27.10.2026
Die Spielchen des Westens mit der Ukraine
Von Frank Furedi
In der Ukraine-Politik agiert der Westen inkonsequent und geopolitisch inkompetent. Das zeigen die EU-Sanktionen und das Vorgehen Trumps. Der Krieg wird in naher Zukunft nicht enden.
Seit Russland im Februar 2022 in die Ukraine einmarschiert ist, hat mich die unverantwortliche, fast schon beiläufige Art und Weise getroffen, mit der westliche Regierungen diesen Konflikt behandelt haben. Es scheint, als würden Abkommen und Waffenstillstände zwischen Russland und der Ukraine von westlichen Staats- und Regierungschefs aus einer Laune heraus ausgeheckt. Oft scheinen weder Russland noch die Ukraine zu wissen, dass eigentlich ein Waffenstillstand in Kraft sein sollte.
Kürzlich haben wir wohl das groteskeste Beispiel für diese neue Art von Fantasie-Waffenstillstand erlebt. Auf Truth Social verkündete US-Präsident Donald Trump, dass beide Seiten vereinbart hätten, die Energieinfrastruktur des jeweils anderen nicht anzugreifen. „Zerstört sie nicht!“, warnte Trump die Ukraine und Russland.
Doch was gab es da zu brechen? Trumps Erklärung eines „Energie-Waffenstillstands“ überraschte alle – von den Nato-Mitgliedern bis hin zu Russland und der Ukraine. Wolodymyr Selenskyj, der Präsident der Ukraine, sagte, der Waffenstillstand sei für ihn „neu“ gewesen, versprach jedoch, dass die Ukraine sich daran halten werde, solange Russland dies tue. Was allerdings nicht lange dauerte. Nur wenige Stunden, nachdem Trump den Waffenstillstand verkündet hatte, begann Russland, Bomben auf ukrainische Kraftwerke abzuwerfen, was zu großflächigen Stromausfällen führte.
Washingtons Versuch, der Ukraine und Russland einen spezifischen Energie-Waffenstillstand aufzuzwingen, ist durch eine weit verbreitete Sorge wegen der rapide steigenden Kraftstoffkosten in den USA motiviert. Damit steht Washington nicht allein. Die westlichen Regierungen scheinen insgesamt mehr wegen der Ölpreise besorgt zu sein als um die Verteidigung der territorialen Integrität der Ukraine. Deshalb haben sie eine Farce von Sanktionen gegen Moskau inszeniert – Sanktionen, die große Teile des lukrativen russischen Energiesektors zuverlässig ausnehmen.
So konnte es kaum überraschen, dass Trump, nachdem er Anfang des Monats einen Deal zum Kauf von Millionen Tonnen Diesel aus Moskau angekündigt hatte, letzte Woche eine Durchführungsverordnung erließ, mit der er ein neues Sanktionspaket gegen die russische Wirtschaft aussetzte.
„Wollten die westlichen Staats- und Regierungschefs wirklich, dass die Ukraine den Krieg gegen Russland gewinnt?“
Tatsächlich lassen die westlichen Staaten trotz ihres vielbeschworenen Sanktionsregimes gegen Moskau weiterhin zu, dass russisches Öl und Gas in ihre Länder fließen. Das hat Trump jüngst als Reaktion auf Kritik an seinem Diesel-Deal mit Russland herausgestellt. Er hat darauf hingewiesen, dass die Europäische Union seit Kriegsbeginn weit über 200 Milliarden Dollar an Russland für Öl und Gas gezahlt habe.
Trump hat nicht Unrecht. Obwohl die europäischen Regierungen ständig mit der Stärke des gegen Russland verhängten Sanktionsregimes prahlen, fließen weiterhin Milliarden Euro als Gegenleistung für Energieressourcen in die russischen Staatskassen. So kaufen Frankreich, Belgien und die Niederlande bis heute russisches Flüssigerdgas (LNG) im Wert von mehreren Milliarden Euro. Auch russisches Rohöl gelangt nach der Raffination in Drittländern nach Europa.
Der Times-Kolumnist Matthew Syed wies kürzlich darauf hin, dass Europa allein in diesem Jahr acht Milliarden Euro für russisches LNG ausgegeben hat. Seit Ausbruch des Krieges „hat Europa mehr für russische fossile Brennstoffe (231 Milliarden Euro) ausgegeben, als wir insgesamt an Hilfsgeldern bereitgestellt haben (200,7 Milliarden Euro)“.
Wenn man auf den Verlauf dieses Konflikts zurückblickt, kommt man kaum umhin, sich die Frage zu stellen: Wollten die westlichen Staats- und Regierungschefs wirklich, dass die Ukraine den Krieg gegen Russland gewinnt?
Seit Kriegsausbruch hat der Westen eine opportunistische und pragmatische Haltung eingenommen. In meinem Buch „The Road To Ukraine: How the West Lost Its Way“ (2022) habe ich auf die unter den Nato-Mitgliedstaaten vorherrschende geopolitische Analphabetentum hingewiesen. Zunächst erkannten sie nicht, wie ihr unüberlegtes Vorgehen – die Ost-Erweiterung der Nato-Mitgliedschaft in den Jahren vor dem Krieg – ein tiefes Gefühl der Unsicherheit unter der Moskauer Oligarchie hervorrief. Als der Krieg dann ausgebrochen war, machten sie sich die Sache der Ukraine opportunistisch zu eigen und verbündeten sich mit dem mutigen Widerstand der Ukrainer gegen die russische Invasion, um die Nato vor der Bedeutungslosigkeit zu retten.
„Washington kann nicht länger die Bedingungen diktieren.“
Fast vom Beginn des Krieges an reisten westliche Staats- und Regierungschefs nacheinander nach Kiew, um sich mit Selenskyj fotografieren zu lassen. Das Streben nach diesem so wichtigen Fototermin mit dem ukrainischen Staatschef verdeutlicht, wie brüchig ihre eigene moralische Autorität ist. Wie Peter Coy, langjähriger Wirtschafts- und Finanzkolumnist der „New York Times“, feststellte: „Der Mut schien tot zu sein. Dann kam Selenskyj.“ Was in Teilen der Medien als „Selenskyj-Washing“ bezeichnet wurde, war ein geschmackloser Versuch westlicher Politiker, ihren Mangel an staatsmännischem Geschick und innenpolitischer Legitimität dadurch auszugleichen, dass sie sich neben einen prominenten Staatschef stellten.
„Selenskyj-Washing“ übt weiterhin eine große Anziehungskraft auf europäische Staats- und Regierungschefs aus, die verzweifelt versuchen, auf der Weltbühne eine staatsmännische Haltung einzunehmen. Im Gegensatz dazu hatte Trump nie Interesse daran, dieses Spiel mitzuspielen. Anstatt sich der moralischen Autorität Selenskyjs zu bedienen, hat Trump jede Gelegenheit genutzt, um zu zeigen, dass er der Boss ist. Seit dem öffentlich ausgetragenen Streit zwischen Trump und Selenskyj im Oval Office im Februar 2025 grenzt das Verhalten Washingtons oft an kindisches Gehabe. Die beispiellose Demütigung Selenskyjs vor einem weltweiten Publikum hatte wenig mit geopolitischer Strategie oder Diplomatie zu tun. Sie war persönlich und kindisch.
Diese infantile Herangehensweise an diplomatische Angelegenheiten hält bis heute an. Trump greift Selenskyj weiterhin persönlich an, behauptete letztens, er sei „schwieriger im Umgang als Putin“, und forderte dessen Ablösung. Zweifellos sendet dieser jüngste Angriff auf Selenskyj ein Signal an Moskau, dass Washington bereit ist, mit Putin zu kooperieren. Doch den geopolitischen Realitäten folgend ist es für das Weiße Haus verfrüht, eine Annäherung an Moskau anzustreben.
Tatsächlich ist die geopolitische Lage heute weitaus unbeständiger und unübersichtlicher als zu dem Zeitpunkt, als Russland 2022 in die Ukraine einmarschierte. Der Krieg im Nahen Osten, der ein pragmatisches Bündnis zwischen dem Iran, China und Russland festigt, bedeutet, dass Washington nicht länger die Bedingungen diktieren kann – eine geopolitische Realität, die noch dadurch verschärft wird, dass Russland jeglicher diplomatischen Initiative, die vom Westen ausgeht, weiterhin misstrauisch gegenübersteht. Und es ist viel zu viel Blut geflossen, als dass sich die Ukraine einfach fügen und eine neue Ordnung akzeptieren könnte, die ihr von den USA aufgezwungen wird.
Dennoch sollten wir Trump für Eines, das er kürzlich geäußert hat, vielleicht dankbar sein. Er hat die Heuchelei des westlichen Sanktionsregimes gegen Russland entlarvt. In den kommenden Monaten wird wahrscheinlich weiterhin über Waffenstillstände gesprochen werden. Doch angesichts der geopolitischen Inkompetenz und Unreife der westlichen Eliten sowie der brutalen Fakten vor Ort ist es unwahrscheinlich, dass dieser Krieg in absehbarer Zeit enden wird.