01.05.2008

Modedroge Moralin

Kommentar von Matthias Heitmann

Unter den Argumenten für ein Dopingverbot findet sich kein einziges, das sticht, stattdessen viel Gutmenschenmoral.

Die Einmütigkeit ist überwältigend, der Konsens beinahe erdrückend: Doping ist ein Teufelszeug, eine globale Seuche, gedopte Sportler gehören ausgeschlossen und verurteilt, während die anderen Sportler mehr oder minder rund um die Uhr überwacht gehören. Im Kampf gegen Doping werden immer härtere Töne angeschlagen, die weit über die früher übliche punktuelle Empörung hinausgehen. Mittlerweile hat sich die Politik endgültig des Themas bemächtigt. Doping hat aufgehört, ein „Sportthema“ zu sein. Doping drängt die Welt an den Rand des moralischen Abgrunds. Antidopingpolitik ist Weltrettungspolitik.
Das sieht auch Deutschlands Dopingaufklärer Nummer eins, Professor Werner Franke, so. In seinem „15-Punkte-Rettungskatalog für einen dopingfreien Sport“ fordert der Träger des Bundesverdienstkreuzes, dem Kampf gegen Doping fundamentale Prinzipien des Grundgesetzes wie auch des internationalen Völkerrechts zu opfern. Im Stile eines Antiterrorkriegers plädiert er in dem gemeinsam mit Spiegel-Redakteur Udo Ludwig verfassten Buch Der verratene Sport für lebenslange Berufsverbote für überführte Athleten sowie für die Wiedereinführung der zu Recht vor einigen Jahren abgeschafften Kronzeugenregelung für geständige und kooperative, will heißen, zur Denunziation bereite Dopingsünder.1

Weitere Eckpfeiler von Frankes dopingfreier Welt: die faktische Abschaffung der Vereinigungsfreiheit durch den Aufbau eines engmaschigen und extern gesteuerten Kontrollsystems für den Sport sowie die Aushöhlung nationaler Souveränität durch die “Bildung einer internationalen Eingreiftruppe für Dopingkontrollen“, die, mit einer Art Uno-Status versehen und von der Visapflicht befreit, jederzeit und überall dort zuschlagen kann, wo im großen Stil gedopt wird.2
Zugegeben, Frankes Thesen klingen radikal, aber letztlich fordert er lediglich die konsequente Umsetzung dessen, was viele im stillen Kämmerlein denken. Doping gilt als Krebsgeschwür des modernen Leistungssports, ja, wenn nicht sogar als Synonym für die Verkommenheit der modernen Gesellschaft insgesamt. Was aber genau ist an Doping, einem jahrtausendealten und schon die antiken Olympischen Spiele treu begleitenden Phänomen, in den letzten Monaten so teuflisch geworden, dass immer mehr Menschen die Ansicht teilen, es bedürfe nun derart drastischer Maßnahmen? Der Zweck (dopingfreier Sport) heiligt die Mittel, heißt es lapidar bei den Verfechtern einer rigorosen Antidopingpolitik. Doch kann ein Zweck heilig sein, für dessen Erreichen ausschließlich unheilige Mittel angewandt werden können?
Analysiert man die Argumente, mit denen für ein hartes Durchgreifen gegen Doping gestritten wird, fällt auf, dass sie weitaus weniger klar und eindeutig sind, als die öffentliche wie einhellige Aufregung vermuten lässt. Man muss kein Anhänger oder Profiteur exzessiven Medikamentenmissbrauchs im Sport sein, um festzustellen, dass viele dieser Argumente auf erstaunlich wackligen Füßen stehen. Dies zeigt sich schon bei der grundlegenden Definition des Dopingbegriffs selbst. Antidopingexperten verweisen hierzu in der Regel auf die von der Welt- Antidoping-Agentur (Wada) geführte Liste von verbotenen Substanzen und Methoden. Nach welchen Kriterien sie zusammengestellt wurde, bleibt jedoch unklar. Selbst erklärte Dopinggegner wie die Autoren des Buches Die Dopingfalle, Karl-Heinrich Bette und Uwe Schimank, weisen darauf hin, dass es bei der Definition von Doping „erhebliche Probleme“ und die Gefahr von Willkür gäbe, da die Positivliste letztlich nur eine indirekte Aufforderung sei, ungelistete Mittel anzuwenden, was angesichts eines immer engmaschigeren Kontrollregimes in ein endloses Katz-und-Maus-Spiel münden würde.3 Da eine sich auf konkrete Merkmale stützende Definition dessen, was Doping sein soll, nicht existiert, konstituiert es einen schwer zu fassenden und abzugrenzenden Tatbestand, was wiederum erhebliche Probleme bei der rechtlichen Bewertung erzeugt.

Sieht man von der rechtlichen Diskussion einmal ab, so lässt sich feststellen, dass nur selten auf einer so konkreten Ebene argumentiert wird. Zumeist sind die Vorbehalte viel allgemeinerer Natur. Einer besagt schlichtweg, dass Doping gesundheitsschädlich sei und deshalb verboten gehöre. Zum Beleg hierfür werden zahlreiche Beispiele von Sportlern angeführt, die von ihren Trainern sowie von Medizinern mit leistungssteigernden Mitteln vollgepumpt wurden, was gesundheitlich katastrophale Konsequenzen nach sich zog. Doch genauso wenig, wie Gesundheitsschädlichkeit als eine hinreichende Ursache für Verbote angesehen wird, kann davon ausgegangen werden, dass Doping grundsätzlich und automatisch ungesund ist. Dies behaupten auch nicht einmal profilierte Antidopinglobbyisten: Sie kritisieren in erster Linie den Missbrauch bestimmter leistungssteigernder Substanzen, deren Folgen jedoch nicht zwingend ungesund sind.

Das Gesundheitsargument ist jedoch auch in anderer Hinsicht zweifelhaft: Genauso wenig, wie alle Dopingmittel per se ungesund sind, ist Leistungssport per se gesund. Gesundheit ist im Leistungssport weder Kriterium noch Ziel. Vielmehr ist sich jeder Leistungssportler darüber im Klaren, dass er seinen Körper ganz gezielt auf Leistung trimmt, ihn potenziell einseitig entwickelt und die so erworbenen Fähigkeiten und Kräfte „verbraucht“. Für diesen Verbrauch lässt er sich entschädigen. Einige ehemals erfolgreiche Sportler leiden heute unter gesundheitlichen Problemen beziehungsweise Berufskrankheiten, die als Folge ihres Sports gelten. An ihrem Heldenstatus ändert dies jedoch nichts.
Vielfach wird argumentiert, Doping führe zu einer künstlichen Verzerrung der natürlichen körperlichen Fähigkeiten des Sportlers und verstoße somit gegen die Regeln der sportlichen Fairness. Dieses Argument ist in zweierlei Hinsicht nicht stichhaltig:
Zum einen ist die Vorstellung, es gäbe eine natürliche körperliche Leistungsfähigkeit des Menschen, naiv-romantisch und schlichtweg unzutreffend. Die Menschen sind heute sowohl körperlich (als auch geistig) zu Leistungen fähig, die früher als unvorstellbar galten. Wir werden heute nicht nur deutlich größer als in früheren Jahrhunderten, wir werden auch viel älter als jemals zuvor in unserer Geschichte. Unsere moderne Lebensweise, die moderne Medizin sowie die industrielle Nahrungsmittelproduktion führen dazu, dass wir gesünder leben als jemals zuvor – auch wenn unser heutiger Zeitgeist uns zuweilen anderes annehmen lässt. Ein Blick in die Geschichte der Menschheit zeigt, dass unsere Zivilisation seit jeher von dem Streben nach einer künstlichen Verbesserung unserer Lebensumstände geprägt war – dieser Fortschrittsdrang und nicht etwa unsere natürlich begrenzte Leistungsfähigkeit ist die entscheidende Konstante menschlicher Entwicklung. Jeder Mensch greift und griff kontinuierlich zu Mitteln und Verhaltensweisen, um die eigenen Fähigkeiten und Kräfte künstlich zu optimieren. Dies ist der Kern jeder medizinischen Therapie – ob schul-, naturmedizinisch oder homöopathisch – sowie aller Trainingsmethoden und Ernährungs-, Diät- und Lernprogramme, denen wir uns unterwerfen.

Die dem Vorwurf der Unfairness zugrunde liegende Annahme einer natürlichen Leistungsfähigkeit, die durch Doping „verzerrt“ würde, ist mithin ein Mythos. Mit dem Eintritt in die menschliche Kultur – und dieser Zeitpunkt liegt im Zeitalter hoch entwickelter pränataler Medizin lange vor seiner Geburt, setzt automatisch die „Verzerrung“ der natürlichen Lebensform Mensch ein. Kein Mensch ist so, wie „Mutter Natur“ ihn schuf. Die kontinuierliche kulturelle (Selbst-)Beeinflussung des Menschen hat seine Entwicklung entscheidend geprägt. Mithin hätte jeder Mensch als gedopt zu gelten, und zwar vom Tag der Zeugung bis zum letzten Atemzug. Anders formuliert: Es ist uns schlicht unmöglich, ein Leben frei von menschlichen Einflüssen zu leben. Auch Sportlern sollte ein solches Vegetieren nicht zugemutet werden.
Zum anderen ist Doping aber auch deswegen nicht „unfair“, da sich der Fairnessbegriff nicht auf das Erreichen einer bestimmten Leistungsfähigkeit, sondern auf den sportlichen Wettkampf an und für sich bezieht. Es ist nicht unfair, dass es größere und kleinere, schwächere und stärkere Menschen gibt. Einen fairen Wettkampf zeichnet aus, dass diese ungleichen Menschen auf Basis allgemein akzeptierter Spielregeln und Richtlinien ob der Beschaffenheit von Sportgeräten, Ausrüstung und Kleidung ihre – ungleichen – Kräfte messen. Eine Ausweitung des Fairnessbegriffs auf die Erzeugung körperlicher Leistungsfähigkeit würde die Idee von Training und Wettbewerb ad absurdum führen. Alle Athleten müssten die gleichen Voraussetzungen mitbringen und identische Trainingsbedingungen vorfinden. Die gezielten gesellschaftlichen Förderungen des Leistungssports, die natürlich je nach den dafür zur Verfügung stehenden Ressourcen zwischen den Staaten erheblich variieren, hätten als „unfair“ zu gelten.
Ein weiteres Argument der Antidopingkrieger betont die Vorbildfunktion von Leistungssportlern für die Gesellschaft und die sich hieraus ergebende moralische Verantwortung. Dass Doping im Leistungssport den Einsatz unerlaubter Substanzen im Breitensport popularisieren hilft, ist jedoch angesichts der öffentlichen Debatte sehr fragwürdig – eher könnte man argumentieren, dass es zur Stigmatisierung beitragen müsste. Zudem hat bis heute kein Leistungssportler seinen Dopingkonsum offensiv vertreten und zu seinem „Markenzeichen“ erklärt. Die unzweifelhaft bestehende Bereitschaft vieler Menschen, auch im Breitensport zu Medikamenten zum Muskelaufbau zu greifen, ist eher im Zusammenhang mit dem modernen Körperkult zu verstehen, der allerdings seinen Ursprung nicht im Leistungssport hat. Es ist kein Zufall, dass der Rückzug ins Private und die Konzentration auf den eigenen Körper – die Kernthemen sowohl des Fitnesskults wie auch des modernen Wellnesstrends – gerade in Zeiten an Bedeutung gewinnen, in denen Erwachsene wie Jugendliche im öffentlichen gesellschaftlichen Raum immer weniger Zukunfts- und Entwicklungsperspektiven sowie immer weniger Vorbilder vorfinden.
Es zeigt sich, dass viele der Argumente, die zur Rechtfertigung einer Intensivierung des Antidopingkampfes angeführt werden, einer sachlichen Überprüfung nicht standhalten und auf Vermutungen, Befürchtungen und Schwarzmalerei beruhen. Doch ebenso offensichtlich ist, dass sich die moralische Grundeinstellung, der zufolge der Kampf gegen Doping unabdingbar sei, sich durch einzelne stichhaltige Gegenargumente nur schwer erschüttern lässt.

Selbst Bette und Schimank, die zu Recht feststellen, dass mit vagen Vorwürfen der Unfairness, der Unnatürlichkeit, der Abnormalität, der Körperfremdheit sowie der Künstlichkeit den Gegnern eines Dopingverbots nicht beizukommen sei, betonen die Notwendigkeit des Antidopingkampfes. Zu dessen Rechtfertigung flüchten sie sich auf die nächsttiefere Ebene und beschwören die Existenz einer intakten Sportmoral, die dabei helfen müsse, eine allgemeingültige Vorstellung darüber, „was als ‚sportliches‘ und was demgegenüber als ‚unsportliches‘ Mittel der Leistungssteigerung zu gelten“ habe, zu entwickeln. Dass aber auch dieser Ansatz keine tragfähige Basis darstellt, stellen sie nur wenige Zeilen später mit dem Verweis auf die Kommerzialisierung des Leistungssports lapidar fest: „Spätestens mit dem Ende des Amateurismus ist im Leistungssport ... nicht mehr mit einer intakten Moral zu rechnen.“4 Was bleibt, ist ein verzweifelt anmutender wie auch unehrlicher Appell an eine imaginäre Moral des – tatsächlich ebenfalls alles andere als dopingfreien – Amateurismus, die freilich ebenso wenig erläutert wird wie der Dopingbegriff selbst.
Worauf ist die fortgesetzte und scheinbar unerschütterliche Vehemenz der Antidopinglobby zurückzuführen? Die Schwäche ihrer Argumentation auf der Sachebene, aber auch die Emotionalität, mit der Skeptiker abgestraft werden, lässt vermuten, dass der Ablehnung Ursachen zugrunde liegen, die wenig mit dem Sport und mit Doping an und für sich zu tun haben.

„Ahnungsloser Ignorant“ ist noch eine moderate Beschimpfung, die dem kritisch Nachfragenden gewiss sein dürfte, auch Bezeichnungen wie „Lobbyist der Pharmaindustrie“ oder „Leugner“ wird er sich anhören müssen. Diese Art der Diskussionsführung beschränkt sich jedoch nicht auf das Thema Doping. Im Gegenteil: In vielen gesellschaftlichen Fragestellungen wird in diesem Stil gegen Kritiker des Mainstreams vorgegangen. Und sehr schnell werden Parallelen gezogen: Die Diffamierung als „Leugner“ hat themenübergreifend Hochkonjunktur. Jeder, der heute aus dem Kanon der Untergangsprediger ausschert, gilt als reaktionärer Weltenzerstörer, der mit seiner „Weiter-so!“-Devise lediglich egoistische Besitzstandwahrung betreibt.
Die Rigorosität gegenüber dem Abweichler hat zumeist denselben Ausgangspunkt: Ihn trifft, und mag er seinen Standpunkt noch so faktenreich darstellen, stets der Vorwurf, Ängste und reale Bedrohungen zu unterschätzen oder gar zu ignorieren. Wer die Welt als Ort omnipräsenter Gefahren wahrnimmt, liegt im Trend. Wer hingegen Ängste und Bedrohungen infrage stellt, gilt selbst als Teil des Problems. Der britische Soziologe Frank Furedi beschreibt dieses Phänomen, das bei Weitem kein deutsches ist, in seinem gleichnamigen Buch als Culture of Fear, als „Kultur der Angst“. Diese zeichnet sich dadurch aus, dass sie mangels positiver gesellschaftlicher Ziele und Visionen das Leben und Handeln von Menschen auf die Verhinderung der Apokalypse, die Minimierung von Risiken und das Streben nach möglichst umfassender Sicherheit ausrichtet und reduziert.

Die Angstkultur hat mittlerweile fast alle Bereiche des gesellschaftlichen Lebens infiziert: Immer mehr Facetten unseres Lebens werden von der Wahrnehmung potenzieller Risiken und dem Gefühl der eigenen Verletzlichkeit dominiert. In diesem ängstlichen und zutiefst konservativen gesellschaftlichen Klima erscheinen Freiheiten und Freiräume als potenzielle Brutstätten des Untergangs. Besonders kennzeichnend für diese Angstkultur ist aber, dass sie das um sich greifende Misstrauen gegen alles und jeden beständig ausweitet und institutionalisiert. Denn trotz allen Misstrauens gegenüber Politikern und Institutionen führt der Misstrauenskult dazu, dass Menschen reflexartig nach stärkerer Kontrolle, verschärften gesetzlichen Regelungen sowie nach dem systematischen Austrocknen von Sümpfen und dem Aufhellen von Grauzonen trachten und damit letztlich einer autoritären Gesellschaftsformierung Vorschub leisten. Gleichzeitig labt sich die Öffentlichkeit an Berichten über Katastrophen und Skandale, die ihr einerseits die eigene Schlechtigkeit permanent vor Augen führen, ihr aber andererseits ein Gefühl der Sicherheit vermitteln, mit der Politik der Selbstzügelung und -überwachung auf dem richtigen Weg zu sein.

Es verwundert daher nicht, dass in der Kultur der Angst und des Misstrauens Doping so emotional diskutiert wird. Schließlich gilt Doping als künstlicher (gemeint ist: „unmenschlicher“) Eingriff in den letzten noch bestehenden individuellen Rückzugsraum – den eigenen Körper. Wie alle Diskussionen, die sich um den Körper, die körperliche Unversehrtheit und Gesundheitsrisiken drehen, wird auch der Dopingdiskurs stark von persönlichen Ängsten und Irrationalismen dominiert. Hinzu kommt aber, dass es kaum ein Thema gibt, das so viele verschiedene misstrauenswürdige Player unterschiedlichster Herkunft zu vereinen vermag. Beinahe alle üblichen Verdächtigen sind involviert: die Unternehmen, die den Leistungssport kommerzialisieren, die Trainer und Mediziner, die Sportler zu Leistungsmaschinen heranzüchten, sowie die Verbände und die Politiker, denen es ebenfalls nur um Geld, Medaillen und Pfründe geht. Außerdem bedient das Thema das Klischee des ahnungslosen und sich vollends und freiwillig in die Obhut der „Sport-Wissenschaft-Kommerz-Mafia“ begebenden Athleten. Nicht zuletzt aber werden natürlich wir alle – als Zuschauer und Kunden, denen einzig Erfolg und Spektakel heilig sind – zu Insassen, wenn nicht gar Antreibern dieses dem Untergang geweihten Bootes erklärt. Und wir erscheinen nicht nur als passive Zuschauer: Der um sich greifende Körperkult wie auch unser Sportkonsum müssen als Beleg dafür herhalten, dass Doping mitnichten nur ein Randproblem ist, das sich aus dem Fehlverhalten einzelner Sportler, Trainer, Mediziner oder Verbandsfunktionäre ergibt, sondern eine direkte Folge allgemeiner menschlicher Fehlerhaftigkeit darstellt.

Das eigentlich Teuflische am Doping aus Sicht des heutigen Zeitgeistes ist, dass es mit nahezu allen moralischen Vorstellungen und Prämissen bricht, auf denen unser modernes, ängstliches, auf eine imaginäre Natürlichkeit und eine fragwürdige Sicherheit ausgerichtetes Leben basiert. Doping gilt als Synonym für Leistungsstreben, für die Bereitschaft, sich nicht mit den natürlichen Grenzen unserer Daseins zufriedenzugeben, sondern sie immer weiter hinauszuschieben, mithin: den menschlichen Aktionsradius künstlich zu vergrößern. Gerade dieses Streben gilt aber in unserer Hochsicherheitsgesellschaft, die das „Höher, Schneller, Weiter“ und das Eingehen von Risiken ablehnt und stattdessen den Dogmen „Weniger ist mehr“, „Fortschritt ist gefährlich“ und „Leistungsstreben und Konkurrenzdenken sind Ausdruck menschlicher Niederträchtigkeit“ folgt, als geradezu kriminell. Eine Freigabe von Doping – und mag sie noch so überzeugend als echte Alternative dargestellt werden – käme daher aus diesem Blickwinkel einem Kniefall vor unser aller Schlechtigkeit gleich – sie wäre ein Frevel, der direkt für den Gang auf den ethisch-moralischen Scheiterhaufen qualifiziert.

Die Dopingdiskussion offenbart das zentrale Problem, unter dem viele durch die Kultur der Angst moralisch überladene Diskurse leiden: Auch wenn rationale und wissenschaftliche Argumente gängige Moralvorstellungen als zumindest zweifelhaft erscheinen lassen, führt dies nicht dazu, dass diese hinterfragt werden können, ohne dass ein Heer von Warnern Alarm schlägt und den globalen Sittenverfall heraufbeschwört. Die Moralisierung des Themas lässt keine rationale Abwägung von Vor- und Nachteilen zu. Krampfhaft wird an Werten festgehalten, die eine gewachsene Kontinuität mit der Vergangenheit und damit Sicherheit suggerieren. Ein offener Diskurs erscheint den Antidoping-Lobbyisten deshalb so gefährlich, da ihr misantrophisches Welt- und Menschenbild von der Vorstellung beseelt ist, den angenommenen moralischen Flächenbrand einzig durch die präventive Abriegelung von Freiräumen sowie durch ein globales Kontrollsystem verhindern zu können.

Eine zukunftsorientierte Diskussion gesellschaftlicher Fragestellungen schließt, wenn sie nicht nur dazu dienen soll, das Bestehende zu bestätigen, auch das Hinterfragen moralischer Grundannahmen ein. Dies ist notwendig, um sich gesellschaftlicher Zielsetzungen und Grundprinzipien auch in einer sich verändernden Welt zu vergewissern, oder eben, um sie neuen Gegebenheiten anzupassen. Eine aufgeklärte Gesellschaft sollte hierzu nicht nur den Mut und das Selbstvertrauen haben, sondern diese Selbstvergewisserung und das Formulieren und Modulieren von Werten und Visionen wieder als ihre eigentliche Stärke anerkennen sowie die Existenz von Freiheiten und Freiräumen wieder schätzen lernen. Dies nicht zu tun, ist gesellschaftlich betrachtet weitaus gefährlicher als alle noch so fragwürdigen Substanzen zur körperlichen Leistungssteigerung zusammen.