12.05.2016

Die Zombiewirtschaft

Analyse von Phil Mullan

Seit Jahren stagniert die Produktivität der europäischen Wirtschaft. Die Politik darf die Probleme nicht länger totschweigen und einer öffentlichen Debatte im Weg stehen.

In Europa grassiert eine chronische Wachstumsmüdigkeit. Nach dem Nachkriegsboom hat das Wirtschaftswachstum in den Industrieländern seit 1960 stetig abgenommen. Im Euro-Raum kaschiert die EZB mit immer neuen Hilfspaketen ein Problem, das sie mit ihrem billigen Geld eigentlich kaum beeinflussen kann – die schwächelnde Produktivität der Realwirtschaft. Aber es gibt keinen wichtigeren Indikator für den Zustand einer Wirtschaft als ihre Produktivität – an ihr bemisst sich der Grad an Wohlstand, bestehend aus Gütern und Dienstleistungen, die Menschen in einem bestimmten Zeitraum erzeugen können. Der Lebensstandard einer Gesellschaft hängt entscheidend vom Niveau und dem Umfang der wirtschaftlichen Produktivität ab.

Die Produktivität bestimmt, worin eine Gesellschaft in Zukunft investieren kann, etwa in öffentliche Dienstleistungen, in das soziale Netz oder in andere Dinge. Der Mangel an Produktivitätszuwachs ist die Wurzel all der anderen drängenden wirtschaftlichen Herausforderungen: Die Finanzkrise und ihre Auswirkungen, stagnierende Löhne für Berufstätige und sinkende Anfangsgehälter für Berufseinsteiger sowie zurückgehende Steuereinnahmen, die zu fiskalischen Engpässen und zu einer steigenden Staatsverschuldung führen. Dies alles sind Folgen eines geringen Produktivitätswachstums.

Seit den frühen 1970er-Jahren ist das jährliche Produktivitätswachstum in Großbritannien von rund drei Prozent auf ein Prozent im ersten Jahrzehnt der 2000er-Jahre gesunken 1 – eine Entwicklung, die exemplarisch für westliche Volkswirtschaften ist. Sollte dieser Trend anhalten, verdoppelt sich der Wohlstand in Zukunft nicht mehr von Generation zu Generation (etwa alle 25 Jahre), sondern bräuchte dafür eine ganze Lebenszeit (etwa alle 70 Jahre). Noch düsterer wird das Bild, wenn man die Stagnation der Produktivität in den letzten acht Jahren betrachtet: Sollte dieser Trend anhalten, würde der Wohlstand nie wieder anwachsen.

„Die Parteien verweigern sich konsequent der Frage, wie Produktivitätswachstum hergestellt werden kann.“

Trotzdem ist diese trübe Zeit wirtschaftlicher Stagnation in Großbritannien wie in anderen europäischen Staaten kaum ein Thema politischer Debatten. Wenn ein so grundlegender Indikator für die Wohlstandserzeugung wie die Produktivitätsschwäche nicht politisch diskutiert wird, erkennt man daran, bis zu welchem Grad der Wirtschaft als solcher keine Bedeutung beigemessen wurde. Anstatt sich auf einen Wettbewerb der Ideen einzulassen, wie man die Produktivität am besten wieder in Schwung bringen könnte, haben sich die Parteien hinter einem Affentheater aus einem Hin und Her in der Steuer- und Ausgabenpolitik und einem Wettkampf um die Hoheit der Antwort auf die Frage, wie man am besten zu einem ausgeglichenen Haushalt komme, versteckt.

Selbstverständlich sollte das Thema öffentlicher Ausgaben Gegenstand des politischen Wettbewerbs sein. Im Vergleich zur viel gewichtigeren Frage nach der Wirtschaftsleistung ist es jedoch zweitrangig. Öffentliche Ausgaben dürfen auf keinen Fall mit Wirtschaft gleichgesetzt werden, denn sie sind nur eine Möglichkeit, wie der wirtschaftlich erzeugte Wohlstand genutzt werden kann. Die hartnäckigen öffentlichen Defizite und Schulden lassen sich als Symptom einer Volkswirtschaft verstehen, die in Schwierigkeiten steckt. Sie sollten als Motivation dafür dienen, die tatsächliche Ursache des Problems, das Produktivitätsdefizit, anzugehen.

Eigentlich sollte jeder Politiker dazu in der Lage sein, das zu begreifen. Zum Beispiel hat das von der britischen Regierung zum Zweck der Anfertigung wirtschaftlicher Prognosen ins Leben gerufene Office for Budget Responsibility (OBR) Ende 2014 zwei Szenarien für die zu erwartende Höhe des Schuldenstands zum Ende der folgenden Legislaturperiode entwickelt. Das erste Szenario führt die miserable Produktivitätsbilanz der letzten fünf Jahre fort. Im zweiten Szenario kehrt der Produktivitätszuwachs auf den Stand von drei Prozent zurück, auf dem sie sich in den frühen 1970er-Jahren befand. Laut OBR würde sich die Differenz an öffentlichen Schulden zwischen den beiden Szenarien auf rund 30 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) belaufen, ein gewaltiger und bedeutender Unterschied im Vergleich zum aktuellen Schuldenstand von 80 Prozent des BIPs. Das sind 600 Milliarden Pfund.

Sollte es also gelingen, den Produktivitätszuwachs wieder auf drei Prozent zu steigern, könnte man das Staatsdefizit bis zum Jahr 2020 bewältigen, ohne auch nur eine weitere Ausgabe kürzen zu müssen. Vor diesem Hintergrund scheint sich die Differenz von 30 Milliarden Pfund, um die sich Tories und Labour hinsichtlich ihrer Ausgabenpolitik bis 2020 im Wahlkampf voneinander abgrenzen wollten, in der Größenordnung eines Rundungsfehlers zu bewegen. 2 Trotzdem interessierte sich kein Politiker für den Hinweis der OBR. Stattdessen verweigerten sich alle Parteien konsequent der Frage, wie ein Produktivitätswachstum hergestellt werden kann.

Mehr Ehrlichkeit wagen

Diese Wahrheitsverweigerung ist nicht nur ein rein britisches Phänomen. Auch auf dem von Wirtschaftskrisen gebeutelten europäischen Kontinent will man nicht so wirklich über die schwächelnde Produktivität sprechen. Statt im stagnierenden Wachstum sucht man die Gründe lieber anderswo und begnügt sich mit der Politik des leichten Geldes. Längst hat der Begriff „Wachstum“ an Attraktivität verloren. Armut und sozialen Problemen durch Appelle nach einer „besseren Umverteilung“ entgegenzutreten, ist populärer als die Menschen auf die wirklichen Fehlentwicklungen aufmerksam zu machen.

Die Maxime der Zukunft muss also mehr Ehrlichkeit sein – sich ehrlich der ökonomischen Situation stellen und mutig die kommenden Herausforderungen angehen. Wir müssen uns eingestehen, dass die ökonomischen Probleme systemimmanent und strukturell sind, dass wir in einer ökonomischen Depression stecken. Wir haben eine Zombiewirtschaft. Ihre produktive Dynamik ist tot, aber sie wurde so zusammengeflickt, dass sie lebendig aussieht.

In Europa wie in England hat man sich einfach der Realität entzogen, gab mal einzelne Bewertungen ab, was gut und was schlecht liefe, und nahm an, dass sich die Probleme einfach verflüchtigen würden. Angeblich haben wir es mit verstärkten Varianten gewöhnlicher zyklischer Probleme zu tun. Anderweitig war zu hören, die Probleme der Wirtschaft seien auf widerspenstige externe Kräfte zurückzuführen, z.B. die fortwirkenden Folgen der Finanzkrise 2008/09, oder auf das, was manche nicht-ökonomischen „Gegenwind“ nennen, wie der demografische Wandel oder technologische Erschöpfung.

„Die Politik weigert sich, den Ernst der Lage zu begreifen.“

Politiker haben allerdings keine Berechtigung, die wirtschaftlichen Probleme den internationalen ökonomischen Entwicklungen zuschreiben: Einige Monate vor dem zuvor erwähnten Bericht der Behörde ONS hatte diese bereits auf die schwache Wirtschaftsleistung Englands im Vergleich zu anderen Staaten hingewiesen. Auch im jüngsten Produktivitätsbericht der ONS fiel das Urteil eindeutig aus. „Der stündliche Output im Vereinigten Königreich lag im Jahr 2013 17 Prozent unter dem Durchschnitt der restlichen G7-Industrienationen. Damit handelt es sich um die größte Produktivitätslücke seit 1992. 3 Es gibt also keine Anzeichen für eine Verbesserung.

Die Politik weigert sich, den Ernst der Lage zu begreifen. Sie macht sich weiter vor, die Wirtschaft würde sich bereits wieder erholen. Die Torys behaupten z.B., Großbritannien brauche einfach noch mehr Politik von der Sorte, wie sie bereits praktiziert wird. 4 Labour sagt, man müsse den Wohlstand der sich erholenden Wirtschaft einfach „fairer“ umverteilen, um mehr Menschen damit zu erreichen. 5

Die nötige Ehrlichkeit in der intellektuellen Debatte muss unbedingt die Einsicht einschließen, dass das größte Problem Großbritanniens, der kaputte Produktivitätsmotor, schon lange vor dem Jahr 2008 zusammengebrochen ist. Tatsächlich fand das Problem seinen Ursprung schon in der Wirtschaftsabkühlung der 1970er-Jahre. Unsere lange Depression begann damals schon und mit ihr der beständige Verfall des Produktivitätswachstums.

Das Wirtschaftsleben in Zeiten einer Depression

Das Wirtschaftsleben ist in Zeiten einer Depression eine Mischung aus Stabilität und Verwundbarkeit. In den Phasen der Stabilität ist man dazu in der Lage, bescheidene, aber anhaltende Wachstumsphasen zu generieren. Im Falle Großbritanniens war das von den 1990er-Jahren bis ins frühe neue Jahrtausend der Fall. Zu anderen Zeiten spürt man die Verwundbarkeit, die sich durch Ausschläge von Instabilität äußert. Dazu gehören die Rezessionen der frühen 1980er-Jahre und der frühen 1990er-Jahre und die finanziellen Unruhen nach dem Platzen der dotcom-Blase am Anfang der 2000er-Jahre und in deutlich größerem Ausmaß die Weltwirtschaftskrise ab 2007.

Dass man die Verschuldung ausgeweitet hat, war die Hauptursache der ökonomischen Stabilität. Inzwischen ist sie die Hauptquelle der wirtschaftlichen Verwundbarkeit. Diese Kehrseite wird jedoch als Gegebenheit des Wirtschaftslebens heruntergespielt oder gar akzeptiert. Vor dem Hintergrund, dass Verschuldung heute vor allem im Kontext öffentlicher Ausgaben diskutiert wird, sollte man sich in Erinnerung rufen, dass diese Verschuldungswirtschaft in ihren Ursprüngen in den 1970er- und vor allem in den 1980er-Jahren vor allem eine Verschuldung in der Privatwirtschaft war. Die Verschuldungszunahme fand vor allem in Form von privaten Schulden statt – im Handel, im Finanzwesen und in den Privathaushalten. Die Verschuldung stieg aus einem einfachen Grund an: Die Wirtschaft war nicht mehr dazu in der Lage, ausreichend Werte zu schöpfen, um sich selbst zu finanzieren. Stattdessen nahm man Kredite auf, bediente sich also an einem Wohlstand, den man noch gar nicht erzeugt hatte. Die Wahrscheinlichkeit, dass diese Kredite jemals zurückgezahlt werden würden, war extrem gering.

Indem Politiker Stabilität mit echter ökonomischer Stärke verwechseln, sind sie sich selbst und uns gegenüber unehrlich. Die Unfähigkeit, sich mit dem Ausmaß der ökonomischen Schwierigkeiten auseinanderzusetzen, bedeutet letztlich nichts anderes, als sich von den Problemen abzuwenden. Es bedeutet, schwierige Entscheidungen zu vermeiden und auf die fatalistische Hoffnung zu setzen, die Probleme würden sich schon irgendwie von selbst lösen. Dieses Versagen, sich der Realität zu stellen, wird wahrscheinlich zu denselben Fehlern und kontraproduktiven Behandlungsmethoden führen, von denen eine Regierung nach der anderen verfolgt wurde.

Weil es den Verantwortlichen nicht einmal nach dem Schock des Finanzcrashs gelungen ist, den Produktivitätsverfall als maßgebliches Problem anzuerkennen, wird diese Schulden-basierte Wirtschaft fortgeführt. Kein Wunder also, dass seitdem nur wenige Schulden tatsächlich zurückgezahlt wurden. Der in großen Tönen angekündigte „Schuldenabbau“ blieb aus. Heute steigt der Gesamtschuldenstand in Großbritannien, wie in vielen anderen fortschrittlichen Volkswirtschaften, immer weiter an. Britische Politiker jedoch scheinen mit dem Status quo zufrieden zu sein: Die Parteien übertrafen sich im Wettkampf ständig gegenseitig darin, auf Hypotheken basierende Käufe von Liegenschaften zu ermutigen.

Ein alternativer Ansatz

Welche praktischen Schritte könnten wir nun gehen, um die Produktivität wiederzubeleben? Sie sind nicht schwer zu erkennen. Wir brauchen mehr Wissenschaft und Forschung, um den Erfindergeist zu wecken und die Entwicklung neuer Technologien voranzutreiben. Das ist in verschiedenen Branchen notwendig und nicht nur in der Bemühung um schnellere, kompaktere und „smartere“ Computer, die ja inzwischen so allgegenwärtig sind.

Auf dem Rücken dieser Entdeckungen und Technologien kann sich dann eine Welle innovativer geschäftlicher Investitionen in allen industriellen Sektoren, von Transport und Kommunikation zu Energie und Medizin, ausbreiten. Das heißt konkret: Wir brauchen mehr Start-ups, auch wenn wir wissen, dass die meisten von ihnen scheitern werden. Die Geschichte hat uns gezeigt, dass Start-up-Unternehmen die führenden Innovationsquellen sind. Außerdem zwingen sie etablierte Betriebe dazu, sich zu erneuern, um mitzuhalten. Schließlich brauchen wir mehr Betriebe, die ihre Mitarbeiter weiterbilden und sie im Umgang mit den verbesserten Produktionsmethoden fit machen.

Klar, aufgelistet hört sich das, was man tun sollte, ziemlich einfach an. Allerdings sollten wir so ehrlich sein, uns einzugestehen, dass nichts davon von selbst geschehen wird. Individuelle Unternehmen werden sich nicht plötzlich zusammenreißen und zu Musterfirmen werden. Deshalb sollten wir uns Gedanken über eine unverbrauchte Herangehensweise machen, mit der wir gemeinsam eine solche, längst überfällige Restrukturierung der Wirtschaft verwirklichen könnten.

Das bedeutet natürlich auch, diesen faden Grabenkampf zwischen „weniger Staat“ und „mehr Staat“ – jene alte „freier Markt vs. Keynesianismus“-Perspektive – endlich zu überwinden. Denn der Staat wird beides tun müssen, mehr und weniger zugleich. Wie immer fällt es leichter, die Punkte für „mehr“ aufzuzählen: Mehr Subventionen und weniger Regulierung für Forschung und Entwicklung und mehr Unterstützung für Start-ups, um den notwendigen Aufschwung für innovative Kapitalanlagen voranzutreiben. Außerdem mehr Investitionen in die Infrastruktur, die auch eine Rolle spielen müssen, wenn man sich ansieht, dass eine unzureichende öffentliche Infrastruktur schon heute ein limitierender Faktor ist, nicht zuletzt im Transportbereich (zum Beispiel in Form von Flughafen-Kapazitäten, Straßen, Schienenverkehr und Häfen).

„Das Motto der letzten 30 Jahre lautete: wirtschaftliche Stabilität sichern.“

Interessanterweise haben einige der „Mehrs“, die vom Staat gefordert sind, bereits ihren Weg in die Wahlprogramme der Parteien gefunden, zumindest in den Geist der Wahlprogramme – auch wenn ihr Umfang längst nicht ausreichend ist. Beispiele für „weniger“ staatliches Handeln finden sich in den Wahlprogrammen dagegen überhaupt nicht. Der Staat muss aufhören, die Zombiewirtschaft zu fördern.

Dahin ist es allerdings noch ein steiniger Weg, denn es würde dem Geist so ziemlich aller britischen und westlichen Wirtschaftsinterventionen der letzten 30 Jahre widersprechen. Vor den 1980er-Jahren mussten moderne Staaten noch zwei ökonomische Rollen ausbalancieren: Wirtschaftswachstum fördern und Wirtschaftsstabilität erhalten. In den letzten Jahrzehnten verlagerte sich dieser Fokus in überwältigendem Ausmaß auf die Sicherung der ökonomischen Stabilität.

Der Staat wurde zu einem, wie ich es nenne, „Konservator-Staat“, dessen Aufgabe es ist, eine Status-quo-Wirtschaft zu erhalten und zu schützen. Es geht also darum, eine im Grunde stagnierende Wirtschaft zu erhalten. Seit der zweiten Hälfte der 1980er-Jahre haben die staatlichen Institutionen zunehmend eine Politik unterstützt, die eine Stabilisierung des Kapitalismus auf Kosten des Wirtschaftswachstums zum Ziel hatte. Das lähmte die Neigung der Marktkräfte, im Sinne einer schöpferischen Zerstörung zu wirken. Indem der Staat also versucht, das Bestehende erhalten – diese Praxis hat ihren Ursprung übrigens in der Zeit Margaret Thatchers – wird er selbst zum Hindernis bei der Restrukturierung der Produktion.

Die Bindung von Ressourcen als Stütze für die alte Wirtschaft wird so zum Ergebnis, aber ist nicht zwingend die Absicht einer Staatspolitik, die Stabilität der Veränderung vorzieht. Ferner zügelt dieser Prozess, wie bereits die aktuelle Depression, die unternehmerische Dynamik, die für eine Veränderung notwendig ist. Diese Politik hat Zombie-Unternehmen mit niedriger Produktivität und hohen Verlusten künstlich am Leben erhalten, deren Untergang man schon längst hätte erlauben müssen. Eine praktische Konsequenz bestand darin, viel Energie in den Erhalt bestehender geringwertiger Arbeitsplätze zu stecken, was erklärt, warum in letzter Zeit weniger Arbeitsplätze abgebaut, jedoch auch weniger geschaffen wurden. 6

„Die Zombiewirtschaft, aufrechterhalten durch Staatsmechanismen, stellt sich diesem Erneuerungsprozess mitten in den Weg.“

Es ist weithin anerkannt, dass dieser „Konservator-Staat“ einiges dafür tut, Betrieben durch zu viele Regulierungen das Leben schwer zu machen (die wiederum beständig optimiert werden, was zu einer endlosen Verkomplizierung des Geschäftslebens führt). Es gibt noch eine andere Auswirkung der Aktivitäten des Konservator-Staates, die ebenso stark, wenn nicht gar mehr, für die Unterdrückung der wirtschaftlichen Erneuerung verantwortlich ist: Er macht es den Unternehmen und der Wirtschaft als Ganzes einfacher, sich mit den Folgen der Depression zu arrangieren. Der Staat hat ein ganzes Arsenal an Mechanismen entwickelt, um Unternehmen und Wirtschaft zu unterstützen. Diese wirken allerdings dem Wandel entgegen, der eine zwingende Voraussetzung für die Wiederbelebung der Produktivität ist. Die Produktivität kann sich nicht ohne die Möglichkeit erholen, dass sich Ressourcen – Mittel und Menschen – von den alten, unergiebigen Beschäftigungen zu neuen Beschäftigungen mit hoher Produktivität bewegen können. Die durch Staatsmechanismen aufrechterhaltene Zombiewirtschaft stellt sich diesem Aspekt des Erneuerungsprozesses in den Weg.

Diese staatlichen Maßnahmen entwickeln sich seit den späten 1980er-Jahren weiter. Eine immer weniger strenge Geldpolitik trieb die Ausweitung dieser privaten Verschuldung voran, die so entscheidend war, um die alte Wirtschaft während der 1990er- und 2000er-Jahre zu erhalten. Der Staat unterstützte außerdem die Expansion des britischen Finanzsektors, der unzählige Kredite bereitstellte, angefangen von den Big-Bang-Reformen von 1986 bis zu den anderen regulativen Veränderungen, die es seitdem gab. In jüngster Zeit pumpte das Programm zur quantitativen Lockerung Geld in die Wirtschaft.

Neben diesen monetären Mechanismen stellte der Staat eine Reihe von De-facto-Unternehmenssubventionen bereit. Zu den anderen politischen Maßnahmen der letzten Jahre gehören verschiedene Formen von öffentlich-privaten Partnerschaften, die behördliche Unterstützung für privatisierte Industriebetriebe sowie die öffentliche Auftragsvergabe, die ein direktes Ergebnis staatlicher Ausgabenpolitik ist. So sichert der Staat eine relativ stabile Nachfrage nach Gütern und Dienstleistungen, darunter für die hochpreisigen Branchen der britischen Wirtschaft wie Pharmazeutika und IT. Sogar staatliche Initiativen wie die Bindung von Sozialhilfeleistungen an die Erbringung bestimmter Arbeitsleistungen helfen indirekt Unternehmen im Niedriglohnsektor durch die Bereitstellung billiger Arbeitskräfte. In jedem der genannten Fälle hat der Staat eine unternehmerische Abhängigkeit entstehen lassen, die für die Wirtschaft genauso hemmend ist wie die Abhängigkeit von staatlicher Wohlfahrt für Individuen.

„Wenn die Feuerwehr noch Jahre nach dem Brand anwesend ist, zeigt das, dass etwas nicht richtig läuft.“

Die meisten dieser Maßnahmen zielen nicht absichtlich darauf ab, die Zombiewirtschaft zu stützen, aber das ist ihre Wirkung. Es sind vielmehr Handlungen, auf die der Staat gestoßen ist, um unmittelbare Herausforderungen zu meistern, die dann aber zu einer beinahe gewöhnlichen Herangehensweise wurden. Zum Beispiel wurde die quantitative Lockerung als Notfallmaßnahme im Anschluss an die Finanzkrise eingeführt. Fast sieben Jahre später existiert sie in Großbritannien immer noch (und überall, wo sie sonst genutzt wurde). Bei einem Notfall, wie dem Zusammenbruch des Jahres 2008, ist es angemessen, die Feuerwehr zu rufen. Wenn aber die Feuerwehr in Form der quantitativen Lockerung noch Jahre nach dem Brand vor Ort ist, zeigt das, dass etwas nicht richtig läuft.

Die staatliche Drosselung der destruktiven Tendenzen des Kapitalismus zeigt sich offenkundig in der Ausweitung der britischen Zombiewirtschaft nach dem Börsencrash, obgleich immer mehr Unternehmen nun unprofitabel sind und Verluste machten, manche sogar untergehen. 7 Laut der britischen Insolvenzbehörde UK Insolvency Service blieb die Zahl der Unternehmensauflösungen seit dem Börsencrash klar hinter derjenigen der Rezession in den frühen 1990er-Jahren zurück – und das trotz der Tatsache, dass der Einbruch des Bruttoinlandsprodukts in den späten 2000ern mit rund sechs Prozent drei Mal höher ausfiel als bei der Krise in den frühen 1990er-Jahren. Außerdem betrug die durchschnittliche Jahresrate der Unternehmensauflösungen in den Jahren 2009 bis 2012 17.000, sie war damit nicht sehr viel höher als im Zeitraum von 1990 bis Mitte der 2000er (14.000) und niedriger als der Durchschnittswert von 1991 bis 1994 (21.000). 8 Während gegenwärtig ein Anstieg der Konkurs gehenden Unternehmen ausbleibt, hat der Anteil an defizitären Unternehmen von einem Viertel in den 1990er-Jahren auf mehr als ein Drittel seit dem Crash zugenommen. 9

„Arbeitnehmer wurden einfach in schlechter bezahlte und unsicherere Stellen heruntergestuft.“

Schließlich müssen wir anerkennen, dass die Abwendung von der Zombiewirtschaft zum Zwecke der ökonomischen Erneuerung bei weitem kein schmerzloser Übergang sein wird. Allerdings gibt es überhaupt keine schmerzfreien Lösungen für unsere gegenwärtigen Probleme. Indem wir die alte, stagnierende Wirtschaft aufrechterhalten, verzichten wir auf die Möglichkeit eines kontrollierten ökonomischen Wandels, der zu Fortschritt führen kann, und akzeptieren dafür Ausbrüche chaotischer Veränderungen.

Natürlich wirkt ein weniger destruktiver Kapitalismus zunächst wie etwas, das zu bevorzugen ist. Wir zahlen dafür aber den Preis einer statischen Ökonomie, die unfähig ist, in ausreichendem Maß ertragreiche und gutbezahlte Stellen zu schaffen. Arbeitsplätze, die von einer Zombiewirtschaft bereitgestellt werden, erscheinen auf den ersten Blick zwar besser als gar keine, langfristig sind sie jedoch sehr unsicher. Eine Beschäftigung in einem unprofitablen Unternehmen, und heute sogar in vielen profitablen Unternehmen, bietet zwar ein Gehalt, oftmals aber kein großzügiges, und auch keines, auf das man sich für längere Zeit verlassen kann.

Die Tories beanspruchen für sich, in den vergangenen fünf Jahren beinahe zwei Millionen neue Arbeitsplätze geschaffen zu haben, die der britischen Bevölkerung „Sicherheit“ und „Hoffnung“ gebracht hätten. Sie verschweigen jedoch, dass zu viele dieser Stellen schlecht bezahlt, unsicher und perspektivlos sind. Durch die Tatsache, dass die Arbeitslosenzahlen in Großbritannien während dieser Zeit auf einem niedrigeren Niveau als in vielen anderen hochentwickelten Volkswirtschaften gehalten werden konnten, wurde der Verfall der Beschäftigungsstruktur verschleiert: Arbeitnehmer wurden einfach in schlechter bezahlte und weniger sichere Stellen heruntergestuft.

„Arbeitslosigkeit wird in Großbritannien durch Unterbeschäftigung verschleiert.“

Während der Beschäftigungsstand in Großbritannien seit Anfang 2010 nicht mehr weiter fiel, wurden seitdem die meisten Stellen in Form von Selbstständigkeit und Teilzeit-Beschäftigungen geschaffen. Es hat sechs Jahre gedauert, bis im September letzten Jahres die Zahl der Vollzeit-Angestellten wieder den Stand von 2008 erreichte. Als sich die Gesamtzahl der Anstellungen im Jahr 2012 auf dem Vorkrisenstand von 29,5 Millionen befand, hatte sich die Zusammensetzung maßgeblich verändert: Die Anzahl der Vollzeitstellen fiel um 800.000 auf etwas über 18 Millionen. Dieser Verfall wurde durch einen Anstieg der Selbstständigen mit einem Anteil von 15 Prozent und Teilzeit-Angestellten, die nun 23 Prozent aller Werktätigen stellten, abgefangen. 10 Dieser Tage haben vier von zehn Menschen in Arbeitsverhältnissen keine bezahlten „Standard“-Vollzeitstellen.

Zwischen den 1980ern und den späten 2000ern arbeiteten schätzungsweise noch zwei Drittel aller Beschäftigten in Vollzeit. Letztes Jahr begann der Anteil zu sinken, da zwei Drittel des Stellenwachstums nach der Rezession durch „nicht standardgemäße“ Teilzeitbeschäftigungen und Selbstständigkeit entstanden waren. Arbeitslosigkeit wird in Großbritannien durch Unterbeschäftigung verschleiert. 11 Die Bürger haben die Rolle eines Untergebenen eingenommen, der auch bereit ist, auf einen Vollzeit-Job zu verzichten.

Im Zusammenhang mit den Veränderungen bei der Zusammensetzung der Beschäftigungsformen wurden auch die Stellen weniger, die ordentliche Gehälter bereitstellten. Die Abbildung zeigt, dass die Anzahl von Stellen mit einem Gehalt von mehr als 30.000 Pfund in der Zeit nach der Krise (2014) deutlich abnahm, sie reduzierte sich um ein Sechstel (eine Million Beschäftigungsverhältnisse). 12 Während die Regierung stolz darauf ist, dass die Beschäftigung um 800.000 zugenommen hat – indem man schlechtbezahlte Jobs geschaffen hat, habe man immerhin die noch viel unsichere Selbstständigkeit reduziert – lag der gesamte Nettozuwachs an Beschäftigungsverhältnissen bei Stellen mit Gehältern unter 30.000 Pfund: 1,8 Millionen mehr als zuvor. In nur vier Jahren stieg der Anteil der Arbeitnehmer, die weniger als 30.000 Pfund verdienen, von 64 Prozent auf 69 Prozent.

Abbildung 1: Einkommensverteilung in Großbritannien 2010 und 2014

Eine Zombiewirtschaft zu unterstützen führt dazu, dass man die Aussicht auf vernünftige, besser bezahlte Stellen in der Zukunft zu Gunsten von schlechtbezahlten, prekären Stellen in der Gegenwart aufgibt. Wir wählen die Zombiewirtschaft als eine Art zu leiden – einschließlich wachsender ökonomischer Unsicherheiten und harter Arbeitsumstände, unterbrochen durch immer wiederkehrende, schlimme Rezessionen – und stellen sie über eine andere Art zu leiden, die durch den Verlust von Arbeitsplätzen entsteht, jedoch die Möglichkeit bietet, neue Arbeitsplätze in einer umstrukturierten Wirtschaft zu schaffen.

„Um aus der Krise niedriger Produktivität zu gelangen, muss mit der vom Staat unterstützten Zombiewirtschaft abgeschlossen werden.“

Natürlich wird dieses „weniger“ an staatlicher Intervention – weniger Stützen für eine stagnierende Wirtschaft – nicht von alleine funktionieren, was auch auf das „mehr“ einer weitergreifenden, radikaleren staatlichen Industriepolitik zutrifft. Beide Komponenten werden als Teil eines Programms für ökonomische Erneuerung gebraucht. Derzeit wird jede Reform von Staats- und Geschäftsstrukturen nicht funktionieren, solange der Mühlstein des Alten den Veränderungen den Weg versperrt.

Um aus der Krise niedriger Produktivität herauszufinden, muss vor allem mit der vom Staat unterstützten Zombiewirtschaft abgeschlossen werden. Sie ist, sowohl intellektuell als auch praktisch, zu einer großen Barriere auf dem Weg zu einer wirtschaftlichen Erneuerung geworden. Der schein-lebendige Teil der Zombiewirtschaft hat dazu geführt, dass wir geringwertige ökonomische Aktivitäten fortgesetzt haben und sogar zeitlich begrenzte Perioden mit geringfügigem Wachstum erleben können – was alles den ökonomischen Druck reduziert, die notwendigen Veränderungen für eine effektive Restrukturierung durchzuführen. Das ist einer der Gründe, warum Politiker die heißen Eisen wie die schwache Produktivität nicht anpacken und sich selbst damit belügen, dass es genug wäre, sich einfach durchzuschwindeln. Lange Zeit schien die präservierte Zombiewirtschaft gut genug funktioniert zu haben. Doch die ganze Zeit schon breitet sich diese Zombiewirtschaft aus, führt die Depression fort und unterdrückt die Produktivität, weil Ressourcen an die Operation und Aufrechterhaltung von Unternehmen mit geringer Produktivität gebunden sind.

Was kommt als nächstes?

Das Beispiel Großbritannien macht deutlich, welche Erneuerungsprozesse in den nächsten Jahren in ganz Europa notwendig sein werden. Der erste Schritt aus dem ökonomischen Morast wird es sein, eine ehrliche öffentliche Debatte darüber zu führen, welche schwierigen Herausforderungen auf uns zukommen werden. Wir müssen die Realität einer Depression anerkennen und dass es keinen einfachen Ausweg gibt. Wir müssen die aktuelle Rolle des Staates einschätzen und hinterfragen, der nicht nur eine ineffiziente wirtschaftliche Umstrukturierung betreibt, sondern auch ein zombifizierendes Hindernis gegen eine dringlich benötigte Renaissance der Produktion darstellt. Für eine solche Debatte brauchen wir neue, aufgeschlossene Politiker in den nationalen Parlamenten, die sich ehrlich den Herausforderungen stellen.

Wir müssen unseren Politikern zu verstehen geben, dass ihre Weigerung, eine öffentliche Diskussion über die Wirtschaft zu führen, die Demokratie untergraben hat. Während es weniger politische Debatten denn je über die Wirtschaft gibt, beeinflusst die Politik die Wirtschaft mehr als je zuvor – in der Form von staatlicher Intervention.

Begründet durch die Depression sind die Tentakeln der staatlichen Interventionspolitik stärker und tiefer denn je in die Wirtschaft eingedrungen. Wir werden aber auf parlamentarischer Ebene immer weniger über die Pro- und Kontrapunkte informiert und haben so nicht die Möglichkeit, über diese sich immer weiter ausdehnenden Handlungen zu debattieren. Die politische Klasse, die heute nicht über Produktivitäts- und Wirtschaftsstagnation reden will, ist dieselbe, die seit 30 Jahren in Großbritannien die Wirtschaftspolitik auf „unabhängige“ Körperschaften überträgt, die aus der direkten politischen Verantwortung ausgenommen sind.

Die Entpolitisierung des Wirtschaftslebens seit der Zeit Thatchers drückt sich auf zwei Weisen aus. Erstens hat die Politik die Idee verworfen, langfristige Pläne für eine bessere wirtschaftliche Zukunft zu schmieden. Gleichzeitig führt die Entpolitisierung zu mehr tagespolitischen Entscheidungen, die von nicht gewählten Körperschaften wie den Zentralbanken getroffen werden. Die Flucht vor der Verantwortung durch die politischen Eliten hemmt einerseits die längst überfällige Neustrukturierung zur Steigerung der Produktivität und hält andererseits das Thema, mehr als zu jedem anderen Zeitpunkt in der Geschichte des modernen Kapitalismus, auf Distanz zur öffentlichen Debatte.