06.11.2020

Kings Heimat

Von Kolja Zydatiss

Titelbild

Foto: Hugo van Gelderen / Anefo via Wikicommons / CC0 1.0

Martin Luther Kings Patriotismus und seine bodenständige Politik, die die Rassen vereinen sollte, unterscheiden sich grundlegend vom Weltbild heutiger identitätspolitischer Aktivisten.

Was im Mai dieses Jahres nach der tödlich endenden Misshandlung von George Floyd mit Protesten gegen Polizeigewalt und -rassismus begann, eskalierte binnen weniger Tage zu einer fieberhaften Kulturrevolution. Weiße ließen sich von Schwarzen an Ketten durch die Straßen führen, knieten vor diesen nieder und baten weinend um Vergebung für die Sünden der Vergangenheit. In immer mehr Städten brachen Randale und Plünderungswellen aus, die bis heute andauern, geduldet von Behörden und Lokalpolitikern, die nicht rassistisch erscheinen wollen. Aktivisten von Black Lives Matter (BLM) bedrohen Einkäufer, Restaurantbesucher und Autofahrer und zwingen diese, öffentlich ihre Loyalität zu der Bewegung zu bekunden.

Denkmäler wurden abgerissen oder verunstaltet, u.a. vom Seefahrer Christoph Kolumbus, den amerikanischen Gründungsvätern Washington und Jefferson, dem spanischen Schriftsteller Miguel de Cervantes (der ironischerweise selbst fünf Jahre lang in Algerien als Sklave gehalten wurde) und dem abolitionistischen Unternehmer Matthias Baldwin. Sogar Denkmäler, die den großen Sklavenbefreier Abraham Lincoln ehren, waren von der Wut der Protestierenden betroffen. In Washington D.C. wurde das berühmte Lincoln Memorial beschädigt, und in Boston soll eine Kopie des Washingtoner Emancipation Memorial (der ersten Statue zu Ehren Lincolns) auf Drängen von BLM-Aktivisten entfernt werden.

Was wohl der wohl bekannteste afroamerikanische Bürgerrechtler, der 1968 ermordete Martin Luther King, zu diesen Vorgängen sagen würde? Sicher fände er es richtig, verbleibende rassistische Einstellungen in der amerikanischen Polizei, den Hang zu exzessiver Gewaltanwendung und die kläglich kurze und unzureichende Ausbildung der Beamten zu thematisieren. Betrüben würde ihn wohl allerdings, wie die neuen antirassistischen Aktivisten versuchen, die verschiedenen Rassen gegeneinander auszuspielen und Rasse als das definierende Charakteristikum eines Menschen zu etablieren. Auch ihr nihilistischer Hass auf die Werte des amerikanischen Mainstreams und ihr Versuch, Afroamerikaner als ewige Opfer zu definieren, würden ihn wohl abstoßen.

Geteiltes Schicksal

„Die USA sind ein hoffnungslos rassistisches Land. Alle Weißen sind privilegiert, alle Schwarzen sind unterdrückt und diese Gruppen werden und sollten sich für immer in tiefer Feindschaft gegenüberstehen.“ Das scheinen die Glaubenssätze von BLM und ähnlichen identitätspolitischen Gruppierungen zu sein, die unter dem Einfluss postmoderner Ideen wie der Critical Race Theory stehen.

„Ihr nihilistischer Hass auf die Werte des amerikanischen Mainstreams und ihr Versuch, Afroamerikaner als ewige Opfer zu definieren, würden King wohl abstoßen.“

Wie anders die Vorstellungen des großen Dr. King! Der Pfarrer aus Atlanta erkannte, dass die Schicksale von schwarzen und weißen Amerikanern untrennbar miteinander verwoben waren. Den Rassismus und die Rassentrennung lehnte er auch deshalb ab, weil sie aus seiner Sicht die USA als Ganzes moralisch entwürdigten. Aufrufe von radikalen schwarzen Aktivisten, massenhaft nach Afrika auszuwandern, lehnte King als Eskapismus ab. „Wir sind amerikanische Bürger“, schrieb er, „und wir verdienen unsere Rechte in dieser Nation.“1

Selbst in seinen härtesten Anklagen bezog sich King auf die Verfassung und die Bibel – Inbilder der gemeinsamen politischen und religiösen Tradition der Amerikaner. Die schwarzen Bürgerrechtler träten für „die besten Aspekte des amerikanischen Traums ein“.2 Angesichts der besonders ungerechten und rassistischen Geschichte der amerikanischen Südstaaten hätte man erwarten können, dass King alles „Südliche“ hasste. Doch weit gefehlt. Nach Abschluss seiner Studien im nördlichen Boston kehrte er bewusst mit seiner Familie in den Süden zurück. Nicht nur aus einer empfundenen moralischen Verpflichtung heraus, sondern auch weil der Süden „schließlich unsere Heimat war. Trotz seiner Mängel liebten wir ihn als Heimat und hatten ein echtes Verlagen, etwas gegen die Probleme zu tun, die wir als junge Menschen so scharf wahrgenommen hatten.“3 Auch in seinem berühmten „Brief aus dem Gefängnis von Birmingham“ (1963) spricht King von „unserem geliebten Südland“.4

Auch Kings Mitstreiter, der weiße Bürgerrechtsaktivist Leslie W. Dunbar, hat auf eine „südliche“ Identität hingewiesen, die Rassenschranken transzendiert. Viele Jahre nach den Kämpfen der Bürgerrechtsära besuchte er im Weißen Haus einen Empfang für Veteranen der Bewegung und fühlte sich gerührt von den „südlichen Dialekten, die hungrig um einen Teller gegrillter Rippchen summten. […] Die Bruderschaft von Weiß und Schwarz machte für diesen Moment jeden nördlichen weißen Mann und jeden nördlichen Neger […] zu einem Außenseiter.“5

Den Weißen auf Augenhöhe begegnen

Schon als Kind wurde Martin Luther King mit der Grausamkeit des „Rassenproblems“ konfrontiert, etwa als er und sein Vater gebeten wurden, den vorderen, ‚weißen‘, Teil eines Schuhgeschäfts zu verlassen. Der junge King war „entschlossen, jeden Weißen zu hassen“. Doch seine Eltern sagten ihm, dass es seine Pflicht als Christ sei, den weißen Mann trotz all seiner Verfehlungen zu lieben.6

„Den Rassismus und die Rassentrennung lehnte King auch deshalb ab, weil sie aus seiner Sicht die USA als Ganzes moralisch entwürdigten.“

Als Erwachsener appellierte auch King an die christliche Nächstenliebe, um Hass, Verbitterung und das Bedürfnis nach Rache in der schwarzen Community einzuhegen. Doch er erkannte, dass das allein nicht ausreichen würde. Um die Weißen nicht zu hassen, müssten die Schwarzen ihnen auf Augenhöhe begegnen. Sie müssten ihre tief verwurzelten Minderwertigkeitsgefühle überwinden und ihren Unterdrückern als Gleiche – und eben nicht als ewige Opfer – gegenübertreten. „Der Neger, einst ein hilfloses Kind, ist jetzt erwachsen geworden, politisch, kulturell und ökonomisch“, schrieb King 1958.7

Von diesem Reifungsprozess hingen für King der Erfolg des Kampfes gegen die Rassentrennung und die Aussöhnung der Rassen ab. Man vergleiche diese selbstbewusste Einstellung mit der viel passiveren und fatalistischen BLM-Bewegung, die von einer grundsätzlichen „weißen Privilegiertheit“ redet und mit Aktionen wie sogenannten „Die-Ins“ den schwarzen Opferstatus betont (die ehemalige Aktivistin der Black Panther Party, Elaine Brown, wirft BLM daher eine „Plantagenmentalität“ vor8).

Letztlich sollte der Bürgerrechtskampf für King in eine Gesellschaft münden, in der Schwarze und Weiße gleichberechtigt sind und Rasse keine Rolle mehr spielt. Man denke nur an den berühmten Satz aus seiner „Ich habe einen Traum“-Rede (1963): „Ich habe einen Traum, dass meine vier kleinen Kinder eines Tages in einer Nation leben werden, in der sie nicht wegen der Farbe ihrer Haut, sondern nach dem Wesen ihres Charakters beurteilt werden.“9 Ganz anders die Vorstellungen der heutigen identitätspolitischen Aktivisten, die emsig an der erneuten Rassifizierung der Gesellschaft arbeiten, etwa durch Forderungen nach separaten Studentenwohnheimen10 oder Lehrveranstaltungen11 für Schwarze und andere Minderheiten.

Ein bodenständiger Radikaler

Die Frage, wie links Martin Luther King war, ist umstritten. Eher konservative Kommentatoren haben seinen christlichen Glauben und seine wertkonservative Prägung betont (die aus heutiger Sicht z.T. recht absurd und intolerant wirkt, etwa seine Überzeugung, dass der Rock‘n‘Roll die Jugend verderbe). Linke Kommentatoren meinen, dass die Konservativen die historische Persönlichkeit Martin Luther King ideologisch bereinigt und entkernt haben, indem sie seinen ökonomischen Radikalismus heruntergespielt haben.

„Letztlich sollte der Bürgerrechtskampf für King in eine Gesellschaft münden, in der Schwarze und Weiße gleichberechtigt sind und Rasse keine Rolle mehr spielt.“

Tatsächlich entstammte King einer Art kleinbürgerlichen, verhältnismäßig „heilen Welt“. Anders als die Schwarzen im Norden der USA, die oft in völlig dysfunktionalen urbanen Ghettos lebten, hatten die Schwarzen im Süden trotz großer Armut recht stabile Gemeinschaftsstrukturen und starke Familienbande. Die Säulen der Gemeinschaft bildeten meist Ladenbesitzer, Handwerker und andere erfolgreiche Kleinunternehmer, sowie natürlich die Gemeinde mit ihrem Pfarrer.

Kings politische Instinkte gingen zunächst eher in Richtung „Hilfe zur Selbsthilfe“ als Staatssozialismus. Er ermutigte die Schwarzen, Kreditgenossenschaften und genossenschaftlich organisierte Lebensmittelgeschäfte zu gründen, und lobte Fleiß, Nüchternheit und Weiterbildung. Auch von den Boykotts segregierender weißer Unternehmen erhoffte sich King eine Stärkung der „ökonomischen Selbsthilfe und Autonomie“ in den schwarzen Communities.12 Die heutigen Plünderungen und Zerstörungen von Geschäften durch linksextreme, vermeintlich antirassistische Hooligans würden King entsetzen. Die Ankündigung von BLM, die „westlich-vorgeschriebene Kernfamilie“ durchbrechen zu wollen13, würde er wohl bizarr finden.

Wahr ist aber auch, dass sich King in seinen späteren Lebensjahren zunehmend für marxistische und sozialistische Ideen interessierte und eine radikale Umverteilung zu Gunsten benachteiligter Gruppen forderte. Sein Eintreten für „kompensatorische Behandlung“ nimmt das heutige Gerangel allerlei identitätspolitischer Gruppen um staatliche Ressourcen vorweg.

Die populistische Tradition

Einen wichtigen Einblick in Kings politisches Selbstverständnis bieten einige Bemerkungen, die er 1965 in seiner Rede zum Abschluss des berühmten Protestmarsches von Selma nach Montgomery äußerte. King bezog sich hier positiv auf die sogenannte Populist Party, eine politische Partei, die im Jahr 1892 gegründet wurde und zeitweise in dutzenden amerikanischen Bundesstaaten Millionen Anhänger mobilisieren konnte, vor allem verarmte Bauern und Arbeiter.

„Die heutigen Plünderungen und Zerstörungen von Geschäften durch linksextreme, vermeintlich antirassistische Hooligans würden King entsetzen.“

Die Populist Party kritisierte die politische Korruption und extreme Vermögenskonzentration, die die Ära der Reconstruction nach dem Sezessionskrieg kennzeichneten. Ihre Forderungen waren u.a. eine Rückkehr zum Goldstandard, das Recht auf Tarifverhandlungen, staatliche Regulierung der Eisenbahnen, eine kürzere Arbeitswoche, eine progressive Einkommenssteuer, ein Verbot von spekulativen Finanzgeschäften, Hilfsprogramme für Bauern sowie die Direktwahl der Senatoren. Sie ging 1909 in der Demokratischen Partei auf, als diese wirtschaftspolitisch nach links rückte.

Der Historiker Richard Hofstadter hat in seinem Buch „The Age of Reform“ (1955)14 viel Aufhebens um einige antisemitische und verschwörungstheoretische Elemente im Umfeld und Denken der Populist Party gemacht. Obwohl andere Historiker seine Interpretationen später heftig kritisierten, ist es Hofstadters „Framing“ der Populist Party, sowie von „populistischer“ Politik im Allgemeinen, das sich durchgesetzt hat: Populismus, so hört man heute allenthalben, sei das demagogische Aufpeitschen „einfacher Leute“ zugunsten reaktionärer Ziele.

King gab in Montgomery allerdings nicht Hofstadters Überzeichnung der Populist Party als proto-faschistische Bewegung wieder, sondern betonte im Gegenteil ihren für das späte 19. Jahrhundert äußerst progressiven rassenübergreifenden Charakter. Kings Bemerkungen sind es Wert, ausführlich zitiert zu werden:

„Gegen Ende der Rekonstruktions-Ära ist etwas sehr Bedeutendes passiert. Das war bekannt als die ‚Populistische Bewegung‘. Die Anführer dieser Bewegung begannen damit, die armen weißen Massen und die ehemaligen Negersklaven für die Tatsache aufzuwecken, dass sie von den aufstrebenden Bourbon-Interessen abgezockt wurden [gemeint sind die sogenannten ‚Bourbon Democrats‘, eine ultrakonservative und rassistische Fraktion der Demokratischen Partei in den Südstaaten, K.Z.]. Nicht nur das, sondern sie begannen auch, die Neger und die weißen Massen zu einem Wählerblock zu organisieren, der drohte, die Bourbon-Interessen von den Kommandoposten der politischen Macht im Süden zu vertreiben.

Um mit dieser Bedrohung umzugehen, begann die südliche Aristokratie sofort, die Entwicklung einer segregierten Gesellschaft zu planen. […] Durch ihre Kontrolle der Massenmedien aktualisierten sie die Doktrin der weißen Überlegenheit. Sie saturierten das Denken der armen weißen Massen damit […]. Die Bedrohung durch die freie Ausübung des Wahlrechts durch den Neger und die weißen Massen führte daher zur Etablierung einer segregierten Gesellschaft.“15

„Für den heutigen politischen Mainstream wäre eine Figur wie Martin Luther King ein Problem. Er wäre gleichzeitig zu radikal und zu bodenständig für unser technokratisches Establishment.“

Fazit

Für den heutigen politischen Mainstream wäre eine Figur wie Martin Luther King ein Problem. Er wäre gleichzeitig zu radikal und zu bodenständig für unser technokratisches Establishment, das seine Mischung aus (ultra-)„progressiver“ Gesellschaftspolitik und marktförmiger Flexibilisierung als alternativlos präsentiert und sich zunehmend durch Auslagerung von Entscheidungsprozessen in kaum demokratisch legitimierte (oft supranationale) Gremien vom Druck der Wähler abzuschirmen sucht.

Aus meiner Sicht war King, besonders gegen Ende seines Lebens, zu staatsgläubig und befürwortete einige Maßnahmen wie etwa ein bedingungsloses Grundeinkommen, die ich persönlich für kontraproduktiv halte. Dennoch bleibt er eine Inspiration für eine mögliche Wiederbelebung einer populären und radikaldemokratischen Politik, die die „kleinen Leute“ über rassische und ethnische Grenzen hinweg vereint und ihren Interessen und Bedürfnissen Geltung verleiht.

Versuchen wir wie King zu denken, der, wenn er heute am Leben wäre, vielleicht Parallelen zwischen der offiziellen Förderung eines neuen identitätspolitischen Tribalismus und der Rassenpolitik der Bourbon Democrats im 19. Jahrhundert erkennen würde. Und der bestimmt gängige Narrative, dass Politik etwas für „Experten“ sei, und „Populismus“ eine Vorstufe zum Faschismus, kritisch hinterfragen würde.