05.10.2026
Drei Mythen über den Zionismus
Von Daniel Ben-Ami
Die Geschichte zeigt, dass der Zionismus als Bewegung für nationale Selbstbestimmung begann und dies auch heute noch ist. Er war früher linker, bleibt aber überwiegend säkular.
Es gibt wohl kaum einen Begriff, über den so viel Verwirrung herrscht wie über den Zionismus. Für entschiedene Gegner Israels ist er in der Regel ein Schimpfwort: eine Möglichkeit, das zu verteufeln, was sie als jüdische Vorherrschaft, Siedlerkolonialismus und Rassismus betrachten. Doch selbst unter überzeugten Befürwortern Israels gibt es erhebliche Meinungsverschiedenheiten über seine Bedeutung. Beispielsweise gehen einige davon aus, dass der Begriff nicht mehr angemessen sei. Typischerweise behaupten sie, die Bewegung habe ihr Ziel 1948 mit der Gründung Israels erreicht, sodass es heute sinnlos sei, von Zionismus zu sprechen.
Das Ziel dieses Artikels ist es, anhand der historischen Entwicklungen einige der wichtigsten Missverständnisse über den Zionismus zu widerlegen. Ich werde darlegen, dass diese Aufgabe von entscheidender Bedeutung ist, um Israel als Ausdruck der nationalen Selbstbestimmung der Juden zu unterstützen.
Um dies zu begründen, werde ich mich auf ein wegweisendes Buch stützen, das erstmals 1981 erschien. „The Making of Modern Zionism" von Shlomo Avineri (1933–2023), einem führenden israelischen politischen Philosophen, konzentriert sich eher auf die Entstehung zionistischer Ideen als auf die politische Bewegung. Es untersucht 17 Persönlichkeiten, die auf unterschiedliche Weise den Zionismus als Weltanschauung entwickelt haben. Einige von ihnen, wie beispielsweise Moses Hess, waren bekennende Sozialisten, während andere, wie Leo Pinsker, eher liberal ausgerichtet waren. Doch anstatt mich auf jeden einzelnen Denker zu konzentrieren, ist es hier mein Ziel, anhand des Materials aus dem Buch drei Mythen über den Zionismus zu widerlegen.
Es reicht jedoch nicht aus, diese Fehlvorstellungen einfach nur zu widerlegen. Es muss auch erklärt werden, warum sie so viel Anklang finden.
Mythos Nummer eins: Der Aufstieg des Zionismus lässt sich vollständig als Reaktion auf den Antisemitismus erklären
Häufig wird behauptet, der Zionismus sei eine Reaktion auf den zunehmenden Antisemitismus im späten 19. Jahrhundert gewesen. Die erste Welle von Pogromen im Russischen Reich (einschließlich Teilen der heutigen Ukraine und Polens) ereignete sich Anfang der 1880er Jahre. Diese folgten auf die Falschbeschuldigung, die Juden seien für die Ermordung von Zar Alexander II. verantwortlich geworden. Dann folgte ab 1894 in Frankreich die Dreyfus-Affäre, in der ein jüdischer Offizier fälschlicherweise des Landesverrats beschuldigt wurde. Die Affäre war ein besonderer Schock für assimilierte Juden, da sie davon ausgegangen waren, sich recht gut in die französische Gesellschaft integriert zu haben.
Diese Ereignisse trieben die Entstehung des Zionismus als politische Bewegung tatsächlich voran. Der Erste Zionistenkongress fand 1897 in Basel in der Schweiz statt. Er wurde von Theodor Herzl organisiert, der als Journalist in Paris über den Dreyfus-Prozess berichtet hatte. Doch obwohl dies der Beginn der zionistischen Bewegung darstellte, war es, wie Avineri überzeugend darstellt, nicht der Beginn des Zionismus als politisches Ideal. Dieses entstand Mitte des 19. Jahrhunderts, als mehrere jüdische Intellektuelle begannen, die Idee zu verbreiten, dass Juden als Nation betrachtet werden sollten. Aus dieser Prämisse zogen sie den Schluss, dass Juden eine Art nationaler Rechte haben sollten. Obwohl ihre Vorstellungen davon, wie eine jüdische nationale Einheit aussehen sollte, unterschiedlich waren, sprachen sie sich alle dafür aus, dass das jüdische Nationalbewusstsein gepflegt werden sollte.
„Die Juden rückten vom Rand der europäischen Gesellschaft in eine zentrale Rolle in vielen Ländern vor."
Um zu verstehen, warum die Idee einer jüdischen Nation damals als revolutionär galt, muss man den historischen Hintergrund betrachten. Bis zum späten 18.Jahrhundert waren Juden im Wesentlichen eine religiöse Minderheit, die typischerweise am Rande der Mehrheitsgesellschaft lebte. Sie lebten meist in Schtetln (kleinen Städten oder Dörfern), die überwiegend jüdisch besiedelt waren. Juden konnten keine Staatsbürger werden und hatten keinen Zugang zum Rechtswesen, zu freien Berufen und zu Universitäten. Auch ihre Alltagssprache, das Jiddische, unterschied sich von der der nichtjüdischen Bevölkerung.
Diese Situation begann sich in Frankreich im Zuge der Revolution von 1789 zu ändern, als den Juden die Gleichberechtigung als Staatsbürger gewährt wurde. Dies war ein Prozess, der sich über einen Zeitraum von mehr als einem Jahrhundert über ganz Europa ausbreitete. Die Juden rückten vom Rand der europäischen Gesellschaft in eine zentrale Rolle in vielen Ländern vor. Sie konnten als Teil der Gesamtbevölkerung leben und sich unter sie mischen.
Unter diesen Umständen begannen einige Juden, sich in nationaler Hinsicht zu verstehen. Sie waren nicht länger eine marginalisierte religiöse Minderheit, sondern Teil einer Gesamtgesellschaft. Allerdings sahen sie sich auch in gewisser Weise als vom Rest der Bevölkerung unterscheidbar an.
Natürlich empfanden nicht alle Juden dies so. Einige hielten an einer religiösen Identität fest und bezeichneten sich als orthodox (früher wären sie einfach nur „Juden“ gewesen). Andere assimilierten sich in die Gesamtgesellschaft. Um den Zionismus zu verstehen, ist es jedoch notwendig, den Fokus auf jene Juden zu legen, die sich selbst als Träger einer Form von Nationalbewusstsein identifizierten.
„Der Antisemitismus entstand als eine Form des modernen rassistischen Denkens parallel zum Emanzipationsprozess."
Es ist zudem wichtig zu beachten, dass der Antisemitismus als eine Form des modernen rassistischen Denkens parallel zum Emanzipationsprozess entstand. Juden wurden nicht mehr als Teil einer marginalisierten religiösen Minderheit gehasst. Stattdessen herrschte in einigen Teilen der Gesellschaft Unmut über die jüdische Emanzipation. Genau diese Stimmung schuf die Grundlage für das, was als rassistische Abneigung gegenüber Juden galt. Gleichzeitig sah, wer der Modernisierung generell ablehnend gegenüberstand, in den Juden oft die Verkörperung dieses Prozesses. So geschehen beispielsweise in Frankreich, wo, wer sich der sozialen Modernisierung widersetzte, typischerweise die antisemitische Kampagne gegen Dreyfus unterstützte.
Die zionistische Vorstellung, dass Juden eine Nation mit entsprechenden Rechten bilden, entstand also als Reaktion auf die Emanzipation ab dem späten 18.Jahrhundert. Der parallele Aufstieg des Antisemitismus verlieh ihr zusätzlichen Schwung, kann das zionistische Ideal jedoch nicht für sich allein erklären. Beides war Teil eines uneinheitlichen Prozesses, der die Juden einerseits befreite und andererseits eine neue Form der Feindseligkeit gegen sie hervorrief.
Mythos Nummer zwei: Der Zionismus ist im Wesentlichen eine religiöse Bewegung
Es sollte bereits klar sein, dass der Zionismus nicht als religiöse Bewegung konzipiert wurde. Seinen Gründern ging es um die nationale Selbstbestimmung des jüdischen Volkes und nicht um das Judentum als Religion. Sie waren im Allgemeinen säkular und hatten wenig oder gar kein Interesse an jüdischen religiösen Praktiken.
Ein gutes Beispiel hierfür ist Herzls utopischer Roman „Altneuland" aus dem Jahr 1902. Seine Vision war technokratisch geprägt, mit fortschrittlicher Technologie und einer kooperativen Wirtschaft. Die Bewohner sollten mehrere Sprachen sprechen, nicht nur Hebräisch. Natürlich verliefen die Dinge nicht genau so, wie er es sich vorgestellt hatte, doch gibt dies einen Einblick in die Vision des bedeutendsten zionistischen Denkers.
Die wichtigste Ausnahme von der vorherrschenden säkularen Weltanschauung war Rabbi Kook (1865–1935). Während die meisten orthodoxen Juden zu jener Zeit kein Interesse am Zionismus hatten, versuchte er, diesen mit dem jüdischen Glauben zu verbinden. So verlieh er beispielsweise dem irdischen Land Israel eine religiöse Bedeutung, anstatt es nur in himmlischer Hinsicht zu betrachten. Doch in den Anfängen des Staates spielte das religiöse Element weiterhin nur eine untergeordnete Rolle. Obwohl die Nationalreligiöse Partei eine Minderheitspartei in der Regierungskoalition war, galt sie gemeinhin als moderate Kraft.
„Von Israels jüdischer Bevölkerung sind laut einer Umfrage etwas mehr als ein Viertel religiös."
In den letzten Jahren hat sich die Lage verändert, wenn auch nicht so stark, wie manche annehmen. Von Israels jüdischer Bevölkerung von etwa sieben Millionen sind laut einer Umfrage aus dem Jahr 2025 etwas mehr als ein Viertel religiös. Darin nicht enthalten sind die 10 Prozent, die sich als Haredim (ultraorthodox) bezeichnen, doch diese sind in der Regel nicht-zionistisch oder antizionistisch.
Wer Israel heute besucht, wird also viele erkennbar religiöse Juden sehen, doch ein beträchtlicher Teil der Bevölkerung bleibt säkular. Bemerkenswert ist auch, dass nur ein Ministerpräsident, Naftali Bennett, praktizierend religiös war. Er blieb jedoch nur ein Jahr im Amt und ist ein moderner, religiöser Jude mit einem Hintergrund als Hightech-Unternehmer.
Der Zionismus ist also seinem Wesen nach keine religiöse Bewegung. Sein Fokus liegt auf den Juden als Volk und nicht auf dem Judentum als Religion. Die Tatsache, dass die israelische Bevölkerung im Laufe der Zeit allgemein religiöser geworden ist, ändert nichts an dieser Tatsache.
Mythos Nummer drei: Der Zionismus ist im Wesentlichen eine rechtsextreme Bewegung
Heutzutage wird der Zionismus oft als „rechtsextrem“ gebrandmarkt – ein Begriff, der heutzutage zu locker verwendet wird –, doch im ersten Jahrhundert seines Bestehens war er überwiegend linksgerichtet. Die ursprünglichen zionistischen Denker deckten, von wenigen Ausnahmen abgesehen, ein Spektrum von liberal bis marxistisch ab. Nach der Staatsgründung im Jahr 1948 wurde jede Regierungskoalition von der Linken geführt.
Vor der Staatsgründung konzentrierte sich die zionistische Bewegung weitgehend auf den Aufbau einer jüdischen Arbeiterklasse. Die Idee dahinter war, dass die jüdische Bevölkerung in der Diaspora unausgewogen war, da sie größtenteils aus der Mittelschicht bestand. Daher mussten Institutionen geschaffen werden, um die Entstehung einer jüdischen Arbeiterschaft zu fördern. Der Kibbuz war Teil dieses Prozesses. Die Idee war, dass Juden – die in der Diaspora selten die Erde bearbeiteten – zu Bauern werden sollten. Dies wurde als Teil des allgemeinen Normalisierungsprozesses angesehen, in dem Juden mit ihrem eigenen, geografisch definierten Staat wie jede andere Nation werden sollten. Schon in den ersten Jahrzehnten seines Bestehens hatte das Land ein starkes egalitäres Ethos. Die Histadrut – eine quasi-staatliche Institution – besaß Schlüsselbereiche der Wirtschaft. Die soziale Ungleichheit war gering.
„Es ist falsch zu behaupten, dass Israel nach herkömmlichen Maßstäben im Wesentlichen rechtsgerichtet sei."
All das begann sich ab den 1970er Jahren zu ändern. Schlüssluternehmen wurden privatisiert. Die Rolle der Kibbuzim wurde marginalisiert, und die Landwirtschaft nahm einen immer geringeren Teil ihrer Tätigkeit ein. Ein starker Hightech-Sektor begann sich zu entwickeln. Insbesondere Letzteres führte zu einem starken Anstieg der Ungleichheit, wobei einige Israelis vom Hightech-Boom profitierten.
Die Politik, zumindest im herkömmlichen Sinne, rückte nach rechts. Israels letzter linker Ministerpräsident, Ehud Barak, schied 2001 aus dem Amt. Benjamin Netanjahu, der derzeitige Ministerpräsident, war in den letzten 30 Jahren etwa 19 Jahre im Amt. Der aktuellen Regierung gehören prominente Minister an, die allgemein als rechtsextrem eingestuft werden können: Itamar Ben-Gvir und Betzalel Smotrich.
Aus heutiger Sicht ist es jedoch wichtig, mindestens zwei wesentliche Vorbehalte anzubringen, wenn man über Israels Rechtsruck spricht. Erstens ist es falsch zu behaupten, dass Israel nach herkömmlichen Maßstäben im Wesentlichen rechtsgerichtet sei. Historisch gesehen wurden die zionistische Bewegung und Israel in seinen Anfangsjahren über den größten Teil seiner Geschichte hinweg von der Linken dominiert.
„Ironischerweise ist es die Rechte, die häufiger den Geist der ursprünglichen Zionisten eher bewahrt, indem sie nämlich die jüdische Souveränität in Israel verteidigt."
Wichtiger als das ist jedoch, dass sowohl international als auch in Israel die Bedeutung von „links“ und „rechts“ an Bedeutung verloren hat. Historisch gesehen vertrat die Linke im Allgemeinen die nationale Selbstbestimmung als wichtiges politisches Prinzip. Heutzutage vertritt sie häufiger den Globalismus: Sie wendet sich gegen nationale Grenzen und Konzepte wie nationale Souveränität.
Im Gegensatz dazu sind es die Nationalpopulisten, darunter auch Politiker wie Netanjahu, die den Wert der nationalen Selbstbestimmung hochhalten. Ironischerweise ist es die Rechte, die den Geist der ursprünglichen Zionisten eher bewahrt, indem sie nämlich die jüdische Souveränität in Israel verteidigt.
Damit soll keineswegs behauptet werden, der derzeitige Ministerpräsident sei eine makellose Persönlichkeit. Er ist äußerst umstritten, auch innerhalb Israels. Dennoch hält Israel an einem zentralen demokratischen Prinzip fest, das die internationalen Eliten weitgehend vergessen haben. Das ist das Recht der Menschen, innerhalb ihrer Nationalstaaten über ihre eigene Zukunft zu bestimmen.