20.03.2020

Flüsse bändigen, nicht Menschen

Von Christoph Lövenich

Titelbild

Foto: dlohner via Pixabay / CC0

Heute vor 250 wurde Johann Gottfried Tulla geboren. Als Begradiger des Oberrheins schuf er bessere Lebensverhältnisse. Die Beherrschung der Natur ist mittlerweile zu Unrecht in Verruf geraten.

Warum ist es am Rhein so schön?

„Heute ist der Rhein herausragender Industrie- und Wirtschaftsstandort, Brennpunkt und Schmelztiegel europäischer Kooperation. Die meist befahrene und am besten erforschte Wasserstraße des Kontinents. Und er ist ein überaus beliebtes Reiseziel. […] Was aus dem Strom der Ströme wurde, das ist vor allem der Initiative Johann Gottfrieds Tullas geschuldet.“

So eine ZDF-Dokumentation von 2006. Johann Gottfried Tulla (1770-1828), ein Ingenieur aus Karlsruhe, hatte ambitionierte Pläne zur Kanalisierung von Flüssen entworfen und als Chef der badischen (Ober)Direktion des Wasser- und Straßenbaues vorangetrieben. Das betraf die Dreisam und insbesondere den Oberrhein auf dem Gebiet des heutigen Baden-Württemberg.

Der Rhein bot sich damals als Relikt eiszeitlicher Veränderungen dar: Auen, Sümpfe, Niederungen, unterschiedliche Flussarme, temporäre Inseln und unklare Ufer. Der unberechenbare Fluss zerstörte durch Überschwemmungen und Eis Siedlungen und potenzielle Agrarflächen. Durch die Sümpfe verbreitete sich das „Sumpffieber“, nämlich die Malaria. Nur unter starken Einschränkungen ließ sich der Fluss mit Schiffen befahren. Krankheiten und Katastrophen zu bekämpfen, die Rheinufer in prosperierende Landschaften zu verwandeln, den Fluss für die Menschen lebenswerter und nützlicher zu gestalten, war Tullas Antrieb.

„Rheinrationalität statt Rheinromantik. Man kann die Landschaft malen, wichtiger ist es, sie zu verändern.“

Nachdem er Anfang des 19. Jahrhunderts in seiner Geburtsstadt mit den Grundstein für das heutige Karlsruher Institut für Technologie (KIT) gelegt hatte, sammelte er Unterstützung für sein Großprojekt der Rheinbegradigung. Die Anliegerstaaten ließen sich dafür einnehmen und um 1817 begannen die Arbeiten, die Generationen andauern sollten – bis weit über Tullas Tod hinaus.

Über mehr als hundert Kilometer hinweg wurde der Flussverlauf gerader, das Flussbett enger und tiefer, zahlreiche Durchstiche verkürzten die Länge um zig Kilometer. „In der Regel sollten in kultivierten Ländern die Bäche, Flüsse und Ströme Kanäle sein“, fand Tulla – mit nur einem Bett pro Fluss. Auch müsse, so der Ingenieur, „die Leitung der Gewässer in der Gewalt der Bewohner stehen“. Kein Gott, kein Schicksal, sondern des Menschen Hand sollte es also sein, die die Welt so kreiert, wie es ihren Interessen und Bedürfnissen entspricht. Rheinrationalität statt Rheinromantik. Man kann die Landschaft malen, wichtiger ist es, sie zu verändern. Die Menschen unterwerfen sich Umwelt und Natur, statt sich von ihr unterwerfen zu lassen.

Heute, 200 Jahre später, wieder ein Gedanke von großer Sprengkraft. Das durch die Neue Linke in der westlichen Welt inzwischen zum Dogma gewordene Öko-Denken spricht eine ganz andere Sprache: erhalten, konservieren, das angebliche Wohl von Pflanzen und Tieren, einen großen Gesteinshaufen abgöttisch verehren, den wir „von unseren Kindern nur geborgt“ haben. „Mutter Erde“ und „Vater Rhein“ – zwei romantische Verklärungen ähnlicher Art. Dabei ist mit Tulla ein Mitmensch „Vater des modernen Rhein“.

„Beherrschung der Natur bedeutet einen permanenten Prozess der verbesserten Methoden und ihrer Anwendung.“

Gewiss hat nicht alles genau so geklappt wie geplant. Die Hochwasserverminderung am Oberrhein hatte die Gefahr größerer Überflutung an Mittel- Niederrhein zu Folge. Tulla setzte die nördlichen Anrainer faktisch unter Zugzwang. Nachdem der Widerstand Preußens, Hessens und der Niederlande überwunden war, konnte das Projekt voranschreiten und musste logischerweise seine Fortsetzung rheinabwärts finden, wo man sich dann auch der Begradigungsaufgabe annahm. Tulla hatte die Tiefenerosion mit der Senkung des Grundwasserspiegels unterschätzt. Eine Herausforderung, die wiederum ingenieursmäßig gelöst werden kann, heute etwa durch Zuführung von Kies und Sand.

Es gelang, den Rhein zu kanalisieren, „dass er angrenzenden Flächen mit Feldern und Orten nicht in die Quere kommt, die Wege für Schiffe wurden kürzer und hindernisärmer und schließlich führte die Verringerung der Überschwemmungsfläche zu neuem Ackerland und zu einer Reduzierung der Mückenpopulation und somit der Gefahr durch Malaria.“ Als bittere Ironie der Geschichte verstarb Johann Gottfried Tulla 1828 in Paris an möglicherweise genau dieser Krankheit, zu deren Bekämpfung er Großes geleistet hatte. Über ein halbes Jahrhundert später war die „Herkulestat“ Rheinbegradigung abgeschlossen. Der Rhein, so Franz Josef Reindl, Hafendirektor in Ludwigshafen, ist „seit Tulla planbar, berechenbar, bewohnbar und auch vernünftig zu bewirtschaften. Erst da hat diese Gegend hier die wirtschaftliche Kraft entwickelt, die sie heute hat.“

Eine ZDF-Doku feierte vor rund 15 Jahren in Sachen Tulla noch „den Sieg der Ingenieurskunst über die Gewalt der Flüsse, den Sieg des Menschen über die Natur“, gab aber zu bedenken, dass Tullas Hoffnung, den wilden Strom vollends zu beherrschen, sich zerschlagen habe, wie heutige Hochwasserereignisse zeigten. Stattdessen müsse man sich anpassen. Dem lässt sich entgegenhalten, dass Beherrschung einen permanenten Prozess der verbesserten Methoden und ihrer Anwendung bedeutet. Wenn wir lernen, dass wir für Überschwemmungen da und dort Retentionsflächen bereithalten müssen, wo sich das Wasser ausbreiten kann, dann sind wir in der Lage, daraus Konsequenzen zu ziehen. Und die Anpassung selbst, etwa in Form von baulichem Hochwasserschutz, funktioniert auch immer besser.

„Statt Flüsse im Sinne des Menschen zu kanalisieren, kanalisiert man lieber dessen Verhalten.“

Wenn aber vor wenigen Jahren eine Sendung  – ebenfalls des ZDF – hingeht und Tullas Begradigung als „eine der frühen Umweltsünden“ verunglimpft, dann hat man verlernt, die technischen, wirtschaftlichen und auch geistigen Grundlagen unserer heutigen Zivilisation zu verstehen und wertzuschätzen. „Damals“, schreibt ein Youtube-Kommentar in der ihm offenbar eigenen Orthographie, „zuderzeit wahren die echt groeßenwahnsinning“. Pionierleistungen wie des Visionärs Tulla, „das Kleinteilige bündeln, überflüssige Wegstrecken verkürzen, ein gemeinsames Ziel verfolgen über alle Grenzen hinweg“, haben unseren heutigen Wohlstand erst möglich gemacht – und Fortschritt bildet die Grundlage für weiteren Fortschritt. Ohne diesen Fortschritt und Wohlstand wäre an Naturschutz im Bereich der Fließgewässer im Übrigen gar nicht zu denken.

Solche großen Ambitionen werden westlichen Ländern leider zunehmend fremder. Kultivierung und Gestaltung von Landschaften und Umgebung gelten weitverbreit als moralisch verwerfliche Eingriffe in das Goldene Kalb „Natur“, dem die Öko-Ideologie einen übermenschlichen Eigenwert zuschreibt. Statt Flüsse im Sinne des Menschen zu kanalisieren, kanalisiert man lieber dessen Verhalten. Durch Verbote, Steuern und Predigen eines schlechten Gewissens – im Namen von Umwelt, Klima, Gesundheit, politischer Korrektheit. Nicht der ‚gebändigte‘ Mensch darf jedoch unser Ideal sein, sondern ein „Bändiger des wilden Stroms“ wie Tulla sollte uns Ansporn werden, Hindernisse zu bezwingen und nach mehr zu streben.