10.11.2016

Die Rache der Erbärmlichen

Kommentar von Sean Collins

Titelbild

Foto: Gage Skidmore via Flickr / CC BY-SA 2.0

Die Wahl Donalds Trumps zum US-Präsidenten ist eine Revolte gegen die Elite, analysiert der US-Korrespondent des Novo-Partnermagazins Spiked. Viele Bürger haben es satt, von oben herab behandelt zu werden.

Wow, was für ein Schock für die Welt. Donald Trump hat die Erwartungen auf den Kopf gestellt und wird nächster Präsident der Vereinigten Staaten. Millionen Amerikaner haben diese Präsidentschaftswahl zum Anlass genommen, ihre Sehnsucht nach Veränderung auszudrücken. Bei diesem Ergebnis geht es um weit mehr als Trump. Die meisten seiner Wähler halten ihn für unqualifiziert und charakterlich ungeeignet, diese Rolle auszufüllen. Er ist für sie nur Mittel zum Zweck, ein Signal an die amerikanische Elite zu senden. Die Massen wissen vielleicht nicht genau, was sie wollen, aber sie geben deutlich zu verstehen, dass sie das alte Establishment satt haben.

Ihre Stimmen für Trump sind Stimmen gegen Washington und die etablierten Institutionen. Aber diese Revolte beschränkt sich nicht nur auf die Politik. Es geht ebenso um die Ablehnung der kulturellen wie der politischen Elite. Seit über einem Jahrzehnt sind die Menschen aus den sogenannten „Überflugstaaten“ – die viele Amerikaner nur aus dem Flugzeugfenster kennen –, und die Arbeiterklasse Zielscheiben des Spotts. Diese herablassende Haltung kam auch im Präsidentschaftswahlkampf zum Ausdruck. Als Hillary Clinton Millionen Trump-Wähler als „Erbärmliche” (engl. deplorable) abgeschrieben hatte, kam der Wendepunkt. Menschen machten sich diesen Begriff zu Eigen und trugen stolz T-Shirts mit der Aufschrift „Ich bin ein Erbärmlicher”. Jetzt haben sie die Wahl genutzt, es denen da oben heimzuzahlen.

Als die Wahlergebnisse eintrudelten, haben Anhänger der Demokraten Horden von Rassisten, Sexisten und sonstigen Dummköpfen für Clintons Wählerschwund verantwortlich gemacht. Der Ökonom und Kolumnist der New York Times, Paul Krugman, schrieb auf Twitter: „Ich habe wirklich geglaubt, mein Land besser zu kennen. Ich habe davor gewarnt, dass wir ein gescheiterter Staat werden könnten, aber ich hatte nicht begriffen, dass es wir es dabei nicht nur mit dem Radikalismus der Republikaner, sondern mit tiefverwurzeltem Hass in weiten Teilen der Gesellschaften zu tun haben.“ Die Autorin Jill Filipovic twitterte: „Nach acht Jahren mit einem schwarzem Präsidenten hätte eine Frau die weiße, männliche Autorität wohl zu sehr bedroht.” Genau solche herablassenden Bemerkungen gegenüber Menschen aus dem Mittleren Westen und anderen ländlichen Gebieten der USA haben die Trump-Kampagne erst angeheizt. Wenn ‚Linke‘ im Nachgang der Wahl ihre Vorurteile auf die Spitze treiben, werden sich die gesellschaftlichen Spaltungen nur weiter vertiefen.

Ich wollte nicht, dass Trump Präsident wird. Er ist ein illiberaler Demagoge, und jetzt auch noch eine tickende Zeitbombe im Weißen Haus. Dass jemand so Inkompetentes die Weltmacht Nummer Eins anführen könnte, ist extrem ernüchternd. Doch die Schuld für das Wahlergebnis liegt eindeutig beim Establishment der beiden großen Parteien, den Republikanern und den Demokraten. Unsere Eliten erwiesen sich als leere Hüllen, die Trump nur hilflos gestikulierend entgegentraten. Die Republikanische Partei war zu schwach und zu chaotisch, um Trump zu stoppen, mit ihren 16 armseligen Präsidentschaftskandidaten, die einer nach dem anderen umfielen. Sie ließen es  zu, dass Trump ihre Partei als Geisel nahm.

„Die amerikanischen Eliten konnten die Menschen noch nicht einmal davon überzeugen, das Land besser zu regieren als ein Clown und billiger Hochstapler mit einem unausgegorenen politischen Konzept“

Die Führungsriege der Demokraten hingegen war wohl zu stark. Sie trieb den Nominierungsprozess mit bürokratischer Strenge voran. Schon sehr früh ließ man die Clinton-Maschinerie gewähren und alle potenziellen Mitbewerber waren zu feige, sie ernsthaft herauszufordern und ihre bekannten Schwächen herauszustellen. Rückblickend kann man sagen, dass die Arroganz der demokratischen Führung erstaunlich war. Sie nominierten eine Neuauflage der 1990er, Skandale inklusive.

Zu den auffälligen Besonderheiten an Trumps Aufstieg gehört der geringe politische Widerstand, der ihm entgegenschlug. Zunächst schossen sich die Republikaner, später dann Clinton nur auf die Person ein, statt seine Aussagen zur Einwanderung, zum Handel und zum Terrorismus inhaltlich zu kritisieren. Damit unterschätzten sie die Wähler, die nach mehr inhaltlicher Substanz verlangten.

Wie ich bereits im August bei Spiked anmerkte, war Clintons Dämonisierung von Trump ein Fehler. Es reicht für einen Sieg nicht aus, den Konkurrenten nur als völlig außerhalb der Grenzen des Akzeptablen darzustellen: „Wenn [Hillary] keine positive Botschaft finden kann, die wirklich inspiriert, die die Sorgen der abgehängten Bevölkerungsteile anspricht, dann werden viele denken, dass sie nichts verlieren, wenn sie sich für Trump entscheiden. Und sie und die Demokraten müssen die Schuld dann bei sich selbst suchen.“ Es ist für mich kein Grund zur Freude, dass es nun so gekommen ist.

Wenn sich etwas Positives aus Trumps Sieg ziehen lässt, dann, dass er die Kluft zwischen den Establishment und den Bürgern offen gelegt hat. Sein Sieg wirft ein Schlaglicht auf die völlige Selbstzufriedenheit der Eliten, der Medien und der Meinungsforscher. Die Umfragen waren nicht so schlecht, wie es die Beobachter jetzt behaupten; das Potenzial für einen Sieg Trumps war für alle sichtbar (in vielen Schlüsselstaaten war der Abstand zwischen den Kandidaten sehr gering). Es ist nur so, dass viele Leute das einfach nicht wahrhaben wollten. Es war unvorstellbar für sie – auch wenn Clinton ganz offensichtlich nicht in der Lage war, eine Mehrheit der Amerikaner zu inspirieren. Sogar Obama ließ es wie eine lästige Pflicht erscheinen, für Clinton zu stimmen: „Nicht alles muss einen inspirieren. Manchmal tut man einfach das, was man tun muss.“

Es ist nun glasklar, dass das angeblich so mächtige Establishment der USA und des Westens aus Papiertigern besteht. Sie sind faul und arrogant geworden, sie sind von der Masse der Bevölkerung entrückt und sie haben jeglichen Sinn für ihre Aufgabe verloren. Die amerikanischen Eliten konnten die Menschen noch nicht einmal davon überzeugen, das Land besser zu regieren als ein Clown und billiger Hochstapler mit einem unausgegorenen politischen Konzept. Nun zeigt sich überdeutlich, wie wenig wir auf dieses Establishment setzen können. Es erweist sich als völlig unzuverlässige Alternative zu autoritären Kräften wie Trump.

Trump verdient nicht die Unterstützung all der arbeitenden Menschen, die ihn gewählt haben – er benutzt sie nur. Er wird seine großmäuligen Versprechungen nicht halten und er wird die Gräben in der Gesellschaft vertiefen. Es war noch nie klarer, dass wir das alte unnütze Establishment loswerden müssen und eine neue Politik von Grund auf zu errichten haben, eine Politik, die sich zuerst um die Bedürfnisse der großen Masse der Bevölkerung kümmert. Wenn die Wahl Trumps diesen Prozess beschleunigt, dann wäre das ein Silberstreif am Horizont.