10.08.2016

Die Freiheit, zu hassen

Analyse von Brendan O’Neill

Titelbild

Foto: John Nakamura Remy (CC BY-SA 2.0 / bearbeitet)

Derzeit wird kontrovers über die Bekämpfung von Hate Speech diskutiert. Hass zeugt nicht von charakterliche Größe und klug ist er auch nicht. Aber er sollte nie zu einem Verbrechen erklärt werden.

Die Verfolgung und Zensur von Hass ist eine der größten Bedrohungen der Meinungsfreiheit im 21. Jahrhundert. Vom verhätschelten Uni-Campus, auf dem Studentenausschüsse vermeintlich hassschürende Sprache untersagen, bis zur öffentlichen Sphäre, wo Gesetze gegen „Hassrede“ uns vorschreiben, was wir über Rasse, Religion oder Sexualität sagen dürfen: Verschiedene Denkweisen wurden als „Hass“ gebrandmarkt oder zum Verstummen gebracht. Es ist nicht gerade leicht, diesem Krieg gegen Hass entgegenzutreten. Wer möchte schon als Befürworter von Hass gelten? Aber es muss getan werden. Denn durch die Kontrolle und Bestrafung von Hassreden greifen der Staat und andere Menschen in den Bereich der Ideen und sogar in jenen der Emotionen ein.

Alles, was an diesem Vorgehen gegen „Hass“ falsch ist, kann man auf dem Campus beobachten. „Kritische“ Studenten lassen sich immer neue Rechtfertigungen einfallen, warum sie mal Jagd auf vulgäre Pop-Songs, mal auf „transphobe“ Feministen machen. Angeblich geht es darum, „sichere Räume“ (engl. safe spaces) für die Studentenschaft zu schaffen, wo sich diese wohlfühlen können. Eines ihrer Kernargumente lautet, dass der Campus mit einem Schutzschild vor „Hassrede“ bewahrt werden soll, also vor Personen, deren unbeliebte Ansichten „Hass gegenüber bestimmten Gruppen“ schüren könnten. Dabei scheint es ihnen nie in den Sinn gekommen zu sein, dass schon der Gedanke, es sei legitim, ein Gefühl auf dem Campus zu verbieten, geradezu der Kern des Begriffs „Gedankenpolizei“ ist.

Dieses Verhalten der Campus-Zensoren zeigt das grundlegende Problem hinter den Maßnahmen gegen die „Hassrede“: Die offen vertretenen Ansichten mancher Leute werden als „Hass“ gebrandmarkt, der ausradiert werden müsse. So beschneidet der Studentenverband im britischen Derby die Rechte von Abort67, eine Pro-Life-Organisation, die der Verband aufgrund ihrer Anti-Abtreibungshaltung als Hassgruppe einordnet. Anti-islamistische Redner wurden des Campus verwiesen, weil sie Menschen „aufhetzen könnten“ – vermutlich Islamisten.

„Was für den einen eine Hasspredigt ist, ist für den anderen eine zutiefst empfundene Überzeugung“

Islamisten selbst wurden zensiert, weil sie, wie es eine LGBT-Studentenorganisation ausdrückt, „Hass predigen“. Studenten haben versucht, solche Feministen nicht mehr öffentlich in der Uni auftreten zu lassen, die Transsexuelle nicht als echte Frauen anerkennen wollen, was den Studenten zufolge „Hass“ gegen Trans-Menschen schüren könnte.

Alle Fälle haben gemein, dass verschiedene Äußerungen echter, leidenschaftlicher moralischer Überzeugungen einzelner Individuen als „Hass“ stigmatisiert wurden. Nur jemand mit dem moralischen Kompass eines Kleinkinds könnte Abort67 als Hassgruppe deklarieren. Sie ist einfach nur strikt gegen Schwangerschaftsabbrüche (wozu ich im Übrigen eine andere Meinung habe). Islamkritiker hassen Muslime nicht, sie widersprechen nur vehement dem politischen Islam. Die Feministin Germaine Greer „hasst“ Transmenschen nicht. Sie ist lediglich der Ansicht, Weiblichkeit könne nicht mit Medikamenten über Nacht erlangt werden. Selbst einige der vom Campus gejagten Islamisten vertreten nur streng religiöse Ansichten gegen Homosexualität und die Gleichberechtigung von Frauen. Das sind moralische Überzeugungen, auch wenn man sie entschieden ablehnen mag.

Was für den einen eine Hasspredigt ist, ist für den anderen eine zutiefst empfundene Überzeugung. Die zynische Umdeutung von moralischen Auffassungen, die studentische Zensoren nicht mögen, als „Hass“ spiegelt gesamtgesellschaftliche Entwicklungen wider. Überall in Europa wurden in den letzten Jahren Gesetze gegen „Hassrede“ oder „Volksverhetzung“ genutzt, um Geistliche wegen ihrer Haltung zur Homosexualität, Tierrechts-Aktivisten für ihre Kritik an der islamisch begründeten rituellen Tötung von Tieren oder Fußballfans wegen des Singens derber Schmählieder zu bestrafen. Man kann den Ansichten dieser Leute zustimmen oder auch nicht, aber wir können doch sicher ihre Aufrichtigkeit anerkennen.

„‚Hate Speech‘ spielt im öffentlichen Sprachgebrauch die gleiche Rolle wie einst ‚Häresie‘“

Unliebsame moralische Meinungen alle in den Topf des Hasses zu werfen erzeugt eine neue Form der Häresie. Im modernen Sprachgebrauch spielt der Begriff „Hassrede“ bereits die gleiche Rolle wie einst „Häresie“. Er beschreibt Meinungen, die offizielle Stellen oder selbsternannte Vertreter schwacher Minderheiten zu bösartigen und unaussprechlichen Haltungen erklärt haben. In unseren postmoralischen Zeiten ist es riskant zu sagen, dass einige Meinungen besser sind als andere. Darum können die selbsternannten Hüter der öffentlichen Ordnung Menschen nicht als bösartig verurteilen. Also werden diese Menschen einfach der Hassrede bezichtigt und mit allen zur Verfügung stehenden legalen Mitteln unter Druck gesetzt. Es ist eine listige Form der Zensur, welche die subjektive Gefühlslage der Rezipienten – ihren Eindruck, unterschätzt zu werden – über das Recht der öffentlichen, freien Meinungsäußerung stellt.

Am Campusleben lässt sich noch ein weiteres Problem mit dem Krieg gegen den Hass erkennen: Dass es falsch ist, selbst jene Meinungen zu zensieren, welche die meisten von uns als tatsächlich hasserfüllt betrachten. Denn wenn es falsch ist, unbeliebte moralische Haltungen des Hasses zu bezichtigen, so ist es ebenso falsch, echten Hass zu zensieren. Studentische Vertretungen verbannen rechtsextreme Gruppierungen und richten kontinuierlich wachsende sichere Räume ein, wo gewisse rassistische oder homosexuellenfeindliche Haltungen nicht geäußert werden dürfen.

Es hört sich nach einer anständigen Sache an, üble Ansichten aus der Öffentlichkeit zu verbannen, ist aber tatsächlich der denkbar schlechteste Umgang mit vorurteilsbelasteten Ideologien.

„Zensur ermöglicht hasserfüllten Ideologien, im Verborgenen ohne Widerstand zu wachsen“

Zensur greift schreckliche Anschauungen nicht an, geschweige denn, dass sie sie besiegt. Zensur schiebt sie vielmehr nur an den Rand. Sie ermöglicht hasserfüllten Ideologien im Verborgenen ohne Widerstand zu wachsen, während sie uns der Möglichkeit und des Rechts beraubt, solche Ideologien zu sehen, sie zu identifizieren und ihnen entgegenzutreten. Die Zensur bestärkt die Hasserfüllten und überzeugt sie, dass ihre Gedanken wirklich herausfordernd sein müssen, wenn sie die Gesellschaft so sehr beunruhigen. Sie schwächt die Vernünftigen und entlastet uns von der menschlichen Pflicht, für das aufzustehen, was wir für richtig halten. Auch in diesem Bereich spiegelt das Campusleben das wider, was in der Gesamtgesellschaft geschehen ist, nämlich die Ausbreitung von Gesetzen gegen „Hassrede“.

Die Verfolgung der „Hassrede“ ist schlecht für uns alle. Für die, die schlicht und ergreifend kontroverse Haltungen vertreten und als Hassprediger abgestempelt werden, genauso wie für die, die wirklich hasserfüllten Ideologien entgegentreten möchten und die das nicht mehr effektiv tun können. Sie ist auch schlecht für die Minderheiten, die angeblich geschützt werden sollen und deshalb wie unmündige Kinder zu ihrem eigenen Wohl in moralische Quarantäne gesteckt werden, während Studentenführer oder Beamte bereitstehen, ihre zerbrechlichen Seelen zu schützen. Im Endeffekt müssen wir alle das Recht haben zu hassen. Hass ist ein Gefühl. Wenn eine Gesellschaft Gefühle kontrolliert, ist sie nicht frei. Sie ist dann so sehr vom Autoritarismus durchdrängt, dass selbsternannte Moralwächter sogar glauben, sie dürften uns sagen, was wir zu fühlen haben. Der Krieg gegen die Hassrede bedeutet nicht nur ein Ende der Meinungsfreiheit, sondern ein Ende der grundlegenden Gedankenfreiheit.