20.02.2015

Umweltschutz & das Ende der Ozeane

Rezension von Erich Grantzau

Mojib Latifs neues Buch über die Verschmutzung der Meere ist in seiner Zielsetzung lobenswert. Doch eine wissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem Thema findet leider nicht statt. Stattdessen nimmt grüne Weltuntergangsrhetorik überhand.

Die Verschmutzung der Meere – keine Frage, der Autor spricht ein wichtiges globales Umweltproblem an, das dringend der Aufmerksamkeit bedarf. Am auffälligsten, weil für jeden sichtbar, ist die Verschmutzung der Meere mit Plastikabfällen. Nicht minder kritisch sind die Belastung der Ozeane durch die Einleitung von Öl und diverse Nähr- und Schadstoffe sowie Anzeichen für die Versauerung der Ozeane durch CO2 zu bewerten.

Vor dem Hintergrund, dass Hinweise auf die kritische Entwicklung des Zustandes der Ozeane nicht neu sind, sondern bereits seit Jahrzehnten vorliegen [1], ist die Erinnerung an dieses ungelöste und inzwischen verschärfte Problem dringend notwendig. Vom Autor, der am Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung in Kiel tätig ist und an der Universität Kiel lehrt, erwartet der Leser eine umfassende sach- und faktenbezogene Wissensvermittlung.

Der Leser wird jedoch schon im Vorwort auf der ersten Textseite mit CO2 als bloßem Umweltgift konfrontiert. Mit einer derart einseitigen Qualifizierung des CO2 – tatsächlich eine lebensnotwendige Kohlenstoff-Quelle für die globale Vegetation unserer Erde – warten üblicherweise Umweltschützer mit Greenpeace-Ideologie auf. Zwei Seiten später ist undifferenziert von Radioaktivität, Öl, Gift, Plastik, Kunstdünger, Abwässern die Rede, die nach dem Motto: „Immer rein ins Meer“ die Ozeane verseuchen würden. Nach der dritten Seite fühlt sich der kritische Leser genötigt, die Fakten zu prüfen. Er greift ins Bücherregal, nimmt die ältere Literatur zur Hand und sucht obendrein im Internet nach Fakten, die der Autor, aus welchen Gründen auch immer, nicht liefert.

„Tatsächlich hat die Verschmutzung der Nord- und Ostsee durch Düngemittel abgenommen“

Was die Unterstellung betrifft, immer mehr Kunstdünger aus der Landwirtschaft würden „rein ins Meer“ gekippt: Herr Latif hätte nach einem Blick in die Statistiken feststellen können, dass der Einsatz an Kunstdünger in der deutschen Landwirtschaft seit 1980 deutlich verringert wurde. Konkret sind es heute 78 Prozent Phosphat, 75 Prozent Kalium und 21 Prozent Stickstoff weniger als 1980. [2] Das besagen die Zahlen des Bundesverbands der agrargewerblichen Wirtschaft e.V., die Latif einfach im Internet hätte nachlesen können. Die Phosphateinträge in beiden Randmeeren wurden um ca. 75 Prozent und die Stickstoffeinträge um ca. 50 Prozent reduziert. Das ist vor allem dem Bau von Kläranlagen zu verdanken, mit deren Hilfe insbesondere das Algenwachstum fördernde Phosphat zurückgehalten wird (oder „ausgefällt“, wie Chemiker zu sagen pflegen).

Phosphat spielte und spielt auch die größte Rolle bei der Eutrophierung des Bodensees und aller übrigen limnischen Gewässer. Durch den Bau von Kläranlagen und das Verbot von Phosphat in Waschmitteln ist dieses Problem übrigens in den vergangenen 50 Jahren behoben worden. Jedenfalls ist der ursprüngliche oligotrophe Zustand des Bodensees heute wiederhergestellt. Dieser Zustand bleibt erhalten, trotz der überwiegend konventionell landwirtschaftlich bewirtschafteten Flächen im Einzugsgebiet des Sees [3].

Soviel zum „Reinkippen von Kunstdünger“, der schließlich über Bäche und Flüsse (z.B. Bodensee – Rhein) in die Ozeane eingetragen wird. Das faktenbasierte Gutachten der Universität Göttingen [4] besagt auch, dass in Nord- und Ostsee sinkende Radioaktivitätswerte zu verzeichnen sind. Von Markus Becker ist der Beitrag: „Forscher halten Fukushima-Strahlung im Meer für harmlos“ lesenswert. [5] Was veranlasst den Wissenschaftler Latif dazu, seinen Lesern ein ausschließlich einseitiges, düsteres Katastrophen-, ja Untergangsszenario bezüglich des Zustandes der Ozeane zu präsentieren? Dem Leser drängt sich ferner die Frage auf, ob denn die Arbeiten der zahlreichen Wissenschaftler, die rund um den Globus an und in den Ozeanen forschen, komplett unergiebig sind? Ob sie denn so wenige Fakten und Zusammenhänge offenbaren, obwohl Herr Latif zahlreiche Arbeiten seiner KollegInnen zitiert und lobt? Der nach Fakten suchende Laie wird hier alleine gelassen und es stellen sich zahlreiche Fragen – zum Beispiel:

  • Die Gasspeicherkapazität von Meerwasser in Abhängigkeit von der Temperatur?
  • Nähere Quantifizierungen über Mengen an Öl aus Bohrstellen oder anderen Quellen und deren möglicher Abbau durch Einsatz von Bakterien?
  • Können Bakterienstämme selektiert oder gezüchtet werden, mit denen man den Abbau von Öl in den Ozeanen effektiver betreiben kann?
  • Sind Mengen-Relationen von natürlichen Ölaustritten in die Ozeane im Vergleich zur von Menschen verursachten Öl-Verschmutzung bekannt?
  • Was ist mit „natürlichem“ Methanhydrat?
  • Was ist mit Abwässern aus Schiffen?
  • Wie wirken Abgase der mit Schweröl betriebenen Schiffsmotoren auf die Ozeane?
  • Welche pH-Wert erhöhenden Effekte sind durch den ständigen Eintrag von alkalisch wirkenden Substanzen in die Ozeane zu erwarten?
  • Wie kann die CO2-Bindung in den Ozeanen gezielt beeinflusst und erhöht werden?
  • Wie ist globale Fischerei an die Entwicklung der Fischpopulationen anzupassen?
  • Und, und, und …


Natürlich geht es im Zusammenhang mit der CO2-Bindung in den Ozeanen nicht darum, „… jede Menge Eisenverbindungen ins Meer zu kippen, um Algenblüten zu verursachen, die dann das CO2 aus der Luft aufnehmen“ – wie der Autor pauschal unterstellt. Es geht vielmehr zunächst darum, im Labormaßstab solche Wirkungen mit Meerwasser, effektiven Algenarten und definierten Eisenzugaben experimentell zu prüfen. Da könnte der Ozeanforscher bei den Limnologen etwa vom Bodensee [6] und vom Zürichsee einiges lernen.

„Latifs Interpretation steht im Gegensatz zu wissenschaftlichen Grundsätzen“

Chemisch-physikalisches Grundlagenwissen und darauf basierende Experimente sind gefragt und nicht etwa undifferenzierte Phrasen, angereichert mit Vergiftungs- und Katastrophenhysterie. Vom Klima- und Ozeanwissenschaftler hätte man schließlich auch gerne eine Antwort darauf, wie CO2-Konzentrationen von ca. 1400 bis 1500 ppm in der Erdatmosphäre vor etwa 250 Millionen Jahren zustande gekommen sind? [7] Seinerzeit gab es schließlich weder den Homo sapiens noch seine Vorstufen auf unserem Globus.

Schließlich: Was veranlasst den Wissenschaftler Latif dazu, auf Seite 205 seines Buches für sich und den Klimastrategen vom IPCC zu reklamieren, im Besitz der einzigen und alleinigen Wahrheit zu sein? Da ist die Publikation von Weede [8]: „Wahrheit und Gewissheit; Klimaschutz und Politik“ als Lektüre zu empfehlen. Jedenfalls weist Weede jeden Unfehlbarkeitsanspruch in jeder Wissenschaft grundsätzlich zurück.
Das Buch von Mojib Latif ist insofern positiv zu bewerten, als es den interessierten Leser veranlasst, auf die Suche zu gehen. Auf die Suche nach mehr und eindeutig belegten Zahlen und Fakten in Sachen Ozeane.