11.02.2016

Das Herabblicken auf die Trump-Wähler

Analyse von Sean Collins

Die Stigmatisierung der Trump-Anhänger durch eine arrogante Elite hilft Trump beim Wahlkampf. Konservative Amerikaner, die sich als „kleine Leute“ verstehen, lassen sich diese Haltung nicht gefallen. Argumente sind besser als Beleidigungen.

Der republikanische Präsidentschaftskandidat Donald Trump hat die Vorwahlen im US-Bundessstaat New Hampshire für sich entschieden. Trump hatte bereits bei der Vorwahl in Iowa besser abgeschnitten, als es irgendjemand am Anfang des Rennens vermutet hätte. Trump wird uns also noch eine Weile erhalten bleiben.

Als Trumps Chancen auf eine Nominierung stiegen, begannen die Medien, seine Unterstützer, die ihn an die Spitze der republikanischen Wahllisten gehoben haben, wie Anthropologen zu untersuchen, die einen exotischen Stamm studieren. Viele zogen dabei den Schluss, dass der typische Trump-Wähler sogar noch furchteinflößender ist als der Mann selbst.

Laut Umfragen haben ungefähr acht von zehn Trump-Anhängern keinen Collegeabschluss. Aus diesem Grund gelten sie den Analysten als dumm. So erklärt ein Autor des Gawker 1: „Die abgrundtiefe Dummheit des [Trumpschen] Diskurses passt perfekt zur abgrundtiefen Dummheit des anvisierten Publikums.“ Die Washington Post versammelte Psychologen 2, um den durchschnittlichen Trump-Unterstützer zu begutachten. Ihre Diagnose? Trumps Unterstützer „mögen Leute, die uns sagen, dass unsere Probleme simpel und einfach zu lösen sind.“

Wähler als ignorante Rassisten

Viele unserer führenden Experten sind der Meinung, dass der typische Trump-Unterstützer nicht nur ignorant und einfältig, sondern auch rassistisch ist. Die Fernpsychologen der Post stellten fest, dass Trump-Unterstützer nach dem Muster „Ich mag keine Leute, die nicht wie wir aussehen“ denken. Dem CNN 3 zufolge liegen „wirtschaftliche und ethnische Ängste“ dem Phänomen Trump zugrunde. „Es ist klar“, dass „rassistische Einstellungen“ bei den Wählern die Unterstützung für den Kandidaten „zunehmen lassen“. Auch einige Konservative behaupten, dass Trumps Anhänger „Eiferer“ wären. Kevin Williamson von der National Review 4 schreibt: „Thomas von Aquin warnte vor dem „homo unius libri“ – eine Warnung, die beim typischen Trump-Wähler schon darum nicht ankommt, da er über den Begriff ‚homo‘ kichert.“

„Trump zu unterstützen ist so, als würde man den Snobs den Mittelfinger zeigen“

Auf diesen Sturm von abfälligen Bemerkungen könnten Trump-Fans verständlicherweise antworten: „Sag mir etwas, was ich noch nicht weiß.“ Seit vielen Jahren werden Teile der Massen, wie eben das Trump-Proletariat, von den Eliten bezichtigt, den „Fortschritt“ in der Gesellschaft zu blockieren. Auf seiner Kampagnentour 2008 tat Obama sie als jene ab, die sich an ihre Waffen und Bibeln klammern. Unterstützer der gleichgeschlechtlichen Ehe nannten sie „Höhlenmenschen“ und „Fanatiker“, weil sie nicht auf Abruf „evolvierten“, um ihre jahrhundertealten Vorstellungen von der Ehe abzulegen. Tatsächlich stammt ein großer Teil der Unterstützung für Trump von Leuten, die sich das nicht länger bieten lassen möchten. Sie möchten zurückschlagen wegen der Herablassung von denen da oben, darunter der Vorwurf, sie wären dumm und rassistisch. Trump zu unterstützen ist so, als würde man den Snobs den Mittelfinger zeigen.

Außenstehende sehen in Trumps Unterstützern einen rassistischen Haufen, dieselbe alte Republikanische Partei. Allerdings passen Trumps Anhänger nicht so richtig zu ihren Stereotypen. Viele stammen aus dem industrialisierten Norden, nicht nur aus den häufig dämonisierten „roten Staaten“ (Rot als Parteifarbe der Republikaner) des Südens und aus der Appalachen-Region. Viele haben moderate Ansichten und meinen, dass bestimmte brisante Themen wie Abtreibung keine Priorität haben sollten. Viele sind säkular, obwohl sie häufig, wie viele der Religiösen, in kultureller Hinsicht eher Traditionalisten als Kosmopoliten sind. Einige der Trump-Unterstützer sind sogar Demokraten: zwanzig Prozent der Demokraten sagten, dass sie für Trump stimmen würden. 5 Zudem sind viele, die Trump unterstützen, früher registrierte Demokraten gewesen. 6

Ein Anti-Elitist aus der Elite

Eine Reihe von populistischen und nationalistischen Themen scheinen die Trump-Unterstützer zu einen – doch das Schlüsselthema ist die Ablehnung des politischen Establishments und der kulturellen Elite. Als milliardenschwerer Kapitalist erscheint Trump kaum als Kämpfer für eine anti-elitäre Sache. Doch in kultureller Hinsicht betrachten ihn seine Unterstützer als Verbündeten. Genau wie Trump immer wieder für sein ausgekämmtes Haar, seine derbe Sprechweise und seinen geschmacklosen Stil verspottet wird, so wissen seine Unterstützer, dass die Eliten an den Küsten gleichermaßen auf ihren eigenen uncoolen Stil herabschauen. Immer, wenn Trump von dem Medien für diese oder jene Grenzüberschreitung verdammt wird, wächst sein anti-elitäres Ansehen bei den kleinen Leuten.

Trumps Unterstützer sind es vor allem leid, von der Elite als Problem, das es zu lösen gilt, beschrieben zu werden. Man denke hierbei an die Reaktionen auf den Terroranschlag in San Bernardino, Kalifornien.

„Die Schuld für irgendeine von Trump angeführte ‚weiße Identitätspolitik‘ wäre bei den linksliberalen Multikulturalisten zu suchen“

Viele, wenn nicht die meisten Amerikaner waren der Meinung, dass etwas getan werden muss, um einen weiteren Anschlag zu verhindern. Stattdessen nutzte der Präsident den Großteil seiner Sonderansprache im Fernsehen dazu, das Volk vor einer islamophoben Reaktion zu warnen. Der Präsident hält die Amerikaner offenbar für einen nach Rache dürstenden Mob, der jeden Augenblick losschlagen kann. Nachdem Islamisten in der Stadt um sich geschossen hatten, forderten der Präsident und die New York Times das amerikanische Volk auf, seine Waffen abzugeben. Und die Amerikaner hörten in derselben Woche, wie die Washington Post sie als unchristlich und unamerikanisch verdammte, da sie es wagten, die Richtigkeit einer Aufnahme der syrischen Flüchtlinge ins Land in Frage zu stellen. Das amerikanische Volk und nicht die Islamisten wurden als das Problem angesehen.

Obama schiebt Immigranten in Rekordhöhe ab

Trump-Anhänger werden oft als „Rassisten“ bezeichnet, weil sie seine Anti-Einwanderungspositionen, wie den Bau einer Mauer an der Grenze zu Mexiko, die Ausweisung von zwölf Millionen illegalen Einwanderern und das Einwanderungsverbot für Muslime befürworten. Manch Trump-Wähler könnte sich wundern, warum man nur ihnen das Rassistenetikett anheftet. Andere Republikaner teilen Trumps Ansichten: Kandidaten wie Ted Cruz und Jeb Bush riefen auch nach Einwanderungsverboten für Muslime – jedoch ohne den Aufschrei. Demokraten geben damit an, dass „Präsident Obama mehr Grenzpatrouillen und Sicherheitsmitarbeiter an der Grenze einsetzt als jeder vorherige Präsident“ 7. Obama wird dank seiner Abschiebungen in Rekordhöhe auch als „Oberster Abschieber“ bezeichnet.

Es ist einfacher, Trump-Unterstützer als Rassisten abzustempeln, als zu verstehen, warum sie solche Ansichten über Einwanderung haben. Bedenken wegen der nationalen Sicherheit und der Integration spielen eine Rolle. Es gibt aber auch ein Klassenelement. Einige befürchten Lohndumping (eine Position, die für gewöhnlich Demokraten vertreten haben, als sie noch den Gewerkschaften aus der Industrie zuhörten). Da ich für die Einwanderung bin, halte ich alle diese Gründe für fehlgeleitet, aber man kann sie nicht alle nur auf Fremdenhass zurückführen.

Durch solche Ansichten zur Einwanderung bringen Trump und seine Unterstützer keineswegs eine Art von weißem Nationalismus zum Ausdruck, wie manche behaupten. Zugegeben, würden sich diese Ansichten zu Einstellungen verfestigen, dann wäre das ein Problem. Aber die Schuld für irgendeine von Trump angeführte „weiße Identitätspolitik“, so sie jemals entstehen würde, wäre bei den linksliberalen Multikulturalisten zu suchen. Schließlich pauken sie uns seit Jahrzehnten ein, wie essentiell und unveränderlich die Unterschiede zwischen den Rassen wären und wie sehr man das zu begrüßen hätte.

Argumente statt Beleidigungen

Trumps Unterstützer sprechen legitime Sorgen an, auch wenn ihr Favorit die falschen Lösungen anbietet. Ihr Vertrauensmangel gegenüber einem Establishment ohne Visionen ist vollkommen vernünftig. Ihre größtenteils für die Arbeiterklasse typischen Interessen wurden von den Eliten beider Parteien ignoriert. Sie wurden von der politischen korrekten Kulturpolizei zum Schweigen gebracht. In einer Demokratie ist es wichtig, diesem Teil der Bevölkerung wenigstens zuzuhören und sie nicht zu ignorieren oder ihnen zu sagen, dass man solche Ansichten nicht sendet.

„Ihr Vertrauensmangel gegenüber einem Establishment ohne Visionen ist vollkommen vernünftig“

Die heutigen Denunziationen der Trump-Unterstützer als Eiferer sind genau die Erniedrigungen, die ihre Ressentiments schüren und sie in die Arme Trumps treiben. Wenn man ihre Anliegen auf eine solche Art abtut, stärkt man nur ihre Überzeugungen und die Unterstützung für Trump.

Sie stimmen Trump nicht zu? Gut. Aber setzen Sie nicht diejenigen herab, die ihn unterstützen. Bieten Sie ihnen ein Gegenargument an, bieten Sie ihnen etwas, das ihre Sorgen und Interessen adressiert. Beleidigen Sie sie nicht; inspirieren Sie sie, wenn Sie können.