01.03.2010

Rezession ja – aber was für eine und warum?

Kommentar von Phil Mullan

Wenn wir die gegenwärtige Rezession verstehen wollen, sollten wir auf das „Jeder-tadelt-jeden“-Spielchen verzichten. Gierige Banker an den Pranger zu stellen, verrät uns nur wenig darüber, was wirklich vorgeht. Es ist unerlässlich, tiefer zu graben, um an die Wurzeln des strukturellen Problems der Volkswirtschaften zu gelangen.

Die Volkswirtschaften der westlichen Welt leiden an einer dreifachen Krise: einer akuten Erkrankung, einer chronischen Erkrankung und an Ärzten, die nicht wissen, was sie tun. Da sich diese drei Krisen nicht nur gegenseitig beeinflussen, sondern auch in ihrer Wirkung gegenseitig verstärken, müssen wir uns drei Herausforderungen stellen. Medizinisch ausgedrückt: Wenn wir die westliche Welt als Patienten ansehen, dann entspricht die gegenwärtige Rezession der akuten Erkrankung. Zudem liegt eine chronische Erkrankung vor, die als Krise der Produktion bezeichnet werden kann, da die Wertschöpfung in der Produktion von Waren und Dienstleitungen in den meisten westlichen Wirtschaften permanent ausgehöhlt wird. Dies vollzieht sich zwar von Land zu Land in unterschiedlichen Geschwindigkeiten, aber es ist doch ein Phänomen, das ihnen allen gemeinsam ist. Zu allem Überfluss wird der Patient von einem Arzt behandelt – der politischen Klasse –, der alles vermasselt und die Probleme grundsätzlich verschärft. Es geht also auch um eine Krise der politischen Führung.

Lassen Sie uns zunächst einen Blick auf die akute Erkrankung, die Rezession, werfen. Deren Symptome zeigen sich in allem, was wir um uns herum wahrnehmen können: schließende Geschäfte, leistungsorientierte Arbeitsverträge und wesentlich häufigere Kündigungen. Dies sind allesamt typische Folgen der Rezession, die aber eben keine typische Rezession ist.

Eine Reihe von Experten und Beobachtern hat versucht zu benennen, was unnormal und atypisch an ihr ist. Die Liste der entsprechenden Beinamen reicht von „Banken-Rezession“ über „Investmentbanken-Rezession“, „Finanzblasen-Rezession“, „Finanz-Rezession“ bis hin zur „Kredit-Rezession“. Sicher gibt es gute Gründe für alle diese Begriffe; das Problem aber ist, dass sie den Blick ausschließlich auf den finanziellen Sektor verengen. Die allgemeine Sicht der Dinge scheint also darin zu bestehen, dass das Hauptproblem im Bankensektor zu suchen sei. Dies mag u.a. mit den dortigen Regulierungsverfahren, der Kreditvergabe sowie auch den niedrigen Zinsen zu tun haben. Eine solche Einengung auf nur einen Sektor der Volkswirtschaften ist jedoch trügerisch und wenig hilfreich.

Das Hauptproblem scheint jedoch nicht nur darin zu bestehen, dass sich der Finanzsektor innerhalb der letzten 20 Jahre insbesondere in Großbritannien und den USA sowie auch in einigen anderen Volkswirtschaften weiter ausgebreitet hat, sondern auch darin, dass die Regeln des Finanzsektors und dessen spezifische Organisations- und Denkweisen die gesamte Volkswirtschaft infiltriert haben. Das zeigt sich an der allgemein gestiegenen Bedeutung des Bankwesens wie auch daran, dass alle wie auch immer gearteten Aktivitäten der Wirtschaft eben ausschließlich im Stil, in der Denkweise und dem Gebaren von Finanzgeschäften und ihren Akteuren durchgeführt werden. Und genau dies hat in den letzten anderthalb Jahren zur Implosion geführt. Ich würde daher diesen Vorgang als „financialisation recession“ bezeichnen.

Dies ist verbunden mit dem zweiten, dem chronischen Problem, das sich im Niedergang der Produktion im Westen zeigt. Denn die Überhandnahme der „financialisation“ trägt entscheidend zur Verkümmerung aller Aktivitäten bei, die auf die Güterproduktion ausgerichtet sind. Vor 30 bis 40 Jahren gab es noch große Bereiche in den westlichen Wirtschaften, die mit der Herstellung von Waren und der Erstellung von Dienstleistungen beschäftigt waren. Diese Bereiche sind geschrumpft, und im Gegenzug ist „financialisation“ gewachsen, um sie zu ersetzen. So ist „financialisation“ auf der einen Seite eine Konsequenz aus dem Schrumpfen der Waren- und Dienstleistungsproduktion, während sie auf der anderen Seite zur Linderung dieses Prozesses beiträgt. Allerdings handelt es sich nur um eine teilweise Linderung: Ihre Wirkung ist zeitlich begrenzt (wahrscheinlich auf 10 bis 15 Jahre in westlichen Volkswirtschaften), und sie löst das tiefer liegende Problem nicht.

Dies führt mich zum dritten der genannten Probleme, zur Krise der politischen Führung, dem Arzt also, der die Dinge schlimmer macht. Dies ist vielleicht das schwerwiegendste der drei Probleme, denn es hat mit der Frage zu tun, wie wir die ersten beiden Probleme – Rezession und Aushöhlung der Produktion – lösen können. Der „Doktor“ pendelt zwischen den beiden Polen „Ich kann die Symptome für die Probleme nicht sehen“ und dem Wunschdenken, dass die Zeit die Symptome schon kurieren werde. Er erkennt zwar mitunter, dass einige Symptome wirklich ernsthafter Natur sind, sagt jedoch: „Ich werde mich wirklich vorsichtig an das Symptom herantasten.“ Auf diese Art restrukturiert er z.B. am ersten Tag den Bankensektor, am zweiten Tag macht er aber einen Rückzieher, weil er sich nicht sicher ist, was er mit dem „Troubled Assets Relief Fund“ (TARP) anfangen soll. Solch taktisches Zaudern und Flickschustern hilft hier bestimmt nicht.

Das Problem der politischen Führung kann jedoch nicht einfach nur auf taktische Fehler reduziert werden. Viel wichtiger ist die Tatsache, dass die politischen Führer nicht erkannt haben, dass man der Rezession strategisch begegnen muss. Sie haben einfach nur auf die oberflächlichen Erscheinungen der Krise reagiert und versucht, irgendwie durchzukommen. Sie weigern sich zu erkennen, wie ernsthaft die Krise wirklich ist, und weichen damit ihrer Verantwortung aus, die Krise richtig zu benennen und zu definieren. Wenn ihr Blick auf die Zukunft kurzsichtig, kurzfristig und zuweilen auch die Dinge leugnend bleibt, dann werden sie niemals erkennen, was wirklich getan werden muss. Dies wird die Krise verlängern und sicherstellen, dass sie in der einen oder anderen neuen Form wiederkehren wird.

Wir müssen erheblich tiefer gehen, als dies in der gegenwärtigen Krisendiskussion geschieht, um zu erkennen, dass letztlich eine fundamentale Reparatur auf der Ebene des Produktionsbereichs nötig ist und herausgefunden werden muss, warum diese umfangreiche „financialisation“ stattfindet. Um noch einmal auf den medizinischen Analogieschluss zurückzukommen: Einzig das akute Problem zu behandeln, ohne das chronische zu erkennen, bewirkt lediglich, dass der Patient in der Zukunft einen Rückfall in die chronische Krankheit erleiden wird.