30.10.2015

Fleisch: WHO-Warnung ist mir Wurst

Kommentar von Christoph Lövenich

Die Weltgesundheitsorganisation hat verarbeitete Fleischwaren jüngst als krebserregend eingestuft, Fleisch insgesamt als wahrscheinlich karzinogen. Davon gänzlich unbeeindruckt zeigt sich der Autor, der Warnungen vor der WHO für angebrachter hält

Die Wurst werde die Zigarette der Zukunft, prophezeite im vergangenen Jahr ein Insider der Fleischbranche. [1] Dazu passt, dass die IARC – Krebsforschungsagentur der Weltgesundheitsorganisation (WHO) – vor wenigen Tagen verarbeitetes Fleisch für krebserregend erklärt hat. [2] Wurst, Schinken und ähnlich zubereitete bzw. haltbar gemachte Speisen wurden somit in die gleiche und zunehmend unübersichtlicher werdende Kategorie gepackt wie Alkohol, Asbest, Tabak, Dieselabgase und Sonnenbänke. Rotes Fleisch in nicht zubereiteter Form wurde als für den Menschen „wahrscheinlich krebserregend“ eingestuft.

Als gesichert gilt es der IARC jedoch nicht, dass derlei Wirkungen auf allgemeinen Fleischverzehr zurückzuführen sind. Auch beim verarbeiteten Fleisch sehen die beteiligten Forscher von mehreren geprüften Krebsarten nur beim Darmkrebs einen Kausalzusammenhang als bewiesen an. Wie dieser entsteht, haben sie nach eigener Aussage aber nicht zur Gänze erfasst. Also: Nichts Genaues weiß man nicht. Wenig überraschend bei epidemiologischen Studien, die nur einen kleinen, dosisabhängigen Risikoanstieg ermittelt haben. [3]

Die multifaktorielle Epidemiologie ist notorisch störanfällig, und gerade kleinen Ausschlägen auf der Risikoskala liegt zumeist nur statistisches Rauschen zugrunde. Im Ernährungsbereich kann man den Einfluss einzelner Faktoren sowieso nur schlecht isolieren. Darauf wiesen Jahr auch die Autoren einer Meta-Studie hin, aus der rotes Fleisch nicht als bedeutender Auslöser von Dickdarmkrebs hervorging. [4]

„Lieber auf die WHO verzichten als auf die Bratwurst“

Im aktuellen Fall haben die IARC-Forscher die Daten so lange durch den Fleischwolf gedreht, bis das gewünschte Ergebnis herauskam, vermutet das der Fleischindustrie nahestehende North American Meat Institute. Von ganzen 940 Substanzen, die die WHO-Krebsforscher in ihren Analysen verwurstet haben, sei ohnehin nur eine einzige, eine Chemikalie aus Yoga-Bekleidung, vom theoretischen Krebsverdacht freigesprochen worden. [5] Wie Joe Jackson schon vor über 30 Jahren sang: „Everything gives you cancer“. [6]

Auch die Aussage, dass 34.000 Menschen jährlich durch den Konsum von verarbeitetem Fleisch an Krebs sterben sollen [7], ist wissenschaftlich schlichtweg unseriös. Schließlich tragen zahlreiche Faktoren potentiell zu einer Krebserkrankung bei, deren Zusammenwirken beachtet werden muss. Selbst wenn einzelne Lebensstilelemente wie Fleischverzehr oder Alkoholkonsum als auslösend identifiziert werden und man den Prozentsatz, indem sie dies tun, ernsthaft präzise errechnen könnte, kann man nicht einzelnen einschlägigen Todesfällen jeweils statt einer Kombination einen einzigen Auslöser ‚zuteilen‘. So entsteht eine scheingenaue Rechengröße, die nicht 34.000 real existierenden Personen entspricht und wohl vor allem der Effekthascherei dienen soll.

Dass verarbeitetes Fleisch als bewiesenes Humankarzinogen eingestuft werden würde, hatte Novo-Autorin Susanne Günther vor ein paar Monaten bereits vorhergesehen, da die IARC in den Essempfehlungen auf ihrer Website ihren ‚wissenschaftlichen‘ Ergebnisse bereits vorgegriffen hatte. [8] Außerdem passt dieses Vorgehen in die Neigung der WHO, sich zum Herrn über die Lebensstile der Weltbevölkerung aufschwingen zu wollen, wie sie das bei Alkohol, Zucker oder insbesondere Tabak zu ihrer Aufgabe gemacht hat.

 


Nun ließe sich eine Einstufungsmaßnahme der WHO-Krebsforscher einfach ignorieren. „Jedoch können strenge Richtlinien seitens der Weltgesundheitspolizei den Druck auf die Staaten erhöhen, diese Empfehlungen in ihre nationalen Gesundheitskampagnen zu integrieren und öffentlich Druck […] aufzubauen“, schrieb Ernährungswissenschaftler Uwe Knop, so könnten Bürger „denken, sie äßen […] nun ungesund“ [9]. Anlass für diese Worte Knops aus dem vergangenen Jahr war die WHO-Kampagne gegen Zucker. 2015 setzte die Organisation sogar ihre empfohlene Zuckerkonsummenge herunter, obwohl sich gar keine faktenbasierte Obergrenze angeben lässt. „Diese Forderung ist offenbar eine verkappte Marketingaktion für künstliche Süßstoffe, denn es gibt nicht einen einzigen soliden Beleg, dass Zucker dick oder krank macht“, meint dazu Ernährungsfachmann Udo Pollmer.[10]

Bei Beeinflussung bleibt es nicht. Die Weltgesundheitsorganisation überträgt beim Fleisch, beim Zucker und anderswo ihr erfolgreiches Rezept aus dem undemokratischen Kampf gegen den Tabak. Als Spinne im Netz koordiniert und fordert die WHO dabei Maßnahmen zur Einschränkung der Bürger weltweit, etwa Steuererhöhungen und Verbote.[11] Neu ist das alles nicht: Schon um die Jahrtausendwende kam ein Novo-Artikel in diesem Zusammenhang zu dem Schluss, „dass grundlegende Freiheitsrechte […] sowie die Souveränität eines Landes vor der Beschneidung durch die Moralapostel der WHO geschützt werden müssen.“ [12]

Entsprechende Maßnahmen sind auch beim Fleisch denkbar: Die extreme Tierrechtsorganisation Peta fordert jetzt wenig überraschend Warnhinweise auf Verpackungen [13], Rufe nach einer Fleischsteuer hört man seit Jahren. Der WHO-Panikmache vor allen möglichen Epidemien und Pandemien, ob nun im Kontext individueller Lebensstile oder dem Schweinegrippen-Hoax (der Pharmaunternehmen Milliarden in die Kassen gespült hat) steht das Versagen bei den wirklich großen Gesundheitsproblemen, mit denen sich die Menschheit konfrontiert sieht, gegenüber – Stichwort Ebola- [14] oder Malariabekämpfung. In Sachen Gesundheitsprävention beschreitet die WHO seit langem einen Irrweg der Bevormundung auf Basis fehlgeleiteter Prioritäten und irreführender Behauptungen. [15] In Anlehnung an Rob Lyons, Autor beim britischen Novo-Partnermagazin Spiked, [16] sei daher empfohlen, lieber auf die WHO zu verzichten als auf die Bratwurst. Lassen Sie es sich schmecken.