20.03.2019

Alternativlos im Autohaus

Von Thilo Spahl

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Foto: andreas160578 via Pixbay / CC0

In der Politik ist sie längst der Goldstandard. Nun entdeckt auch VW die Alternativlosigkeit für sich.

VW-Chef Herbert Diess musste der Presse entnehmen, dass sein Lieblingsspruch „EBIT macht frei“ gar nicht so lustig ist, wie er immer dachte. Außerdem scheint ihm noch jemand gesteckt zu haben, wie man einen bösen Autokonzern in einen guten Autokonzern verwandelt: durch Elektrifizierung. Jetzt hat er eine neue Devise: Kapitalismus – das ist Subventionsmacht plus Elektrifizierung des ganzen Autos.

Und mit dieser Erkenntnis ist die Zeit der technologieoffenen Suche nach der besten Antriebsart für beendet erklärt: „Alle deutschen Hersteller investieren massiv in den Ausbau und Hochlauf der Elektromobilität, besonders Volkswagen“, verkündet Diess die frohe Botschaft. Und fügt hinzu, dass mit dem Abweichlertum jetzt Schluss sein und auch das Reden davon ein Ende haben müsse: „In Politik und Verbänden darf nicht länger so getan werden, als gebe es gleichwertige Alternativen.“

Das hat auch Frau Merkel sofort eingeleuchtet. Da sie in Alternativlosigkeit geübt ist, ging ihr das passende Apodiktum leicht von den Lippen: "Unsere Ziele sind nur mit Elektromobilität zu erreichen."

Welche Ziele meint sie? Die Klimaziele können es nicht sein, denn da schneiden Elektroautos bekanntlich kaum oder gar nicht besser ab als herkömmliche. Da sie zusätzliche Stromnachfrage erzeugen, muss man sie strenggenommen als mit Braunkohlestrom betrieben werten, der ja mit dem Ausbau Erneuerbarer nur in dem Maße wegfallen kann, wie nicht zusätzlicher Bedarf entsteht. (Das gilt selbstverständlich auch, wenn man zum Laden „Grünstrom“ verwendet und dafür einen Bonus einstreicht). Die Luftreinhaltungsziele in den Städten kann sie auch nicht meinen, denn da würden die aktuell zugelassenen Euro 6d Diesel vollkommen ausreichen, um die Grenzwertüberschreitungen beim Stickstoffdioxid in relativ kurzer Zeit zu beenden. Bei anderen Schadstoffen gibt es ohnehin keine Überschreitungen mehr. Und auch für weiterreichende Emissionsziele sind selbstverständlich nach wie vor auch Alternativen wie Erdgas, Biogas, synthetische Kraftstoffe auf Basis von CO2-Recycling bzw. Wasserstoff Optionen, oder vielleicht auch Ameisensäure.

Wie dem auch sei: Kanzlerin und Vorstandsvorsitzender sind sich einig. Jetzt muss nur noch der gemeine Autofahrer überzeugt werden. Der hat bekanntlich mitunter rationale Neigungen und überlegt genau, ob sich so ein Elektroauto, so chic und pfiffig es auch sein mag, für ihn lohnt. Es hat ja bisher vor allem einen Nachteil: den Preis. Daher hat VW, wie der Tagesspiegel berichtet, eine „lange Wunschliste nach mehr staatlicher Förderung“ vorbereitet. Da die Fahrzeuge jetzt schon u.a. durch Kaufprämie und Mindereinnahmen bei der Mineralölsteuer mit rund 10.000 Euro pro Stück vom Steuerzahler bezuschusst werden, ist das vielleicht ein bisschen frech, aber heutzutage nicht riskant, weil opportun.

Und weil er gemerkt hat, dass das besonders gut klingt und Geld ohnehin keine Rolle spielt, garniert Diess das Ganze noch mit der VWforFuture-Forderung nach schnellem Kohleausstieg: „Die E-Autos benötigen eine zügige Energiewende. Kohle- und CO2-freier Strom ist ein Muss. Wir rufen Industrie, Politik und Gesellschaft auf, gemeinsam alle Hebel in Bewegung zu setzen, um der E-Mobilität zum Durchbruch zu verhelfen.“ Der aufmerksame Leser wird den Widerspruch erkennen: je mehr Elektromobilität, desto höher der Strombedarf, desto langsamer (nicht schneller) der Kohleausstieg. (Mal abgesehen davon, dass die deutsche Energiewende ja das Paradebeispiel für Ineffizienz durch fehlende Technologieoffenheit ist.)

Aber egal. Jetzt müssen die Käufermassen mobilisiert werden. Dafür gibt es neben staatlicher Incentivierung offenbar ein zweites verführerisches Mittel: den geschickten Zuschnitt der Produktpalette nach der Devise  „Any customer can have a car painted any colour that he wants so long as it is electrical“.