10.06.2016

Disziplin durch Autorität

Kommentar von David Perks

Disziplinprobleme bei Schülern scheinen überhand zu nehmen. Nicht willkürliche autoritäre Maßnahmen der Schulen, sondern echte Autorität der Lehrer bietet einen Ausweg.

Wenn ein Lehrer eine neue Stelle antritt, stellt er sich erstmals die bange Frage: Werden sich die Schüler benehmen? Das ist ja auch keineswegs banal: Wie gewinnen Lehrer die Aufmerksamkeit von 30 jungen Leuten und behalten die Klasse in ihrer Hand? Für die meisten Erwachsenen wäre diese Vorstellung ein wahrer Albtraum. Wenn Lehrer aber starke Nerven behalten, ist der Unterricht ihre Gelegenheit, für das Leben ihrer Schüler richtig etwas zu bewirken.

Dabei meine ich nicht, dass gesellschaftliche Missstände angesprochen werden oder die Ungerechtigkeiten, denen junge Leute in der Welt begegnen. Ich denke, Lehrer können richtig was bewirken, indem sie ihren Schülern Wissen über die Welt vermitteln und sie dabei unterstützen, diese zu verstehen. Lehrer verändern Leben, indem sie ihren Schülern ganz neue Verständnisbereiche eröffnen, die diese andernfalls nicht erfahren würden. Und hierin liegt die Herausforderung für Lehrer: Sie müssen überzeugt davon sein, dass das, was sie unterrichten, das Wichtigste ist, was ihre Schüler lernen sollten. Daraus beziehen sie ihre Autorität im Klassenzimmer. So erhalten sie das Recht, vor Schülern zu stehen und deren Aufmerksamkeit zu verlangen.

Diesen Sinn für Autorität zu entwickeln, ist keine leichte Aufgabe. Der Blick über das Klassenzimmer hinaus bietet dabei keine Hilfe, weil wir in einer Gesellschaft leben, die die Autorität Erwachsener permanent untergräbt. Wo immer man hinschaut, überall wird uns erzählt, dass wir alles falsch machen. Ob Tristram Hunt, Labours bildungspolitischer Sprecher, Eltern dafür kritisiert, dass sie sich nicht „auf alle Viere begeben“ und mit ihren Kindern als Gleichaltrige reden, oder die Besessenheit, im chinesischen Bildungssystem nach Antworten zu suchen – Eltern sollen glauben, dass sie nicht richtig wissen, wie Kinder am besten aufgezogen und erzogen werden.

„Gewinne die Eltern für dich und die Schüler werden folgen“

Deshalb sind schulische Disziplinprobleme so ausgeufert. Zahlen der britischen Regierung aus dem vergangenen Jahr zufolge waren 240 Grundschüler ständig vom Unterricht ausgeschlossen, weil sie im Schuljahr 2013/14 Erwachsene angegriffen hatten. Einerseits wirkt es ungeheuerlich, dass Lehrer offenbar nicht mit Schülern fertig werden, die jünger als elf sind. Andererseits gehen uns jetzt einige Schüler von sehr jungem Alter an verloren.

Als der britische Schulminister Nick Gibb versucht hat, die Maßstäbe zu lockern, nach denen die Schulleitung ein Kind dauerhaft der Schule verweisen können –  aus „würde ernsthaft die Ausbildung oder das Wohlergehen anderer gefährden“ sollte „wäre der Ausbildung oder dem Wohlergehen anderer abträglich“ werden –, wurde er von Kinderhilfsorganisationen und Lobbygruppen scharf angegriffen. Sie warfen ihm vor, Schüler mit besonderem Förderbedarf und Schüler mit Migrationshintergrund zu marginalisieren, zwei Gruppen, die in der Verweisstatistik überrepräsentiert sind. Darum ging es hier aber nicht. Gibb hat nur versucht, wenn auch etwas ungeschickt, Schulleitern zu mehr Einfluss auf das Verhalten von Schülern im Allgemeinen verhelfen. Die neue Richtlinie wurde schnell zurückgezogen, aber die Frage bleibt: Warum müssen wir eigentlich Schülern einen Schulverweis erteilen? Warum schaffen wir es nicht, dass Schüler sich benehmen, ohne auf solch extreme Maßnahmen zurückzugreifen?

Vermeintlich unfähige Eltern dafür verantwortlich zu machen, die Lehrern die Schuld am Verhalten ihrer Kinder geben, wäre zu einfach. Eltern können sich nicht ganz unberechtigt über willkürliche schulische Disziplinarmaßnahmen beschweren, die anscheinend nur dem Zweck dienen, Macht über Schüler ausüben. Hier fehlt vielmehr die Zusammenarbeit zwischen Lehrern und Eltern, um das Beste aus jedem einzelnen Kind herauszuholen.

In dieser Hinsicht bedeutet das für einen neuen Lehrer, dass er die Schülereltern beeindrucken muss: Gewinne die Eltern für dich und die Schüler werden folgen. Deshalb sollten neue Lehrer Elternabende sehr ernst nehmen. Diese kurze Unterhaltung mit der Familie eines Kindes festigt ihr gemeinsames Ziel, nämlich dem Kind zu Erfolg zu verhelfen. Im weiteren Sinne sind damit jedoch alle Erwachsenen gemeint, nach deren Überzeugung junge Leute ermutigen werden müssen, hart zu arbeiten, und zwar nicht nur um ihrer selbst willen, sondern auch dafür, dass sie eines Tages die Welt erben und formen können, die uns allen gehört. Diese Verantwortung liegt auf unser aller Schultern.