01.07.2008

London 2012: Wo ist der olympische Geist?

Analyse von James Woudhuysen

Der Sport ist den Politikern egal. Die aktuellen Debatten über die Olympischen Spiele in Peking beweisen das. Noch deutlicher wird dies aber in den Diskussionen, die schon jetzt in Großbritannien anlässlich der Austragung der Olympischen Spiele im Jahr 2012 in London geführt werden. Mit den Spielen will das Vereinigte Königreich all das erreichen, was in den letzten Jahrzehnten immer scheiterte: die Stärkung des britischen Selbstbewusstseins, den Ausbau des Transportwesens und natürlich die Bekämpfung des Klimawandels. Olympia bleibt bei alledem auf der Strecke.

Bei den Olympischen Spielen in London 2012 geht es eigentlich nicht um die Spiele selbst, sondern um den Nutzen für London und Großbritannien. Laut Olympic Delivery Authority (ODA) ist das Grundprinzip der im Jahr 2005 abgegebenen Bewerbung Londons als Veranstalter der Spiele, dass diese ein „nachhaltiges Erbe“ liefern müssen. In diesem Zusammenhang setzte das Olympische Komitee fünf Schwerpunkte: Großbritannien soll als Sportnation weltweit führend sein; East London soll modernisiert werden; junge Leute sollen zu ehrenamtlichem Engagement motiviert werden; der Olympische Park soll Vorbild für einen nachhaltigen Lebensstil sein; und Großbritannien soll als kreative, inklusive und weltoffene Nation präsentiert werden. Im Vergleich zur erwünschten wirtschaftlichen, ökologischen und sozialen Regeneration spielt der sportliche Wettkampf nur eine Nebenrolle. Für David Higgins, Geschäftsführer des ODA,  sind die Spiele „das sportliche Gewand des größten Regenerationsprojekts Europas“. Die Prioritäten sind jedoch falsch gewählt. Es ist keineswegs ein Ausdruck hoher Ambitionen, wenn das Olympische Komitee ein Sportereignis zu einer Übung in urbaner Regenerierung machen will. Die Rede vom „Erbe“ erweckt den Eindruck, es wäre falsch, die Spiele einfach um ihrer selbst Willen abzuhalten. Entsprechend meint die Politik, die Kosten der Spiele nur durch das besagte Erbe rechtfertigen zu können. Der Idealismus der alten Griechen, die einst die Spiele ins Leben gerufen hatten, tritt hinter dieser Kosten-Nutzen-Analyse zurück. Offenbar ist es heute fast unvorstellbar, die Spiele könnten sich von selbst bezahlt machen. Stattdessen meint man, sie als „Katalysator“ der Regeneration East Londons betrachten zu müssen. Aber diese Regeneration ist keine chemische Reaktion, die sich einfach durch den richtigen Katalysator auslösen lässt.

Die „Triple Bottom Line“ – 1. Ökonomie

Der Begriff der „Triple Bottom Line“ wurde im Jahr 1994 von dem Beratungsunternehmen SustainAbility geprägt. Demzufolge sei das Streben eines Unternehmens nach wirtschaftlichem Gewinn mit dem Streben nach moralischen Zielen in den Bereichen Ökologie und Gesellschaft kompatibel. Schön und gut; aber selbst wenn die Olympischen Spiele ein Unternehmen im klassischen Sinne wären, so könnten sie diesen Anspruch nicht einlösen. Die Erwartung, ein Sportereignis und die entsprechende Infrastruktur könnten East London nachhaltig verändern, ist illusorisch. Tatsächlich wurde Europas größtes Regenerationsprojekt – die Entwicklung von Thames Gateway – bereits lange vor der Londoner Bewerbung für die Spiele ausgerufen – und in den Sand gesetzt. Durch den Bau von 120.000 Wohnungen sollten East London und weitere Gebiete modernisiert werden. Der Plan ging nicht auf. Wenn es also nicht einmal mit dem direkten Ansatz klappt, warum sollte man davon ausgehen, das er als Nebeneffekt der Olympischen Spiele gelingen soll? Letztlich hinterlässt das Olympische Dorf East London nach den Spielen nur 4000 neue Wohnungen. Natürlich bringen die Spiele tatsächlich einige nachhaltige Verbesserungen – u.a. im Transportwesen. Der kürzlich abgewählte Bürgermeister von London, Ken Livingstone, betonte: „Anlässlich von Olympia wird London sich als Stadt mit guten Verkehrsverbindungen präsentieren.“ Aber weiter heißt es: „Die für die olympischen Spiele geplanten Verbesserungen des Transportwesens braucht London ohnehin. Durch die Spiele werden sie lediglich schneller umgesetzt.“ Seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs fehlt London ein ordentliches Transportsystem – und jetzt sollen wir uns freuen, dass die Dinge durch die Spiele „schneller“ umgesetzt werden?! Mit den Verbesserungen des Transports wollte Livingstone sich für die Spiele entschuldigen. Einerseits sollen wir in den Spielen einen wichtigen Faktor für die Investitionen in das Transportsystem East Londons sehen und sie andererseits als weitgehend bedeutungslos empfinden. Insgesamt werden die Verbesserungen im Transportwesen moderat ausfallen, sodass die Innovation für einen Wandel in East London keineswegs ausreicht. Die Spiele sollten wir natürlich dennoch zelebrieren.

Die Idee, Olympia müsse ein „Erbe“ bringen, beruht auf dem wirtschaftswissenschaftlichen Konzept „positiver Externalitäten“. Demzufolge seien von den Spielen positive und nützliche wirtschaftliche Nebeneffekte zu erwarten, die über den Rahmen der direkten und zeitlich begrenzten wirtschaftlichen Beziehungen zwischen Organisatoren, Vertragspartnern, Arbeitern und zahlenden Zuschauern hinausgehen. In Anbetracht der globalisierten Wirtschaft ist es jedoch zweifelhaft, ob die ausländischen Investoren ihren „Wissensüberschuss“ tatsächlich in die Gastländer tragen. Das Konzept der Externalitäten funktioniert nicht einmal im Bereich Forschung und Entwicklung. Warum sollten wir also glauben, dass ausgerechnet die Olympischen Spiele East London dauerhaft regenerieren könnten? Durch verbesserte Zugverbindungen werden die East-Londoner natürlich leichter zur Arbeit kommen – so sie einen Job haben. Auch Handballhallen und Hockeyfelder und einige weitere Anlagen bringen den Anwohnern Vorteile. Aber letztlich fallen diese ohnehin schwer quantifizierbaren Externalitäten kaum ins Gewicht. Tendenziell verkennt das Konzept der Externalität die Relevanz von menschlicher Arbeit und Technologie, und entsprechend verkennt das offizielle Konzept der Olympischen Spiele den Eigenwert des Sports.

Die „Triple Bottom Line“ – 2. Ökologie

Auch der sogenannte Kohlenstoff-Fußabdruck ist für das Olympische Komitee von Bedeutung. Aber dieser werde gering sein. Die niedrigen Treibhausgasemissionen der Spiele werden laut Komitee neue Regeln für die Rechnungslegung bei zukünftigen Spielen schaffen – „und hier wäre die Währung dann nicht mehr Geld, sondern Kohlenstoff“. In diesem Sinne sind die Olympischen Spiele in London das erste Großereignis mit einer derartig vollständigen Analyse seines Kohlenstoff-Fußabdrucks. So soll gewährleistet werden, dass das Erbe der Spiele auf jeden Fall auch „eine gedankliche Führungsposition umfasst“. Insgesamt bleiben die grünen Schlagworte bezüglich Olympia jedoch hohl, und auch die Metapher vom Kohlenstoff-Fussabdruck ist dubios. Brauchen wir zusätzlich zu den zahllosen bestehenden Buchhaltern wirklich auch noch Kohlenstoff-Buchhalter? Wenn man die Kohlenstoffmessung zum entscheidenden Kriterium der Legitimation der Olympischen Spiele macht, dann wäre das Ergebnis ohnehin, dass man die Spiele am besten gar nicht veranstaltet. Und entsprechend werden schon jetzt die Olympischen Spiele 2008 in Peking auch deswegen verteufelt, weil sie die Umwelt belasten. Vielleicht könnte die geplante, zwei Millionen britische Pfund teure Windturbine bei Eton Manor einige negative Externalitäten der Olympischen Spiele kompensieren. Aber für East London wird auch sie wenig Vorteile bringen, denn ihre Lebensdauer beträgt lediglich 20 Jahre, und ihre Kapazität reicht lediglich für die Stromversorgung von 1200 Haushalten. Urbane Regeneration ist das nicht.

Die „Triple Bottom Line“ – 3. Gesellschaft

Die ODA will historisch bedingte und seit Langem bestehende Benachteiligungen im Lower Lea Valley beseitigen. Daher sollen Personalbeschaffung und Management in der gesamten Lieferkette nachweislich fair sein. Die ODA bekämpft Diskriminierung am Arbeitsplatz und will den Beschaffungsprozess transparent, fair und offen für verschiedene Anbieter gestalten. Die Gebäude sollen für Menschen aller Kulturen, Glaubensrichtungen und Altersgruppen sowie für Behinderte zugänglich sein. Und die wirtschaftlichen Vorteile sollen nicht nur London, sondern auch andere Teile Großbritanniens erreichen. Ein anderer Punkt ist, dass die ODA im Zusammenhang mit den Spielen 70.000 ehrenamtliche Mitarbeiter benötigt. Diese sollen vor allem auf Grundlage ihrer bisherigen Erfahrungen mit ehrenamtlicher Tätigkeit ausgewählt werden. Ziel ist es, mit diesem Vorgehen auch Menschen aus schwer zugänglichen gesellschaftlichen Gruppen zu erreichen und ihnen durch die bei der ehrenamtlichen Tätigkeit erworbenen Fähigkeiten zu helfen, „am Arbeitsmarkt besser zu bestehen oder bei anderen Ereignissen ehrenamtlich tätig zu werden“. Das Problem besteht dabei lediglich darin, dass die Angehörigen dieser schwer zugänglichen Gruppen sich gewöhnlich nicht freiwillig zu irgendwelchen ehrenamtlichen Tätigkeiten melden. Die Ziele, die die ODA und die mit ihr kooperierenden Institutionen verfolgen, mögen gut gemeinter Natur sein. Sie wollen die Fähigkeiten der Menschen verbessern, die Inklusivität steigern und den Spielen so international ein positives Image verpassen. Aber selbst wenn wir die Gemeinplätze über soziale Exklusion und mangelnde Fähigkeiten in East London schlucken – die Transformation des Arbeitsmarkts in East London durch die Olympischen Spiele ist doch mehr als unwahrscheinlich. Nach Angaben der University of East London braucht Thames Gateway nicht nur Häuser, sondern auch neue Industrien und Beschäftigungsmöglichkeiten. Das gilt auch für East London.

Die Olympischen Spiele werden die Einkommen nicht nachhaltig verändern, aber sie wirken sich schon jetzt auf die politische Psychologie in Großbritannien aus. Mittlerweile haben bereits 100.000 Menschen Interesse an ehrenamtlicher Arbeit bekundet, was auf ein beachtliches und lobenswertes Maß an Idealismus verweist. Aber Labour wird diese Menschen für ihre Gutmenschen-Ideologie instrumentalisieren, um weltweit Werbung dafür zu machen, wie hervorragend die Briten sind.

Enthusiasten, Zweifler – und eine Alternative

Die Theorie von den „positiven Externalitäten“ greift nicht. Man versucht uns weiszumachen, die Nebeneffekte der für Olympia geschaffenen Anlagen und Infrastrukturen würden die Wirtschaft in East London dynamisieren. Außerdem sollen die Olympischen Spiele einen Beitrag zur Rettung des Planeten liefern und den Überbleibseln der alten Londoner Arbeiterklasse als Motivation dienen. Aber das wird nicht funktionieren. Wer die verschiedenen Kombinationen von „Olympia“, „Kick-Start“, „Synergien“ und „Regeneration“ googelt, der sieht lediglich, dass die Politik uns in großem Umfang mit leeren Worthülsen überzeugen will, dass letztlich alles gut wird. Das Bauen auf die positiven Externalitäten bestimmt mittlerweile die Vorstellungswelt der britischen Mittelklasse. Das zeigt folgender Auszug aus dem Guardian, der kurz nach Bekanntwerden des Erfolgs der Bewerbung Großbritanniens als Veranstalter der Spiele erschienen ist:
„Es ist hervorragend für den britischen Sport, der in den kommenden sieben Jahren einen nie dagewesenen Aufschwung verzeichnen wird – ein Erbe für Generationen. Hervorragend ist es auch für das benachteiligte East London, das nunmehr der seit Ende des Zweiten Weltkriegs und dem Niedergang der alten Industrien wie den Docks ausstehenden Modernisierung entgegensehen kann. Es ist hervorragend für das moderne London insgesamt, denn die Olympischen Spiele werden die Stadt als weltoffene, multikulturelle und dynamische Metropole des 21. Jahrhunderts bestätigen. Und auch für andere Städte und Teile Großbritanniens ist das eine hervorragende Sache. Wir dürfen die Interessen der vielen, die 2012 eine wichtige Rolle spielen, nicht vergessen, auch wenn wir uns natürlich letztlich auf unsere außergewöhnliche und höchst diversifizierte Hauptstadt konzentrieren.“ Dahinter verbirgt sich letztlich nichts anderes als der vom amerikanischen Management-Guru Stephen Covey in seinem Bestseller The Seven Habits of Highly Effective People propagierte Neologismus der Win-win-Situation. Der Guardian will in Olympia gar eine Win-win-win-win-Situation sehen.

Der Win-win-Gedanke ist für Covey eine „umfassende Philosophie menschlicher Interaktion“. Die meisten Menschen seien demgegenüber tief in die Win-lose-Mentalität „verstrickt“. Sportler seien für junge Menschen ein „starker Programmierungsagent“, durch die sie zu der Überzeugung kommen, gewinnen heiße, jemanden zu besiegen. Eine friedliche und kooperative Welt wollen wir natürlich alle. Aber die Olympia-Freaks von Labour wollen uns vormachen, die Olympischen Spiele könnten tatsächlich alle Ziele erreichen, die sie sich gesteckt haben. Kurz gesagt: Die Enthusiasten der Spiele übertreiben, aber natürlich hilft es nichts, wenn man stattdessen nur jammert. Tatsächlich waren alle Olympischen Spiele mit Ausnahme derjenigen von Los Angeles im Jahr 1984 Verlustgeschäfte. Unternehmen und Grundstücksentwickler werden zwar enorme Gewinne machen, aber der Londoner Steuerzahler wird die Spiele noch jahrelang abbezahlen müssen. Man hört auch, die Olympischen Spiele würden die Mittel der National Lottery verschlingen, die ansonsten landesweit in Sport- und Wohltätigkeitsveranstaltungen fließen würden. Dabei könnte Großbritannien sogar Kosten von zehn Milliarden Britischen Pfund oder mehr verkraften, um die vierwöchigen Spiele für den ganzen Planeten abzuhalten. Das wäre noch nicht mal die Hälfte des Verteidigungshaushalts. Wenn die Steuern für Olympia zu schwer auf den Geldbörsen der Londoner lasten, dann sollte man die Londoner Gehälter erhöhen, aber sich nicht über vermeintlich durch die Spiele verursachte Schwierigkeiten beklagen.

Es gibt eine Alternative zu den Enthusiasten und den Jammerern: Unabhängig von den Olympischen Spielen brauchen wir jetzt ein Programm zur Schaffung realen und durchgreifenden Wohlstands in East London und in seinem Umfeld. In Thames Gateway müssen tatsächlich Häuser gebaut werden. Einige meinen, die Ansiedlung von IT wäre positiv für Gateway. Gebraucht wird auch die Entsalzungsanlage von Thames Water in Newham. Eine Windmühle reicht nicht aus, um die massive Energienachfrage zu befriedigen. Wir sollten die Hochwasseranlagen an der Themse dahingehend ausbauen, dass sie auch Gezeitenenergie erzeugen können. Der Tidenhub der Themse ist, wie bei weiteren sieben Flussmündungen (Severn, Dee, Mersey, Morecambe Bay, Solway Firth, Humber und Wash) stark genug, um gut 13 Prozent des derzeitigen Energiebedarfs in Großbritannien decken zu können. Eine Hochwasseranlage, die zugleich ein Kraftwerk ist – für so eine Win-win-Situation lohnt es sich zu arbeiten. Dann kann man darauf eine Autobahn bauen, sodass die Leute ungehindert von Dover nach Cambridge fahren können. Als Nächstes sollten dann Häuser in der Umgebung gebaut werden. Außerdem müssen die verschwindend geringen Investitionen Großbritanniens in Forschung und Entwicklung erhöht werden, damit East London Laboratorien, Anlagen zur Herstellung von Prototypen und Fabriken bauen kann.

Die Olympischen Spiele sind ein wunderbares Sportereignis. Aber London und Großbritannien brauchen keine selbstzweiflerischen Kulturspiele. Wir brauchen Investitionen zur Schaffung von Wohlstand um seiner selbst willen; wir brauchen Vertrauen in die Wissenschaft und die menschlichen Fähigkeiten – auch sie sind Bestandteile des olympischen Geistes!