05.12.2018

Rechte Identitätspolitik: Partikularismus und Opferdenken

Interview mit Volker Weiß

Titelbild

Foto: Metropolico.org (CC BY-SA 2.0 / bearbeitet)

Der Historiker Volker Weiß seziert den Partikularismus und das Opferdenken der Neuen Rechten und warnt progressiv denkende Menschen, nicht selbst in die identitäre Falle zu tappen.

Novo: Herr Dr. Weiß, in Ihrem Buch „Die Autoritäre Revolte. Die Neue Rechte und der Untergang des Abendlandes“ setzen Sie sich mit Geschichte und Gegenwart der deutschen Rechten auseinander. Können Sie die wichtigsten Akteure der neuen Rechten nennen und erklären, was diese verbindet?

Volker Weiß: Die „Neue Rechte“ war lange ein Netzwerk aus Autoren, Zeitschriften und kleineren Theoriezirkeln, das sich vor allem um die Wochenzeitung Junge Freiheit sammelte. Die Kreise hatten ein akademisches Profil, begriffen sich als rechte Elite, waren international vernetzt. Sie waren weniger aktivistisch, sondern pflegten ihre Weltanschauung, die sich im Wesentlichen um die politische, kulturelle und gesellschaftliche Rekonstruktion des 1945 verlorenen Deutschen Reiches mithilfe eines „revolutionären“ Konservatismus drehte. Die zentralen Stichworte des heutigen Wutbürgertums finden sich schon dort: der „Verrat“ der Unionsparteien am Konservatismus, der Glaube an die souveräne und selbstbewusste Nation, das Ende einer kritischen Auseinandersetzung mit der deutschen Geschichte, das Ende der Westbindung und die Restauration von Volk, Religion, Familie etc.

Im Unterschied zur alten Rechten mied man jedoch jeden Bezug zum Nationalsozialismus und orientierte sich lieber an den Autoren eines „Neuen Nationalismus“ der Zwischenkriegszeit. Seit der Jahrtausendwende hat sich das Milieu verbreitert und ausdifferenziert. Heute spielt vor allem das „Institut für Staatspolitik“ mit dem Antaios Verlag und mit der Zeitschrift Sezession eine führende Rolle. Im Zuge der allgegenwärtigen Krisenstimmung gründete sich mit den „Identitären“ ein aktivistischer Flügel. Im Bündnis mit Pegida ließ sich eine Basis erreichen, die man in den Jahren der reinen Theoriearbeit niemals gewonnen hätte. Das gilt auch für einen Autor wie Jürgen Elsässer mit seinem Magazin Compact. Inzwischen wirken weltanschaulich gefestigte Akteure der Neuen Rechten auf die AfD ein, besetzen Referentenposten im Bundestag und organisieren den wutbürgerlichen Unmut. Einige Spitzenfunktionäre wie Björn Höcke, Duzfreund des Antaios-Chefs Götz Kubitschek, haben ihre politische Heimat in der Neuen Rechten. Insgesamt hat die Neue Rechte erfolgreich Kaderpolitik betrieben. Dabei ist der Begriff „Neue Rechte“ nur ein Arbeitsbegriff. In der Neuen Rechten ist vieles ganz alt. Das sieht man auch an der hohen Zahl von Burschenschaftern in ihren Reihen.

In Ihrem Buch legen Sie dar, dass es sich beim „Abendland“, dessen Verteidigung in der neurechten Identitätskonstruktion eine zentrale Rolle spielt, um einen Mythos handelt. Inwiefern ist das so?

Ich zeichne nach, wie „Abendland“ zum politischen Kampfbegriff wurde, der sich als dehnbar erweist. Seine moderne Rezeption setzt in der Romantik ein, seinen Höhepunkt erreicht er im politischen Katholizismus zwischen den Kriegen und dann wieder nach dem Zweiten Weltkrieg, ehe er „Europa“ weichen musste. Es ist daher nur konsequent, dass er in Zeichen der europäischen Krise wiederkehrt. Bemerkenswert ist jedoch, dass der Islam für diesen klassischen politischen Abendland-Diskurs praktisch keine Rolle spielte. Während des Kalten Kriegs positionierte man den Begriff vor allem gegen die Sowjetunion, zu anderen Zeiten wurde etwa der alte Konflikt der römischen Kirche mit dem byzantinischen Christentum ausgebeutet. Mit der völlig säkularen Strömung auf den Straßen Dresdens, die sich zudem noch positiv auf Putin bezieht, hat all das nichts zu tun.

„Man sieht den ‚Verlust des Eigenen‘ als die Ursache dafür, dass Migranten überhaupt nach Deutschland kommen.“

Ihrer Auffassung nach geht es der neuen Rechten weniger darum, konkrete politische Vorhaben durchsetzen, als vielmehr auf dem Gebiet der „Metapolitik“ zu punkten. Was ist darunter zu verstehen?

Traditionell setzten diese Kreise auf die Bearbeitung des „vorpolitischen Raumes“, also vor allem auf das Feld der Kultur. Das entsprang einerseits ihrem soziologischen Profil: junge Akademiker der äußersten Rechten, die sich seit Ende der sechziger Jahre als „Neue Rechte“ zusammenfanden. Zum anderen war es Ausdruck einer gewissen Machtlosigkeit, da man der demokratischen Dynamik der sechziger und siebziger Jahre wenig entgegenzusetzen hatte. Doch zielte diese „Kulturrevolution von rechts“, wie das Ansinnen bald genannt wurde, auch auf einen wesentlichen Punkt: Man sah in der Demokratisierung nach 1945 einen fremden Geist in Deutschland wirken, der sich nach 1968 noch verfestigte. Dem setzte man nun den „Kampf um das Eigene“ entgegen, das man mit dem Reich verloren glaubte. Daher auch die obsessive Rede vom „Schuldkult“. Die Realität der deutschen Verbrechen während des Zweiten Weltkrieges bedroht die Legitimation dieses Reichs. Zunächst galt es, erfolgreich eine Debatte um die „eigene Identität der Deutschen“ zu verankern. Konkrete politische Schritte sollten dann folgen, wenn man der Linken ihre – angebliche – kulturelle Hegemonie abgetrotzt hatte. Insofern war das metapolitische Konzept strategisch angelegt. Derzeit erleben wir die nächste operative Stufe: Es werden konkrete Strukturen geschaffen, mit der neurechte Weltanschauung in ganz reale Politik umgewandelt werden kann.

An einer Stelle im Buch zitieren Sie den Szenevordenker Martin Lichtmesz, der meint, „[a]n Liberalismus gehen die Völker zugrunde, nicht am Islam“. Solch ein Zitat mag den einen oder anderen Leser vielleicht überraschen, weil man heutige Rechte ja sehr stark mit ihrer obsessiven Gegnerschaft zum Islam verbindet. Wie ist diese Aussage zu verstehen?

Lichtmesz ist ein Beispiel für den epigonalen Charakter des Ganzen. Diesen Satz vom völkerzerstörenden Liberalismus hatte ursprünglich Moeller van den Bruck nach dem Ersten Weltkrieg geprägt. Aber diese Haltung ist in diesen Kreisen gar nicht selten. Man sieht den „Verlust des Eigenen“ als die Ursache dafür, dass Migranten überhaupt nach Deutschland kommen. Wäre die Welt noch in ihrem Sinne geordnet, oben noch oben und unten noch unten, Männer heroisch und Frauen dienend, dann gäbe es ihrer Ansicht diese Phänomene nicht. Die deutschen Frauen bekämen mehr Kinder und es wäre kein Platz für „Fremde“. Eine Autorin der Sezession stellte mit dieser Argumentation sogar das Frauenwahlrecht in Frage. Mit solchen Phrasen bildet diese Rechte eine Entsprechung des Islamismus. Letztlich geht es um eine Abwehr von Humanismus und Aufklärung, die – da sind sich Islamisten und Rechte ebenfalls einig – als westliche Zumutungen gedeutet werden, als Angriffe des Universalismus auf das Eigene. Das Konzept eines überhistorischen Schicksals wird dem der Möglichkeit emanzipierter Subjektivität vorgezogen.

Wohingegen sich die historische Rechte durch einen stolzen, chauvinistischen und häufig auch expansiv-aggressiven Nationalismus definierte, scheint die neue Rechte vor allem durch Unsicherheit und Ängste in Bezug auf die eigene kulturelle Identität geprägt. Man sieht sich als Opfer von „Islamisierung“, „Amerikanisierung“, „68ern“, „Bevölkerungsaustausch“, „Volkstod“, „Gayropa“ usw. Wie wichtig ist der Opferstatus für das Selbstverständnis der neuen Rechten?

Der ist zentral und macht dieses Milieu umso aggressiver. Man wähnt sich in einer Notwehrsituation und da ist bekanntlich alles erlaubt. Allerdings galt das bereits für die Rechte nach dem Ersten Weltkrieg. Die gefühlte Defensivposition geht immer mit einer Radikalisierung einher. Nun soll etwas gestürzt werden. Die Rechte wird also revolutionär, wie die politische Essayistik Ernst Jüngers aus den zwanziger Jahren zeigt. Der Kampf um den Backlash kommt meist, nachdem Erfolge in der Rechtsgleichheit erkämpft wurden, für Arbeiter, für Frauen, für Homosexuelle, Einwanderer … Schon der Antisemitismus blühte im Deutschen Reich nach der rechtlichen Gleichstellung der Juden 1871 erst richtig auf.

„Die Rechte versucht, ‚Differenz‘ für sich auszubeuten, indem sie auf die Differenz von Völkern und Kulturen pocht, nicht von Individuen.“

Der Soziologe Frank Furedi vertritt in einem Aufsatz in dem Sammelband „Die sortierte Gesellschaft“ die Auffassung, dass Identitätspolitik heute das öffentliche Leben in westlichen Gesellschaften bestimmt. Ihr bestimmendes Merkmal sei dabei das Kultivieren einer gruppenspezifischen Opferhaltung. Inwieweit ist die neue Rechte – trotz aller Kontinuitäten zur historischen Rechten, die Sie in Ihrem Buch beschreiben – auch ein Kind ihrer Zeit und somit vergleichbar mit anderen identitären Gruppen? Zugespitzt formuliert: Sehen Sie Gemeinsamkeiten zwischen katalanischen Separatisten, Queer-Aktivisten und rechten Ethnopluralisten?

Ich fürchte, diese Renaissance der Identitäten ist auch eine Reaktion auf den Glauben, dass im Konsum alle gleich sind. Nachdem drei Jahrzehnte das Ende der sozialen Kämpfe verkündet wurde, bietet die kulturelle Differenz eine Möglichkeit zur Unterscheidung, ohne den ökonomischen Rahmen zu hinterfragen. Ganz nach dem Muster der Jugendkulturen, die sich gegen die Masse über ihren spezifischen Konsum definiert haben. Wie alle Nationalisten wollen auch Neurechte das Soziale im Nationalen auflösen. Daher teilt sie mit den genannten Gruppen den Partikularismus. Und in unseren postheroischen Zeiten kann sie auch das Opfer geben, um gehört zu werden. Sie tut es ja oft genug mit Hinweis auf die anderen: „Wenn die Türken in Deutschland nationalistisch und religiös sein dürfen, warum dann nicht auch wir?“ Die Rechte beansprucht für sich das Recht auf Differenz – und kommt damit durch. Journalisten wissen offensichtlich nicht mehr, dass die „Dignität des Besonderen“ bei einem Autor wie Adorno wesentlicher Bestandteil des Denkens war. Sie lassen sich widerspruchslos erzählen, die Rechte sei die letzte Kraft, die für Differenz streite.

So einen Unfug hat etwa die Antaios-Autorin Ellen Kositza einem Redakteur des Freitag verkaufen können. Unter der Parole „Gleichheit ist langweilig“ brachte sie eine der ältesten Propaganda-Legenden der Rechten unter, wonach doch eigentlich die Linke in ihrem egalitären Wahn jede Differenz auszumerzen versuche. Dabei ging es im Kampf um die Emanzipation des Menschen immer um Rechtsgleichheit der Verschiedenen, nicht um Nivellierung. Die Rechte versucht nun, „Differenz“ für sich auszubeuten, indem sie auf die Differenz von Völkern und Kulturen pocht, nicht von Individuen. Das Vorgehen ist uralt und lässt sich schon im Ersten Weltkrieg beobachten. Linkes Vokabular wird völkisch aufgeladen und umgedeutet. Dabei ging und geht rechts nicht um Differenz, sondern um „Ordnungen der Ungleichheit“, wie es Stefan Breuer einmal definiert hat.

An einer Stelle zitieren Sie Götz Kubitschek, der sich über die Dekadenz der „Heerscharen blinzelnder Deutscher“ beschwert, die „durch ein warmes Wohnzimmer, Nachschub an Nahrung, eine Spielkonsole, Fernseher, DVD-Geräte und die Möglichkeit, folgenlos mit ihrer Freundin zu verkehren“ korrumpiert seien. Dieser Satz erinnert mich an die elitären Vorurteile gegenüber den „falschen Bedürfnissen“ der verblendeten Massen, wie sie von Teilen der Neuen Linken formuliert wurden. Bedienen sich die neuen Rechten bei ihrer Kulturkritik auch aus dem Repertoire der von ihnen so verachteten 68er?

Ja, man teilt sich auch den Gestus der Avantgarde, die sich von den Massen absetzen muss. Und da es Konvertiten gibt, hat das eine gewisse Systematik. So ist der Begriff der Entfremdung wieder in die Debatte zurückgekehrt, allerdings weder wie ursprünglich theologisch noch ökonomisch, sondern völkisch aufgeladen. Es gibt auch eine Art Konsumverzicht von rechts, was irritiert, da die Rechte traditionell äußerst wirtschaftsfreundlich war. Aber zur Vorbereitung auf Krise und Ausnahmezustand gehört eben auch die Bereitschaft zum Verzicht. Letztlich sind alle mit dem modernen Liberalismus konfrontiert, wer sich zu diesem in Gegnerschaft begibt, stört sich mitunter an den gleichen Dingen. Ich fürchte, das reicht weiter zurück. Schon Adorno und Spengler stießen sich beide an Symptomen der modernen Massenkultur. Der Unterschied ist nur, wie man die Moderne aufheben wollte – negativ durch vollständige Aufgabe ihrer Errungenschaften oder positiv durch Weiterentwicklung ihrer Potentiale.

„Mitunter weisen die gleichen Leute einerseits auf die gesellschaftliche Determiniertheit des ‚Geschlechts‘ hin und begrüßen andererseits Phänomene wie die ‚Hijabistas‘.“

In Ihrem Buch weisen Sie auch auf Gemeinsamkeiten zwischen der ethnopluralistischen Rechten und Islamisten hin. Welche sind das genau?

Überschneidungen finden sich ganz konkret in Werten und Normen, im Hochhalten von Tradition, Autorität, dem Glauben, überhaupt des Ewigen und Mythischen. Und selbstredend ähneln sich die Geschlechterbilder unter den radikalisierten Konservatismen. Dahinter steht der Glaube an unentrinnbare Zugehörigkeit zum Kollektiv. Die „eigene“ Kultur wird dadurch zum ewigen Schicksal, das Entrinnen aus ihrem Formenzwang führt unweigerlich ins Verderben. Auch der Gegner, der dieses gefährdete „Eigene“ angreift, ist bei Islamisten und Rechten letztlich derselbe. Denn zur Kennzeichnung der eigentlichen Verlustursache finden sich schnell Begriffe wie „Westextremismus“, „Amerikanisierung“ oder auch Höckes Formulierung vom „induzierten Irrsinn“, der die Deutschen nach 1945 im Griff habe. Der entfremdende Völkerverderber bekommt mitunter sogar noch jüdische Konturen, sei es in der Rede von „Ostküstenbankern“, der Agitation gegen George Soros oder der Aufarbeitung den Vertretern des angeblichen Schuldkultes. Als Ahmadinedschad noch Präsident des Irans war, schrieb er einmal einen Brief an Angela Merkel zur deutschen Vergangenheitsbewältigung. Der hätte wortgleich auch von einem AfD-Mann sein können. Das ist mehr als gemeinsame Feindschaft gegen den Westen. Es wird Zeit, den islamischen Fundamentalismus als eine Spielart des Rechtsextremismus zu begreifen.

Sie kritisieren einen falsch verstandenen Respekt von Linken und Liberalen gegenüber rückständigen kulturellen Praktiken bei Einwanderern aus muslimischen Ländern und deren Blindheit gegenüber den Gefahren des Islamismus. Dies habe eine „Wahrheit“ des rechtspopulistischen Islamdiskurses geschaffen. Können Sie das genauer erklären?

Mir geht es darum, dass auch innerhalb des antirassistischen Milieus identitäre und organische Denkmuster zur Anwendung kommen. Zugehörigkeit zu Religionen wird ebenso als schicksalhaft gegeben hingenommen wie deren fundamentalistische Auslegung. Das wirkt mitunter, als könne man Muslimen den individuellen Ausbruch aus einem Kollektiv nicht zugestehen, den man sich selbst aber gegönnt hat. Dabei ist schon diese Kategorie des Muslims recht neu, noch vor wenigen Jahren nahm man Einwanderer primär über ihre nationale Zugehörigkeit wahr, nicht über die Religion.

Mitunter sind es die gleichen Leute, die einerseits auf die gesellschaftliche Determiniertheit der Kategorie „Geschlecht“ hinweisen und andererseits Phänomene wie die „Hijabistas“ begrüßen. Deren Rückgriff auf ein traditionelles Kleidungsstück, das wie kaum ein anderes ja Geschlecht zementiert, gilt plötzlich als „Empowerment“, da es angeblich die Identität einer Minderheit stärkt. Wofür die Tracht noch steht, wird nicht hinterfragt. Ich für meinen Teil kann nicht die „Pink Stinks“-Kampagne gutheißen und mich dann weigern, eine Kleiderordnung zu kritisieren, die Frauen und Mädchen ausschließlich als sexuelle Reize für Männer definiert und daher verhüllen will. Solche Doppelmoral gerade der liberalen Milieus hat es der AfD tatsächlich leichter gemacht, ihre Klientel hat ein feines Gespür dafür. Kurzum, ich wünsche mir eine Rückkehr der Linken zur Religionskritik. Da der Islam schon aufgrund eines relevanten Bevölkerungsanteils der Muslime hierzulande Teil der gesellschaftlichen Realität ist, muss er auch Teil der Kritik sein. Dasselbe gilt auch für den nahezu vollständigen Kollaps der arabischen Welt, politisch, kulturell und ökonomisch. Die Debatte über die maroden Binnenstrukturen dieser Gesellschaften ist überfällig. Linksalternative und liberale Milieus blenden dagegen aus, dass auch Flüchtlinge gesellschaftlich geprägt sind, dass die fatalen Entwicklungen im Mittleren Osten auch Ursachen innerhalb der dortigen Gesellschaften haben, dass es schlichtweg um Politik und Gesellschaft geht, nicht um „Respekt vor Religionen“ oder angeblich unumstößliche kulturelle Formen.

„Das Projekt eines selbstreflexiven Fortschritts darf nicht aufgegeben werden.“

Sie konstatieren in Ihrem Buch, „der Antirassismus [sei] in eine identitäre Falle“ getappt, und die neue Rechte habe sich diesen Umstand zu Nutze gemacht. Wie meinen Sie das?

Das ist wie mit den eben diskutierten Partikularismen. Die Rechte hat sich einfach die Kampfbegriffe vor allem aus dem US-amerikanischen Diskurs angeeignet. Wenn sexuelle oder ethnische Minderheiten den Schutz ihrer Identitäten einfordern, dann wollen sie das auch für sich haben. Der neue „White Nationalism“ in den USA, den die hiesige Neue Rechte aufmerksam beobachtet, argumentiert so. Man möchte eine räumliche Segregation, einen „Save Space“ für nichtjüdische Weiße. Die Botschaft nach außen ist einfach: Wenn Ihr die kulturellen Eigenarten der Zuwanderer nicht hinterfragt, dann wollen wir auch keine Kritik mehr an unseren, sondern ebenfalls „Respekt“. Die Rechte hat erkannt, dass dieser Diskurs einer allumfassenden Achtsamkeit das Ende jeder Gesellschaftskritik wäre, das Ende der Linken. Das wäre eine gute Basis zur Regeneration, bis sie schließlich wieder aus der demographischen Defensive kommen und zur „Reconquista“ schreiten könnte.

Den Identitären – seien es nun rechte Ethnopluralisten oder fundamentalistische Islamisten – setzen Sie ein Bekenntnis zum Universalismus der Aufklärung entgegen – einem Universalitätsanspruch, der dialektisch zu begreifen ist. Können Sie erklären, wie Sie das meinen?

Die Globalisierung ist technologisch in der Welt und wird sich nicht zurückdrehen lassen. Damit sind auch die Probleme der Welt längst global und lassen sich längst nicht mehr auf der Ebene der einzelnen Nationen lösen. Im Partikularismus droht die Gefahr einer negativen Aufhebung der Aufklärung, eines Rückfalls. Weder ein ernstzunehmender Marxismus noch die Kritische Theorie haben die emanzipatorischen Elemente des Liberalismus bestritten. Es ging um Überwindung, nicht einfach um Zerstörung der bürgerlichen Ordnung. Das Projekt eines selbstreflexiven Fortschritts darf nicht aufgegeben werden. Dabei meine ich keine naive Hymne auf den Westen und die technologische Entwicklung. Die Mahnung, die destruktiven Seiten der hochtechnisierten Zivilisation nicht aus den Augen zu verlieren, gilt heute schon aus ökologischer Perspektive mehr denn je. Aber die notwendige Kritik von Universalismus und Aufklärung kann nicht heißen, in Stammesstrukturen und magisches Denken zurückzukehren. Es wird kein einfaches „Zurück“ geben, vor allem nicht zu Identitäten, die so ohnehin nie existiert haben.