27.03.2026
Der Trugschluss vom marxistischen Antizionismus
Von Daniel Ben-Ami
Der heutige Antizionismus ist eher als Ausdruck der vernichtenden historischen Niederlage der Linken zu verstehen denn als direktes Erbe des sowjetischen Denkens.
Zu den intellektuellen Errungenschaften der Unterstützer Israels in den letzten Jahren gehört ein besseres Verständnis des erheblichen stalinistischen Einflusses auf den Antizionismus. Die Sowjetunion und ihre westlichen Unterstützer prägten die Sprache der heutigen linken Israel-Abneigung in bemerkenswertem Maße. Wer diesen Einfluss hervorhebt, übersieht in der Regel allerdings den vollständigen Kontextwechsel, der sich im Laufe der Zeit vollzogen hat. Was im Jahr 2026 als links gilt, unterscheidet sich erheblich von dem, was zu Sowjetzeiten darunter verstanden wurde.
Tatsächlich gibt es einige Parallelen zu meinem Beitrag von letzter Woche darüber, wie die Finanzierung durch Katar den heutigen Antisemitismus gestärkt hat. Obwohl es sich dabei um einen wesentlichen Teil der Geschichte handelt, fehlen wichtige Elemente. In beiden Fällen fehlt der entscheidende Einfluss der Identitätspolitik – oder dessen, was manche als woke Ideen bezeichnen – in der Darstellung oder wird zumindest heruntergespielt.
Izabella Tabarovsky, eine in der Sowjetunion geborene und aufgewachsene Expertin hat eine Schlüsselrolle dabei gespielt, den sowjetischen Einfluss auf den linken Antisemitismus zu skizzieren. Typischerweise entwickelte sich dieser in Form von Antizionismus oder der Vorstellung vom israelischen Staat als einer dämonischen Kraft. Dieser Gedanke umfasst sowohl die Entwicklung der Anschuldigung, Israel sei ein Siedlerkolonialstaat, als auch die behauptete Gleichsetzung von Israel mit Nazideutschland. Die sowjetische Sichtweise hatte zudem starken Einfluss auf linke und radikale Bewegungen weltweit. So promovierte beispielsweise Mahmud Abbas, der derzeitige Führer der Palästinensischen Autonomiebehörde im Westjordanland, in den 1980er Jahren in Moskau über die angebliche Zusammenarbeit zwischen der zionistischen Bewegung und den Nazis. (Für weitere Informationen zu Tabarovskys Arbeiten über den Einfluss der Sowjetunion auf Antizionismus und Antisemitismus sind ihre Artikel im Magazin Tablet ein guter Ausgangspunkt).
„Die heutige Linke geht davon aus, dass es eine Hierarchie der Unterdrückung gibt, an deren Spitze Weiße – oft einschließlich Juden – stehen und an deren Basis Menschen mit anderer Hautfarbe."
Vor kurzem veröffentlichte Harvey Klehr, emeritierter Professor an der Emory University, einen Aufsatz auf Tikvah.org mit dem Titel „Wie die Kommunistische Partei den jüdischen Antizionismus schuf“. Dessen Schwerpunkt liegt darauf, wie die Kommunistische Partei der USA (CPUSA) im Sinne der Moskauer Linie antisemitische Ideen förderte. Ein eindrucksvolles Beispiel war die Reaktion auf das Massaker arabischer Angreifer im Jahr 1929 an 70 Juden in Hebron und weiteren 18 in Safed. Diese Ereignisse folgten auf die Behauptung des arabischen Muftis von Jerusalem, Juden hätten den Tempelberg entweiht. Zunächst bezeichnete Freiheit, das jiddischsprachige Organ der amerikanischen jüdischen Kommunisten, die Angriffe als Pogrom. Doch die Führung der Kommunistischen Partei der USA zwang die Zeitung, ihre Linie zu revidieren. Sie musste eine Denunziation veröffentlichen, in der es hieß: „Der Krieg in Palästina ist kein Rassenkrieg. Es ist ein Klassenkrieg, den die enteigneten arabischen Bauern gegen den britischen Imperialismus und dessen zionistische Handlanger führen.“
Klehrs Essay ist wiederum eine Rezension eines Buches von Benjamin Balthaser, einem antizionistischen Wissenschaftler, mit dem Titel „Citizens of the World Unite: Anti-Zionism and the Cultures of the American Jewish Left". Obwohl Klehr und Balthasar in vielen Punkten nicht einer Meinung sind, kommen beide darin überein, dass die Kommunistische Partei der USA eine strikt antizionistische Linie verfolgte. Nur dass aus Balthasers Sicht diese Geschichte zu feiern, während sie aus Klehrs Sicht zu verurteilen ist.
Ich bin hinsichtlich der verhängnisvollen Bilanz des amerikanischen Stalinismus bei Klehr – und schließe mich ihm an, Balthaser dafür zu verurteilen, dass er diese romantisiert –, aber ich denke, dass er dennoch einen schwerwiegenden Fehler begeht. Für Klehr verläuft eine weitgehend geradlinige Verbindung von Karl Marx’ Schriften über die Juden in den 1840er Jahren über die CPUSA bis hin zum zeitgenössischen linken Antisemitismus. Meiner Ansicht nach sind die Unterschiede zwischen diesen historischen Epochen ebenso wichtig wie die Gemeinsamkeiten.
Jetzt ist nicht der richtige Zeitpunkt, um auf Marx’ Schriften aus den 1840er Jahren einzugehen (obwohl ich das noch nachholen muss). Es gibt jedoch wichtige Unterschiede zwischen dem heutigen Linksextremismus und dem der Sowjetzeit. Wie ich letzte Woche ausgeführt habe, glaubt die heutige Linke nicht mehr an die Möglichkeit einer Arbeiterklasse, die soziale Unterschiede überwindet. Sie betrachtet die Spaltungen zwischen verschiedenen ethnischen Gruppen und Religionen als mehr oder weniger feststehend. Sie geht auch davon aus, dass es eine Hierarchie der Unterdrückung gibt, an deren Spitze Weiße – oft einschließlich Juden – stehen und an deren Basis Menschen mit anderer Hautfarbe.
„Der alte stalinistische Antisemitismus war entsetzlich, aber der zeitgenössische linke Antizionismus ist wohl noch schlimmer.“
Der alte stalinistische Antisemitismus war entsetzlich, aber der zeitgenössische linke Antizionismus ist wohl noch schlimmer. Stalinisten hatten traditionell kaum Skrupel, sich auf den „Sozialismus der dummen Kerle" einzulassen. Das heißt, Juden als raffgierige Kapitalisten darzustellen, die den einfachen Menschen das Lebensblut aussaugten. Zeitgenössische Antizionisten stellen den jüdischen Staat als Inbegriff aller Übel der westlichen Zivilisation dar, einschließlich Kolonialismus, Rassismus und Völkermord.
Obwohl viele antizionistische Ideen in der Sowjetunion entwickelt wurden, werden sie heute mit überdrehtem fanatischem Eifer angewendet. Wenn überhaupt, sind sie weniger das Produkt der Linken als vielmehr ihrer historischen Niederlage. Das ursprüngliche Projekt der Linken bestand darin, grob gesagt, die Gesellschaft zum Besseren zu verändern. Die Sowjetunion erwies sich als düsteres Vorbild, doch ihr Zusammenbruch verstärkte die Verzweiflung noch weiter. Da die Linke ihr Ziel offensichtlich verfehlt hat, ist sie zunehmend pessimistisch geworden. Das hat sie dazu veranlasst, eine immer negativere Sicht auf die Welt einzunehmen, in der Juden als die ultimativen Bösewichte hingestellt werden.
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NACHTRAG: Wie Benjamin Balthaser bemerkt, gibt es kleine „Verräterzeichen“, die insbesondere auf die heutige Haltung der jüdischen Antizionisten hindeuten. So tragen sie bei Protesten oft Kippot (Kopfbedeckungen) und führen manchmal jüdische Rituale wie den Seder (rituelles Mahl) zum Pessachfest in der Öffentlichkeit durch. Das ist nichts, was linke jüdische Antizionisten in der Vergangenheit typischerweise getan hätten. Eher haben sie sich als säkulare Menschen betrachtet, die zufällig einen jüdischen Hintergrund hatten. Sie mieden im Allgemeinen jegliche typisch jüdischen Rituale oder Kleidungsstücke.
Vor dem Hintergrund der Identitätspolitik hat sich das Bild gewandelt. Antizionistische Juden legen großen Wert darauf, ihre Identität als vermeintlich gute Juden zu betonen – im Gegensatz zu jenen, die als böse gelten, weil sie Israel unterstützen. Dieses Thema habe ich in meinem jüngsten Artikel über Zack Polanski, den Vorsitzenden der britischen Grünen, angesprochen.