22.10.2014

Weltverbesserer mit Veggie-Wurst

Kommentar von Christoph Lövenich

In der Fleischwarenbranche befürchtet man, die Wurst werde „die Zigarette der Zukunft“. Die Firma Rügenwalder wird demnächst teilweise fleischlos produzieren. Anlass einen Blick auf defensives Unternehmertum mit politisch-korrekten Anwandlungen zu werfen.

Christian Rauffus, Chef der Wurstfirma Rügenwalder Mühle, befürwortete im vergangenen Jahr den von den Grünen anstrebten Veggie Day und kritisierte, dass wir Verbraucher „zu viel Fleisch und Zucker essen und zu viel Alkohol trinken“ [1]. Kürzlich legte er nach: Sein Unternehmen will vegetarische Wurst herstellen und damit auf Dauer ein knappes Drittel seines Umsatzes erzielen; vegane ‚Fleischwaren‘ befinden sich zudem im Entwicklungsstadium. [2]

Rauffus möchte sich einem Zeitgeist „anpassen“, der „vom CO2-Verbrauch bis zur Tierhaltung“ Unternehmen hinterfragt. Der Unternehmenslenker sieht – trotz Rügenwalder-Umsatzwachstum in den letzten Jahren – ein fleischärmeres Zeitalter voraus. Dabei hat er seinen Sohn als anvisierten Nachfolger im Blick: In dessen Umfeld jüngerer Leute werde nur wenig Fleisch gegessen, Teewurstproduktion sei ohnehin unter dem Niveau eines gut ausgebildeten jungen Mannes und dieser wolle wohl lieber eine Firma leiten, wo er neben Einkommen und Status auch „sagen kann, dass er sich auf den Weg macht, die Welt ein bisschen weiterzubringen“. [3]

Anstatt sein traditionelles Familienunternehmen, seinen wirtschaftlichen Erfolg und seine Produkte gegenüber Modetrends und Kampagnen militanter Veganer selbstbewusst zu vertreten, wählt Rauffus damit den bequemen Weg des Konformismus. Anstelle von entschlossenem Unternehmergeist offenbart er defensives Mitläufertum. Um seinen Facharbeitern den Schwenk ins Vegetarische schmackhaft zu machen, ließ er jüngst auf einer Tagung sogar einen Vertreter des Club of Rome deren übliche Schreckenslitaneien von einem Weltuntergang durch angeblich übermäßigen Ressourcenverbrauch herunterbeten.

Damit folgt der Firmenchef wie viele in den unterschiedlichsten Branchen dem Gedanken der Corporate Social Responsibility (CSR), die die gesellschaftliche Funktion von Unternehmen als Bedürfnisbefriediger, Arbeitgeber und Motor gesellschaftlicher Wohlstandssteigerung zugunsten einer spezifischen ideologischen Vorstellung von „ökologischer und sozialer Verantwortung” zurücktreten lässt. Diese erfasst bestimmte Milieus stärker als andere, Rauffus und seine Familie zum Beispiel eher als einen Großteil der Käuferschaft, der so etwas Wurst ist. Wer in Kreisen verkehrt, in denen ‚Nachhaltigkeit‘ und verzichtsorientierter Lebensstil zu unhinterfragten Glaubenssätzen geworden sind, läuft Gefahr, sich von den Wünschen und Bedürfnissen weiter Teile der Bevölkerung zu entfremden, auch von den eigenen Kunden.

Rauffus zitiert Branchenkollegen mit der Befürchtung „die Wurst wird die Zigarette der Zukunft“ [4]. Wenn es nach den lautstarken Bevormundern in Gesellschaft und Politik geht – am besten gar kein Fleisch oder zumindest viel weniger und kaum ‚rotes‘, außerdem immer „Bio“ – wird eine solche Prophezeiung sogar eintreten. Die Wurst als populäres, für den häufigen und auch schnellen Genuss geeignetes Nahrungsmittel entspricht in gewisser Weise tatsächlich der Rolle der Zigarette unter den Tabakwaren. Und deren Hersteller machen die Haltung des gesenkten Hauptes, „Mea culpa“ murmelnd, längst vor. Die Hersteller alkoholischer Getränke sind gerade dabei, diesen Kotau zu imitieren. Offensives Eintreten für Genüsse oder gar die Genießer, denen man den Umsatz verdankt, ist deren Sache nicht. Den Aufruf zur Mäßigung im Konsum überlässt man nicht den Gegnern und externen Verzichtspredigern, sondern plappert ihn einfach selbst nach.

So wird man vom schaffenden wirtschaftlichen Akteur zum Gehetzten und Angepassten, der aus der Statusangst, von den Einflussreichen als Pariah behandelt zu werden, sich selbst ein Bein abhackt, um dann an der Krücke der politischen Korrektheit zu humpeln. Pioniere sind Unternehmenslenker wie Rauffus nur noch darin, es einem gängelnden wie negativen Zeitgeist möglichst recht machen zu wollen. Statt selbst Akzente zu setzen, will man nach Manier des Klassenstrebers Lob von einer vermeintlichen gesellschaftlichen Avantgarde urbaner ‚Lohas‘ einheimsen. In diesem Weltbild darf, wer deren „Lifestyle of Health and Sustainability“ am beflissensten huldigt, zur Belohnung weiter Gewinne einfahren. Dabei sagte Rauffus selbst: „Wurstmachen ist Charaktersache.“ [5] Und Analogwurstmachen ist Anbiederung.