23.08.2016

Ein Hoch auf den olympischen Geist!

Kommentar von Tim Black

Titelbild

Foto: U.S. Army via Flickr ( CC BY 2.0 / bearbeitet)

Rio war ein Fest der Leistungs- und Opferbereitschaft. Werte, die aus Menschen Olympioniken machen. In unseren pessimistischen Zeiten gelten sie wenig – leider.

Am Sonntag gingen die olympischen Spiele von Rio zu Ende. Wie alle vier Jahre erlebten wir auch dort das gleiche Ritual. Bereits im Vorfeld der Spiele agierten die Genervten und Zyniker so, als würden diesmal ihre Vorurteile bestätigt. Diese Olympiade wird der tiefste aller Reinfälle, sind sie sich sicher. Die Stadien sind nicht auf dem neuesten Stand, es wurde zu viel Geld ausgegeben und die Athleten haben sowieso alle etwas genommen.

So waren die Olympia-Miesmacher bereits im Vorfeld von Peking 2008 angetreten: Von Chinas Menschenrechtssituation bis Tibet drohten alle möglichen Fragen die Spiele zu überschatten, so man sie überhaupt durch den Smog hätte sehen können. In London 2012 mischten sie bei der Debatte über Geldverschwendung in einer Zeit von Sparpaketen und Austeritätspolitik mit. Aber so richtig gingen sie dann im Vorfeld von Rio 2016 ab: Vom schleppenden Eintrittskartenverkauf und vom Militäreinsatz im Inneren bis zum Zikavirus und, natürlich, zum Kampf im infernalischen Krieg gegen das (diesmal vor allem russische) Doping.

Aber wenn der Sport beginnt, dann erscheinen die Querschüsse und das Jammern als das, was sie sind – irrelevant. Das olympische Spektakel, das Spektakel, in dem das menschliche Streben nach Höchstleistungen eine extreme Ausprägung findet, erweist sich als unwiderstehlich; sogar für diejenigen, die sich auf besserwisserische Weise über den Zustand der sanitären Anlagen im olympischen Dorf beschwert haben. Nichts davon zählt, wenn die Spiele dann beginnen. Wir tauchen in das Spektakel ein. Randsportarten wie das Turnen oder eine Variante des Radsports werden auf einmal bedeutend, wenn wird beim Betrachten der spektakulären Kombinationen aus physischem Können, Disziplin und extremer Hingabe staunend ihrem Charme erliegen.

„Aber wenn der Sport beginnt, dann erscheinen die Querschüsse und das Jammern als das, was sie sind – irrelevant.“

Und dann kommt das Kernprogramm der Olympischen Spiele, die Leichtathletik. In der Arena sehen wir die Fähigkeiten des Menschen – die Fähigkeit zu Rennen, zu Werfen, zu Springen – die sich im Drama des Wettkampfes bis an die Grenzen des Unmöglichen steigern. So war der Sieg des Briten Mo Farah auf den 10.000 Metern trotz seiner jahrelangen Dominanz im Langstreckenlauf nicht selbstverständlich. In dem einen Moment nach zehn Runden, als er strauchelte, zeigte sich auf wunderbare Weise, was man braucht, um zu den Besten zu gehören. Farah war förmlich aus der Bahn geworfen. Er wusste, als das Adrenalin durch seinen Körper schoss, wie nahe er einer Niederlage gekommen war. Aber er sammelt sich. Und zwang sich durch weitere 14 Runden, bevor er zu seinem typischen, aber dennoch unglaublichen 400-Meter-Sprint ansetzte, um seine Rivalen abzuschütteln. Läufer machen Sportgeschichte, wie ein berühmter Trierer gesagt hätte, aber sie machen sie nicht unter selbstgewählten Umständen.

Und dann gibt es natürlich noch Usain Bolt – den dreifachen Olympiasieger von Rio. Sein Sieg beim 100-Meter-Rennen sah nach 40 Metern alles andere als sicher aus. An diesem Punkt, nach einem typisch langsamen Start, lag er hinter Justin Gatlin, dem zweifach überführten Doping-Bösewicht der Leichtathletik. Aber dann, zur Hälfte des Rennens, als sich sein Körper gänzlich entfaltete, kam Bolt richtig in Fahrt. In den nächsten drei bis vier Sekunden, erlebten wir, wie Bolt mühelos an Gatling vorbei beschleunigte und dann, nachdem er sich zur Sicherheit umblickte, ein riesiges Siegerlächeln aufsetzte. Großartig.

In jenen Momenten – und davon gab es eine Menge, vom 24-jährigen Wayde van Niekerk , der die 400 Meter in einer Weltrekordzeit lief, über die Schwimmerinnen Sarah Sjöström und Jeanette Ottesen, wie sie der geschlagenen Favoritin Cate Campbell in einer Geste der Sportlichkeit aus dem Schwimmbecken halfen, bis zum entscheidenden Elfmeter Neymars im Fußball-Finale gegen Deutschland  – genießen wir den Sport als Moment der Transzendenz, als Punkt, an dem wir aus dem Alltag entkommen, an dem der Sport wirklich wichtiger als Leben und Tod erscheint. Wenn der Geist Olympias überall existiert, dann tut er es in diesen erhabenen Momenten des sportlichen Dramas, in denen ein Individuum sich im Streben nach Ruhm an seine Grenzen begibt, um dann zu siegen – oder zu scheitern.

„Was uns das olympische Spektakel präsentiert, ist ein Ethos, das so ganz und gar im Gegensatz zu dem steht, was unsere heutige Kultur ausmacht.“

Was uns das olympische Spektakel präsentiert, ist ein Ethos, das so ganz und gar im Gegensatz zu dem steht, was unsere heutige Kultur ausmacht, die so reich ist an Relativismus und niedrigen Ansprüchen. Man erkennt diesen Widerspruch am klischeehaften Gebrauch von Begriffen wie „Pluralismus“ und „kulturelle Vielfalt“, wenn das IOC dem Geist Olympias beschwört. Denn schließlich gibt es weder Pluralismus noch Vielfalt bei einem Sprintwettbewerb. Er ist exklusiv. Es gibt Chancengleichheit, wenn man antritt, schneller zu rennen, höher zu springen und weiter zu werfen – somit ist er universalistisch. Aber es kann nur einen Sieger geben, nicht mehrere. Die Olympischen Spiele errichten eine strenge Hierarchie, keinen losen Pluralismus, sei er kulturell oder anders definiert.

In der Tat gibt es vieles am olympischen Ethos, das unerwähnt bleibt (auch wenn es im Spektakel des Wettkampfs ins Zentrum rückt) und den angesagten kulturellen Normen widerspricht. Man bedenke nur, was es bedarf, um ein Wettkämpfer zu sein: die Selbstaufopferung, die extreme Disziplin, den Willen, physischem und psychischem Schmerz zu trotzen, um Gold zu erlangen. Darum gibt es dann doch Solidarität zwischen den Wettkämpfern, seien sie Sieger oder Verlierer – denn sie wissen um die Aufopferung und Hingabe.

Und nun kontrastiere man diese Anstrengungen und Selbstüberwindung einmal mit der heute vorherrschenden Kultur. Jeder meint, heute Anspruch auf Respekt zu haben. Jede Meinung, jedes Werk, jedes Gefühl müsse respektiert werden, hören wir immer wieder. In diesem Klima sind keine Opfer und nur wenig Anstrengung erforderlich. Respekt hat Vorrang vor Leistung. Es soll nicht diskriminiert und geurteilt werden. Jeder, Kinder gleichermaßen wie Erwachsene, glaubt, ein Anrecht auf Respekt zu haben. Aber bei den Olympischen Spielen verhält es sich anders herum. Leistung, oder zumindest die Anstrengung, sie zu erbringen, geht dem Respekt voraus. Was zählt, ist die Tat und nicht das Sein.

Die Olympischen Spiele sind eine raue, diskriminierende und urteilende Welt, in der es viele Verlierer und nur wenige Sieger gibt. Der britische Weitspringer Greg Rutherford bestätigte dies, als er als Reaktion auf seinen dritten Platz unter Tränen eingestand, dass er „völlig fertig“ sei. Aber das olympische Ethos ist auch ein inspirierendes. Er ist eine Erwiderung auf den kulturellen Pessimismus, leichtfertigen Zynismus und zynischen Relativismus. Hier gibt es eine Welt, in der wir die Menschheit erblicken, wie sie über ihre Grenzen hinausgeht, wie Menschen danach streben, die Besten zu sein, egal, wie viel Leid und Opfer es kostet, Es ist eine Welt, in der es nicht wichtig ist, wer Du bist, sondern wer Du werden kannst.