01.02.2021

Schwarz-Weiß-Denken überwinden

Von Christoph Lövenich

Das aktuelle Buch „Schwarzes Leben, weiße Privilegien?“ (Edition Novo) setzt sich kritisch mit der Black-Lives-Matter-Bewegung, Postkolonialismus und ethnischer Identitätspolitik auseinander.

Randale, Plünderungen, Tote – so die Bilanz nach einigen Ausschreitungen von „Black Lives Matter“ 2020. Dennoch kam BLM beim Establishment auf beiden Seiten des großen Teichs besser an als  jüngst eine durchs Parlamentsgebäude laufende Truppe, zu der auch ein gehörnter „Schamane“ gehörte. So überlegt mancher sich zweimal, ob er sich mit „BLM“ anlegt, wird deren Ansatz doch von vielen gefeiert und von Mainstreammedien gepriesen.

Die Auseinandersetzung mit einer Bewegung, die sich Antirassismus auf die Fahnen schreibt, zugleich aber nach Rassenkategorien bewertet, tut jedoch not. Für den deutschen Sprachraum liegt seit Dezember ein Sammelband vor, der sich dieser Aufgabe annimmt. „Schwarzes Leben, weiße Privilegien?“ heißt das Buch von Sabine Beppler-Spahl.

„Die scharfe Trennung in ‚schwarz und weiß‘ sowie die Behauptung, es gebe eine ‚schwarze Stim­me‘ machen die BLM-Bewegung angreifbar“, urteilt die Herausgeberin. „Ihre politische Ideologie wird von einem Rassendenken getragen, das nicht dazu taugt, Diskriminierungen aufzuheben.“ Als Ansatz, Rassismus zu überwinden, tauge sie keineswegs, sondern spalte die Gesellschaft.

Autoren aus vier Kontinenten, unterschiedlicher Herkunft und Hautfarbe, beschäftigen sich in dem in der Edition Novo erschienen Band mit verschiedenen Aspekten von BLM. Coleman Hughes – unlängst in Liste der 30 wichtigsten Medienschaffenden unter 30 des Forbes-Magazins aufgenommen – prangert in seinem Beitrag den „illiberalen Antirassismus der Rassenbewussten“ an. Und hält ihm für sein Land, die USA, den Traum Martin Luther Kings entgegen, „dass das, was wir gemein haben, letztlich wichtiger ist als das, was uns trennt“, dass Menschen unabhängig von ihrem Stammbaum einander auf Augenhöhe begegnen sollten. Hilfreicher als die BLM-Aggressionen wäre diesbezüglich, sich des Problems der Wohnsegregation in der amerikanischen Bevölkerung anzunehmen – dem geht ein Essay von Martin Bartholmy auf den Grund.

„Das Privileg der Weißen sei als empirische Diagnose nicht haltbar und müsse als Mythos entlarvt werden.“

Ein Kernbegriff des der BLM-Bewegung zugrundeliegenden Denkens ist der des „White Privilege“. Xin Du wirft der Erfinderin des Begriffs, der Autorin Peggy McIntosh, „rassistische Verallgemeine­rungen“ vor, „wie sie auch ei­nem Ku-Klux-Klan-Mitglied nicht fremd wären“. Das Privileg der Weißen sei als empirische Diagnose nicht haltbar und müsse als Mythos entlarvt werden. Inaya Folarin Iman aus Großbritannien plädiert für ‚farbenblinde‘ Gleichheit und wirft der linken Identitätspolitik vor, Rasseneinteilung einfach in umgedrehter Form zu übernehmen: „Anstatt also ‚Weißsein‘ zu konstruieren, um Reinheit, Macht und Intelligenz zu konno­tieren, versuchen moderne Aktivisten, die Bedeutung umzu­kehren, so dass es an Schuld, Erniedrigung und Privilegien denken lässt.“

Im Falle europäischer Länder wird hierbei meist der Kolonialismus angeführt. In der „postkolonialistischen“ Bilderstürmerei gegen vermeintlich rassistische und kolonialistische Symbole wie Statuen, Abbildungen und Namen sieht Beppler-Spahl eine „Politik der ‚kulturellen Reinigung‘“ seitens „moderner Kreuzzügler“, die ihren Mitmenschen pauschal unterstellen, selbst heute noch in lauter einschlägigen Vorurteilen gefangen zu sein. „Der Kulturkampf gegen die Vergangenheit richtet sich zunehmend“, beklagt der britische Soziologe Frank Furedi, „auch gegen die zivilisatorischen Errun­genschaften der Menschheit als Ganze“.

Und geht dabei von falschen historischen Prämissen aus. So wendet sich der Historiker Ulrich von der Heyden im Interview gegen die Umbenennung der Berliner Mohrenstraße, deren Bezeichnung in keinem historischen Zusammenhang zum Kolonialismus steht. Die von Aktivisten anvisierten Einrichtung einer rein ‚schwarzen‘ Hochschule in Großbritannien – mit „‚de-kolonialisiertem Lehrplan‘“ ist Gegenstand eines Artikels von Joanna Williams, in dem die Autorin vermutet, dass derlei Pläne einer neuen Rassentrennung von zunehmend gängigen „Entkolonialisierungsbestrebungen oder Bewusstseinsförderungs­maßnahmen gegen Rassismus und Mikroaggressionen“ an britischen Unis angefacht werden.

„Der postmoderne, identitätspolitische, historisch minderbemittelte und zensorische Ansatz von Black Lives Matter feuert Schüsse ab, die nach hinten losgehen.“

Als US-Pendant zum europäischen Kolonialismus fungiert bei den historischen Mobilisierungsthemen die Sklaverei. Hier weist Promise Frank Ejiofor darauf hin, dass global gesehen Täter und Opfer nicht so holzschnittartig auf Hautfarben verteilt werden können, wie es manche zu tun belieben: Auf verschiedenen Kontinenten „gab es Käufer, Makler und Verkäufer, und ihre Identitäten waren so komplex wie der Handel selbst“. Er lehnt unter anderem deshalb Reparationen für Sklaverei ab.

Mehrere Beiträge widmen sich Persönlichkeiten wie Martin Luther King oder dem Antikolonialisten CLR James aus Trinidad. So erschließen sich Unterschiede zwischen verdienstvollen Befreiungsaktivisten einerseits und den Hysterien heutiger Tage andererseits. Ferner beleuchtet Kai Funkschmidt das Antisemitismusproblem bei BLM.

Der postmoderne, identitätspolitische, historisch minderbemittelte und zensorische Ansatz von Black Lives Matter feuert Schüsse ab, die nach hinten losgehen. Er schadet dem Anliegen des Antirassismus mehr als er gegen echte oder herbeiphantasierte ethnische Diskriminierung in westlichen Gesellschaften auszurichten vermag. Dass seine Kritiker beileibe keine Rassisten zu sein brauchen – ganz im Gegenteil –, zeigt dieses Buch.