06.02.2015

Befreiung vom Überfluss

Rezension von Robert Benkens

Gerade in Krisenzeiten finden Stimmen große Beachtung, die sich nicht lange mit den spezifischen Fehlentwicklungen im Finanz- und Wirtschaftssystem aufhalten, sondern gleich das große Ganze in Frage stellen. Robert Benkens nimmt Abwege der „Postwachstumsökonomie“ unter die Lupe

Ironischerweise sind gerade in den durch Wirtschaftswachstum so hoch entwickelten Ländern der westlichen Zivilisation Ansichten en vogue, die im Wachstum das Grundübel schlechthin sehen. So sieht das auch der in Oldenburg lehrende Querdenker Niko Paech, einer der bekanntesten Postwachstumsökonomen Deutschlands. In seinem Buch Befreiung vom Überfluss. Auf dem Weg in die Postwachstumsökonomie fasst er die wachstumskritischen Positionen kompakt und verständlich zusammen, erklärt, warum nur ein Rückbau der Industrie die Lösung sein kann und skizziert seine Vision für ebendiesen.

Doch bevor auf Paechs Systemdiagnose eingegangen werden kann, sollte die dahinter liegende Zeitdiagnose beleuchtet werden. Seine Wachstumskritik ist nicht ohne Globalisierungskritik zu denken. Aber im Unterschied zu stramm links verorteten Globalisierungsgegnern kritisiert er nicht die gerne als neoliberal bezeichnete Form der Globalisierung, sondern den ganzen Prozess als solchen. Nach Paech sind linke und neoliberale Fortschrittsoptimisten nur zwei Seiten derselben Medaille, die Wachstum und Wohlstand zwar auf unterschiedliche Weise – freier Handel versus planende Verteilung – erreichen wollen, aber im Grunde derselben Wachstumslogik verhaftet bleiben. Diese ende immer in Ressourcen- und Naturausbeutung.

Dazu passt, dass er das Wohlstandsversprechen für die breite Masse durch Globalisierung, Handel und Wachstum nicht wie andere Kapitalismuskritiker in Frage stellt, sondern gerade in seiner tatsächlichen Erfüllung das Problem sieht. Denn Paech geißelt nicht nur die zunehmende Entgrenzung des globalisierten Finanzadels, sondern auch die Entgrenzung der hedonistischen und saturierten Massen in Form von Erlebnis-Tourismus und Konsum-Wahn. Kurzum: Der Postwachstumsökonom missbilligt die Verflechtung und Optionenvielfalt der modernen Welt, will zurück zum Lokalen und Überschaubaren. Mit dieser Kritik erinnert er stark an konservative Kulturpessimisten, die vor allem die gesellschaftliche Ausdifferenzierung bis hin zu Atomisierung und zum Verlust von Familie und Heimat als fatale Folgen der Moderne beklagen.

„Der Postwachstumsökonom missbilligt die Verflechtung und Optionenvielfalt der modernen Welt, will zurück zum Lokalen und Überschaubaren“

Obwohl oder gerade weil Paechs Lösungsansätze wie Kollektivierung und Demokratisierung dann wieder an linke Theorien erinnern, lässt er sich nicht eindeutig politisch zuordnen. Dies macht den Reiz des Buches aus: Es ist ein Rundumschlag gegen alle möglichen Glaubensgrundsätze der modernen Welt, der jeden politisch Interessierten zum Prüfen und Schärfen der eigenen Argumente anregt.

Folglich kann im Weiteren durchaus festgestellt werden, dass Paech mit seiner Kritik am Wohlstand auf Pump, am Klientelismus und an der Subventionitis durch den Staat wichtige Punkte anreißt, ohne die ein Verstehen der Wirtschafts- und Finanzkrise nicht möglich ist. So schreibt er an einer Stelle, dass für Staaten das Regulativ, das Privatunternehmen bei Kreditaufnahme diszipliniert (Zahlungsunfähigkeit), scheinbar nicht existiere. Und aufgehorcht: „Schuldenfinanzierte Geschenke auszuschütten [sic] kennt prinzipiell keine Obergrenze, insbesondere dann nicht, wenn es gilt, die oben skizzierte Expansionsdynamik durch Subventionen vor Stillstand – einem der Todfeinde des sogenannten Fortschritts – zu bewahren“, so Paech. Weiterhin würde es kein Politiker im Interesse seiner (Wieder-)Wahl wirklich wagen, ein „auf Pump erreichtes Wohlstandsniveau“ in Frage zu stellen. Soweit, so richtig. Denn nur durch die Macht der Staaten und ihrer expansiven Geld- sowie Verschuldungspolitik kann überhaupt ein Scheinwohlstand inszeniert werden, der sich aus Konsumwahn, staatlichen Wohltaten und Privilegien sowie Ressourcenverschwendung speist und früher oder später zu unweigerlichen Korrekturen, also Krisen, führen muss.

„Gerade marktwirtschaftliche Mechanismen schaffen Massenwohlstand“

Spricht hier zwischen den Zeilen ein als „Öko“ getarnter Liberaler? Nein, denn Paech macht einen entscheidenden Fehler: Er setzt Wachstum und Fortschritt generell mit einer solchen Verschuldungspolitik gleich. Unser Wohlstand ist demnach auf diesem – und nur diesem Wege! – zu erreichen. Auch der oft aufkommende Ruf nach mehr Umverteilung löse dieses Problem nicht, denn „lässt sich Plünderung etwa dadurch legitimieren, dass die Beute hinreichend gerecht verteilt wird?“, fragt er rhetorisch und bleibt somit nicht nur seiner Liberalen-, sondern auch seiner Linken-Kritik treu. Er lässt aber völlig außer Acht, dass es gerade marktwirtschaftliche Mechanismen sind, die trotz der stärker werdenden Staatsinterventionen Massenwohlstand schaffen und in der Vergangenheit geschaffen haben. Je freier die Wirtschaft und je stabiler die gesetzlichen Rahmenbedingungen, desto mehr Wohlstand kann für alle entstehen – und zwar gerade auch für die von korrupten Eliten benachteiligten Massen in den Entwicklungs- und Schwellenländern.

Probleme wie Haftungsausschluss, Scheinwachstum, Finanzakkumulation und Ressourcenverschwendung haben ihren Ursprung in staatswirtschaftlichen Fehlanreizen. Ein Beispiel zur Zinskritik: Wenn der Preis- bzw. Zinsmechanismus als essentielles Steuerungsmittel knapper Ressourcen systematisch durch staatliche Zentralbanken nach unten manipuliert wird, braucht man sich über fehlgeleitete Investitionen, brachliegende Immobilienfriedhöfe, horrende Arbeitslosen- und Verschuldungsraten sowie die Verantwortungslosigkeit der Finanzwelt nicht wundern. Denn der Zins-Stimulus des billigen Geldes bläht den Finanzsektor immer weiter auf, die belebenden Auswirkungen auf die Realwirtschaft werden indes mit jeder Geldschwemme geringer. Droht die Blase dann zu platzen, springt wiederum der Verursacher – der Staat bzw. seine Zentralbank – als Retter ein. Nicht der Zins an sich, sondern ein derart manipulierter Zins befördert ein von der Finanzbranche getriebenes Wachstum.

Die Abhängigkeit der gesamten Wirtschaft von diesem durch Kreditexpansion getriebenen Wachstum begünstigt die Aushebelung des Haftungsprinzips, das für eine funktionierende Marktwirtschaft aber unabdingbar ist. Gleichzeitig haben technische Innovationen in den letzten Jahrzehnten gezeigt, in welchem ungeheuren Maße sie Massenwohlstand, Ressourcenschonung und Umweltverträglichkeit bei richtiger Rahmengesetzgebung in Einklang bringen können. Aber gerade der Massenwohlstand ist ja für Paech Problem, nicht Lösung.

„Paech beschreibt sehr ‚visionär‘ eine statische Ordnung der Prä-Moderne bzw. des Mittelalters“

Paech kommt folglich nach seiner durchaus berechtigten Kritik an den (Verschuldungs-)Problemen gerade nicht zu einem solchen Urteil, sondern erklärt jedes Wachstum immer und überall für falsch. Er denkt nicht daran, dass es neben der staatsinterventionistischen Variante auch eine ordoliberale geben könnte: Für ihn ist also auch das nachhaltige, weil wirklich erarbeitete und durch Sparen sowie durch kluge Investitionen im Wettbewerb um die besten Ideen generierte Wachstum, das die notwendige soziale Absicherung wirklich finanzierbar macht, keine Alternative. Auch erkennt der „Öko“ Paech erstaunlicherweise „grünes Wachstum“ nicht als Lösung an. Von der Erschließung neuer Energiequellen ganz zu schweigen. Er geht kaum auf die Signalwirkung des Preises bei knapper werdenden Ressourcen ein, die einen stärkeren Anreiz für neue umweltfreundliche Innovationen hat als alle staatlichen Subventionsmaßnahmen. Das ist gewissermaßen auch konsequent, denn für ihn kommt es durch all diese Versuche lediglich zu „Additionseffekten“, wodurch die Ausbeutung der natürlichen Ressourcen nicht aufgehalten, sondern nur aufgeschoben werde.

Letztlich gibt es dann nur zwei Wege: Ursprüngliche Natur oder moderner Mensch. In seiner Vision müssen wir uns für Ersteres entscheiden. Das bedeutet: Kollektivierung, De-Globalisierung, Selbstversorgung, Zinsabschaffung, Staatsgeldmonopol, Vollgeldsystem, Regionalwährungen, Bodenreformen, Umbauprogramme und Umweltregularien – um nur einige der sich zum Teil stark widersprechende Maßnahmen dieser De-Industrialisierungsagenda zu nennen. So ist es doch gerade das Staatsmonopol auf unbegrenzte Geldschöpfung, welches einem Vollgeldsystem im Wege steht. Genauso ist, wie dargestellt, die Zinsmanipulation und nicht der Zins das Problem. Grundsätzlich fußt Paechs Vision auf drei Säulen: Einer entmonetarisierten Lokalversorgung, einer regionalen Komplementärwährung und einem Rest an globaler Arbeitsteilung. Damit beschreibt er sehr „visionär“ eine statische Ordnung der Prä-Moderne bzw. des Mittelalters. Diese war aber eben nicht von Wohlstand, Rechtsstaat und Demokratie geprägt, sondern von Verelendung, Willkür und Unterdrückung. Eine Mangel- und Machtwirtschaft ohne Wachstum und Wettbewerb.

Interessant ist neben den ökonomischen und politischen Folgen einer solchen ökologischen Zentralplanwirtschaft der Regulierung, Zuteilung, Enteignung und Überwachung vor allem das Bild von der Menschheit als Plage: Entlarvend ist die Feststellung, dass die Menschheit momentan „leider“ keinen Therapeuten habe. Den sieht Paech aber wohl als dringend nötig an. Denn er mahnt, dass sich seine Vision nicht in bloßen systemischen Alternativkonzepten erschöpfen dürfe. Vielmehr müsse am „Subjekt“ selber angesetzt werden. Und zwar mit einer – da lässt er die Katze aus dem Sack! –„Lebensstilpolitik“. Der Mensch müsse also in seinem Glücksbestreben geändert werden. Jedem Menschen sollte nach Paech nur ein begrenzter „Öko-Akku“ zugestanden werden, den er im Sinne der Nachhaltigkeit verleben darf. Dazu brauche es aber keine „Öko-Diktatur“, sondern „nur“ Einsicht.

„Bedenken gegen die Segnungen des Wohlstands sind vor allem Probleme einer satten Gesellschaft.“

Für ihn ist das schließlich alles alternativlos, weil die Menschheit gerade nicht auf die Zukunft und bahnbrechende ökologische Innovationen [1] hoffen dürfe, weil diese eben alles andere als gewiss seien. Aber war das nicht schon immer so? Wer hätte vor 100 Jahren damit gerechnet, dass wir uns ein Handy mit einem Mausklick vom anderen Ende der Welt bestellen können, mit dem wir dann ein paar Tage später mit einem Freund vom wiederum anderen Ende der Welt skypen, um uns über die Qualen des globalen Wohlstands auszulassen? Oder dass wir Raumsonden in die Weiten des Universums [2] steuern, um mehr über den Ursprung der Erde und somit uns selber zu erfahren?

Dennoch regt das Buch zum kritischen Nachdenken an, mitunter sogar zur Korrektur eigener Gedanken, etwa was internationale Kooperation bei Umweltstandards angeht. Gleichwohl sind die genannten Bedenken gegen die Segnungen des Wohlstands vor allem Probleme einer satten Gesellschaft. Zudem: Paech will das staatlich erzwungene Scheinwachstum durch staatlich zu erzwingendes Nullwachstum ersetzen und schüttet somit das Kind (Wachstum) mit dem Bade (Wachstumsprobleme) aus. Aber es verhält sich genau andersherum, als der Buchtitel glauben machen will: Denn Überfluss bedeutet Befreiung! Ökologische Missstände sind vor allem Folgen mangelnder Haftung und institutioneller Schwäche zur Durchsetzung dieses Prinzips.

Gesellschaftliche Missstände wie Entfremdung und Fragmentierung sind wiederum Resultate eines paternalistischen Staates, der Menschengruppen voneinander isoliert und Anspruchsdenken fördert, statt auf den eigenverantwortlichen Integrations- und Bindungswillen freier Menschen zu vertrauen und hierfür den absichernden Rahmen vorzugeben. Das heißt: Globalität und Lokalität schließen sich nicht kategorisch aus, genauso wenig wie Natur und Mensch. Wer anderes denkt, muss den Menschen an sich ändern, das weiß Paech. Aber nicht: Dass das eben doch nur mit Zwang, Plan und Überwachung geht – wenn überhaupt.