26.04.2016

Im Wohlfühlwahn

Rezension von Günter Ropohl

Titelbild

Foto: skeeze (CC0)

Die Suche nach Glück und Gesundheit wird zur belastenden Mission, die sich Menschen auferlegen (lassen). In „Das Wellness-Syndrom“ behandeln Cederström und Spicer diese Entwicklung kritisch.

Gesundheit und Glück haben sich die Menschen schon immer gewünscht. Aber sie wussten auch, dass ihnen das bloß unter günstigen Umständen zufällt. Krankheit und Unglück haben sie als Schicksalsschläge verstanden, gegen die sie sich mit ärztlicher oder mitmenschlicher Hilfe nur in Grenzen wehren konnten.

Im technischen Zeitalter glauben nun viele Menschen, Gesundheit und Glück wären genauso machbar wie die Apparate und Geräte, mit denen sie sich umgeben haben. Krankheit und Unglück, so meinen sie, wären bloß die Folge einer Fehlbedienung, die sie dem verantwortungslosen Umgang mit sich selbst zuschreiben müssten. Also kreist jetzt ihr ganzes Denken und Verhalten um die Sorge, wie sie Körper und Seele am besten bedienen, um jeden Störfall auszuschalten. Krankheit und Unglück, so nehmen sie an, sind nicht etwa tragische Zufälle, sondern werden als Strafe für eigenes moralisches Versagen gedeutet. Die Autoren, die diesen Wohlfühlwahn in vielen Facetten kritisch beschreiben, machen dafür allerdings weniger den technischen Geist, sondern den „neoliberalistischen“ Geist des Kapitalismus verantwortlich, der, alle gesellschaftstrukturellen Bedingungen ignorierend, ausschließlich den Einzelnen die Schuld für ihre Lebenssituation zuweisen will.

Der Wohlfühlwahn, der dem endlosen Glück und der ewigen Gesundheit nachjagt, erweist sich aber als eine besondere Krankheit, die ständige Versagensängste und regelmäßige Enttäuschungen über Misserfolge mit sich bringt. Das „Streben nach Glück“, das einmal als verfassungsmäßiges Recht verkündet worden war, verkommt im 21. Jahrhundert zu einer kategorischen Pflicht, der man sich nur bei Strafe gesellschaftlicher Ächtung entziehen kann. Mit einer Vielzahl von Berichten und Zitaten belegt dieses Buch, welche Blüten das verzweifelte Bemühen um Gesundheits- und Glücksgarantien treibt.

„Manche amerikanische Unternehmen und Kliniken verlangen von Bewerbern inzwischen Urintests.“

Da gibt es amerikanische Universitäten, die ihren Studenten nahelegen, sich förmlich zu einem alkohol- und drogenfreien Leben zu verpflichten (S. 8). Da werfen sich eine Vielzahl von mehr oder minder kompetenten Gesundheits- und Erfolgsberatern („coaches“) zu Priestern der Wohlfühlreligion auf (S. 17ff.). Das Rauchen, früher allenfalls von empfindlichen Nichtrauchern als lästig empfunden, ist zu einer überlebensgroßen Gesundheitsgefahr hochstilisiert worden und wird mit weitreichenden Verboten geächtet. Manche amerikanische Unternehmen und Kliniken verlangen von Bewerbern inzwischen Urintests, um sicherzugehen, dass neue Mitarbeiter nie, also auch nicht außerhalb der Arbeit, rauchen (S. 39ff.).

Übergewichtige, trinkende und rauchende Personen aus der Unterschicht werden als abschreckende Beispiele für undisziplinierten Lebenswandel an den Pranger gestellt (S. 67ff.). Bekannte „Fernsehköche“ wie Jamie Oliver veranstalten, statt bei der kunstvollen Zubereitung schmackhafter Speisen zu bleiben, öffentliche Kampagnen zur Verbreitung „gesunden“ Essens (S. 74ff.). Etliche Verfasser von Glücksrezepten werden vorgestellt, deren Empfehlungen von der Trivialität bis zur Exzentrik reichen (S. 83ff.). Ein weiteres Kapitel behandelt die sich mehrenden Versuche, die Arbeitslosigkeit, unter der zahlreiche Menschen leiden, nicht als sozioökonomisches Strukturproblem zu verstehen, sondern als Folge individueller Antriebs-, Leistungs- und Selbstvermarktungsschwäche, die mit glücks- und gesundheitsorientiertem „positivem Denken“ zu überwinden wäre (S. 119ff.). Doch es gibt auch die Renegaten, die sich dem Wohlfühlwahn entziehen, die genussvoll ihre Krankheit ausleben, die sich ungeachtet ihres Leibesumfangs dem fröhlichen Fressen hingeben, und die sich in diesen oder anderen Formen dem Gesundheitszwang widersetzen (S. 151ff.).

Die Verfasser, Professoren für Organisationstheorie an den Universitäten Stockholm bzw. London, haben eine Fülle (elektronischer?) Zettelkästen ausgewertet und die Fundstücke assoziativ aneinandergereiht – ein Verfahren, das bei Sachbüchern heute wohl gängig ist. Darum sind nur einzelne Kapitel thematisch halbwegs geschlossen. Es fehlt an einer stringenten Argumentation (die der Übersetzer wohl dadurch ersetzen möchte, dass er für das englische „to argue“ das meist unpassende „argumentieren“ setzt). Bloß gelegentlich werden grundsätzliche Gedanken assoziiert, die wohl richtig scheinen, aber nicht schlüssig begründet werden.

„Individuelle Befindlichkeitssorgen lenken die Menschen von den gesellschaftlichen Problemen ab.“

Es ist natürlich richtig, dass der individuelle Wohlfühlwahn bestimmten gesellschaftlichen Interessen entgegenkommt: den Unternehmen, wenn sie sich davon mehr Arbeitszufriedenheit und Leistungsfähigkeit der Beschäftigten versprechen, und der Politik, wenn individuelle Befindlichkeitssorgen die Menschen von den gesellschaftlichen Problemen ablenken, für deren Lösung sie sich eigentlich engagieren sollten. Muss man nun annehmen, diese Interessen hätten die Gesundheits- und Glücksbesessenheit planmäßig erzeugt, oder gibt es tieferliegende psychosoziale Entwicklungen, die sich in dieser Gestimmtheit äußern? Dazu findet man in diesem Buch wenig Erhellendes.

Die Berichte und Zitate stammen – außer ein paar Anleihen bei der europäischen Philosophie von Aristoteles bis Žižek – durchweg aus der angelsächsischen Welt, und da sind Einflüsse des puritanisch-asketischen Erbes, wie im Buch erwähnt, natürlich nicht verwunderlich. Doch wir sollten uns in Deutschland nicht sicher wähnen. Der Wohlfühlwahn hat uns längst erreicht, und wahrscheinlich wird er sich auch hier weiter verbreiten. Schließlich hat es kaum je einen Unfug aus Amerika gegeben, der in der Alten Welt nicht mit offenen Armen als Segnung begrüßt und bereitwillig aufgenommen wurde.

So ist das Buch wichtig, weil es ungute Tendenzen kritisch auf den Punkt bringt und dies in einer leicht lesbaren und unterhaltsamen Weise tut. Wer statt diskursiver Strenge eine lockere Erzählform zu schätzen weiß, wird, wenn ihm die Besorgnisgesellschaft auch nicht geheuer ist, mit diesem Buch – je nach Temperament – seine beklommene Freude haben oder blankes Entsetzen verspüren.