20.03.2026

Freie Meinungsäußerung unter zunehmendem Druck

Von Adrian Müller

Titelbild

Foto: Hpeterswald via WikiCommons / CC BY-SA 4.0

In seinem Buch „Zerstörung der Meinungsfreiheit. Eine politische Zeitdiagnose“ stellt Christian J. Zeller den aktuellen Zuständen in Deutschland kein gutes Zeugnis aus.

Christian Zellers Buch „Zerstörung der Meinungsfreiheit“ ist eine treffende Zeitgeistdiagnose. Auf 400 Seiten zeichnet dieses Werk einen erschreckenden Befund: Im Westen im Allgemeinen und insbesondere in Deutschland steht die Meinungsfreiheit unter Beschuss.

Viele Bürger sind mittlerweile so sehr von den sich schrittweise verschärfenden Entwicklungen abgestumpft, dass sie die ganze Bandbreite der Bedrohungen nicht im Blick haben. Der Soziologe Dr. Zeller schafft hier einen gelungenen Überblick über die gegenwärtige Situation mit Stand vom Herbst 2025.

Das Besondere an diesem Buch ist, dass es auf nur knapp 400 Seiten umfassend die verschiedensten Dynamiken eines übergeordneten Themas analysiert: Des großangelegten Angriffs auf die politische Mündigkeit. Laut Zeller liegt das Thema Meinungsfreiheit am Grunde einer Gesamtdynamik, welche das Fundament der liberal-demokratischen Ordnung in der Bundesrepublik hinwegspülen und durch ein autoritäres, Demokratie bloß noch simulierendes Herrschaftsmodell ersetzen könnte.

Zeller wirft in seinem Prolog einen schonungslosen Blick auf den Status Quo anhand der berühmten Rede von J.D. Vance auf der Münchner Sicherheitskonferenz, der repressiven Ansichten zur Meinungsfreiheit von Friedrich Merz sowie von Ex-Verfassungsschutzpräsidenten Thomas Haldenwang.

„Wie kann es sein, dass der weite Rahmen, den das Bundesverfassungsgericht durch seine Rechtsprechung gesetzt hat, in der Realität immer weiter verengt wird?“

In der Einleitung geht es mit einem geschichtlichen Exkurs zur Meinungsfreiheit als Errungenschaft der Aufklärung weiter. Die Garantie der Meinungsfreiheit ist wichtiger Bestandteil der deutschen Verfassung (Art. 5). Zusätzlich gibt es auch verschiedene Entscheidungen des Bundesverfassungsgerichts zur Meinungsfreiheit, die die Bedeutung dieses existenziellen Bürgerrechts für die freiheitliche Demokratie unterstreichen, z.B. aus dem Jahre 2018:

Die mögliche Konfrontation mit beunruhigenden Meinungen, auch wenn sie in ihrer gedanklichen Konsequenz gefährlich und selbst wenn sie auf eine prinzipielle Umwälzung der geltenden Ordnung gerichtet sind, gehört zum freiheitlichen Staat.

Wie kann es nun sein, dass die derzeitige Gefährdung der Meinungsfreiheit ausgerechnet als „Schutz unserer Demokratie" und „Schutz der Verfassung“ verkauft wird?

Wie kann es sein, dass der weite Rahmen, den das Bundesverfassungsgericht durch seine Rechtsprechung gesetzt hat, in der Realität immer weiter verengt wird?

Zeller beschreibt hierzu zunächst die Auswirkungen der digitalen Medienrevolution des Internets im Vergleich zur historischen Buchdruckrevolution. Im Zeitalter der digitalen Medien kann nun nicht nur ohne große Hürden gelesen und geschrieben werden, sondern auch in Echtzeit unmittelbar über dasselbe Medium reagiert werden. Dadurch entsteht eine neue Dynamik, welche die etablierten Deutungseliten in Bedrängnis bringen kann. Der Kampf gegen sogenannte „Desinformation“ in den Sozialen Medien soll die Kontrolle über ungefilterte Meinungen wieder sichern. Was früher die Sprengkraft des Buchdrucks war, seien nun die Sprengkraft der heutigen „Neuen Medien“, die deren Deutungshoheit infrage stellen. Würde Luther heute leben, könnte er nicht nur als Ketzer gelten, sondern auch als jemand, der gefährliche Desinformation verbreitet.

„Originell ist der von Zeller eingeführte Begriff ‚Indifferenzzonen‘.“

In den folgenden Kapiteln beschreibt Zeller die Sicherung von Meinungsfreiheit als eine Frage der Alltagskultur. Hierbei geht er detailreich auf die verschiedensten Facetten der woken Cancel Culture und eine verbreitete progressive Doppelmoral ein: Mithilfe von Kampfbegriffen und moralischer Erpressung werden Diskurse verengt, sodass jede Gegenmeinung per se als illegitim gilt. Von der mit Wokeness verbundenen moralischen Überlegenheit ist es nur ein kleiner Schritt zum sogenannten „Canceln“, wo es nicht um die Widerlegung eines Arguments geht, sondern darum, eine Position völlig aus der Debatte zu verbannen. Widerspruch gilt dann nicht mehr nur als sachlich falsch, sondern als moralisch verwerfliche „Hassrede“. Zensur werde laut dem forensischen Psychiater Frank Urbaniok nicht nur vom Staat praktiziert, sondern auch durch „viele Personen, die davon überzeugt sind, Gutes zu tun“.

Zeller befasst sich nun mit den Bedrohungen auf rechtlicher Ebene, z.B. mit der neuen Beweislastumkehr für Beamte im Staatsdienst, dem Beleidigungsstrafrecht, dem DSA und dem Selbstbestimmungsrecht. Auch die anmaßende Rolle des Verfassungsschutzes als Diskurswächter gegenüber Staatskritik wird hier gewürdigt: Die Behörden betätigen sich zunehmend als „Regierungsschutz” und seien mittlerweile selbst ein Fall für den Verfassungsschutz.

Originell ist der von Zeller eingeführte Begriff „Indifferenzzonen”: Damit soll beschrieben werden, dass sphärenübergreifend zu Problemthemen mehr oder weniger die gleiche Meinung verbreitet wird. Egal ob Wissenschaft, Politik, Wirtschaft, Kirchen oder die „Zivilgesellschaft” – überall hört man die gleiche Botschaft als vermeintlichen Normalitätsstandard. Zitat Zeller:

Wenn du nicht pro Impfen, pro Waffenlieferungen, pro Klimaschutz bist, wenn du nicht glaubst, dass es mehr als zwei Geschlechter gibt, die Ukraine den Westen gegen Putin verteidigt, wenn du nicht den Kampf gegen rechts unterstützt, Trump und die AfD nicht verurteilst, dich nicht zu einer vielfältigen, migrations- und transgenderfreundlichen Gesellschaft bekennst, dann gehörst du nicht dazu und bist eine Gefährdung für unsere Demokratie, ein Schwurbler, Rechtspopulist und Verschwörungstheoretiker, der die falschen Medien konsumiert und an den Rand der Debatte gedrängt werden muss.  

Welche komplexen Mechanismen für die Entstehung dieser unterschiedlichen „Indifferenzzonen“ verantwortlich sind, wird vom Autor ausführlich analysiert. Die Volkserziehung erfolge neben den linksgrün dominierten Massenmedien maßgeblich durch staatlich geförderte NGOs, welche die Bevölkerung auf den vermeintlichen Normalitätsstandard bringen sollen. Auf der anderen Seite der Propaganda steht die staatlich geförderte Repression, unter anderem durch die Förderung von „Meldestellen” und die Überwachung des Internets durch den DSA. Hinzu ließe sich auch noch die drohende Chatkontrolle fügen.

„Zeller nimmt sich in dem Buch eine große Zahl an heißen Themen ohne Angst oder übertriebenen Alarmismus vor.“

Wie weit die regierungsnahen Eliten mit ihrem repressiven Vorgehen gehen werden, bleibt offen, aber das Buch gibt großen Anlass zur Sorge. Beispielsweise forderte der frühere EU-Binnenmarkt-Kommissar Thierry Breton im französischen Fernsehen nach der manipulierten Präsidentschaftswahl in Rumänien: „Lasst uns einen kühlen Kopf bewahren und unsere Gesetze in Europa durchsetzen, wenn das Risiko besteht, dass sie umgangen werden und wenn sie, falls sie nicht durchgesetzt werden, zur Einmischung führen. Wir haben das in Rumänien getan und werden es, wenn notwendig, offensichtlich auch in Deutschland tun müssen.“  Es ist eine Stärke des Buches, dass derartige Bedrohungen der Meinungsfreiheit durch genaue Quellenangaben belegt werden.

Dr. Zeller nimmt sich in dem Buch eine große Zahl an heißen Themen ohne Angst oder übertriebenen Alarmismus vor: Corona, Demokratie, Rassismus, Migration, Klima, Gleichstellung, Brandmauer. Und sogar die Erinnerungspolitik an das Nazi-Regime, bei der immer öfter vor einer neuen drohenden Machtergreifung durch Nationalsozialisten gewarnt wird. In dem verbundenen regierungsnahen „Kampf gegen Rechts” wird mittlerweile sogar ein Verbot der Opposition angemahnt, als ob es den maoistisch-sozialistischen Terror gegen vermeintliche „Rechte“ nie gegeben hätte.

Zellers Vorschläge zur Verteidigung der Meinungsfreiheit wären politisch machbar. Dabei fordert er die Abschaffung des Verfassungsschutzes, politischen Druck auf woke Universitäten, die Beendigung der Förderung von Meldestellen und des NGO-Komplexes sowie eine Ablehnung von ideologisch begründeten Brandmauern in der Politik. Auch fordert Zeller mehr direkte demokratische Beteiligung durch Abstimmung.

Die Frage stellt sich nur, ob die „progressive“ Deutungselite daran überhaupt noch ein Interesse hat, schließlich wäre damit auch ihr eigenes Selbstbild gefährdet; von politischen Interessenskonflikten ganz zu schweigen. Realistisch sind solche Reformen aus meiner Sicht erst, wenn das gesamte „progressive“ Selbstbild sich selbst vollständig widerlegt hat. Bis es so weit ist, wird die Repression vermutlich noch härter werden. Äußerungen von Unionspolitikern wie Daniel Günther und Ursula von der Leyen bezüglich „Desinformation“ und „Hassrede“ geben wenig Anlass zur Hoffnung.

Wer trotz all dem lachen will, sollte das Ende des Buches lesen. Hier wird ein absurder Perspektivenwechsel vollzogen, indem Deutschland einen staatlich geförderten „Kampf gegen Links“ durchführt. Dieser schwarze Humor zum Schluss tut dieser ansonsten ernsten Zeitgeistdiagnose gut.    

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