kakao, jeweils für 100 ml angegeben. Ein halber Liter Kakao oder fünf Liter Cola decken also mitunter den täglichen Kalorienbedarf eines Teenagers. Süße Getränke nicht literweise zu trinken, lässt mehr Spielraum für andere Nahrungsmittel. Das sollte sich jeder bewusst machen, und damit kann man es dann auch bewenden lassen.

Die dicken Kinder von Deutschland

Warum werden die Kinder immer dicker? Die einen sagen, der Zucker ist schuld. Die anderen sagen, die mangelnde Bewegung ist schuld. Es gibt aber noch eine dritte Antwort. Die Kinder werden gar nicht dicker. Das ist das Ergebnis der Langzeitstudie des Robert Koch-Instituts zur gesundheitlichen Lage der Kinder und Jugendlichen in Deutschland (KiGGS). Es gibt in Deutschland seit mindestens zehn Jahren keine Zunahme von Übergewicht bei Kindern. 15,4 Prozent der 3 bis 17-Jährigen sind per Definition übergewichtig, 5,9 Prozent davon werden als adipös eingestuft (mit anderen Worten: 94,1 Prozent sind nicht fettleibig). Vor zehn Jahren waren es 15 Prozent, davon 6,3 Prozent adipös.

„Die Kinder trinken überhaupt nicht massenhaft und schon gar nicht immer mehr süße Getränke.“

KiGGS lieferte noch andere Ergebnisse, die hier nicht unerwähnt bleiben sollten. Die Kinder trinken überhaupt nicht massenhaft und schon gar nicht immer mehr süße Getränke. Vielmehr gibt es einen deutlichen Rückgang bei süßen Getränken. Insgesamt trinken 16,9 Prozent der Mädchen und 22,2 Prozent der Jungen ein- oder mehrmals täglich zuckerhaltige Erfrischungsgetränke. Vor zehn Jahren waren es noch 28,2 Prozent beziehungsweise 34 Prozent. Im Vergleich zur KiGGS-Basiserhebung sind die Mittelwerte des täglichen Konsums dieser Getränke um etwa ein Viertel gesunken. Und sie essen auch nicht immer mehr Süßwaren, sondern je nach Geschlecht und Altersgruppe zwischen 20 und 30 Prozent weniger. Und dann trinken die Kinder auch noch Wasser, je nach Alter und Geschlecht 50 bis 90 Prozent mehr als vor zehn Jahren.8

Wenn das Ziel der Anti-Zucker-Kampagnen ein deutlicher Rückgang des Konsums bei Kindern ist, dann kommen diese zu spät. Denn der hat schon stattgefunden. Wenn er dazu führen soll, dass die Zahl der übergewichtigen Kinder abnehmen sollen, muss man aufgrund dieser Ergebnisse sagen: Es hat nicht funktioniert. Es sind immer noch genauso viele. Insofern stützt KiGGS offensichtlich eher die Bewegungshypothese. Hier zeigt sich nämlich kein positiver Trend. Die Anzahl der Kinder, die an weniger als zwei Tagen pro Woche mindestens 60 Minuten körperlich aktiv sind, hat in den letzten fünf Jahren bei den Jungs von 4,6 auf 7 Prozent und bei den Mädchen von 8 auf 11,1 Prozent zugenommen. Lediglich jedes fünfte Mädchen und jeder dritte Junge erreichen die Bewegungsempfehlung der WHO, sich täglich mindestens eine Stunde zu bewegen.9

Arm und reich

KiGGs zeigt auch, dass bei Adipositas der entscheidende Faktor ist, wie reich die Eltern sind. Kinder aus armen Familien sind mehr als viermal so oft übergewichtig beziehungsweise fettleibig wie Kinder aus wohlhabenden Familien. Das dürfte schlicht daran liegen, dass in besseren Kreisen Dicksein als halbe Katastrophe gilt, während ärmere Menschen andere Probleme beziehungsweise eine ausgeprägtere Toleranz gegenüber lebensstilassoziierter Körperformenvielfalt und damit einhergehend ein ungezwungeneres Verhältnis zu Ernährung haben. Bei Reichen steigt das Ansehen eines Restaurants damit, wie klein die Portionen sind, bei Armen ist es genau umgekehrt.

„Eine Zuckersteuer dürfte den Reichen herzlich egal sein, würde die armen Essenssünder aber durchaus treffen.“

Da trifft es sich doch gut, dass eine Zuckersteuer den Reichen herzlich egal sein dürfte, die armen Essenssünder aber durchaus treffen würde. Ernährungslenkungsexperten der WHO schreiben: „Verletzliche Bevölkerungsgruppen, wozu solche mit niedrigem Einkommen, junge Menschen und solche mit dem größten Risiko für Adipositas zählen, reagieren am stärksten auf relative Preisänderungen bei Lebensmitteln und Getränken.“10 Aus ihrer Sicht „profitieren“ damit die am meisten von der Steuer, die sie am härtesten trifft.

Vielleicht lässt sich ja das Durchschnittsgewicht beim ärmeren Teil der Bevölkerung durch saftige Zuckersteuern um 500 Gramm senken. Aber zu welchem Preis! Für die Regulierungsfreunde hört sich alles ganz logisch an. Was könnte jemand dagegen haben, dass sie sich für die Verbesserung der Volksgesundheit einsetzen? Was sollte falsch daran sein, arme Kinder vor der Verfettung zu retten? Die Antwort lautet: Schlecht daran ist, dass das Volk sie nicht darum gebeten hat und dass die Kinder und deren Eltern sie nicht gerufen haben. Niemand hat gesagt: „Bitte, bitte, macht doch die Cola teurer, damit wir nicht mehr so viel davon trinken! Bitte, bitte, verbannt die Werbung, damit sie uns nicht verführen kann!“

Die Volksgesundheit

Ernährungsregulierer haben ein Problem. Sie lehnen das Prinzip der Eigenverantwortung ab und setzen stattdessen auf so genannte „bevölkerungsweite Verhältnis-Prävention“. Foodwatch erklärt das Konzept so: „Verhältnisprävention meint in diesem Fall Maßnahmen, die darauf abzielen, die Lebensverhältnisse derart zu gestalten, dass eine gesunde Lebensweise erleichtert wird, beispielsweise durch eine Änderung des Lebensmittelangebots, der Kennzeichnung oder des Marketings.“11 Aufklärung reiche nicht, denn die Leute seien Opfer ihrer Verhältnisse. Sie leben in einer „adipogenen“ Welt (zu Deutsch ungefähr: „verfettungsfördernden“), in einem „toxic food environment“. „Einkaufen in einem durchschnittlichen Supermarkt heute? Das ist Einkaufen in einem giftigen Nahrungsmittelumfeld; und die Chance, etwas Ungesundes zu konsumieren, ist viel höher als das Gegenteil“, urteilen einige besonders eifrige Mediziner und fordern u.a. eine „Haftung der Nahrungsmittelindustrie für unerwünschte gesundheitliche Nebenwirkungen ihrer Nahrungsmittelprodukte.“12 (Tatsächlich verklagte im Jahr 2001 ein an Diabetes erkrankter Richter die Firmen Masterfoods und Coca Cola, weil er täglich zwei Riegel Mars oder Snickers gegessen und einen Liter Cola getrunken hatte, scheiterte damit aber in zweiter Instanz vor dem Oberlandesgericht Düsseldorf, das zurecht darauf verwies, dass die individuelle Nahrungszusammenstellung „grundsätzlich der Eigenverantwortung des Konsumenten überlassen“ sei.)13

„Eigenverantwortung verlangt die bewusste Entscheidung jedes Einzelnen, was er für sich (und gegebenenfalls seine Kinder) will.“

Die Eigenverantwortung und mit ihr verbunden das Recht auf einen ‚ungesunden‘, dafür aber mitunter genussreicheren Lebensstil, in welcher Hinsicht auch immer, ist Foodwatch ein Dorn im Auge. Eigenverantwortung ist aber der Kern einer freien Gesellschaft, in der nicht eine kleine Gruppe Berufener sich anmaßt, das Verhalten der Bevölkerung in die gewünschten Bahnen zu lenken. Eigenverantwortung verlangt die bewusste Entscheidung jedes Einzelnen, was er für sich (und gegebenenfalls seine Kinder) will. Es ist ein Anspruch und ein Ideal, das man in keinem Bereich des gesellschaftlichen Lebens preisgeben darf.

Weil es den meisten Erwachsenen sauer aufstößt, wenn irgendwelche Heinis aus ihren Kampagnenbüros heraus ihnen erklären, was sie essen dürfen und was nicht, werden gerne die Kinder vorgeschoben, die unschuldigen, die tatsächlich noch unmündigen. Aber die haben Eltern. Und denen die Fähigkeit abzusprechen, eigene Entscheidungen zu treffen, ist ebenso problematisch. Und es ist irreführend, in Zusammenhang mit Kindern von irgendwelchen Epidemien zu sprechen. Die gibt es weder bei Adipositas, noch bei Diabetes und schon gar nicht bei Karies.

Typ-2-Diabetes ist in Deutschland mit einer Prävalenz von 0,03 Prozent bei Jungen und 0,04 Prozent bei Mädchen bis zum 19. Lebensjahr extrem selten.14 Und den wenigen Betroffenen, die wirklich ernsthafte Probleme haben, ist mit einer Zuckersteuer oder Werbeverboten garantiert nicht zu helfen. Die große Bevölkerungsgruppe, die durch bewusste Ernährung und Sport ihr Diabetesrisiko deutlich senken kann, sind die über 60-Jährigen, und nicht die unter 20-Jährigen. Bei Rentnern ist Diabetes um den Faktor 800 häufiger als bei Jugendlichen. Und sie sind definitiv alt genug, sich selbst darum zu kümmern. Oft reicht dafür schon, ein paar Kilo abzunehmen und regelmäßig spazieren zu gehen. Wenn man es möchte. Im Übrigen kann man im Alter mit moderatem Übergewicht und einem gut kontrollierten Diabetes problemlos leben. Die Lebenserwartung ist nicht reduziert.15 Eine britische Studie zeigte sogar, dass mit dem Medikament Metformin behandelte Diabetiker eine längere Überlebenszeit hatten als Menschen ohne Diabetes.16

Unsichtbare Gefahr?

Die zweite Strategie, um mit dem Mündigkeitsproblem umzugehen, ist die Rede vom „versteckten Zucker“. Die Argumentation geht so: Die Menschen wollen sich gesund ernähren, aber es ist einfach nicht zu schaffen, weil ja überall der „versteckte Zucker“ lauere, den ein Normalsterblicher nicht erkennen könne. Der führe dann sozusagen zu einer schleichenden Vergiftung, weil den Leuten gar nicht bewusst sei, welche Mengen sie davon zu sich nehmen. Das erinnert an die Kontaminationsrhetorik anderer alarmistischer Diskurse, etwa bei Gentechnik oder Pflanzenschutzmitteln, und ist kompletter Unsinn. Diabetes holt man sich nicht, weil man beim Einkaufen im Supermarkt manchmal nicht aufpasst, was man in den Wagen lädt. Das Diabetesrisiko steigt in der zweiten Lebenshälfte allmählich an und korreliert dabei insbesondere mit zwei Dingen, die man recht gut im Blick behalten kann: dem Umfang des Bauches und dem Mangel an Bewegung.

„Mehr Fanatiker würden sich eher ungünstig aufs gesellschaftliche Klima auswirken.“

Die Realität ist: Es gibt ein paar Leute, die davon profitieren würden, weniger Zucker zu essen oder zu trinken. Die Botschaft der „bevölkerungsweiten Verhältnis-Prävention“ lautet dagegen: Zucker ist Gift und wir sind alle bedroht. Das stimmt nicht und es stimmt insbesondere auch nicht für Kinder, die bekanntlich besonders große Freude an Süßigkeiten haben. 85 Prozent der Kinder und Jugendlichen sind nicht dick. Von den 15 Prozent, die laut Definition als übergewichtig gelten, könnten vielleicht einige davon profitieren, dass sie etwas weniger süße Getränke trinken. Sagen wir ein Viertel. Von denen würde wiederum vielleicht ein Viertel wegen Steuern und Werbeverboten tatsächlich etwas weniger konsumieren. Dann sind wir bei knapp einem Prozent. Das ist ungefähr so, wie wenn man 100 Leute zum Schwimmkurs verpflichtet, weil einer davon nicht schwimmen kann. Und es vielleicht auch gar nicht lernen will oder kann.

Für die breite Masse der Bevölkerung ist Zucker kein großes Thema. Sie interessiert sich nicht besonders für die Kampagnen von Foodwatch and Friends, liest bisweilen im Stern oder Bild der Frau, wieviel Zuckerwürfel die Wächter wieder in dem einen oder anderen Produkt entdeckt haben, sagt sich, dass gesunde Ernährung schon ganz wichtig ist und kauft sich gelegentlich ein Light-Produkt. Es gibt nur sehr, sehr wenige verbiesterte oder verunsicherte Damen und Herren, die die ganze Zeit mit dem Zuckerwürfelrechner im Kopf herumlaufen. Und es gibt auf der anderen Seite ein paar Bewohner kleiner Parallelwelten, an denen das alles komplett vorbeigeht. Das scheint mir eigentlich eine ganz gesunde Verteilung. Sollte man wirklich versuchen, daran etwas zu ändern? Mehr Fanatiker würden sich eher ungünstig aufs gesellschaftliche Klima auswirken. Und das Ausleuchten der letzten unberührten Winkel mit hellen Zuckerwürfelsuchscheinwerfern hätte irgendwie etwas Totalitäres, oder?

Die reine Lehre

In den Medien herrscht die Devise „Es kann nie schaden, Sprachrohr der Guten zu sein, wenn sie einem regelmäßig kostenlos Texte ins Haus liefern, die mit Gesundheit, Ernährung, Kindern und Konzernen zu tun haben. Irgendein kleiner Redaktionshelfer darf die Pressemitteilungen von Foodwatch auf die richtige Zeichenzahl bringen und dann werden sie eben abgedruckt mit originellen Überschriften wie „Foodwatch gibt Coca-Cola Mitschuld an Diabetes und Fettleibigkeit“ (Zeit online), „Foodwatch: Coca-Cola mitschuld [sic!] an Adipositas und Diabetes“ (Berliner Morgenpost), „Diabetes und Fettleibigkeit – Foodwatch nimmt Coca-Cola in die Pflicht“ (ZDF online) usw. usf.

„Werbung in einem gesättigten Markt zielt nicht darauf, den Konsum insgesamt zu steigern, sondern Marktanteile von hochpreisigen Produkten zu verteidigen.“

Aber Vorsicht! Wer ob der monotonen Wiederholungen zu schnell abschaltet, kann auch mal etwas verpassen, zum Beispiel die Überschrift „Foodwatch zu Risiken von Cola Zero. Süßstoff kann zu Diabetes führen“ in der taz17, die Anlass gibt, „Hoppla“ zu sagen. Wie passt das denn zusammen? Da wird in den Kampf für eine Zuckersteuer gezogen, die letztlich dazu führen würde, dass Zucker in den süßen Getränken durch Süßstoff ersetzt wird, und der Herr von Foodwatch gibt im Interview zu, dass das seiner Meinung nach auch nicht besser wäre. Des Rätsels Lösung: Foodwatch orientiert sich nicht an den erwartbaren Folgen der eigenen Kampagnen, sondern an der reinen Lehre, die da lautet: Süß ist böse. Das eigentliche Ziel ist nicht, den Konsum von Zucker zu verringern, sondern den Menschen die Lust auf Süßes auszutreiben. Nach der Zuckersteuer kann konsequenterweise daher nur eines folgen: die Süßstoffsteuer. „Wir sollten in Deutschland auch die Süßstoffe mit einbeziehen in diese Steuer, damit hier nicht auf andere, süßende Zutaten ausgewichen wird“, sagt Foodwatch Chef Martin Rücker.18

Ignoriert wird zudem, dass Werbeverbote eher zu einem höheren Zuckerkonsum führen würden. Werbung in einem gesättigten Markt zielt nicht darauf, den Konsum insgesamt zu steigern, sondern Marktanteile von hochpreisigen Produkten zu verteidigen. Wenn die Forderung ist, zuckerhaltige Getränke müssten teurer gemacht werden, dann sollte Coca-Cola von Foodwatch einen Orden bekommen. Bei Aldi kostet die schicke kleine Flasche Coca-Cola, die der Foodwatch-Marlboro-Mann in der Hand hält, im Sechserpack 2,89 Euro, was einem Literpreis von 1,46 Euro entspricht, die weniger verführerische TOPSTAR Cola jedoch nur 26 Cent pro Liter. Das entspricht einer Steuer von 460 Prozent, die sich Coca-Cola sozusagen selbst auferlegt hat. Coca-Cola ist deutlich teurer als No-Name-Limos. Mars und Snickers sind deutlich teurer als ihre Nachahmerprodukte im Discounter. Deshalb werden sie in kleineren Mengen gekauft. Wenn die Kinder nicht mehr die Markenprodukte fordern, können Eltern für das gleiche Geld sehr viel mehr Cola und Süßigkeiten kaufen. Wenn den Leuten wegen einer Steuer Markenprodukte zu teuer werden, weichen sie auf No-Name-Produkte aus.