05.11.2026
Die Quellen des postmodernen Irrsinns
Rezension von Jörg Michael Neubert
Woke Ideologie wäre ohne philosophische Vordenker wie Foucault oder Butler nicht denkbar. Sie seziert Christian Zeller in seinem neuen Buch „Tyrannei der Postmoderne“.
Wenn man zeitgeschichtliche Phänomene verstehen will, dann ergibt es Sinn, sich die deren Ursachen Selbiger etwas genauer anzusehen. Genau diesen Versuch unternimmt Christian Zeller in seinem neuen Buch: „Tyrannei der Postmoderne – Eine Tragödie”. In seinem letzten Werk „Zerstörung der Meinungsfreiheit” ging der Soziologe auf die realen Auswüchse von Cancel Culture, eingeschränkter Meinungsfreiheit sowie deren politische Unterstützung ein. Nun unternimmt er den Versuch, die philosophischen Hintergründe und die Entstehungsgeschichte dieses Zeitgeistes zu beleuchten.
Das Buch ist dafür in fünf Teile gegliedert. Im ersten Teil bleibt Zeller eher noch bei dem Stil seines letzten Werks und beschreibt die Erscheinungsformen von moderner Identitätspolitik in verschiedenen Kontexten. Dabei wird dem informierten Leser einiges bekannt vorkommen, doch es gibt auch immer wieder neue Aspekte, die diesen Teil des Buches kurzweilig und zugänglich machen. Gegen Ende werden dann mit Karl Popper und Jürgen Habermas zwei Denker eingeführt, auf die im weiteren Verlauf immer wieder Rekurs genommen wird.
Im zweiten Teil geht es dann ans philosophische ‚Eingemachte‘. Mit großer Verve zeichnet Zeller die Biografien von Sartre, Derrida, Heidegger und Foucault nach, deren Philosophie man als Keimzelle der Postmoderne betrachten kann. Vieles, was heute von Aktivisten propagiert wird, wurde hier bereits gedacht. Inhaltliche und fachliche Stärke sind gleichzeitig aber auch die größte Schwäche des Kapitels. Zeller macht für seine Diagnose und Beschreibung nämlich selbst großzügig Gebrauch von philosophischem Fachjargon und Ausdrucksweise, die sich dem vorgebildeten Leser direkt erschließen mag – der Laie stößt hier schnell an seine Grenzen. Aber auch für diesen lohnt es sich, diesen Teil zu lesen. Gerade die Passagen, in denen sich die Protagonisten der Postmoderne selbst entlarven, sind erheiternd und bescheren dem Leser den ein oder anderen Aha-Moment. So etwa, wenn Derrida zunächst im Carno-Phallogozentrismus seine Tierliebe entdeckt und sich fortan als Vegetrarier bezeichnet. Nur um dann trotzdem regelmäßig Fleisch zu essen. Auf dieses Verhalten angesprochen, wird die Frage lapidar mit der Feststellung abgetan, dass er ein Vegetarier sei, der ab und zu Fleisch esse.
In den nächsten beiden Teilen geht es dann etwas weniger philosophisch zu. Zeller kehrt hier zu aktuellen Phänomenen zurück. So beschäftigt er sich hier u.a. mit der Critical Race Theory, postkolonialer Theorie und dem Gendern. Auch hier beleuchtet er detailliert die theoretischen Hintergründe und die Geschichte, aber die Texte bleiben für den Normalleser deutlich zugänglicher. Außerdem gelingt es Zeller sehr gut, einen Bogen von der historischen Entwicklung hin zu aktuellen Tendenzen zu schlagen. Er verweist hier im Zusammenhang mit einer der Ikonen der Queerbewegung, Judith Butler, u.a. auf aktuelle EU-Projekte wie „intersektionale Sexualerziehung in Litauen oder inklusive und sichere Sportcamps in Rumänien als pädagogische Steuerung des ‚gemeinen Volks‘“.
„Eine klare Kaufempfehlung für jeden, der die Ursprünge moderner Identitätspolitik besser verstehen will.“
Daraufhin widmet sich Zeller im letzten Teil des Buches dem Wissenschaftsbetrieb und den Problemen, die daraus erwachsen, wenn dieser dogmatisch wird. Er bleibt dabei der Linie des Buches treu und zeigt am historischen Beispiel von Erich Fromm auf, was passiert, wenn nicht mehr Erkenntnisgewinn, sondern die Bestätigung einer Meinung zum Ziel der Wissenschaft wird. Laut Zeller sind insbesondere die Geistes- sowie Kulturwissenschaften von diesem Problem betroffen. Die Ursache bringt er dabei prägnant mit dem Satz: „Da diese Wissenschaften nur höchst selten an einer lebenspraktisch relevanten Realität erkennbar scheitern können, kann man auch Debatten a la ‚X‘ ist Konstruktion endlos fortsetzen” auf den Punkt. Zeller kritisiert hier außerdem scharf die politische Unterstützung und Vereinnahmung einer „Philosophie”, die deren Protagonisten ein ‚zu‘ sicheres Leben ermöglicht. Oder mit seinen Worten: „Postmoderner Aktivismus ist steuerfinanzierter Gratismut im Wissenschaftskleid”.
Das Buch schließt mit ein einigen Empfehlungen, wie man den geschilderten Entwicklungen mit einer wehrhaften Wissenschaft begegnen könnte. Teil dieser wehrhaften Wissenschaft wäre laut Zeller eine klare Trennung von Staat und Wissenschaft. „Die Wahrheitsabstinenz des Staates muss deshalb eine Politikabstinenz der Wissenschaft korrespondieren”, wie Zeller schreibt.
Zusammenfassend ist zu sagen, dass Christian Zeller mit diesem Buch eine lesenswerte Geschichte der Postmoderne vorgelegt hat. Er seziert eindrucksvoll die frühen Protagonisten dieser Bewegung und beschreibt die Folgen für die Gegenwart. Teilweise helfen Fachkenntnisse, doch die Lektüre lohnt sich auch ohne diese. Eine klare Kaufempfehlung für jeden, der die Ursprünge moderner Identitätspolitik besser verstehen will.