22.02.2016

Brauchen Feministinnen Hillary Clinton?

Kommentar von Monika Frommel

Um die weibliche Wählerschaft für sich zu gewinnen, setzt Hillary Clinton auf die Feminismuskarte. Viel zu gewinnen hat sie damit nicht. Das Thema ist am Ende, der Feminismus hat seine Ziele erreicht. Junge Frauen haben andere Anliegen.

An diesem Wochenende konnte die demokratische US-Präsidentschaftsbewerberin Hillary Clinton die Vorwahlen im wichtigen Bundesstaat Nevada knapp für sich entscheiden. Dies liegt auch daran, dass sie ihren Stil geändert hat. Sie scheint ihre Lehren aus der herben Schlappe von New Hampshire gezogen zu haben. Bernie Sanders, ihr wichtigster Konkurrent innerhalb der Demokraten, gewann damals mit deutlichem Abstand; wird dieses Ergebnis aber auf Dauer wohl nicht halten können. Clinton setzte in New Hampshire noch auf die ‚Frauenkarte‘. Kann diese Strategie aufgehen? Offenbar nicht.

Es hat sich die Überzeugung durchgesetzt, dass es die „richtige“ und verbindliche feministische Position schlechthin nicht gibt. Schon gar nicht repräsentiert sie die Bewerberin. Dies erklärt auch, wieso Sanders immer noch so viele Stimmen junger Menschen erhält. Sie wollen einen Politikwechsel. Hillary Clinton hingegen steht für Kontinuität. Sie begründet auch nicht, wieso sie einen Wechsel für unrealistisch hält. Dies erklärt schon, wieso nur ältere Frauen Hillary Clinton wählen. Denn eigentlich liegen die jungen Frauen gar nicht so falsch mit ihrer Skepsis. Nach der reinen Lehre von ‚Sex’ (biologischem Geschlecht) und Gender (Kultur) spielt die Natur ohnehin so gut wie keine Rolle, wenn der oder die Politikerin es Frauen auf politischem Wege ermöglichen will, sich besser zu entfalten. Wieso sollten sie sich auf ihre Biologie festlegen lassen, wenn ihnen die Politik von Sanders besser gefällt?

„Irgendwie sehen diese Feministinnen alt aus“

Und wieso meinen eigentlich Feministinnen wie Hillary Clinton, die ehemalige US-Außenministerin Madeleine Albright oder die Frauenrechtlerin Gloria Steinem, sie könnten innerhalb des demokratischen Lagers mit ihrer schlichten Identitätspolitik gegen Sanders punkten? Feminismus spielt keine Rolle, wenn Frauen Sanders bevorzugen. Innerhalb der Demokraten geht es zurzeit nicht um Feminismus, sondern vor allem um Verteilungsfragen. Das Frauenthema ist längst ausgestanden. Die alten Mobilisierungstechniken versagen. Warum werden sie dennoch erneut eingesetzt?

Irgendwie sehen diese Feministinnen alt aus – und zwar nicht biologisch, sondern in einem kulturellen Sinne. Denn nach über 20 Jahren rächt sich, dass seit den 1990er-Jahren einiges grundsätzlich falsch lief. Die Varianten feministischer Theorien haben sich in zwei Jahrzehnten nicht um eine komplexere Perspektive auf andere Kulturen gekümmert. Beim Weltkongress der Frauen 1996 in Peking (es war die große Zeit der Hillary Clinton) spielten etwa Arbeitsgruppen eine große Rolle, die sich mit der muslimischen Perspektive auseinandersetzen. Aber seitdem hört man nichts mehr davon. Stattdessen dominiert gerade im Lager um Clinton immer noch die naive Vorstellung, man könne uralte Traditionen von außen (also aus westlicher Sicht, was immer das meint) verändern, statt diejenigen zu Wort und auch zur Macht kommen zu lassen, die es von innen versuchen und die Toleranz und Vielfalt in ihrer Kultur beurteilen können.

„Wer permanent nur Wut erzeugen und am Leben halten möchte, kommt langfristig nicht weiter“

Auch rächt sich, dass Feministen überall in der westlichen Welt immer wieder mit dem Thema „Gewalt gegen Frauen“ mobilisiert haben. Wer permanent nur Wut erzeugen und am Leben halten möchte, hat zwar kurzfristig Erfolg, kommt aber langfristig nicht weiter, weil so keine positive Identifikation aufgebaut werden kann. Auch das Thema der „gleichen Bezahlung“ überzeugt nur kurzfristig. Es verliert zunehmend seine Kraft angesichts einer veränderten sozialen Wirklichkeit. Der Gender-Pay-Gap schließt sich auch in den USA. Die jungen Frauen von heute sind in hoher Zahl so gut ausgebildet, dass das Lohn-Gefälle als Argument nicht mehr zieht. Auch finden sie mittlerweile immer mehr Männer, die moderne Beziehungs-Arrangements akzeptieren.

Hillary Clinton hat also gemerkt, dass sie zu lange auf den Ladenhütern des Feminismus sitzen geblieben ist. Vermutlich setzt sich Sanders am Ende nicht durch. Aber Hillary Clinton weiß nun, was junge Leute wollen und dass sie – falls es ihr gelingt – ihre Wahl nur dem Grauen verdankt, das die Republikaner bei ihren Wählern hervorrufen.