12.09.2019

Rechte Gräben

Von Nico Hoppe

Titelbild

Foto: Metropolico.org via Wikimedia Commons / CCC BY-SA 2.0

In rechtsalternativen Kreisen verläuft eine Trennlinie zwischen prowestlichen Kräften wie David Berger und Illiberalen um Götz Kubitschek. Es geht um Themen wie Islam, Israel und Identität.

Aktuelle Kontroversen in der deutschsprachigen Rechten machen deutlich: Der Mär von einer durch und durch homogenen Bewegung sollte man nicht aufsitzen, denn gerade im Verhältnis zum westlichen Liberalismus und zum Islam könnte die neue Rechte nicht gespaltener sein.

Wenn in den vergangenen Monaten von den Flügelkämpfen in der AfD gesprochen wurde, dann war damit die Auseinandersetzung zwischen dem völkisch-nationalen Flügel um Björn Höcke und den vergleichsweise liberaleren Flügel um Jörg Meuthen und Alice Weidel gemeint. Wenig beachtet wurde hierbei, dass der Richtungsstreit ebenso in den rechten Publikationsorganen ausgetragen wurde, beispielsweise in der rechtskonservativen Tageszeitung Junge Freiheit. Deren Chefredakteur Dieter Stein sah sich bereits Anfang des Jahres Anfeindungen ausgesetzt, nachdem er den thüringischen Landesvorsitzenden der AfD unter anderem als „ideologisches Irrlicht“ bezeichnet hatte.

Stein stieß sich dabei sowohl an der nationalromantischen, über die Strenge schlagenden Rhetorik Höckes als auch an seinem Auftritt als großer rechter Heilsbringer. Damals antwortete ihm unter anderem ein aufgebrachter Götz Kubitschek, Verleger des neurechten Antaios-Verlags, der dem Höcke-Flügel der Partei als von ihr unabhängiger Ideengeber stets näher stand als dem zumindest in Relation liberaleren Flügel um die Desiderius-Erasmus-Stiftung.

Nach der von der AfD-Bundestagsfraktion veranstalteten sogenannten „Konferenz der freien Medien“ und dem dort erfolgten Auftritt des umstrittenen US-amerikanischen Bloggers Milo Yiannopoulos kam es erneut zur Kontroverse zwischen dem Netzwerk um Kubitschek und liberalkonservativen Rechten, in diesem Fall vertreten durch den katholischen Theologe David Berger. Der Betreiber eines islamkritischen Blogs war zu dieser Zeit noch Kuratoriumsmitglied in der Desiderius-Erasmus-Stiftung. Personen aus dem Umkreis des Antaios-Verlags aus Schnellroda, der außerdem Verbindungen zur Identitären Bewegung aufweist, bezeichnete er als „intellektuell parfümierte Nazis“ und fragte, ob es etwas bringe, „mit Leuten zusammen zu kämpfen, die ganz andere Ziele haben?“ (3)

„Der inflationäre Rassismusvorwurf wird aufgrund seiner vernunftresistenten Abwehr jeglichen Einwands inzwischen selbst im linksliberalen Milieu zumindest skeptisch beäugt.“

Zu den Vorwürfen, die Berger an Kubitschek und das Schnellroda-Umfeld adressierte, gehörte deren antiliberale Ausrichtung, die sich durch „krasse Homophobie, extrem geschmacklose, sexistische Aussagen gegenüber weiblichen Mitgliedern der IB und Antisemitismus“ kundtun würde. In den sozialen Netzwerken schaukelte sich der Streit daraufhin weiter hoch: Während ein Teil der Neurechten zur Schlichtung im Namen gleicher Ziele ausrief, forcierten sowohl der liberalkonservative Berger, als auch Kubitschek die Konfrontation der internen Widersprüche. Berger zog sich daraufhin aus dem Kuratorium der Desiderius-Erasmus-Stiftung zurück und legte seinen Blog Philosopia Perennis aufgrund von „links- und rechtsextremen Drohungen“ kurzzeitig auf Eis.

Das in Schnellroda postulierte Konzept der sogenannten „Mosaikrechten“, also eines losen Zusammenschlusses heterogener, rechter Gruppen, scheint damit seiner Unmöglichkeit überführt worden zu sein. Zwar verwundert die Tatsache, dass die versammelte Kritik an dem Schnellroda-Umfeld auf einen Schlag kam, auch nachdem Berger noch Anfang 2018 ein wohlmeinendes, inzwischen aber gelöschtes Interview mit Martin Sellner, dem Sprecher der österreichischen Identitären Bewegung, geführt hatte. Schaut man sich die ideologischen Unterschiede, die in dem Schlagabtausch zur Geltung kamen, genauer an, dann wird jedoch klar, dass es sich bei den Streitpunkten nicht um persönliche Differenzen handelte, sondern um teils unüberwindbare Gräben.

Kritik am Islam – das gilt oft als nationalkonservatives Steckenpferd, hinter dem sich der pure Rassismus meist nur unzureichend verschanzen kann. Der inflationäre Rassismusvorwurf büßt zwar kaum an Popularität ein, wird aber aufgrund seiner vernunftresistenten Abwehr jeglichen Einwands inzwischen selbst im linksliberalen Milieu zumindest skeptisch beäugt. Damit einhergehend gilt auch Islamkritik schon lang nicht mehr als rechte Spezialität.

Schon wesentlich weniger verbreitet dürfte hingegen die Erkenntnis sein, dass nicht alles, was sich stolz das Etikett „rechts“ anheftet, per se ein Problem mit dem Islam hat. Bereits ein Blick in die jüngere Geschichte der letzten hundert Jahre fördert zutage, dass offener Nazismus oft genug mit der zweitgrößten Religion der Welt paktierte. So arbeitete man in der NS-Zeit nicht nur aus taktischen Gründen mit dem Großmufti von Jerusalem zusammen – die ideologische Schnittmenge, insbesondere den Antisemitismus betreffend, stellte einen fruchtbaren Boden für eine Allianz dar.

„Eine Kritik an bestialischsten Praktiken in islamischen Ländern wird von neurechter Seite niemals zu finden sein, solange sich die jeweiligen Phänomene weit weg vom eigenen Tellerrand abspielen.“

Und auch in der neuen Rechten, die sich lieber auf die als dem Nationalsozialismus tendenziell abgeneigten Autoren der „Konservativen Revolution“ als auf den klassischen Faschismus beziehen, kehrt die Sympathie zum Islam oft genug unumwunden wieder. In der Zeitschrift Sezession des Antaios-Verlages stellte man bereits 2010 angesichts islamkritischer Karikaturen aus Schweden fest, dass der Zorn der darauf aggressiv reagierenden Muslime, „völlig verständlich“ sei.

Auf dem offiziellen Blog der Identitären Bewegung Deutschland erschien zudem ein Text mit dem Titel „Kritik der Islamkritik“, in dem es heißt: „Der Islam ist nicht der wahre Feind. Wir selbst sind es selbst, als Subjekte des Liberalismus, der uns total durchdrungen hat.“ Dieser Satz, an dem sich in der Rechten die Geister scheiden, bringt einen Unterschied ums Ganze auf den Punkt.

Denn während sich Bergers Umfeld einer bürgerlich-konservativen Islamkritik verschrieben hat, die auf dem Boden westlicher Zivilisation und deren Werteuniversalismus steht, verfolgt das Umfeld um Chefideologe Götz Kubitschek in erster Linie eine Kritik des Westens, in welcher der steigende Einfluss des Islam vor allem als Krisensymptom westlich-universalistischen Denkens und nicht als eigenständiges Problem wahrgenommen wird. Nicht Islamkritik sei deshalb das Ziel, sondern der Kampf gegen den identitätslosen Westen, der einer Religion wie dem Islam nichts entgegenzusetzen habe.

Folgt man der neurechten Leitideologie des Ethnopluralismus, dann ist das Fremde, in diesem Fall also der Islam, auch keinesfalls ein Ärgernis, solange es nicht als Fremdkörper in „kulturfremde“ Zonen eindringt, anstatt unter sich zu bleiben. Eine Kritik an bestialischsten Praktiken in islamischen Ländern wird deswegen von neurechter Seite niemals zu finden sein, solange sich die jeweiligen Phänomene weit weg vom eigenen Tellerrand abspielen. Für den dem linken Kulturrelativisten sehr ähnlichen Ethnopluralisten sind Zwangsverschleierung, institutionalisierte Homophobie und unverhüllter Judenhass keine Probleme an sich. Die identitären Bewegungen verschiedener Couleur eint die Abscheu gegenüber universalistischer Bedingungslosigkeit.

„In den Texten der Zeitschrift Sezession aus dem Antaios-Verlag ist häufig eine Kritik eines vermeintlich dekadenten Westens und eines wurzellosen Liberalismus anzutreffen.“

In den Texten der Zeitschrift Sezession aus dem Antaios-Verlag ist dementsprechend häufig eine Kritik eines vermeintlich dekadenten Westens und eines wurzellosen Liberalismus anzutreffen, der die vorgeblich wahren Werte – Familie, Nation, Kultur, Identität – untergraben würde. Spätestens hier wird deutlich, wo die Sympathie für den Islam herrührt: Auch dieser hat da, wo er seinen politischen Anspruch entfaltet, den Hass auf den Westen und der diesem inhärenten Möglichkeiten der Emanzipation von Sippe, Scholle, Tradition und Borniertheit als zentralen Bestandteil verinnerlicht. Universalismus, freiheitliche Rechte und der Vorzug des Individuums vor dem Kollektiv sind weder vereinbar mit einem identitären Konzept völkischer oder kultureller Homogenität noch mit dem wesentlich barbarischer auftretenden islamischen Pendant dieser Fantasie von totaler Gleichförmigkeit. Sie werden diffamiert als abstrakte, uneigentliche Pseudo-Prinzipien, die den Westen im Weltbild beider Strömungen zum Gegenbild einer traditionellen, verwurzelten Gemeinschaft machen.

Dazu passend ist das Verhältnis der Schnellrodaer zu Israel und den USA mindestens ambivalent, in vielen Fällen von einer tiefen Aversion geprägt – wie wenn abfällig über das „USA- und Israel-Partisanentum“ Liberalkonservativer geurteilt wird. Im Gegensatz zum prowestlichen Teil findet man in den Verlautbarungen und Texten des Schnellrodaer-Umfelds statt eines konsequenten Eintretens gegen Antisemitismus vages Geschwätz von einer „Antisemitismuskeule“; statt Solidarität mit der einzigen Demokratie im Nahen Osten Verständnis für Antizionismus, das sich auch noch als differenziert aufspielt; statt einer weithin normalisierten Erinnerungskultur beschwörendes Geraune vom alles umfassenden „Schuldkult“. Im neurechten Bild der USA gesellen sich altbekannte Stereotype hinzu, die der identitären Utopie widersprechen: Kulturlosigkeit, überbordende Freiheit des Einzelnen, die USA als melting pot. All das könnte einem bürgerlichen Liberalkonservatismus nicht ferner liegen.

Wer die genannten Streitpunkte dennoch als zu vernachlässigende Unterschiede ansieht, die die gemeinsamen Ziele nicht untergraben würden, folgt der Lesart versöhnlich gestimmter Neurechter, die ihre „Mosaikrechte“ verwirklicht sehen wollen. Weiter auf die ideologischen Spaltungen in rechten Bewegungen, Gruppen und Parteien hinzuweisen, wäre jedoch nicht nur auf analytischer Ebene wichtig – es wäre auch ein Triumph der Vernunft in Debatten, in denen sonst nur polarisiert wird.