06.02.2026

Der zweite Tod durch Vergessen

Von Boris Kotchoubey

Titelbild

Foto: ManfredKain via Pixabay / CC0

Der sowjetische Massenmord an Deutschen in Ostpreußen vor 80 Jahren wird hierzulande oft ausgeblendet. Doch auch dieses Verbrechen verdient Erinnerung.

Wer nicht an einer psychopathischen Persönlichkeitsstörung leidet, wird an diesem Artikel keine Freude finden. Einige werden ihn nicht zu Ende lesen, sondern mit gemischten Gefühlen beiseiteschieben. Zum Trost kann ich nur sagen, dass mir das Schreiben noch viel unangenehmer war, zumal ich auch solche Details des unten Beschriebenen kennenlernen musste, die ich dem Leser lieber erspare. Mehrmals unterbrach ich mich und sagte mir, ich könne nicht weiter an dieses Thema denken, vom Schreiben ganz zu schweigen. Aber manchmal muss man eben durch.

Es handelt sich um eine der zahlreichen Barbareien des 20. Jahrhunderts. Dieser gab es im vorigen Jahrhundert viele, angefangen mit der Ermordung von (laut offiziellen Daten) 80 Prozent der Hereros in Südwestafrika bis zu den Ereignissen im ehemaligen Jugoslawien. Bei vielen dieser Verbrechen leugnen die Täter und deren Nachfolger das Geschehene immer noch. Aber ich kenne nur einen einzigen Fall eines Massenmordes, der überraschenderweise nicht nur von den Nachfolgern der Täter, sondern v. a. von den Nachfolgern der Opfer aktiv und massiv geleugnet wird.

Russische Quellen

In Russland war und bleibt dieses Thema ein absolutes Tabu. Ein paar Publikationen erschienen Ende der 1980er, Anfang der 1990er Jahre: Die Ölpreise lagen am Boden, und die sowjetische, später russische Regierung brauchte deutsches Geld. Mit der Füllung der Staatskasse mit Petrodollars war der Diskurs erledigt.

Die wenigen Russen, die von den Ereignissen 1945 bis 1947 in deutschen Ostgebieten (v.a. Ostpreußen, aber Ähnliches fand auch in Pommern statt) wissen, haben meist als einzige Quelle das Buch von Lew Kopelew „Aufbewahren für alle Zeit!“, herausgegeben in der BRD in beiden Sprachen (Deutsch und Russisch) Mitte der 1970er Jahre.1 Kopelew war ein Jude, zu jener Zeit ein Major der sowjetischen Armee, damals und etliche Jahre später noch überzeugter Marxist. Als Kommunist verinnerlichte er mit vollem Herzen die Worte des sowjetischen Oberpropagandisten Ilja Ehrenburg: „Sie [die Deutschen] können nicht den Großmut des sowjetischen Soldaten fassen […]. Wir überwinden den Faschismus nicht nur auf dem Schlachtfeld, sondern auch in der ethischen Schlacht zwischen Gut und Böse. Unser Hass ist ein hohes Gefühl, das nach einem Gericht und einer gerechten Strafe langt, aber nicht nach Gewalt und Rache. Der sowjetische Krieger will in Deutschland keine Beute, sondern Gerechtigkeit […]. [Er] ist höher als die Deutschen, höher nicht ‚vom Blut‘ (das sind die gemeinen Phantasmen selbsternannter ‚Arier‘), sondern vom Bewusstsein, vom Herzen, vom Gewissen.“2

Was Kopelew stattdessen in Ostpreußen sah, war das genaue Gegenteil dieser Worte: Ausplünderungen ganzer Ortschaften, Zerstörung der Häuser bis auf die Wände, Tötung der Kriegsgefangenen, Erschießungen von Kindern und Alten und v. a. eine nicht enden wollende Welle von Gruppenvergewaltigungen, deren Opfer alle Personen weiblichen Geschlechts zwischen 8 und 86 Jahren sein konnten. Die meisten dieser Frauen und Mädchen wurden danach ermordet oder begingen Selbstmord.

Da Kopelew dagegen protestiert hat, wurde er umgehend verhaftet und zu Arbeitslager verurteilt. Dieses schlimme Schicksal hatte aber zwei positive Konsequenzen: Erstens lernte er im Gefängnis einen gewissen Alexander Solschenizyn kennen, dessen Freund er trotz ideologischer Gegensätze wurde; zweitens – was für unser Thema relevant ist – konnte er bis zu seinem Arrest nur relativ wenige schreckliche Episoden beobachten und beschreiben. Deshalb meinten weitere Zeugen, die sein Buch gelesen haben, Kopelew habe die Gräuel bei weitem unterschätzt: Ihm wurde einfach keine Zeit gegeben, das ganze Ausmaß des Schreckens zu beobachten.

„Die Ostpreußen wurden aber nicht vertrieben, sondern umgekehrt sogar an der Flucht gehindert.“

Es ist furchtbar, die entsprechenden Dokumente zu lesen, und ich würde sie gerne vergessen und verdrängen, aber ein paar Beispiele müssen wir benennen, um zu vergegenwärtigen, was dort passiert ist. In Nemmersdorf (ca. 700 Bewohner; heute Majakovskoje) wurden 72 Zivilisten erschossen, Frauen und kleine Mädchen davor vergewaltigt, einige Frauen ans Scheunentor genagelt. In Göttchendorf (heute Godkovo) fand man in einem Zimmer sieben erschlagene Zivilisten, darunter drei Kinder; einem 15-jährigen fast nackten Mädchen wurden die Hände mehrmals zerstochen, es wurde mit Bajonettstichen in Brust und Bauch getötet. In Ziskau (heute Czyskowo) wurden alle Häuser geplündert und danach in Brand gesetzt; auf die Menschen (meistens Frauen und Kinder), die aus brennenden Häusern flohen, wurde mit Maschinengewehren geschossen. An einer Straße nicht weit von Grünberg (heute Zielona Góra) fand man eine tote Frau mit aufgeschlitzter Bauchhöhle, aus der der Fötus herausgerissen wurde und die danach mit Dreck und Heu gestopft wurde. In einem Dorf in der Nähe von Landsberg (heute Górovo Iłaveckie) wurden 37 Frauen und Mädchen zusammengesperrt und mehrere Tage nacheinander vergewaltigt; zwei Frauen, die dabei geschrien haben, wurden die Zungen herausgeschnitten. Es folgen weitere Einzelheiten dieser Art – eine Seite nach der anderen.3

Völlig verlogen in diesem Zusammenhang ist der euphemistische Begriff „Vertriebene“. Der Begriff „Vertreibung“ wird heutzutage sehr breit ausgelegt. Zweifellos wurden auch viele Deutsche nach dem Zweiten Weltkrieg u. a. aus Tschechien oder Schlesien vertrieben. Die Ostpreußen wurden aber nicht vertrieben, sondern umgekehrt sogar an der Flucht gehindert. Sie mussten fliehen, um dem Tod zu entkommen, und wer nicht geflohen ist, durfte sich glücklich schätzen, wenn er gleich erschossen und nicht gefoltert und gemartert wurde. Solange der Krieg andauerte, hat die sowjetische Armee Fluchtversuche verhindern wollen, Züge mit Zivilisten beschossen, gebombt, hunderte Fliehende mit Panzerketten zermalmt. Die Versenkung der „Wilhelm Gustloff“ mit ihren zwischen 4000 und 9000 Toten ist nur der spektakulärste und der bekannteste von vielen Fällen militärischer Angriffe auf fliehende Menschen. Das war das genaue Gegenteil von „Vertreibung“.

Alles Propaganda?

Viele konkrete Fälle von Massenmord an Zivilisten in den Ortschaften, die im Frühjahr 1945 kurzfristig zurückerobert wurden, wurden von den Ermittlern der Wehrmacht aufgedeckt. Dieser Fakt öffnete vielen offiziellen Kriegshistorikern die Möglichkeit, den Massenmord als „nationalsozialistische antisowjetische Propaganda“ wegzuerklären. Aber die Angaben der Wehrmacht werden von den Zeugen, die keinerlei nationalsozialistischer Propaganda unterworfen waren, nicht nur bestätigt, sondern weit übertroffen. Zwar hat Goebbels alle ihm bekannt gewordenen Fälle in seiner Propaganda ausgeschlachtet: aber die Menschen in den Ostgebieten, die über die Grausamkeiten der Roten Armee im Nazi-Funk gehört hatten, berichteten später, dass diese Propaganda-Warnungen im Vergleich mit der Wirklichkeit des Terrors ab 1945 als blasse Untertreibung erschienen.

Einer dieser Zeugen war Hans Graf von Lehndorff, Chirurg im Krankenhaus Königsberg.4 Sein Bruder Heinrich war ein Verbindungsoffizier im „Plan Walküre“ beim Generalmajor von Tresckow. Er hatte sich am Attentat vom 20. Juli 1944 beteiligt. Am 4. September wurde er erhängt. Die Mutter von Hans und Heinrich wurde mit aller Härte von der Gestapo verhört, aber am Ende wegen unzureichender Beweise entlassen. Wenige Monate später wurde sie von den Russen ermordet. Ich wiederhole: Die Frau wurde aus der Gestapo-Haft entlassen, obwohl sie die Mutter eines Staatsverbrechers war, jedoch von NKWD-Leuten erschossen, nur weil sie eine Deutsche war.

„Besonders schlimm waren die Ereignisse in Ostpreußen und Pommern; in anderen Regionen verhielten sich die gleichen russischen Besatzungssoldaten wesentlich besser, in manchen sogar vorbildlich korrekt.“

Noch weniger Grund für eine Vorliebe für das NS-Regime hatte Michael Wieck.5

Natürlich ist es unter den damaligen Umständen unmöglich zu erwarten, dass jeder konkrete Vorfall, der von einem oder einer Gruppe von Zeugen dargestellt wurde, auch von anderen vollkommen unabhängigen Zeugen bestätigt werden konnte. Aber die Gesamtlage wurde von so vielen Menschen verschiedenster Herkunft (auch u.a. in Tagebüchern und Briefen sowjetischer Offiziere) mit einer ausschöpfenden Genauigkeit beschrieben, die keinen Zweifel zulässt. Wenn ein Zeuge berichtet, das Objekt X habe einen dünnen Schwanz; ein anderer, das Objekt habe einen Rüssel; ein dritter, das Objekt habe dicke Beine; und ein vierter, das Objekt habe grobe, raue Haut – dann wird niemand auf die Idee kommen zu behaupten, dass die Zeugnisse einander widersprechen. Im Gegenteil ist klar, dass alle Zeugen ein und dasselbe wahrgenommen haben, nämlich einen Elefanten.

Erklärungsansätze

Zwei gängige Erklärungen stehen sofort bereit, wenn man sich an diese Ereignisse erinnert: Die Russen als Barbaren und die „nachvollziehbare Rache“ für die Verbrechen der SS und Gestapo in der Sowjetunion. Die zwei Erklärungen werden oft miteinander verknüpft: Die Russen seien dermaßen unterentwickelt gewesen („Steppenkinder“), dass sie in ihrer – im Prinzip gerechten – Rache nicht zwischen tatsächlichen NS-Verbrechern und sonstigen Deutschen zu differenzieren vermochten.

Die beiden Erklärungen taugen nichts. Nichts in der Geschichte ostslawischer Völker weist darauf hin, dass sie, auch zu den barbarischsten Zeiten, ihre Rachegefühle auf diese Art und Weise ausgelebt hätten. Unter den vielen Ethnien, deren Angehörige in der Sowjetarmee dienten, gab es solche, die noch im 20. Jahrhundert die Traditionen der blutigen Familienfehde hielten, aber niemals wurden bei einem solchen Sippenkrieg Mädchen des feindlichen Stammes geschändet. Die Barbarentheorie widerspricht vollkommen der ganzen Geschichte der früheren Kriege zwischen Deutschland bzw. Preußen und Russland. Auch im Ersten Weltkrieg wurde Ostpreußen zeitweise von russischen Kosaken („Steppenkindern“) besetzt, aber nur einzelne Fälle von Gewalt gegenüber der Zivilbevölkerung sind bekannt, keinesfalls ein Massenterror. Der Massenmord an Deutschen und die Massenvergewaltigung deutscher Frauen und Mädchen fanden streng regional statt. Besonders schlimm waren die Ereignisse in Ostpreußen und Pommern; in anderen Regionen verhielten sich die gleichen russischen Besatzungssoldaten wesentlich besser, in manchen sogar vorbildlich korrekt.

Das Schicksal der Kriegsgefangenen liefert das entscheidende Argument gegen die beiden Erklärungen. Millionen Deutsche gingen nach dem Krieg in sowjetische Gefangenschaft. Die überwiegende Mehrheit waren Männer, die meisten davon mit Kriegserfahrung. Die Wahrscheinlichkeit, dass einige von ihnen bei Kriegsverbrechen der Wehrmacht und anderen deutschen Machtstrukturen auf dem sowjetischen Boden mitgemacht hatten, war jedenfalls viel höher als bei dreizehnjährigen Mädchen oder chronisch kranken Greisen. Gegenüber diesen Kriegsgefangenen hätte man besonders starke Rachegefühle seitens der Russen erwarten können. Sie, und nicht die zu Hause gebliebenen Frauen und minderjährigen Kinder, hätten als „deutsches Grundübel“, als Ursache des Leides in Russland, Weißrussland und der Ukraine angesehen werden müssen. Und jetzt als Gefangene waren sie hilflos und den Russen völlig ausgeliefert.

Aber, oh Wunder: Die Fälle absichtlicher Gewalttaten gegenüber deutschen Kriegsgefangenen waren seltene Ausnahmen, die durch psychopathologische Abweichungen der Einzelnen erklärt werden können. Die Bedingungen in den Gefangenenlagern waren im Allgemeinen sehr hart, besonders in den ersten Nachkriegsjahren, und viele Menschen starben an Unterernährung und Krankheiten. Nicht zu vergessen ist allerdings, dass auch die Allgemeinbevölkerung der Sowjetunion in diesen Jahren hungerte, und dass die Bedingungen in sibirischen Arbeitslagern für politische Haftlinge noch härter waren als für Kriegsgefangene. Die Bedingungen der deutschen Gefangenen in russischen Lagern waren in dem Maße schlimmer als z.B. in britischen, wie auch die allgemeinen Bedingungen in der UdSSR schlimmer waren als in Großbritannien. Aber es gibt überhaupt keine Hinweise darauf, dass das Verhalten der russischen Bevölkerung, der sowjetischen Soldaten oder der Wächter in den Gefangenenlagern durch spezielle Rachegefühle oder vorsätzliche Grausamkeiten gekennzeichnet worden sei. Oft versuchten russische Frauen, selbst bettelarm, einem abgemagerten deutschen Ex-Soldaten ein Stück Brot zu geben. Fluchtversuche einiger deutscher Kriegsgefangener gelangen gerade deshalb, weil die einfachen Russen und Ukrainer sie auf ihrem Weg unterstützten. Wilde Rachegefühle sehen nicht so aus.

„Wer zwischen Ländern und Menschen nicht unterscheidet, hat bis zu dieser Stelle ohnehin nicht gelesen.“

Völlig anders war das Schicksal der Deutschen v.a. aus der Region Königsberg, die nicht im russischen Hinterland, sondern vor Ort unmittelbar nach dem Kriegsende gefangen gehalten wurden. Diese wurden nicht bloß härtesten Bedingungen ausgesetzt, sondern – wenn nicht gleich getötet, oft nach Folterungen – vorsätzlich ausgehungert und zu einem langsamen Tode verurteilt, indem sie z.B. im Winter zu Dutzenden in engen Kellerräumen eingesperrt wurden, wo sie keinen Platz zum Sitzen (geschweige denn Liegen) hatten, fast kein Essen und Trinken bekamen und keine Toilette vorhanden war. Manchmal wurde der eine oder der andere „zum Verhör“ gerufen, welches meistens darin bestand, dass dem Verhörten Zähne ausgeschlagen oder Rippen gebrochen wurden. Die Stärkeren unter den zusammengedrückten Menschen mussten zusehen, wie die Schwächeren nacheinander tot umfielen, bis auch sie an der Reihe waren.

Zum Überleben gab es wenige Möglichkeiten. Erstens musste man, wie Michael Wieck und Hans Graf von Lehndorf, jung und kerngesund sein, ansonsten waren die Strapazen nicht auszuhalten. Als die Leichenberge zu stinken anfingen, begriff die sowjetische Verwaltung, dass ohne die noch lebenden deutschen Ärzte und medizinisches Personal bald Massenepidemien unter den eigenen Soldaten ausbrechen würden. Bei extremem Hunger hatte man keine andere Wahl als die Russen zu bestehlen; wer ertappt wurde, wurde natürlich am Ort und Stelle erschossen, aber die Geschickteren überlebten. Wenige ‚Glückliche‘ wurden bald nach Kriegsende nach Osten in die Tiefe russischer Wälder abtransportiert, wo sie zwar jahrelang Knochenarbeit unter schwersten Lagerbedingungen leisten mussten, doch höhere Überlebenschancen hatten als die Menschen vor Ort. Nützlich war es ebenfalls, wenn man zu Fuß, meistens sogar barfuß (andere Transportmittel waren genauso unerschwinglich wie ein paar Schuhe) den südlichen Teil Ostpreußens erreichen konnte, der zwar auch von der Roten Armee besetzt war, aber von Polen verwaltet wurde. Die Vernichtungspolitik der Sowjets war dort weniger konsequent als im Gebiet um Königsberg, und der polnische Geheimdienst wütete zwar ebenfalls, kümmerte sich aber mehr um Raub und persönliche Bereicherung als um das Morden.

Denjenigen gegenüber, die auf freiem Fuß blieben, verhielt sich die Sowjetmacht auf dieselbe Art und Weise wie 1931 bis 1933 mit dem eigenen Bauernvolk: Ihnen wurde jede Existenzmöglichkeit genommen, so dass sie spätestens im nächsten harten Winter entweder verhungern oder erfrieren mussten. Im Winter 1946/47 hielten sich die Temperaturen mehrere Wochen lang unter minus 20 Grad Celsius.

Diese den Fakten und der Logik widersprechenden Erklärungsversuche sind nur ein Teil der Ablenkungsstrategie, deren Ziel es ist, die ungeheuren Gräueltaten herunterzuspielen. Ein weiteres wirksames Verdrängungsmanöver bei der Erwähnung Ostpreußens im Kontext des Zweiten Weltkriegs ist die giftige Beimischung einer ostpreußischen Nostalgie. Nichts Derartiges interessiert mich heute. Gebiete kommen und gehen, Länder ändern ihre Namen und Identitäten, wechseln ihre Herrscher, Imperien bilden sich und zerfallen, und das ist die natürlichste Sache der Welt. Das Leid der Menschen vergeht aber nicht. Allerdings muss ich dies wahrscheinlich nicht erklären, denn wer zwischen Ländern und Menschen nicht unterscheidet, hat bis zu dieser Stelle ohnehin nicht gelesen.

Auch die prinzipielle Aussöhnung mit Russland ist kein Thema. Prinzipiell ist eine Aussöhnung zwischen zwei Völkern immer möglich, auch z.B. zwischen Deutschen und Israelis oder zwischen Deutschen und Französen, einstigen „Erzfeinden“. Die Anerkennung der Gewalt 1945 bis 1947 kann auch kein Hindernis dafür sein. Schließlich tragen ‚die Russen im Allgemeinen‘ genauso wenig Schuld an diesem Verbrechen wie ‚die Deutschen im Allgemeinen‘ am Holocaust. Aber das gemeinsame Gedenken an den vergangenen Horror sollte die Basis für eine Aussöhnung bilden. Das totale Vergessen und Verdrängen ist das genaue Gegenteil von Aussöhnung. Nur die Wahrheit befreit von Misstrauen und Unmut.

Opferzahlen

Zur Gesamtzahl der Opfer gibt es nur Schätzungen. Die höchste Zahl wurde mit der sogenannten demographischen Methode erhalten, d.h. als Differenz zwischen den Bevölkerungszahlen davor und danach. Es ist (ungefähr) bekannt, wie viele Bewohner es in Ostpreußen und Pommern vor dem Krieg gab, wie viele geflohen sind und wie sich die natürliche Bevölkerungsdynamik in diesen Jahren ohne den Krieg entwickelt hätte. Die Anwendung dieser Methode ergibt ein Defizit zwischen 2,2 und 2,4 Millionen „verlorenen“ Menschen. Diese Schätzungen, die hauptsächlich auf dem Ergebnis der Volkszählung 1950 beruhen, sind ungenau und wurden dafür zurecht kritisiert. Dennoch muss man betonen, dass die demographische Methode eine akzeptierte und häufig verwendete Methode in der Geschichtswissenschaft ist.

Der kirchliche Suchdienst kam z.B. auf eine deutlich niedrigere Zahl von 470.000 getöteten Zivilisten aus allen deutschen Ostgebieten einschließlich Schlesien und Sudeten, wovon aber Ostpreußen und Pommern eine große Mehrheit ausmachten. Im Gegensatz zu der demographischen Methode wurden damit nur gesichert Gestorbene gezählt, ohne die große Masse von „Vermissten“, deren Schicksal weder 1950 (im Jahr der Volkszählung) noch später bekannt wurde.

„Die Sowjetunion hat das internationale Abkommen über die Behandlung der Kriegsgefangenen von 1929 nicht unterschrieben.“

Die Streuung der Zahlen ist groß. Wer an die Präzision quantitativer Angaben besonderen Wert legt, sollte sich für andere Wissensbereiche interessieren, z.B. für die klassische Mechanik, aber nicht für die Kriegsgeschichte. Wie schon oben gesagt, basiert jede Schätzung auf ungeprüften Annahmen, doch sind diese Zahlen für die Opfer in Ostpreußen und Pommern weder genauer noch ungenauer, weder kritikwürdiger noch weniger kritikwürdig als die meisten anderen Zahlen, die die großen Katastrophen des 20.Jahrhunderts beschreiben und die wir leichtfertig aussprechen, „man weiß ja, dass…“. Bei all den problematischen Seiten der o.g. demografischen Methode werden viele allgemein bekannte Zahlen zum Zweiten Weltkrieg mit ebendieser Methode erhalten, u.a. die Gesamtzahl der Toten bei den zwei Hauptbeteiligten (ca. 27 Millionen in der UdSSR, ca. 8 Millionen in Deutschland).

Deshalb ist es enorm wichtig zu betonen, dass die Zahlen zwar aus rein arithmetischer Sicht sehr unterschiedlich sein können, doch aus rechtlicher und ethischer Sicht diese Unterschiede vollkommen belanglos sind. Es handelt sich um das größte Massaker an Deutschen in der Geschichte. Ob diese Tötungsorgie als Völkermord qualifiziert werden soll, kann nur ein kompetentes Gericht entscheiden. Keinem Gericht wurde bisher diese Frage gestellt, und wo kein Kläger, da auch kein Richter.

Hinzuzufügen wäre, dass die obigen Zahlen nur zivile Opfer betreffen. Mir ist keine plausible Schätzung der Zahl der getöteten gefangenen Militär- und Polizeiangehörigen bekannt. In der Regel wurden die in Ostpreußen gefangengenommenen deutschen Soldaten und Polizisten umgehend erschossen. Wie viele es waren, weiß niemand. Die Sowjetunion hat das internationale Abkommen über die Behandlung der Kriegsgefangenen von 1929 nicht unterschrieben.6

Mehr als Kriegsverbrechen

Ein typischer Reflex beim Berühren dieses Themas ist der Vergleich mit den anderen Kriegsverbrechen der Alliierten. Als Die Welt online einen Artikel über die Flucht aus Königsberg veröffentlichte, stand schon nach wenigen Minuten im ersten Leserkommentar „Schande für den Autor!“ – Schande deshalb, weil er nicht über die Bombardierung Dresdens geschrieben hatte (was gar nicht sein Thema war). Der Vergleich hinkt aber aus mehreren Gründen. Die erste deutsche Großstadt, die durch die Bombenangriffe der Royal Air Force weitgehend zerstört wurde, war nicht Dresden, sondern fast ein halbes Jahr zuvor Königsberg. Dass die großflächige Bombardierung Königsbergs im Gegensatz zu der Dresdens keinen Platz in der Erinnerung hat, erscheint sehr symptomatisch: An Ostpreußen hat man in Deutschland nicht zu denken.

Sowohl die britischen Bombardements deutscher Städte (wofür paradigmatisch Dresden steht) als auch die amerikanischen Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki waren – jedenfalls nach heutigen Maßstäben – Kriegsverbrechen, d.h. verbrecherische Kriegshandlungen. Sie hatten, zumindest pro forma, bestimmte Kriegsziele. Als Mittel zu diesen Zielen waren sie amoralisch und zum Teil auch ungeeignet, aber sie waren Aktivitäten im Laufe des Krieges. Die Briten haben keine deutsche Stadt zugrunde gerichtet, nachdem sie diese bereits eingenommen hatten, und schon gar nicht nach dem 8. Mai 1945. Auch die Amerikaner haben ihre Bomben geworfen, um die Kapitulation Japans zu erzwingen, aber nicht nach der Kapitulation.

Aber genau das haben die Sowjets getan: Sie haben gemordet in den Ortschaften, die vollständig unter ihrer Kontrolle waren, und zwar sowohl vor als auch nach der bedingungslosen Kapitulation Deutschlands. In ihrem Morden kann man beim besten Willen nicht den geringsten militärischen Sinn finden. Sie haben bewusst und absichtlich auf unbewaffnete Zivilisten, auf Frauen und Kinder (auch Säuglinge) geschossen, sie mit Bajonetten erstochen, mit Panzern überrollt, bei lebendigem Leib verbrannt, ihnen Köpfe zerschlagen, und das ist etwas ganz anderes als den Tod von Zivilpersonen bei militärischen Operationen „in Kauf zu nehmen“. In dieser Hinsicht sind sie nicht vergleichbar mit den zahlreichen anderen Kriegsverbrechen im Laufe des Zweiten Weltkriegs, sondern mit der nationalsozialistischen Vernichtungspolitik, die genauso wie die sowjetische Vernichtungspolitik die Angriffe auf Zivilisten nicht als Fortsetzung des Krieges mit anderen Mitteln (noch unmoralischeren als der Krieg selbst), sondern als vorsätzliches Morden als Selbstzweck betrieben hat.

Der real existierende Bolschewismus

Die oben erwähnte Analogie zum Holodomor zeigt aber, dass jeder, der über die Geschichte des Bolschewismus zumindest einige wenige gute Bücher gelesen hat, die Erklärungen wie „das Barbarentum der Russen“ oder „die ungehemmte Rache“ nicht braucht. Der Massenmord in den deutschen Ostgebieten war nur eine – wenn auch in einigen Aspekten die abscheulichste – der vielen Operationen dieser Art, die von Tscheka/NKWD/KGB und der diesen Geheimdiensten hörigen Armee immer wieder durchgeführt wurden. Zwar gab es in anderen ähnlichen Fällen keine Massenvergewaltigungen; aber Massentötungen von Menschen ohne jegliche individuelle Schuld, einfach weil sie einer „falschen“ sozialen Gruppe angehörten (Intellektuelle, Geistliche, Grundbesitzer o.ä.) waren gang und gäbe. Viele Priester der orthodoxen Kirche wurden z.B. 1922 nach der Anordnung Lenins einfach zu Demonstrationszwecken erhängt. Im Jahr davor hat die Rote Armee gegen aufständische Bauern Giftgas eingesetzt. Die ganze Geschichte dieser Strukturen ist praktisch eine Kette von Massakern.

Etwas neu war die Definition der zu vernichtenden Gruppe nicht nach sozialen, sondern nach nationalen Kriterien. Aber auch in dieser Hinsicht waren die Deutschen in Ostpreußen nicht die ersten: Bereits 1939 wurden in den von der Roten Armee eroberten Ostgebieten Polens zahlreiche Vertreter der polnischen gebildeten Kreise als Polen (nicht als Kapitalisten, Grundbesitzer o.ä.) hingerichtet, was im April/Mai 1940 in der Erschießung von circa 22.000 Polen (darunter mehr als 8000 Zivilisten) im Katyn-Wald gipfelte. Schon während des Krieges folgten die Deportationen von Russlanddeutschen, Tschetschenen, Kalmücken, Krimtataren, ukrainischen Bulgaren nach ausschließlich ethnischem Merkmal.

Was die Bolschewiken aber im Gegensatz zu den Nationalsozialisten nicht waren: Sie waren keine Rassisten. Ihren Grausamkeiten lag keine pseudobiologische Lehre zugrunde. Unter den 22.000 in Katyn erschossenen polnischen Bürgern waren fast 1000 ethnische Juden und mindestens mehrere Dutzende Ukrainer und Weißrussen. Nicht anders war es auch in Ostpreußen: Die ukrainischen Frauen, die 1941/42 nach Ostpreußen zur Zwangsarbeit verschleppt worden waren, wurden von den Rotarmisten genauso brutal misshandelt wie die französischen Kriegsgefangenen. Dass die Ersteren eigentlich Sowjetmenschen und die Letzteren Bürger eines alliierten Staates waren, spielte nicht die geringste Rolle. Michael Wieck hat bei seiner ersten Begegnung mit sowjetischen Soldaten zwar versucht, ihnen zu erklären, dass er als Jude das Opfer desselben Systems ist, gegen das sie kämpfen, hat aber sofort eingesehen, dass dieses Argument völlig ohne Belang war. Jede menschliche Person auf dem neubesetzen Territorium wurde als zu vernichtender Feind bestimmt, ohne Rücksicht auf Blut, Rasse, Konfession, soziale Herkunft, ohne Unterscheidung zwischen überzeugten Nazis und Widerstandskämpfern.

„Auch der Verfall der Disziplin in der Roten Armee im Winter/Frühling 1945 war ein Faktor.“

Niemand kann leugnen, dass auch persönliche Faktoren, wie der (z.T. verständliche) Hass auf Deutsche, Rachegefühle, sexuelle Amoralität bei diesem Verbrechen eine Rolle gespielt haben. Solche „Trittbrettfahrereffekte“ sind immer vorhanden, aber sie bieten keine Erklärung, sondern können im Gegenteil die Erklärung vernebeln. Die Erklärung der Massentötungen in Ostpreußen als spontanen Hassausbruch der Russen ist nicht viel besser als der nationalsozialistische Versuch, die Ereignisse der Reichspogromnacht vom 9. November 1938 durch spontanen (und „gerechten“) Hass der Deutschen auf Juden zu erklären.

Auch der Verfall der Disziplin in der Roten Armee im Winter/Frühling 1945 war ein Faktor. Darüber beschwerten sich sowohl zahlreiche Offiziere niederer Ebenen in ihren Briefen und Tagebüchern als auch Kommandeure des höchsten Ranges wie z.B. der Marschall Konstantin Rokossowski. Aber selbst wenn die Gewalt „von unten“ kam, könnten „die von oben“ ihr jederzeit Einhalt gebieten, wenn sie das nur wollten. Die Maßnahmen, mit denen man sogar aus einer pöbelhaften, verwilderten Masse Bewaffneter im Nu eine höchst disziplinierte Armee herstellt, waren der bolschewistischen Heerführung seit Trotzki bekannt; sie beherrschten diese Maßnahmen im höchsten Maße und wandten sie mit großem Erfolg bereits 1918/19 an.

Sowjetisches Vorgehen

Gegen die Erklärung des ostpreußischen Massenmordens als angeordneter Säuberung kann man argumentieren, dass ab und zu die Täter auch von sowjetischen Militärgerichten geahndet und abgeurteilt wurden. Dieses Argument liegt aber in der Unkenntnis der realen Praxis des Stalinismus. Die Terrormaßnahmen Stalins waren stets absichtlich inkonsequent, damit die tausenden Menschen, die seine verbrecherischen Befehle ausführten, niemals sicher sein konnten, dass sie auf der richtigen Seite standen. Bekannt ist die Geschichte der Zwangskollektivierung, die von der Regierung in einer Erklärung vom 5. Januar 1930 verordnet wurde, aber schon am 2. März 1930 erschien in „Prawda“ auf der ersten Seite Stalins Artikel „Schwindel vom Erfolg“ (deutsche Übersetzung hier), in dem der Generalsekretär die Menschen hart angriff, die „mit zu viel Eifer“ und „zu wenig Taktgefühl“ seine eigene Politik durchgesetzt hatten, Viele dieser Personen wurden bestraft. Niemand durfte genau wissen, ob er zu viel oder zu wenig Eifer an den Tag legte: Die Parteilinie war keine Gerade, sondern eine aperiodische Oszillation, in der niemand – nicht mal ein Joseph Fourier – erahnen konnte, was die nächste Ausschwankung sein konnte, und ob er dann wegen einer linken oder einer rechten Abweichung an den Pranger gestellt würde.

Ähnlich ist es mit dem zweiten, stärkeren Argument gegen die Erklärung des ostpreußischen Massenmordens als eine der vielen bolschewistischen Mordaktionen: Ein Befehl zu dieser Aktion fehlt. Es gab in Moskau nichts Vergleichbares zur Wannseekonferenz in Berlin, und auch keinen schriftlichen Beschluss, Ostpreußen „deutschfrei“ zu machen. Aber warum musste dieser Beschluss schriftlich erfasst werden? In einem kriminellen System wie dem stalinistischen reichte nicht bloß ein Wort, sondern sogar nur ein Wink des Führers, und die ganze Hierarchie von oben nach unten begann, seinen Wunsch zu erfüllen und seine Ideen zu verwirklichen.

Wenngleich man in den Archiven keine offiziellen Direktiven bis Ende April 1945 (s.u.) findet, die die deutsche Zivilbevölkerung betreffen, war die Tötung von Kriegsgefangenen in der sowjetischen Armee eine übliche Praxis, die von wiederholten Befehlen der Befehlshaber von Armeen und Fronten bestätigt wurde: „Wir brauchen keine Gefangenen – der Feind muss vernichtet werden!“ Indem die Propaganda immer öfter die Begriffe „Faschist“ und „Deutscher“ als Synonyme verwendete, konnte die Lizenz zum Töten wehrloser Menschen zunehmend im erweiterten Sinne ausgelegt werden.

„Wie steht die gegenwärtige deutsche Gesellschaft zu den damaligen Ereignissen?“

Offiziell gab es mit dem Einmarsch in Ostpreußen eine neue Anordnung, nach der die Soldaten entsprechend ihrem Rang Pakete von 16 bis 32 Kilogramm pro Monat in die Heimat senden durften. Selbstredend konnte der Inhalt dieser Pakete nur gestohlen und geraubt sein, denn ansonsten hatten die russischen Soldaten keinen eigenen Besitz. Die Anordnung war also eine Erlaubnis zum Marodieren, und davon ist es zum Morden bei schwer bewaffneten und undisziplinierten Menschen oft nur ein kleiner Schritt.

Eine andere Direktive Stalins datiert vom 30. April 1945 und schreibt vor, das Verhältnis der Rotarmisten zu den Deutschen zum Besseren (!) zu ändern. Interessanterweise beschreibt dieses Dokument genau das Gebiet, wo diese Besserung stattfinden soll: Westlich von Oder und Neiße, d. h. dort, wo später die Macht an die schon im Startloch wartende Ulbricht-Mannschaft übergeben werden sollte. Dementsprechend wurde die Direktive nur an die Heerführung der zwei Fronten gesendet, die vier Tage zuvor den Befehl bekommen hatten, in diese Gebiete einzumarschieren. Die Kommandeure der 2. und 3. Weißrussischen Fronten, die in Ostpreußen und Pommern kämpften, erhielten die „mildernde“ Direktive nicht.

In diesem Zusammenhang kann man das Gespräch zwischen Truman und Stalin in Potsdam am 21. Juli 1945 besser nachvollziehen. Truman und Roosevelt bestanden darauf, die künftige Grenze zwischen Deutschland und Polen erst nach dem Abschluss der Friedensverhandlungen zu besprechen, worauf Stalin antwortete, dass es leider nicht mehr möglich sei, östlich der Oder-Neiße-Linie deutsche Verwaltung wiederherzustellen, da dort so gut wie keine Deutschen mehr geblieben seien. Die Alliierten wurden zynisch vor ein fait accompli gestellt: Wenn es in bestimmten Gebieten gar keine deutsche Bevölkerung mehr gab, dann entfiel auch die Streitfrage, ob diese Gebiete Deutschland oder Polen gehören sollten.

Natürlich ist dies alles Geschichtswissenschaftlern längst bekannt. Ich sage in diesem Artikel nichts Neues. Wie oben erwähnt, bleiben unter Experten noch viele Einzelheiten Streitfragen, für die allgemeine Beurteilung des Geschehens sind diese Einzelheiten jedoch belanglos.

Kein Erinnern

Aber in diesem Text geht es nicht um Geschichtswissenschaft und auch nicht um die Geschichte. Sondern um die Gegenwart. Wie steht die gegenwärtige deutsche Gesellschaft zu den damaligen Ereignissen?

Die Antwort lautet: gar nicht. Man kann es als positiv deuten, dass die Deutschen keine Rachegefühle hegen. Das Problem ist aber, dass sie in Bezug auf den in der Geschichte schlimmsten Massenmord an Deutschen, und vor allem an deutschen Frauen und Mädchen, nicht nur keine Rachegefühle, sondern überhaupt keine Gefühle hegen. Während wir immer wieder hören, wie schlimm es sei, wenn die politischen Einstellungen statt von kalter Vernunft von Emotionen geleitet werden, haben wir hier den umgekehrten Fall. Was könnte natürlicher sein als Empörung, Schrecken, tiefe Trauer beim Gedanken daran, dass ‚unsere‘ Ehefrauen, ‚unsere‘ Töchter, ‚unsere‘ Schwestern auf bestialische Art und Weise misshandelt wurden? Doch nein, in diesem Fall wird das scheinbar naturgegebene emotionale Erleben vollständig von der Ideologie verdrängt.

Denn der deutsche Diskurs wird von zwei mächtigen ideologischen Narrativen beherrscht. Im meist verbreiteten, sogenannten ‚linken‘ Narrativ gilt das eigentlich rassistische Prinzip, nach welchem die Deutschen, allein weil sie deutsch waren, an allen Verbrechen der damaligen Zeit für alle Ewigkeit Schuld tragen und selbst die brutalsten Vergehen an völlig Unbeteiligten (einschließlich Gruppenvergewaltigung und Kindermord) als verdiente Strafen betrachten sollen. Dieses halboffizielle ‚linke‘ Narrativ wird begleitet und ergänzt vom scheinbar alternativen „rechtsnationalen“ Narrativ, in dessen Rahmen die westlichen Demokratien und v.a. der große Satan jenseits des Atlantiks die einzige Quelle alles Bösen in der Welt sind, während bei den asiatischen Despotien und bei mörderischen Terrorbanden sogar die abscheulichsten Untaten als „Akte der Verteidigung gegen den westlichen Imperialismus“ gerechtfertigt (oder, wenn das Ausmaß der Brutalität keine Rechtfertigung zulässt, einfach ignoriert) werden.

Keiner dieser Ideologien passt das ostpreußische Massaker in ihre Weltsicht, und die Tatsache, dass die beiden Ideologien einander nur scheinbar widersprechen, tatsächlich aber in der Geschichte der BRD miteinander verflochten sind (Stichwort RAF), macht die Sache noch schlimmer. Das erstere Narrativ hat Schwierigkeiten anzuerkennen, dass auch die „Befreier“ Deutschlands solche Untaten begingen, die als absolute Spezialität der SS-Mörder gelten. Das letztere Narrativ wird seinerseits mit dem Paradox konfrontiert, warum, obwohl die bösen Kriegstreiber im Westen sitzen, Millionen Deutsche dennoch von Osten in die westliche Richtung flohen. Wenn der Morgentau-Plan die größte Gefahr für das deutsche Volk war, warum hat niemand die Mengen von Deutschen gesehen, die aus der amerikanischen Besatzungszone nach Osten zu den russischen Freunden flohen?

„Es überrascht nicht, dass in Russland diese Geschichte nie thematisiert wurde.“

Wenn also die Fakten in kein Modell reinpassen, dann gab es diese Fakten nicht, das Massaker hat nie stattgefunden, und die Hunderttausende Opfer existieren im Gedenken des Volkes nicht. Ich kenne heute kein Fragment der deutschen Gesellschaft, keine einigermaßen bedeutsame Splittergruppe, keine „alternative“ politisch-mediale Richtung, in der des in der Geschichte schlimmsten Verbrechens an Deutschen gedacht und darum getrauert würde. Ich kenne keinen symbolischen Ort, an dem man im Gedächtnis an die Ermordeten und Gefolterten Blumen niederlegen könnte – und gibt es jemand, der einen solchen Ort braucht? Jede einzelne – ungeprüfte – Nachricht über das Leid eines Kindes früher in Vietnam oder heute in Gaza berührt die Gemüter der deutschen Öffentlichkeit viel stärker als bewiesene Fakten über das unermessliche Martyrium von Zigtausenden deutscher Frauen und Kinder in den Ostgebieten.

Es überrascht nicht, dass in Russland diese Geschichte nie thematisiert wurde. Die politische Spitze in der UdSSR und später in der Russischen Föderation war und ist immer noch direkte politische Nachfolgerin der Organisatoren der damaligen Mordaktion. Das damalige NKWD wird heute in Moskau ganz offiziell als Vorgänger der Strukturen, aus denen alle gegenwärtigen Machthaber hervorkommen, anerkannt und gepriesen.

Aber wie es im bekannten journalistischen Witz heißt: Es ist keiner Meldung wert, wenn ein Hund einen Menschen gebissen hat; aber man soll darüber berichten, wenn ein Mensch einen Hund gebissen hat. Wenn Verbrecher ihre Tat leugnen, ist es keine Sensation; jeder Straatsanwalt kennt Dutzende solcher Fälle. Dass aber die Opfer das Verbrechen dieses ungeheuren Ausmaßes ignorieren, als ob es gar nichts gegeben hätte, ist etwas Einzigartiges, das meines bescheidenen Wissens keine Parallele kennt. Da könnte ich sogar die zynische Anmerkung des russischen Armeegenerals Tretjak nachvollziehen, der in Antwort auf ein Buch von Antony Beevor7, wo auch das Thema Massenvergewaltigung durch sowjetische Soldaten angesprochen wird, nebenbei sagte: „Seltsam, warum sich ein gegenwärtiger Engländer so plötzlich um die 60 Jahre alten Vorfälle mit angeblichen deutschen Opfern kümmert, an die sich die Deutschen selbst nicht mehr erinnern.“

Viele Beobachter und Erforscher des Totalitarismus im 20. Jahrhundert, u.a. George Orwell8, Igor Schafarewitsch9 und besonders deutlich Hannah Arendt10, wiesen darauf hin, dass das Ziel der totalitären Massenvernichtung im Gegensatz zu einem trivialen Mord nicht darin besteht, dass bestimmte Personen nicht mehr leben, sondern dass sie nie gelebt haben. Auch die letzten Spuren der Opfer sollen vollständig ausradiert werden; im Gedächtnis der noch Lebenden sollen keine Reste der Erinnerung an die Verschwundenen bleiben; diese haben niemals existiert. Indem die Hunderttausenden deutschen Opfer von 1945 bis 1947 aus dem öffentlichen Diskurs vollständig ausgelöscht werden, werden sie heute zum zweiten Mal ermordet – diesmal von Deutschen selbst.

Im Übrigen waren auch die Mörder der Hamas keine Rassisten: Ihre Opfer am 7. Oktober 2023 waren nicht nur Juden, sondern auch Araber, Beduinen, Thailänder und Tansanier. Unter anderem wurden auch französische und deutsche Bürger teils getötet, teils als Geiseln verschleppt. Frankreich hielt für die Ermordeten eine Trauerzeremonie ab und setzte sich energisch und erfolgreich für die Befreiung seiner lebendigen Geiseln ein. In Deutschland hat dagegen von den deutschen Geiseln, außer deren Familienangehörigen, kaum jemand gehört, geschweige denn getrauert. Dass sie heute am Leben und frei sind, verdanken sie weder Baerbock noch Wadephul, sondern Trump und Netanjahu. Sie haben hier zu keinem aktuellen politischen Narrativ gepasst – also haben sie nicht existiert.

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