20.04.2016

Studienlage schwer verdaulich

Rezension von Klaus Alfs

Titelbild

Foto: Alpha (CC BY-SA 2.0 / bearbeitet)

In seinem neuen Buch „Ernährungswahn“ klopft Uwe Knop Ernährungsregeln auf ihren wissenschaftlichen Gehalt ab und bringt damit gängige Ernährungspyramiden zum Einsturz.

Aus der bei Fachleuten bekannten Tatsache, dass die Ernährungsforschung sich fast ausschließlich auf Beobachtungsstudien stützt, zieht Uwe Knop die logische Konsequenz. Sein Fazit nach Durchsicht von über tausend Studien lautet: „Ernährungsforschung ist Stochern im Nebel, ein Rätselraten auf wissenschaftlich niedrigen Niveau.“ Als Diplom-Ernährungswissenschaftler kennt Knop seine Pappenheimer. Ernährungsforscher seien „Korrelations-Kannibalen“: Kaum habe einer sich mit irgendeiner Beobachtungsstudie hervorgetan, werde er schon vom nächsten gefressen, der eine ebenso substanzlose Gegenstudie präsentiere. Am Europäischen Institut für Lebensmittel- und Ernährungswissenschaft (E.U.L.E.) ist Knop für die Rubrik „Ernährungsunsinn des Monats“ zuständig, wo regelmäßig die bizarrsten Blüten jener traurigen Wissenschaft präsentiert werden.

In der empirischen Forschung hat man sich darauf geeinigt, dass so etwas wie Kausalität überhaupt nur dann erkennbar wird, wenn das Studiendesign methodologisch streng genug ist. Im Bereich der Epidemiologie wird der selten erreichte Goldstandard von der Randomisierten Kontrollierten Studie gesetzt. Hierbei muss die Zuordnung zu den untersuchten Gruppen per Zufallsauswahl erfolgen; die Teilnehmerzahl muss ausreichend groß sein und es muss eine Kontrollgruppe geben, bei der nicht interveniert wird (z.B. Nichtraucher) oder nur zum Schein interveniert wird (z.B. durch Placebo). Die Studie sollte darüber hinaus blind oder doppelt blind sein. Bei Blindstudien wissen die Teilnehmer nicht, ob sie zur Versuchs- oder Kontrollgruppe gehören; bei Doppelblindstudien wissen auch die betreuenden Ärzte nicht, wer zu welcher Gruppe gehört.

Den Ergebnissen solcher Studien wird Beweiskraft zugesprochen, da deren Design dem der naturwissenschaftlichen Experimente nahe kommt. In weniger strengen Studien geistert die Kausalität jedoch eher als eine Art Yeti durch den Datenschnee. Jeder will ihn gesehen haben, doch keiner kann ihn fangen. Und wie bei unseren vierbeinigen Freunden kläffen auch hier die Kleinsten am lautesten. Das sind diejenigen, die aus Beobachtungsstudien weitreichende Schlüsse ziehen, obwohl Beobachtungsstudien prinzipiell keine Beweise, sondern lediglich Korrelationen (statistische Zusammenhänge) liefern können. Mit Hilfe von Korrelationen kann man unkritischen Zeitgenossen beinahe alles weismachen. Auf der Internetseite „Spurios Correlations“ gibt es die ulkigsten Beispiele – etwa die Korrelation zwischen der Scheidungsrate in Maine und dem Pro-Kopf-Verbrauch von Margarine.

„Man hüllt den nackten Kaiser in tausend Schleier“

Warum aber gibt es in der Ernährungsforschung keine Studien mit Goldstandard? Unter anderem deshalb, weil kaum jemand freiwillig für eine echte Zufallsauswahl zur Verfügung steht. Es lässt sich, so Knop, „niemand gerne für 2, 5 oder gar 10 Jahre Studienlaufzeit vorschreiben, dass er beispielsweise kein Fleisch essen soll, weil er in die Vegetariergruppe gelost wurde – umgekehrt will man sich den Aufschrei der Empörung gar nicht vorstellen, wenn der Vegetarier in die Fleischgruppe gelost wird ...“

Man muss die Leute also fragen, was sie essen, und später irgendwann fragen, was sie für Malaisen haben. Das ist nicht gerade aussagekräftig. Veganer und andere Ernährungsfundis flunkern wahrscheinlich das Blaue vom Himmel herunter, andere erinnern sich kaum und wieder andere antworten das, was sie für das gesellschaftlich Erwartete halten. „Ich esse jeden Tag Obst und Gemüse“ hat dann ungefähr den Status von: „Ich bete immer vor dem Essen und beflecke mich niemals selber.“ Wer’s glaubt, wird selig.

Das ist, salopp formuliert, das sandige Fundament von Beobachtungsstudien. Die Misere hat also strukturelle Gründe und ist mit gutem Willen nicht zu beseitigen. Aber mit bösem Willen und ausgeprägtem Geschäftssinn lässt sich daraus eine Menge Kapital schlagen. Man hüllt den nackten Kaiser in tausend Schleier und erzählt dazu Geschichten aus tausendundeiner Nacht – schon glaubt der Konsument, er habe eine schöne Prinzessin vor sich, die unfehlbare Ernährungsorakel verkündet.

„Wieso verkaufen sich Diätratgeber und moralgetränkte Fleischverzichtsliteratur wie geschnitten Brot?“

Nietzsches Bonmot, dass alle Philosophen „Schleiermacher“ heißen müssten, lässt sich mit größerer Berechtigung auf die Heerscharen von Diätassistenten, Gesundheitsapostel und Ernährungsexperten ausweiten, die mit ihrer Verschleierungstaktik Milliarden verdienen. Nicht zu vergessen die Gesundheitsbehörden, NGOs und „Weltverbesserungs“-Organisationen, welche ein massives Interesse an Selbsterhaltung haben und die Menschen in ihrem Sinne manipulieren.

Uwe Knop wird sich diese nicht zu Freunden machen, wenn er im Buch nüchtern konstatiert,

  • dass etwa die Kampagne „5 am Tag“ keinerlei nachweisbaren Nutzen hat und wohl eher Schaden anrichtet,
  • dass die Diätindustrie der einzige Wirtschaftszweig ist, „der Milliarden umsetzt, weil seine Produkte nicht wirken, weil sie nicht halten, was sie versprechen“,
  • dass es keinen Zusammenhang zwischen Fast Food und Übergewicht gibt,
  • dass vegane Ernährung nicht schlank macht,
  • dass Zucker, Salz oder Weizen nicht gefährlich sind – und vieles andere mehr.

All diese Behauptungen sind mit finanziellen und machtpolitischen Interessen verbunden. Deshalb wird gegen jede wissenschaftliche Evidenz zäh an ihnen festgehalten.

Angesichts dessen zeugt es schon von einem großen Maß an Weltfremdheit, wenn ein Interviewer zu Knop sagt: „Wieviel PR steckt in ihren Büchern? ‚Iss was du willst‘ verkauft sich schließlich bestimmt besser als ‚Halte dich zurück!‘“. Wie bitte? Warum sind dann etwa die Bücher des Lebensmittelchemikers Udo Pollmer („Esst endlich normal!“) nicht seit Jahrzehnten ganz oben auf den Bestseller-Listen? Wieso verkaufen sich stattdessen Diätratgeber und moralgetränkte Fleischverzichtsliteratur à la „Tiere essen“ (Jonathan Safran Foer), „Anständig essen (Karen Duve), „Artgerecht ist nur die Freiheit (Hilal Sezgin) wie geschnittenes Brot?

Nichts ist schwieriger zu vermitteln als die wissenschaftliche Destruktion von Scheinproblemen. Dass der Kaiser keine Kleider anhat, kann man den Leuten nur schwer klarmachen. Denn sie halten sich lieber an Apokalyptiker, die ihnen die Hölle heißmachen. Der Imperativ „Iss was du willst“ ist heute fast so ketzerisch wie seinerzeit das Sapere aude Kants: „Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen.“

„Bekömmlichkeit kann nicht kollektiviert werden“

Wer den Verstand einschaltet und das Getöse um sich herum ignoriert, hält seinen Schluckauf nicht mehr für den Vorboten einer Verdauungskatastrophe, sondern lernt, auf die einfachen Signale des Körpers zu achten: Wann habe ich Hunger? Wann habe ich Durst? Knop nennt das „Kulinarische Körperintelligenz“. Sie besteht zum Beispiel darin, den biologischen Hunger vom bloß emotionalen Hunger zu unterscheiden. Das geht ganz einfach, indem man so lange nichts isst, bis der Magen gehörig knurrt. Dann meldet sich der biologische Hunger.

Knop vertritt die Auffassung, dass der Körper bei biologischem Hunger genau die richtigen Signale sendet. Worauf man bei echtem Hunger gerade Appetit und Lust habe, sei auch die Nahrung, die der Körper in diesem Moment brauche. Mit dem Begriff „Kulinarische Körperintelligenz“ möchte Knop nun nicht ein weiteres Ernährungsorakel verkünden und durch Beobachtungsstudien fadenscheinig objektivieren. Vielmehr versteht er das Konzept als eine Art individuelle Heuristik – eingedenk der Tatsache, dass Bekömmlichkeit nicht kollektiviert werden kann. Der ernährungswissenschaftliche Appell ans Individuum stärkt dieses gegen die Übergriffigkeit jener Ideologen, welche „gesunde“ oder „ethische“ Ernährung nur propagieren, um ihr totalitäres Süppchen zu kochen.

Das Buch „Ernährungswahn“ hätte es verdient, zum Bestseller zu werden. Es ist nicht nur wissenschaftlich gehaltvoll, sondern auch leicht verständlich und vergnüglich zu lesen. Am Ende jedes Kapitels befindet sich ein knackiges Fazit als Gedächtnisstütze. Knop zeigt – wie schon Udo Pollmer – dass man Menschen, die keinerlei wissenschaftlichen Hintergrund haben, kompetent und unterhaltsam aufklären kann, ohne sie für dumm zu verkaufen.