12.01.2017

Der lange Schwanz der Entenpresse

Kommentar von Bernd Herrmann

Über Fake News und Medienlügen wird derzeit viel diskutiert. Qualität und Fakten sind so eine Sache.

„Diese Zeitung ist nicht für einen zerbrechlichen Körper“, so Fritz Schiller (1781). Von welcher Zeitung ließe sich das nicht sagen? Krieg, Notzucht, Wetter, plumpsende Börsenkurse und die ganzen Todesanzeigen – auch einem eher gefestigten Gemüt mag darüber die Galle schwarz werden. Und obendrauf noch fake news, dass sich die Balken biegen? Ohne erdbebensicheres Gedankengebäude fällt da bestimmt die letzte Tasse aus dem Schrank.

Bei Schillers Fritz bedeutete „Zeitung“ noch „Nachricht“, und trotz – oder wegen? – des hohen Alters ist diese Behauptung total und brutalstmöglich falsch, weil gefakt von „Franz der Kanaille“. Dennoch zirkuliert sie bis heute, wird sogar, hört man läuten, in der Schule gelehrt. Aufklärung adieu.

Lügen haben, das weiß jedes Kind, kurze Beine, lange Nase und die Wahrheit zieht einen ganzen Rattenschwanz nach sich. Einen langen Schwanz, hat uns Chris Anderson vor etwa zehn Jahren verklickert, hat das Internet, und gemeint sind nicht die Netzwerkkabel. Kurz gesagt ist hiermit gemeint, dass in der Geschäftswelt aus Backstein und Mörtel nur wenige Artikel für Reibach sorgen, während viele Staub ansetzen und Lagerkosten verursachen. Im Netz hingegen gibt es keine Lagerkosten und wenn, dann lassen sie sich aus der E-Mail-Portokasse bestreiten. Entsprechend kann ganz, ganz, ganz viel angeboten werden und, da es digital nur Nullen und Einsen, jedoch keinen Staub gibt, wird es auch verscherbelt, früher oder später oder viel später. In der Summe können dadurch die Ladenhüter die Topseller ausstechen. So die Theorie.

„Früher las alle Welt dpa oder ADN und saß bei ARD und SED in der ersten Reihe“

„Wenn die Theorie ihr Grau in Grau malt“, so ein bekanntes Wort Hegels, „dann ist der Gehalt des Lebens kalt geworden“. Was meint, der heiße Scheiß von gestern ist der kalte Kaffe von heute – jedoch, qua Dialektik, kann sich dies erneut wenden, siehe „cold brew coffee“ – total hip. Das Graue an dieser Theorie ist, dass es zwar mehr und mehr Zeugs zu kaufen gibt, dieses Wimmelzeugs aber, allein für sich genommen, die Händler rote Zahlen schreiben ließe. Soll heißen: Beyoncé verkauft täglich einige Fantastilliarden mehr Songs als DJ Holzbank übers Jahr oder Jahrzehnt.

Jetzt, auf die Nachrichten übertragen, bedeutet das: Früher las alle Welt dpa oder ADN und saß bei ARD und SED in der ersten Reihe. Heute dagegen begrenzen weder Seitenzahl noch Sendezeiten das Angebot, und neben den Blockbustern gibt es einen ganzen Rattenschwanz minderer News. Wer kennt sich da noch aus?

Eigentlich, muss man sagen, kennen sich da die meisten Menschen aus – prima Leistung, Leute! – und für den Hausgebrauch kann selbst Oma Renate die Sparkasse Eckernförde vom Geldregen aus Nigeria ebenso unterscheiden wie die Tagesschau vom Chemtrail-Blog. Geändert hat sich, dass früher ein Wirrkopf ziemlich viele Absätze krumm laufen musste, bevor er einen gleich frisierten, zweiten Wirrkopf fand, während heute jeder Knülch sich seine sieben Zwerge zusammengoogeln und ihnen dann followen kann.

„Selbst Oma Renate kann die Tagesschau vom Chemtrail-Blog unterscheiden“

Aber das ist nur der eine Teil der Geschichte. Der andere ist, dass die Qualitätsmedien ihrerseits sind von der Blässe der eigenen Gedanken, soll heißen, sie haben so eine Art Midlife-Crisis beziehungsweise Lebensmittevergiftung und trauen sich selbst nicht mehr so recht übern Weg. Sie versuchen, diesen gefühlten Makel dadurch auszubügeln, dass sie das Internet abschreiben, um so zu beweisen: Hey, auch wir wissen, was gerade trendet! Mit der Qualität wird das so natürlich nichts, denn an seine eigenen Fähigkeiten sollte man, will man überzeugen, schon glauben.

Apropos Qualität: Verhält es sich damit nicht ganz einfach? „Fakten, Fakten, Fakten“ hat vor x Jahren der Dingsda – der Augstein, ne? – immer gesagt, und muss man also nicht einfach die Fakten checken, und dann ist alles klar?

Kleiner Zwischentweet der interessierten Follower:
„Also schon das Wort ‚faken‘ – sieht ja aus wie eine falsche Kopie von ‚Fakten‘ … das muss doch was bedeuten, LOL.“
Nö, das bedeutet nichts.
Ende des Zwischentweets.

Also: Fakten, Fakten, Fakten … und der Rest ist Ransomware. Denn trau, schau wem, sonst fällste uff de Neese, sagt der Volksmund, und der Volksmund muss es wissen. Nur, wie checkt man, was ein Fakt ist? Und was überhaupt ist ein Fakt? Oder heißt es richtig Faktum? Und ist das nicht überhaupt so eine Fangfrage wie „Was ist Wahrheit?“

„Die Qualitätsmedien haben eine Art Midlife-Chrisis“

Der amerikanische Komödiant Stephen Colbert prägte vor etwa zehn Jahren den Begriff „truthiness“. Das lässt sich schlecht übersetzen – sagen wir: die Wahrheitlichkeit. Soll heißen: Deine Meinung, meine Meinung, und was stimmt, ist, was sich für mich richtig anfühlt. Eigentlich ein ganz vernünftiger Ansatz, zumindest, wenn es um die Frage geht: Riesling – trocken oder halbtrocken?

Bei den meisten Fragen aber geht es nicht um den Geschmack, und diese Fragen sollte man ruhig sportlich sehen, soll heißen: Augen auf und schauen, wer was besser kann und besser weiß. Am Ende gibt der Dümmere vielleicht nach und man selbst ist schlauer.

Für den Hausgebrauch hier gleich ein paar praktische Tipps:

„Fotografie ist Wahrheit. Film ist Wahrheit 24 Mal in der Sekunde.“ (Goethe)
„Ich kenne das Leben. Ich bin im Kino gewesen.“ (Schiller)