10.07.2026

Geldquelle statt wissenschaftlicher Basis

Von Detlef Brendel

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Foto: WerbeFabrik via Pixabay / CC0

Dass die drohende Zuckersteuer Auswirkungen auf Übergewicht bei Kindern zeitigt, darf bezweifelt werden. Und dessen Zusammenhang mit Gesundheit steht ohnehin auf einem anderen Blatt.

Nun soll sie doch kommen, die Zuckersteuer. Die CDU ist bei der paternalistischen Volkserziehung angekommen, die sie bislang für einen der Gründe allen Übels bei den Grünen ausgemacht hatte. Cem Özdemir hat es mit einem solchen Ansinnen während seiner Zeit als Minister nicht einmal bis ins Kabinett gebracht. Jetzt schmiedet das Kabinett selbst einen solchen Plan auf der Suche nach Geldquellen in den Portemonnaies der Bürger. Die Verbraucher werden geschröpft. Und das wird ihnen dann auch noch als gesundheitspolitische Wohltat verkauft.

Entweder soll es eine Steuer oder eine zweckgebundene Abgabe werden, deren Einnahmen in die Finanzierung des Gesundheitssystems fließen sollen. Letzteres mag auf den ersten Blick einen guten Eindruck machen, ist aber im Prinzip das Spiel zwischen linker und rechter Tasche. Erwartet werden jährliche Einnahmen in Höhe von 450 Millionen Euro. Ab einem Gehalt von fünf Gramm Zucker pro 100 Milliliter sollen Abgaben gestaffelt von 26 Cent bis 32 Cent pro Liter erhoben werden. Süßer die Börse nie klingelt. Fruchtsäfte und Getränke mit künstlichen Süßstoffen sind ausgenommen.

Die Initiative ist bei genauer Betrachtung verbraucherfeindlich. Die Konsumenten weichen von staatlich verteuern Marken auf preiswerte Alternativprodukte aus. Der Effekt: Das Verlangen nach geschmacklich attraktiven Erfrischungsgetränken sorgt für einen stabilen Zuckerverzehr mit einem anderen Etikett. Eine andere Reaktion ist noch bedenklicher. Hochwertiger Naturzucker wird durch preiswerte künstliche Süssung ersetzt, deren langfristige Folgen für die Vitalität noch nicht ausreichend erforscht sind. Dem Staat ist es egal, er will Geld.

Die Gier nach Geld siegt über die Fakten. Steuergelder werden zusätzlich über Nahrungsmittel, besonders wenn diese gut schmecken, eigesammelt. Der Staat nimmt bei seinen Bürgern einen Schluck aus der Flasche und der Konsument wird zur Kasse gebeten. Zugleich ist es eine Irreführung der Bürger, weil ihnen vorgegaukelt wird, das sei für ihre Gesundheit gut und übergewichtige Kinder würden schlanker werden. Das Ergebnis umfangreicher Datenerhebungen der Universität Cambridge lässt sich so bilanzieren, dass der Effekt einer solchen Steuer auf englische Kinder gleich Null ist, messbare Veränderungen ließen sich lediglich bei Mädchen im Alter von zehn bis elf Jahren feststellen. Bei ihnen nahm das Übergewicht um beachtliche 1,6 Prozent ab. So ist unklar, warum die Zuckersteuer die Prävalenz von Übergewicht bei Mädchen und Jungen unterschiedlich beeinflussen könnte, insbesondere da Jungen mehr zuckergesüßte Getränke konsumieren. Nationaler Erfolg sieht anders aus. Die Ursachen von Übergewicht sind komplexer und können durch die Preisaufschläge bei Erfrischungsgetränken nicht eliminiert werden.

„Sogar die EFSA, die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit, stellte nach einem umfangreichen wissenschaftlichen Gutachten fest, dass ein Grenzwert für Zucker nicht definiert werden kann.“

Der Bundesverband des Deutschen Lebensmittelhandels (BVLH) erwartet, dass „die wissenschaftliche Evidenz zur nachhaltigen Verbesserung des Gesundheitszustands der Bürger im Mittelpunkt der Debatte stehen muss.“ Seine Erwartung wird nicht erfüllt, weil es diese „Evidenz“ nicht gibt. Sogar die EFSA, die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit, stellte nach einem umfangreichen wissenschaftlichen Gutachten fest, dass ein Grenzwert für Zucker nicht definiert werden kann. So ist die Diskussion über die Steuer in Deutschland politische Selbstbefriedigung mit dem Ziel, Geld zu generieren.

Die statistische Zunahme von Adipositas gehört bei Kindern und auch bei Erwachsenen zu den Konsequenzen einer veränderten Lebenswirklichkeit. Zur Komplexität des Themas tragen Lebensstil, Umwelt, psychische Belastungen und nicht zuletzt soziale Faktoren bei. Die Bedingungen, unter denen Kinder aufwachsen, haben sich signifikant verändert. Hier ist nicht nur die energiereiche Ernährung ein Verursacher eines zunächst statistisch erfassten Übergewichts. Relevant sind Bewegungsmangel, Schlafdefizit, hoher Medienkonsum, familiäres Verhalten und Stress. Alle Faktoren sind messbar und markieren reale Verschiebungen.  

Statt lediglich Abgaben auf Erfrischungsgetränke zu diskutieren, sollten Politiker sich mit wirklichen Herausforderungen beschäftigen. Eine Fülle von Studien dokumentiert, dass die soziale Situation von Kindern und Jugendlichen ein Schwergewicht bei der Leibesfülle ist. Die Universität Cambridge verwies in der erwähnten Studie auf die Sozialproblematik, die im Zusammenhang mit einer Gewichtsproblematik signifikant ist. Das soll in Deutschland bei der Suche nach Geldquellen aber offenbar nicht irritieren. Der Wunsch bleibt Vater des hoffnungsvollen Gedankens an eine einfache Lösung, obwohl unser Nachwuchs keineswegs auf der Insel der Glückseligen lebt.

Die aktuelle Unicef-Analyse „Report Card 20: Unequal Chances – Children and economic inequality“ ist eine internationale Vergleichsstudie zum Wohlbefinden von Kindern in wohlhabenden Ländern. In der Studie schneidet Deutschland einmal mehr unterdurchschnittlich ab. Im internationalen Vergleich nur Platz 25 von 37 der untersuchten Länder. Die Studie zeigt, wie sich Chancenungleichheit auf die Lebensrealität von Kindern auswirkt. Kinder aus besser gestellten Familien hätten nicht nur bessere schulische Kompetenzen, sie seien auch häufiger gesund als Kinder aus benachteiligten Familien. Zudem seien Kinder in Ländern mit höherer Ungleichheit häufiger gesundheitlich belastet, etwa durch ein höheres Risiko für Übergewicht oder schlechtere allgemeine Gesundheit. Hier hätte verantwortungsvolle Politik ein weites Feld, sich zu verwirklichen. Das Spielchen mit dem Zuckergehalt in der Cola ist da allerdings erheblich einfacher.

„Das Thema Übergewicht ist zudem grundsätzlich fraglich, weil Stimmen in der Medizin den BMI als eine geeignete Messung für die Gesundheit in Frage stellen.“

Das Thema Übergewicht ist zudem grundsätzlich fraglich, weil Stimmen in der Medizin den BMI als eine geeignete Messung für die Gesundheit in Frage stellen. So schlicht und einfach gestaltet sich die Kausalität zwischen Gewicht und Gesundheit nicht. Nach umfangreichen medizinischen Studien haben zwischen 20 und 30 Prozent der Personen mit einem vermeintlich vorbildlichen BMI von unter 25 die für Adipositas typischen Stoffwechselstörungen. Auch die Kausalität ist in diesem Fall erforscht. Es liegt am Viszeralfett im Bauchraum, das Diabetes, Fettleber und Arteriosklerose initiiert. Mit der schlichten Personenwage und einer Rechenformel lässt sich nicht messen, wer ein gesundheitliches Risiko hat. Die ganzen BMI-Statistiken, auf denen die angebliche Adipositas-Epidemie basiert, können wissenschaftlich betrachtet in den Müll geworfen werden.

Deshalb haben Forscher des Berlin Institute of Health der Charité (BIH) und der Queen Mary University in London mit dem „Obscore“ einen neuen Ansatz entwickelt. Die KI-basierte Anwendung ist eine mögliche Alternative zum BMI, um schädliches Übergewicht zu erkennen. Kamil Demircan, wissenschaftlicher Mitarbeiter des BIH und Erstautor der Studie, stellt zusammenfassend fest, dass der BMI zwar einfach anwendbar sei, aber medizinisch wenig aussagekräftig. „Es ist aber immer mehr wissenschaftlicher Konsens, dass sich die vielfältigen Auswirkungen von Adipositas damit nicht abbilden lassen – vor allem, wenn es darum geht, das Risiko von Folgekrankheiten abzuschätzen.“ Aber solche Erkenntnisse sollen die Suche nach Geldquellen nicht behindern…

Unverschämte Einnahmen werden mit ungerechtfertigten Annahmen beschönigt. Die Verbraucher sollten als eigenverantwortliche Bürger die geldgierige Politik in die Schranken weisen, damit dort nicht das Verlangen entsteht, weitere gut schmeckende Nahrungsmittel auf den Index der teuren Konsumerziehung zu setzen. Es ist sicher keine Prophetie, diese Strafsteuer als Versuchsballon zu verstehen.

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