10.07.2020

Böses und Banales

Rezension von Kolja Zydatiss

Titelbild

Foto: Gage Skidmore via Flickr / CC BY-SA 2.0

Der Rechtspopulismus vermengt legitime Kritik mit reaktionärem Mist – etwa Ideen der erstaunlich einflussreichen ‚Traditionalistischen Schule‘, deren politische Vision an einen Fantasy-Roman erinnert.

Steve Bannon ist ein dezidierter Befürworter starker Nationalstaaten und Kritiker des „Globalismus“. Er fordert eine Renaissance konservativer Werte und eine drastische Reduzierung der Einwanderung in die USA. Als der Publizist und Medienunternehmer im Januar 2017 zum Chefstrategen von US-Präsident Trump avancierte, waren sich viele linksliberale Kommentatoren sicher: In das Weiße Haus ist ein faschistischer Denker eingezogen. Dass der mittlerweile geschasste Berater selbst immer wieder beteuert, den Faschismus als „Verehrung des Staates“ entschieden abzulehnen, tat da nichts zur Sache.

Der US-amerikanische Autor Benjamin R. Teitelbaum nimmt Bannon solche Aussagen ab. Denn für den Ethnomusikologen, der sich als Wissenschaftler vor allem mit der rechtsextremen Musikszene in Skandinavien beschäftigt, ist der ehemalige Trump-Berater kein klassischer Nazi, sondern etwas noch viel Seltsameres (und vielleicht ebenso Bedenkliches). Bannon, so die These von Teitelbaums aktuellem Sachbuch „War for Eternity“ (zu Deutsch etwa: Kampf für die Ewigkeit), sei vielmehr ein Anhänger der wenig bekannten philosophischen Strömung des Traditionalismus. Und neben dem Amerikaner seien auch die Philosophen Alexander Dugin und Olavo de Carvalho maßgeblich von dieser Denkrichtung beeinflusst. Ersterer unterhält seit Jahren eine enge, wenngleich informelle Beziehung zur russischen Regierung unter Wladimir Putin und berät diese vor allem in außenpolitischen Fragen, und letzterer ist ebenso eng mit dem rechtspopulistischen brasilianischen Präsidenten Jair Bolsonaro verbunden.

Nach eigenen Angaben betrachtete Teitelbaum den Traditionalismus lange als etwas versnobte, verkopfte Untergruppierung des Rechtsextremismus mit wenig politischem Potential. Die Recherchen zu dieser Szene waren für den Forscher vor allem eine Form von intellektueller Bergungsarbeit, ehe die obskure Denkrichtung endgültig ausstarb. Hellhörig wurde Teitelbaum im Jahr 2017, als bekannt wurde, dass Bannon die traditionalistischen Vordenker Julius Evola (1898-1974) und René Guénon (1886-1951) als intellektuelle Vorbilder betrachtete. Hatte sich Teitelbaum vertan? Hatte sich tatsächlich ein Jünger des Traditionalismus Zugang zum mächtigsten Mann der Welt verschafft – also ein Vertreter einer radikalen, esoterischen Philosophie, deren Auffassung von Konservatismus näher an Dschingis Khan ist als an Franz Josef Strauß? Wie war Bannon zum Traditionalismus gekommen, und mit wem tauschte er sich noch über diese Ideen aus?

„Für den Autor ist Bannon kein klassischer Nazi, sondern etwas noch viel Seltsameres.“

Für das Buch begleitete Teitelbaum Bannon anderthalb Jahre lang bei verschiedenen beruflichen und privaten Anlässen und nahm mehr als 20 Stunden Interviewmaterial auf. Auch mit Dugin, de Carvalho und weiteren weniger bekannten Vertretern der Szene hat er sich getroffen. Gespräche mit Vertretern der Neuen Rechten in Ungarn, wo der Traditionalismus bislang wenig Fuß fassen konnte, runden die Recherchen für das Buch ab, welches im April dieses Jahres erschienen ist und in einer teils thrillerartigen Erzählung seine Protagonisten durch verschiedene Jahrzehnte und Weltregionen begleitet.

Wir begegnen unter anderem einem jungen Bannon, der als Matrose in den 1980er-Jahren sein Interesse an Esoterik und östlichen Religionen vor den Kameraden in der US-Marine verbergen muss. Wir folgen dem Werdegang von de Carvalho, der ungefähr zur selben Zeit in einer sufistisch-islamischen Kommune in Bloomington, Indiana lebt und später nach Brasilien zurückkehrt, um einen eigenen Sufi-Orden zu gründen. Und wir sind dabei, als Dugin zur Zeit des Kaukasuskriegs 2008 in den Korridoren des Kremls verkehrt und Stimmung für eine russische Invasion Georgiens macht. Alles Schnappschüsse und Fragmente, die ohne eine breitere Einordnung wenig Sinn ergeben würden. Zum Glück liefert der Autor reichlich ideengeschichtlichen Hintergrund zu der traditionalistischen Philosophie, die diese drei einflussreichen Männer bis heute prägt.

Laut Teitelbaum sind die Anhänger des Traditionalismus weitaus radikaler und konsequenter als herkömmliche Konservative. Die Denkschule propagiere einen umfassenden Gegenentwurf zu den Ideen und Institutionen der Moderne. Sie lehne die Trennung von Staat und Religion sowie wissenschaftlich-rationales Denken ab, und befürworte eine Hinwendung der Gesellschaft zu spirituellen, metaphysischen Fragen und übernatürlichen Kräften. Welcher Religion ein Individuum konkret folgt, sei den traditionalistischen Denkern egal gewesen, denn alle Religionen enthielten einen wahren und ewigen Kern, zu dem man in einer Art spirituellen Reise vordringen müsse.

„Die Traditionalistische Denkschule propagiert einen umfassenden Gegenentwurf zu den Ideen und Institutionen der Moderne.“

Charakteristisch für den Traditionalismus ist laut Teitelbaum die Ablehnung der Fortschrittsidee. Anstatt zu glauben, dass Gesellschaften mit der Zeit immer entwickelter, humaner und aufgeklärter werden, hingen traditionalistische Denker wie Evola und Guénon einem vom Hinduismus inspirierten zyklischen Zeitverständnis an. Gesellschaften schritten von einem goldenen Zeitalter, in dem die Kaste der Priester vorherrschte, zu einem silbernen Zeitalter, das von der Kaste der Krieger geprägt sei. Auf diese zwei höheren, „spirituellen“ Epochen folgten zwei degenerierte Epochen: Das bronzene Zeitalter der Händler und das schwarze Zeitalter, in dem die „Sklaven“ bzw. der Pöbel herrschten und nur noch Egoismus und materielle Werte zählten. Laut den Traditionalisten ist im Westen die Moderne, also die Epoche seit ca. 1800, ein solches schwarzes Zeitalter, auf das ein goldenes Zeitalter der spirituellen Erneuerung und Hinwendung zur „Tradition“, folgen wird.

Zu den real-existierenden faschistischen Regimen in Deutschland und Italien hatten die traditionalistischen Vordenker ein ambivalentes Verhältnis. Sie bewunderten die Anti-Demokratie, das völkisch-kollektivistische Denken und die Wiederbelebung von Mystik und kriegerischen Werten. Letztlich kamen sie jedoch zu dem Schluss, dass Hitler und Mussolini noch zu sehr den materialistischen Denkparadigmen der Moderne verhaftet geblieben waren.

So weit, so schräg. Aber wie erlangt man heute als Vertreter solch abstruser Thesen gesellschaftlichen Einfluss? Laut Teitelbaum, indem man das Gedankengebäude des Traditionalismus modifiziert, und vor allem die elitären, antidemokratischen und rassistischen Bestandteile herunterspielt.

Für den Autor ist Dugin der orthodoxeste der drei Denker. Er kooperiere nicht nur mit nationalkonservativen Parteien, sondern auch mit offen neonazistisch-antidemokratischen Kräften wie der griechischen Goldenen Morgenröte. Dies beschränke seine Anziehungskraft, vor allem in Westeuropa. Bannon und de Carvalho hielten sich hingegen vom extrem rechten Rand fern. Vor allem hätten sie aber die Kastenhierarchie des Traditionalismus vom Kopf auf die Füße gestellt und damit die Philosophie von aristokratischen Ideen befreit, die in modernen Demokratien nicht anschlussfähig sind.

„Bannon und de Carvalho haben die Kastenhierarchie vom Kopf auf die Füße gestellt und damit den Traditionalismus von aristokratischen Ideen befreit, die in modernen Demokratien nicht anschlussfähig sind.“

Für den Amerikaner und den Brasilianer bildeten die arbeitenden Massen (also die „Sklaven“ in der Begriffswelt des Traditionalismus) nicht die unterste, degenerierteste Kaste. Sie seien im Gegenteil die Kaste, die die besten Händler, Krieger und Priester hervorbringe. Teitelbaum gibt ein Gespräch wieder, in dem Bannon erklärt, dass die einfachen Leute mit ihrer Bodenständigkeit die Kapitalmärkte stabilisieren und somit den amerikanischen Kapitalismus vor dem Zusammenbruch bewahren. Die meisten Krieger (also Soldaten) kämen ohnehin aus der Arbeiterschicht. Und mit ihrem „echten Verständnis des Lebens“ hätten die untersten Schichten auch die tiefsten spirituellen Einsichten.

Wen meint Bannon eigentlich, wenn er von der besonderen Bedeutung der Arbeiterschicht schwärmt? Die amerikanische Arbeiterklasse im Allgemeinen oder speziell die weiße Arbeiterschicht? Bannon weist als öffentliche Person jeden Vorwurf des Rassismus empört von sich. Laut Teitelbaum benutzte er jedoch im privaten Gespräch nicht selten Formulierungen, die letztere Interpretation nahelegen.

Wie dem auch sei. Das Verwerfen antidemokratischer Elemente und die öffentliche Distanzierung von Evolas und Guénons kruden Rassentheorien hat es Bannon und de Carvalho offensichtlich ermöglicht, an mainstreamnähere rechtspopulistische Bewegungen in ihren jeweiligen Ländern anzudocken, im Fall des Brasilianers als enger Vertrauter des Staatschefs und einiger seiner Minister und im Fall Bannons sogar zeitweise in einem hohen Regierungsamt. Das bleibt bemerkenswert, denn selbst der „bereinigte“ Traditionalismus dieser Männer dürfte den meisten Wählern äußerst seltsam und realitätsfern erscheinen.

„Wen meint Bannon, wenn er von der besonderen Bedeutung der Arbeiterschicht schwärmt? Die Arbeiterklasse im Allgemeinen oder speziell die weiße Arbeiterschicht?“

Erklären lässt sich der unwahrscheinliche Einfluss traditionalistischer Berater wohl mit der besonderen Rolle des Rechtspopulismus, die weit über herkömmliches parteipolitisches Gerangel hinausgeht. Schon seit Jahren wirkt das politische Establishment in vielen formal demokratischen Staaten abgehoben und orientierungslos. Die etablierte Politik bietet den Bürgern oft wenig mehr als wirtschaftliche Stagnation, wachsende soziale Spaltung und „progressive“ – meist identitätspolitische – Projekte, die vielen Bürgern wenig bedeuten. Darüber hinaus erwecken die Politiker den Eindruck, als ob sie sich nur noch in Foren wohlfühlen, wo die lästige, kritische Öffentlichkeit auf Distanz gehalten wird, also vor allem in der abgeschlossenen Welt der supranationalen Institutionen. Der Erfolg des Rechtspopulismus speist sich nicht nur aus konkreten politischen Vorschlägen, sondern nicht zuletzt auch aus der ideellen Forderung nach Sinn und Zusammenhalt in unsicheren Zeiten, sowie nach Eliten, die nicht kosmopolitisch-mobil, sondern an einen konkreten Ort – und somit an das Schicksal normaler Menschen – gebunden sind.

Als äußerst heterogenes Phänomen, dessen ideologische Entwicklung noch lange nicht abgeschlossen ist, assimiliert der Rechtspopulismus allerlei Einflüsse, die irgendwie zu diesem Programm passen. Im deutschen Sprachraum hat sich für diese Tendenz der Begriff „Mosaik-Rechte“ etabliert. Hierzulande wird vor allem die Beziehung zwischen rechtspopulistischen Parteien (AfD, FPÖ) und der radikaleren, aktionistisch-orientierten „Identitären Bewegung“ (IB) thematisiert. Teitelbaums Buch beleuchtet nun den Aufstieg einer weiteren Szene, die bislang vor allem publizistisch mittels obskurer Blogs und Kleinverlage ihren Kampf für „Kultur und Geist“ und gegen Staaten und Gemeinschaften, die nur noch von „Ökonomie oder bürokratischen Formalitäten“ zusammengehalten würden, führte.

Wie so oft bei konservativer Kritik am politischen Status Quo vermengen sich bei den Traditionalisten banal richtige Beobachtungen über Orientierungslosigkeit, Entsolidarisierung usw. mit rückwärtsgewandtem Mist. Nur dass der rückwärtsgewandte Mist bei den Vertretern dieser Denkrichtung besonders reaktionär und exzentrisch ist. Die Anhänger dieser von Kasten, Magie und epischen Zeitzyklen besessenen Philosophie wollen offenbar nicht in der Adenauer- oder Eisenhower-Ära leben, sondern in einem „Herr der Ringe“-Roman. Teitelbaums fesselnde Recherche zu dieser Szene und ihrem Einfluss ist auch eine eindrückliche Warnung, was für ein Unsinn gedeihen kann, wenn progressive Alternativen zum technokratischen Status Quo fehlen.